Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Leite 5 „Zu Amtsrichters," wiederholte die alte Frau kopfschüttelnd, „sieht man Dich dort gern?" „Was denkst Du, Mutter! Ob man mich gern sieht dort? Der Amtsrichter ist zu nrir wie mein bester Freund," wie schon erwähnt, Perez war ein Narr, „und erst die Frau! Ein Engel aus dem Paradies! Hast Du schon gehört, Mutter, von ihrem schönen Hut?" „Warum soll sie nicht schöne Hüte tragen?" lächelte die Matrone. „Schöne Leute haben schöne Sachen." „Es ist ein Hut," beschrieb Perez, „noch einmal so groß wie Deine beste Haube, von kirschrotem Samt mit Federn von einem Vogel, wie es gar nicht gibt, und hinten Schleifen und eine Giraffe. Ich sage Dir, Mutter, so einen Hut hat Zladno noch nicht gesehen." „Kann wohl sein. Höre nur, mein Kind, wenn Du dä hinaufgehst zu dem Herrn Amtsrichter, — legt Dir das Gesinde etwas in den Weg?" „Behüte 'Mutter, die Magd ist tow! Hat sie mir nicht für den schlimmen Husten Tee von Meerzwiebeln und Zucker gekocht? Es ist mir besser geworden davon. Und wenn Du erst sehen niöchtest, wie das Jüngelchen jpringt, wenn ich komme." „Nmr, so gehe, ich will es Dir nicht wehren! Schneide von jener Torte ein Stück, breiter, noch breiter, für das Kind!" Perez Antlitz verklärte sich. „Hast Du keine von Deinen Blumen mehr?" „Nur noch Sonnenrosen. Nächstes Jahr-werde ich keine sehen," seufzte er traurig, „wenn der Goi bauen ivill." „Narrheiten! Er wird bauen, wie ich aus dem Seil tanzen werde." Die Aussicht, daß. seine Mutter doch nicht Seil tanzen werde, stimmte den alten Knaben wieder ganz vergnügt. Er hüllte die Leckerei sorgfältig in Seidenpapier, lachte seiner Mutter dankbar zu, ging in seinen Garten, köpfte dort ohne Umstände eine der Fürstinnen, deren Haupt er wie eine Trophäe an seiner Mütze befestigte, und eilte fort, nach dem Marktplatz hin zum Brunnen. Zwanzig Mal und darüber tvanderte er von Haus zu Haus und wieder zum Brunnen, seine großen Eimer füllend und entleerend. In mancher Küche hielt man ihn gutmütig fest: „He, Du, Perez, wie geht's?" „Wie nnsernr jungen Herrn Grafen." „Ei potztausend noch eins!" „Nu ja, wir pumpen uns beide durch die Welt." Er ließ die Lacher stehen und ging ein Häuschen weiter. „Bleibe hier, Perez, erzähle uns etwas!" „Wißt Ihr schon das Neueste in Zladno?" „Nein, nein!" „Ich auch nicht." Anderwärts begegnete man ihm auch unfreundlich, schalt ihn, daß er so spät käme und bürdete ihm allerlei Extraarbeit, und Botengänge auf. Nach anderthalb Stunden unaufhörlichen Hin- und Hergehens, Schleppens und Tragens setzte er sich ganz erschöpft auf die unterste Stufe der breiten Freitreppe, die zum Rathause hinaufführte, nieder, um auszuruhen. Er seufzte: er hatte es böse, der arme Kerl. Schultern und Rücken schmerzten ihn von dem straffen, wundreibenden Riemen, und dann stolperte er so oft mit seinen gebrechlichen Füßen und verschüttete die mühsam gefüllten Eimer, — es gab viel böses Volk, das ihn absichtlich zu Schaden brachte. Wer wenn Perez kein Wasser mehr trägt, wer wird es holen wollen? Die dummen Dienstdirnen? Das gäbe dann Aerger und Zeitversäumnis ohne Maß. Er weiß es mit geheimem Stolz: er hat keinen Nachfolger für seinen Beruf, und Wasser müssen die Zladnoer doch