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Neue jüdische Presse · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Leite 2. dos Lebensfreudige, das HiMMelstürmende, -es ist alles, alles Misch'. Y ’ ‘j f![ Jüdisch sind aber nicht nur die Ausgangs- -Orulle seines philosophischen Denkens und die Ziele, zu denen es führt, jüdisch ist auch die Eigenart dieses Denkens selbst, die Bahnen, auf denen Bergson zu seinen Resultaten gelangt. Das bedeutendste Talent, über das Bergsöw in seinem Denken verfügt, ist. seine geniale Begabung für Begriffsscheidung. Das Trennende an zwei Begriffen wahrnehmen, die sich scheinbar nahezu völlig gleichen, so gleicheil, daß man sie oft unter einer Bezeichnung zusammenfaßt, darin ist niemand größer wie Bergson. Die Bedeutung einer solchen Begabung aber unterschätze man nicht. Begriffe scheiden, die Geltungsphase eines Begriffes genau abgrenzen, ist vielleicht die vornehmste Aufgabe aller Philosophie. Kant hat ja bekanntlich einmal die ganze Philosophie als die Wissenschaft vom Abgrenzen bezeichnet, und Bontroux führt alle Auswüchse und Jrrtümer der naturwissenschaftlichen Philosophie darauf zurück, daß sie die differenzierenden Momente, die die physischen Phänomene von den psychischen bei all ihrer scheinbaren Gleichartigkeit scheiden, eben infolge dieser täuschenden Aehnlichkeit übersehen habe. An Bergson selbst erkemck man aber den Wert dieser Kmrst mehr wie überall. Die bedeutsamsten Resullate seines Denkens hat er dieser Begabung zu verdanken. Gleich sein erstes Werk, im .gewissen Sinne sein genialstes Werk, das schon die Grundlage seiner ganzen Philosophie enthält: „Zeit und Freches beruht letzten Endes nur auf einer solchen Begriffsscheidung; er scheidet die Zeit von der Dauer, zwei Begriffe, die alle Welt, selbst der große Kant, als eins angesehen hat. Mit dieser Trennung hat Bergson bereits das Grundprinzip seiner ganzen Philosophie gefunden. Seine ganze neue Erkenntnistheorie! beruht ebenfalls auf einer solchen Scheidung. Er bemerkt, daß in dem Begriff: 'Ordnung eigentlich zwei grundverschiedene Begriffe Enthalten sind. Er trennt die beiden, — und sofort ist die Grundfrage aller bisherigen Erkenntnistheorie: Wie ist Wissenschaft möglich?, anders gesagt: Wieso herrscht' Ordnung in den Dingen?, für ihn hinfällig, und er hat die Basis zp seiner neuen Erkenntnistheorie. Und als Bergson im letzten Kapitel seines Hauptwerkes zu seiner großen Kritik aller bisherigen Philosophie ausholt, nimmt er den Ausgangspunkt auch wieder von einer solchen Begriffsanalyse: von der Analyse der Begriffe Sein und Nichtsein. Diese Beispiele könnte ich um Viels mehren. Sie genügen aber. Denn sie zeigen, daß Bergson die originellsten, genialsten Resullate seines Denkens nur infolge seiner unvergleichlichen Begabung für die Begriffsscheidung, für die Begriffsabgrenzung, sagen wir kurz: für Begriffsanalyse, gewonnen hat. Diese Begabung aber ist wiederum eins spezifisch. jüdische. Daß wir Jüden in der Dialektik unerreichte Meister sind, gebön alle zu. Und wer nur ein wenig die gewalttge talmudische Lüeratur kennt, die wir im Ghetto geschaffen haben, wird diese Begabung zur Genüge bewimdert haben. Das, was seichte Aufilärer als hohle Pilpulistik mit einer geringschätzigen Geste abtun zu können glaubten, ist im Wesen die Frucht derselben Begabung, die bei Henri Bergson zur Begründung einer neuen Philosophie und damit zur Revolutionierung des modernen Denkens geführt hat. Denn ob ich zwei nahezu identische juristische Termini mit Aufbietung eines unerhörten ScharssMnes von einander scheide oder aber zwei für dis Erkenntnistheorie gruMegende Begriffe, ist in dür Bedeutung für die Kultur allerdings verschieden, in der Eigenart des Denkens, in der Veranlag mg des Geistes ist es genau dasselbe. Die stärksten Kräfte und Potenzen des geistigen Genies Henri Bergsons üvurzeln letzten Endes in jenen Pilpulisten und Jeschibahgelehrten der polnischen Ghettos, dis die Vorfahren des „ftanzösischen" Philosophen, der höchsten Zierde der ftanzösischen Kultur der Gegenwart, wohl gewesen sind. * Es wäre nicht schwer, noch manche andere jüdische Züge an Henri Bergson