habe,:. Ja freilich, in den großen Städten, da haben es die Leute gut, sie strecken die Hand gegen die Wand aus, so komnit schönes, weiches Wasser aus blitzblanken Röhren. lieber ihm seufzte auch etivas, aber stärker, trauriger. Er blickte auf: wahrhaftig, auf der obersten Stufe der Treppe saß eine weibliche Gestalt; nun kletterte er die paar Staffeln hinauf und erkannte Pelagia. Sie hatte das Gesicht in ihre Schürze verborgen und' weinte bitterlich. Mitleidig rückte Perez heran. „Warum iveinst Tu?" fragte er sanft. „Bist Du krank?" Keine Antwort. „Hast Du etwas zerbrochen? Hast Du Geld verloren?" „Nichts! Nichts!" „Ober hat Dich Dein Schatz geschimpft?" Frankfurter Israelitisches Fannlienblatt. Ein stärkeres Schluchzen verriet, daß Perez dem Grund ihres Grames näher kam. „Weine nicht so heftig, Pelagia!" bat er. „Es ist mir sehr leid um Dich. Geh doch, sei kein Kind! Morgen ist er wieder gut zu Dir." Aber das Mädchen, ließ sich nicht trösten. Ratlos und bekümmert blickte Perez auf die Weinende. Plötzlich reifte ein Entschluß in seiner Brust. Er ballte die Faust und drohte: „Wenn Du so weinst, lverde ich hingehen, dem Julek sagen, er ist ei» ganz schlechter Mensch!" „Ein Schuft ist er, ein Hällnnke!" rief Pelagia zornsprühend, richtete sich auf. und sprang davon. Langsam setzte Perez seine Wanderung fort. „Wenn sie sagt, er ist schlecht, wird er auch schlecht sein gegen sic. Wie darf einer schlecht. sein gegen so eine brave, schöne Person!" Sv innerlich räsonierend und meditierend bog er um die Ecke, da stieß jemand mit Gewalt an seinen Eimer, daß er ihn halb verschüttete. Aergcrlich sah sich Perez nach dem Uebeltäter uni, aber bei dec spärlich brennenden einzigen Laterne des Marktplatzes!var es sehr schwer, jematiden zu erkennen. Der Ring war beinahe . menschenleer, nur etwa zwanzig Schritte von ihm tänzelte harmlos ein junges Mädchen und sang: „Wenn ich Ivüßte, wo er lvür'. Der mir macht das Herz so schwer." Jetzt erkannte Perez die Stimme Franjas und wußte, woran er war. Mit großen Sätzen, p schnell es seine ungelenken Füße vermochten, eilte er ihr nach. „He, Du, Luschek Mädel . . ." Die Angerufene kehrte sich um. „Ich heiße Franziska Luschek," sagte sie und warf den Kopf in den Nacken. „Du heißt noch ganz anders. Du dumme Gans, Du!" brummte Perez erbost. „Du hast mir meinen Eimer wieder umgestoßen, aber darum rede ich nicht nrit Dir — —", gut war es für Franja, daß sie sein Gesicht schlecht sah, cs sprühte Gift und Galle, — „aber Du hast Dich unterstanden, hinter Pelagia. herzuspotten! Kommt Dir das zu, grünes Ding? Wenn Du das noch einmal tust, — dann —", er hob drohend seine Rechte gegen Franja, — „dann — dann —," erschrocken wich Franja zurück, — „dann, dann werde ich etwas tun," und er ließ die Hand, über sich selbst erschrocken, schleunigst sinken. Das Mädchen schöpfte wieder Atem und pustete vor Aerger. „Unverschämter," kreischte sie, , was fällst Du einen auf offener Straße an? Gleich rufe ich den Ratsdiener!" „Das möchte Dir passen, Tu Rotkopf!" „Sag' das noch mal!" knirschte Franja. „Rotkopf! Rotkopf!" rief Perez, ihr trotzig den Weg versperrend. „Warum hast Du rote Haare? Warum? Weil Dein Vater, der Luschek Franje, ein Brandstifter gewesen ist. Das ist die