aufzuweisen. Diese beiden aber mögen genügen. Sie sind dittenigen, die man konstaüeren darf, ohne sich willnirlicher Konstruktton imd gezwungener Deutungen schuldig Frankfurter Jsraelittsches Familienblatt. zu machen, sie sind aber auch diejenigen, die dis Grundlagen seines Wesens und seines Schaffsns bilden. Das innerste Motiv, das ihn zu seiner Philosophie drängt, die Resulate, die er gewinnt, und die geistige Begabung, mtt der er sie erringt, als jüdisch erkannt zii haben,- es genügt wohl, um Henri Bergson als den unseren in Anspruch zu nehmen. Das ftanzösische Volk und die europäische Kultur werden uns allerdings diesen Anspruch nicht zugeben wollen, und . ich glaube, Henri Bergson selbst wird vielleicht auch gegen ihn Verwahrung einlegen. Kümmern wir uns nicht darum. Diese neue Beraubung unserer Rechte auf unsere besten Söhne mag wohl unseren Schmerz über dis Tragik unserer Volksexistenz steigern, in der Verfechtung unserer Ansprüche soll sie uns nicht wankend .'machen. Die nationale Idee hat uns Juden gelehrt, nicht mehr nach Beweisen für unsere Existenzberechtigung in unseren Leistungen in der europäischen Kultur zu suchen. Wir sind heute zu stolz, um nach solchen Berechtigungsscheinen zu jagen. Das darf uns aber nicht hindern, uns der großen Geister unseres Volkes zu rühmen, wenn wir dazu berechtigt sind. Wo eine Welt von Feinden uns alle ttefe geistige Größe, alle genials philosophische Begabung abspricht, fteut es doch innerlich, wieder auf einen Geist unseres Volkes zu stoßen, mit dem wir uns vor aller Welt rühmen können. Auf Henri Bergson darf das M. Volk mit Recht stolz sein. Ans den Ereignisse» des Tages. 3«« 20 jährige» Gründungstag des Zentralvereins. Im Monat Februar sind 20 Jahre dahin, seit-' dem der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegründet wurde. Der Zentralverein hat von der Veranstaltung einer .größeren Jubiläumsfeierlichkeit abgesehen, wohl inr Hinblick auf das bald'herannahende 25jährige Jubiläum. Trotzdem' muß dieser Tag. festgehalten werden und mag zu einem Rückblick auf die Tätigkeit des Vereines in der Vergangenheit, zu einem Ausblick auf seine Entwicklung in der Zukunft dienen. Als vor 20 Jahren unter der nachhaltigen Wirkung der Löwenfeldschen Broschüre: „Schutzjuden oder Staatsbürger?" sich nahezu 200 führende Persönlichkeiten des deutscher Judentums zusammenfanden und die Gründung des Zentralvereins beschlossen, da waren es Mottve der reinsten und schönsten Art, die sie zu diesem Schritte bestimmten. Sie empörten sich gegen die Rechtlosigkeit und Zurücksetzung der deutschen Juden durch Staat und Gesellschaft, sie wollten ihre ihnen von der Verfassung gewährte Gleichberechtigung erkämpfen, wenn man sie ihnen nicht freiwillig geben wollte. Das empörte Stolzgefühl, das erwachte Selbstbewußffein, dies waren die Motive, die zur Gründung .des Zentralvereins geführt hatten. Und die gesamte Judenheit durfte mit freudiger Hoffnung und Erwartung der weiteren Entwicklung des Verein,s entgegenschauen. Denn Stolz und Selbstbewußtsein, das sind die seelischen Regungen, die für den modernen Juden den ersten Schritt der Rückkehr zum Judentum bedeuten. Stolz und Selbstbewußtsein waren es, die Theodor Herzl zuM Zionisten werden ließen, die die Besten der Mischen Intelligenz in Westeuropa ihrem Volke wieder zuführten, die dem gröMn Teil d'ör jüd. akademischen Jugend wieder den Weg zum Judentum wiesen. Darum dursten auch diejenigen, denen der Kampf gegen Len Antisemitismus nicht den vollen Inhalt, nicht einmal den wichttgsten Teil der Mischen Arbeit in der Gegenwart bedeutete, bei bet Gründung des Zentralvereins hoffen, auch er werde den Weg zum Judentum weite!» schrei- ' ten und so nach und nach aus einer reinen Abwehrorganisation z>u einer Organisation mit positivem, lebendigen jüdischen Inhalt werden. Doch abgesehen von diesen Hoffnungen hat ja das Programm des Zentralvereins und der Inhalt seines Wirkens -nichts, was irgend einer Strömung im Judentum hätte mißfallen können, in der Beteiligung an der Abwehr des Antisemitismus konnte sich die ganze deutsche Judenheit wie ein Mann zusannnenfinden. Blickt man nun auf die Geschichte des Zentralvcrcins in den 20 Jahren seines Bestehens! Nr. 9 zurück, so kann man mit dieser Seite seiner. Leistun-I gen wohl zuftieden sein. Im Kämpfe gegen den» Antisenntismus hat er mit großem Eifer gearbej-» tet. Wenn der Erfolg allerdings zu der aufge-I wandten Mühe nicht in proportionalem Ber-I hältnis steht, so liegt die Ursache hierfür nichtl am Zentralverein, sondern am Antisemitismus,! dessen Wesen es bedingt, daß er Lurch die Bc-I känipftng von Fall zu Fall nicht ausgerottet wer-» den kann. Die Auffassung, die das nationale Juden-! tunr proklamiert hat und die im Anttsemittsmus» die notwendige Reallion auf das anormale Dasein I des jüdischen Volkes erblickt, hat keine bessere I Rechtfertigung erhalten können, als eben durch den! Erfolg der Arbeit des Zentralvereins. Diese! Er-I kenntnis aber, zU der er bei normaler günstiger! Entwicklung hätte gelangen müssen, blieb ihm ver-! schlossen. Anstatt wie die Moderne nationale Bc-I wegung von der Empörung gegen den Antisemitis-I mus bald zum positiven Judentum zu gelangen,! blieb der Zentralverein bei seinem alten Aus-! gangspunkte stehen und schlug, um ihn auftecht er I halten zu können, einen anderen, entgegengesetzten! Weg ein: er nahm zum positiven Inhalt immer! mehr und mehr das Assimilationsjudentum an.! Durch die unermüdliche, beinahe unangenehme! Be-! tonung seiner deutsch-nationalen Gesinnung, durch! seine Weigerung, irgend ein bekanntes Judentum! von bestimmtem Inhalt zur Basis zu wählen, gelangte der Zentralverein notwendigerweise zur Prollamierung eines Judentums schlechthin, eines Neuttalitätsjrrdentums, das in Wahrheit aber ein Judentum ohne Gehalt und Kern ist. Damit' aber wurde er zu positiver jüdischer Arbeit unfähig, und diese suchte er zu ersetzen, indem er vielfach den Kampf gegen die nationale Bewegung auf seine Fahne schrieb. Wir wollen hier nicht entscheiden, wer diese» Kanrpf zuerst ausgenommen hat. Dies ist auch Nebensache. Jedenfalls mußte er kommen mit dem Momente, da der Zenttalverein zu seinem reinen Abwehrprogramm noch einen positiven Standpunkt! akzeptierte, den Standpunkt des Assimilattonsjudentunr. Heute tobt ja der Kampf zwischen National- ' judentum und Zentralverein bereits auf vielein Linierr, und wenn nicht alle Zeichen ttügen, wird er in Zukunft noch stärker und erbitterter werden. Damit aber.hat der Zenttalverein die Bahn, die zu seinem Verfalle, zu seinem Untergang führen Muß, betteten. Mit der Nationalisierung der deutschen Judenheit, die früher oder später erfolgen muß, wird auch sein Todesurteil gesprochen sein. Bis dahin aber wird der Zenttalverein nicht mehr zum Nutzen, sondern, zum Nachteile des Judentums arbeiten. Denn der geringe, nützliche Erfolg seiner Abwehrtätigkeit wird durch den Schaden, den er durch seine Bekäurpfung der nationalen Idee anrichtet, bei weitem aufgehoben und in den Hintergrund gerückt. Der Zentralverein hat trotz der schönen Motive, die seinen Ausgangspunkt gebildet haben, die Entwicklung des modernen Judentums zur nationalen Idee nicht mitgemacht; in dieser Konstatierung liegt das Urteil über seine Bedeutung in der Vergangenheit und Zukunft bereits eingeschlossen. Bei aller Anerkennung der Verdienste, die er sich in der Vergangenheit erworben hat, können wir seiner weiteren Entwicklung leider nur eine ttübe Prognose stellend Brief aus Rußland. Gouverneur Muratow in Kursk macht sich gegenwärtig LenSpaß, Inden zu Hunderten ans zuweisen. Selbst Juden, die seit Jahrzehnten im Gouvernement wohnen und allen gesetzlichen Ansprüchen Lenügen, werden von der Laune des Satrapen ereilt. Infolge diese!r Ausweisungen ereignete sich dieser Tage ein tragischer Fall. Der Handwerker G., der seit 20 Jahren ii» Gouvernement wohnt und jetzt gleichfalls^ zum Mander- und damit zum Bettelstab greifen sollte, nahm sich unter Hinterlassung einer Frau und acht Kindern das Leben. — - . Gegen die Ritnalmordhetze der, Antisemiten hat der bekannte Dichter Wladimir Koro lenko abermals einen geharnischten Artikel veröffentlicht, und zwar zeigt er auf Grimd eines authentischen, meist offiziellen Materials die lügen-

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