Strafe Gottes, alle Flammen züngeln auf Deinem Kopf!" Wortlos vor Wut bückte sich Franja nach eineni Stein und lvarf nach ihm. Mer Perez schrie unerschüttert: „Rotkopf! Rotkopf! Erlenholz und rote Haar — schlechtes Zeug — Gott bewahr!" Er spuckte verächtlich aus und kehrte ihr den Rücken. Es war sehr häßlich und unritterlich von Perez, einem jungen Mädchen die Schuld ihres Vaters vorzulverfen. Aber Perez war kein Kavalier, sondern ein Proletarier ohne Bildung und Erzichmig, und der Leser glaube mir, es blieb das erste und einzige Mal, daß er jemand absichtlich schwer beleidigte. Es sollte ihn auch teuer zu stehen kommen. Einstweilen grämte er sich wenig um der kleinen Franja Zorn und Racheschwur. Sorgfältig schöpfte er aufs neue seine Eimer mit klarem Wasser voll, fühlte nach der stolzen Blume auf seiner Kappe und begab sich mit der fröhlichen Miene eines Mannes, der da weiß, daß ein paar liebe, blaue Augen auf ihn warten, hinauf in das Haus des Amtsrichters Müller. Glückliche Menschen. Beini Amtsrichter Müller waren alle Zimmer festlich erleuchtet; man erwartete einen Gast, und so geschah etwas Unerhörtes: Der Herr Amtsrichter kümmerte sich selbst um die Anordnung der Abendtafel. Er hatte seiner stattlichen Gestalt den feinsten Gescllschaftsanzug angetan, und wie er, eine Sekunde nur, unter dem Licht einer prächtigen Gaskrone vor dem hohen Trünieau verweilend, den langen, leicht ergrauten Schnurrbart aufstrich, mochte man wohl sagen, daß der Mann, trotz seiner zweiundvierzig Jahre, sich noch sehen lassen könne, auch daß seine geistvollen Augen unter der hohen Tenkerstirn wohl vermöchten, einem jungen Weibe zu gefallen. In der nächsten Minute stand er wieder vor dem schimmernd weiß gedeckten Tisch und runzelte die Stirn. „Christine," rief er laut, „wo bist Du?" „Hier," antwortete seine Frau ans dem Nebenzimmer, „wo fehlt es schon wieder?" „Du hast die Zuckerzange vergessen." „Nicht doch, ich bringen sie eben." Mißmutig loies der Herr Amtsrichter das seine Gerätlcin zurück. „Warum diese? Wir haben noch eine goldene." Liber die Gattin — zu bequem, abermals den Spind mit den Gold- und Silberschätzen zu össiien —, erklärte resolut: „Für heute genügt diese." „Ich möchte, wohl wissen, was Euch all der eingeschachtelte Krimskrams nützt," grollte der Hausherr, „wenn je einmal ein Mensch kommt, vor dem ihr damit paradieren könnt, so, so . . „Laß cs heute gut sein, Männchen," bat Frau Christine, „Dein Freund wird öfter seinen Tee bei uns trinken: das nächste Mal soll ihm unsere goldene Zange in die Augen stechen." Der Herr Anitsrichter hätte sich nun znftieden geben können, aber nein, er kniff die Augen zusammen und warf seiner Hausehre einen mißbilligenden Blick zu: „Wie Du aussiehst, Christine!" „Ich denke, recht hübsch." Die junge Frau hätte noch richtiger „bildschön" sagen können; sie war eine strahlende Schönheit, die in dem einfachen, sich glatt anschmicgendeu Kaschmirkleide jedem anderen Maskulinum wie eine Offenbarung allen weiblichen Liebreizes erschienen wäre. „Ach was, hübsch," brummte der llngalante, „elegant solltest Du aussehen. Warum hast Du nicht das Schwarzseidene angezogen und die Brillanten augesteckt?" „Brillanten, Heinrich, wegen eines simplen Referendars, der bei Dir arbeiten soll?" „Dieser Referendar ist erstens nicht simpel, und zweitens ist er der Sohn meines Wohltäters." (Fortsetzung folgt.) ilniBPiRaoiSGliBFits-u FIdbbdbz Sä* “M™ Grosse Auswahl in amerik. und deutscher Optik. J W. Albert, Etfa Nene Mamientr. n. Weiaftaaemtr 11. Eingesandt. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Der „Brief eines alten Lehrer".*) In seiner Nr. 3 bringt „Das jüdische Blatt" einen „Brief eines alten Lehrers" an einen jungen Kollegen. Nach der Uebcrschrift heißt es weiter „Streng vertraulich." Und die Einleitung des Briefes lautet: „Ich verlasse mich darauf, daß Sic mich, einen alten Kollegen, nicht verraten." Aber der alte Lehrer, „ein wackerer Landlehrer", übergibt trotz dieses Heimlichtnns und der angewendcten Vorsichtsmaßregeln den Brief ^zur Berössentlichung. An diese, zum mindesten eine unaufrichtige Handlungsweise bekundende Inkonsequenz schließt sich der übrige Inhalt des Briefes würdig an. Zur Orientierung für die Leser dieser Zeitung sei kurz bemerkt, daß der „alte Lehrer" in seinem Briese in geradezu beleidigender Weife über seine Standesgenossen schimpft, weil sie an der pädagogischen Beilage eines Richtlinienblattes, die jedoch von einem Lehrcrredakteur geleitet wird. Mitarbeiten. Nun wir wollen ans unserem Herzen keine Mördergrube machen und gleich von vornherein feststellen, daß der „Bries" überhaupt keinen Lehrer zum Verfasser haben kann. Denn cs gibt keinen Lehrer von solcher Charakterlosigkeit, der sein Nest so zu beschmutzen, seinen eignen Stand vor der breiten Ocffentlichkeit so herabzuwürdigen vermöchte, vas hieße eine Selbstentmannung. Gehen wie mir etwas Ueberlegung zu Werke und verfahren, wie es in der Algebra vorznkömmen pflegt, indem wir gleiche Größen substituiere». Setzen wir etwa statt alter Lehrer alter Rabbiner, den» auch die Rabbiner sind im strengen Sinne des Wortes Lehrer, so dürfte des Rätsels oder der Gleichung Lösung sich sofort ergeben. Die Lehrerschaft hat also keine Ursache, über Verrät im eigenen Lager zu klagen, wenn der alte Lehrer vom Lande alias der alte Rabbiner aus der Provinz sich darüber ereifert, das; geniale Kollegen, besonders die jüngeren Herren, deren "Stilistik sehr derjenigen ähnelt, die man in der Literatur des ewig unbefriedigten Standes findet, ihre pädagogischen Speinlätionen oder ihre „Standcssorgen" in der pädagogischen Beilage eines Richtlinienblattes niedcrlegen. Damit — das bedarf wohl keines langen Nachweises — identifiziert man sich noch lange nicht mit dem Inhalte des Hanptblattcs. Es wäre eine grundlose Behauptung, eine schwere Beleidigung der Lehrerschaft, anzunehinen, diese sei ja wenig gefestigt in ihren religiösen Grundsätzen, daß sie durch das Lesen einer liberalen Zeitung an ihrem Seelenheil Schaden leisen lönnic und ihre „ganze jüdische Weltanschauung, die Elternhaus und Seminar in ihr begründet haben," vergiftet würde. Das Gros der jüdischen Lehrer Alldeutschlands.steht Gott sei Dank »och auf positivem Standpunkte und läßt sich durch die Auslassungen einer liberalen Zeitung keineswegs beirren. Es fliegen das Jahr über Dutzende von Drucksache» und Broschüren in die Lehrerhänser, die gewiß nicht alle aus dem orthodoxen *) Einsendung unlieb verspätet.