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Neue jüdische Presse · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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(Betr a ch tungen u nd B esp r ech un ge n.) BonBen-Koheleth. XVII, § citri 58 er gf oit als Jude.*) Cs ist keine leichte Aufgabe, über Henri Bärgon als Jude zu urteilen, wie es überhaupt ein läßliches und gefährliches Unternehmen ist, den mtionalen Charakter einer großen Persönlichkeit msweisen zu wollen, zumal tvenn cs sich unteinen Philosophen und Metaphysiker handelt. Man gerät >abei allzuleicht in die Gefahr, den Anteil der Kasse ins Maßlose zu übertreiben und vergißt, daß chten Endes Männer von dein Range eines Bergoit doch eben in erster Linie sie selbst sind, geänderte Individualitäten, deren Größtes und uefstes vor allein der unvergleichlichen Eigeinart hrer ureigensten Natur entströmt. Und wenn ich »cnnoch an dieses Unterfangen herantrete! und in iiappen Strichen das Jüdische an Bergson zu kizziercn suche, so geschieht es aus der Ueberleugung heraus, daß man gerade in diesem Falle s ungestört tun darf; aus dem Empfinden herius, das sich mir beim Studium seiner Werke immer mehr und mehr aufgedrängt hat, daß' dieser jerrliche Geist in seinen letzten Wurzeln jüdisch ist. ks ist nicht leere chauvinistische Eitelkeit und un- >egründete Ruhmsucht, wenn ivir Juden Henri bergson als den unseren in Anspruch nehnten und >ei aller Berücksichtigung der vielen anderen Einlüsse, die auf ihn gewirkt haben, diesen großen öahnbrecher der modernen Philosophie als Juden iroklamieren. * Machen wir uns aber erst klar, was Henri bergson unserer Zeit bedeutet, damit vir ganz den Wert dieses Geistes ermessen, ganz >eit Stolz empfinden können, ihn den unseren leimen zü dürfen. Unsere Zeit — das ist schon bis zum Uebernuß wiederholt worden — ist eine Epoche des lleberganges, des Suchens, des Tastens. Die ino- >crne Naturwissenschaft hat Triumphe gefeiert, die >ie europäische Menschheit in ihren Dann gezwungen haben. Sie hat den europäischen Geist in einen Rauschzustand versetzt, — und geblendet von den gewaltigen Erfolgen der Naturwissenschaft, glaubten sich ihre vorwitzigen Jünger bereits an das Ende allen Wissens gelangt. Die letzten Geheimnisse der Welt schienen enthüllt, alle Schleier, die auf dciil bisher unergründlichen Wesen der Dinge gelagert hatten, glaubte man aufgehoben, und jeder Bildungsphilister wähnte, die Lösung aller „Welträtsel" in einer billigen Taschenausgabe für eine Mark erstehen zu können. So war es bis vor kurzem. Tann begann das langsame Erwachen. Tie edelsten Geister begannen, sich gegen die geistescrtötende Sicherheit und Unfehlbarkeit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu empören. Man begann zu spüren, daß die Welt doch nicht so einlach sei, wie sie Häckcl darstellt. Daß man mit Gesetzen und Formeln wohl die physischen Kräfte ber Natur bändigen könne, nimmermehr aber das Wesen des Geistigen, die Seele der -Organisation, srsassen werde. Die Welt, die dem Naturwissenschaftler als ein in alle Ewigkeit unveränderlicher *) Henri Bergson: Einführung in die Metaphysik, 52 S. •50 Mk. Zeit und Freiheit, 1884, 4 Mk. Materie und Geächtnis, 262 S., 8 Ml. Schöpferische Entwicklung, 372 ST Mk. Verlag von Eugen Diederichs, Jena. Kreislauf erschien, als ein durch mathematische Gesetze für immer fcstgelegtes Wechselspiel von Stoff und Kraft, fing an, einen anderen Aspekt anzunehmen. Starke Individualitäten forderten wieder Freiheit, wo nur Notwendigkeit herrschen sollte, man suchte Zwecke in den Prozessen des Lebens, die bisher nur als ein sinnloses Spiel der Kräfte erschienen, der Glaube an die Macht des Seelischen in uns rang sich wieder durch, man wollte wieder den Glauben, die Jiitension zu ihrem Rechte kommen lassen, wo bislang nur rationalistisches Denken und wissenschaftliche Analyse als allein legitim galten. Dieser Prozeß der langsamen Befreiung aus den Fesseln der naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist jedem, der die geistige Geschichte der modernen Zeit kennt, durchaus bekannt, und Namen wie Carlyle, Guyan, Nietzsche, Boutroux, Hermann Cohen — um ganz wahllos einige herauszugreifen — zeugen von der Stärke dieser Strömung, von der Verschiedenartigkeit ihrer Ausgangspunkte und dem Reichtum ihrer Bahnen. Aber keiner von den Vorkämpfern dieser Bewegung vermochte wirklich bahnbrechend zu wirken und die besten Geister unserer Zeit fortznreißen. Woran das lag? An tausenderlei Ursachen; teils waren sie zu wenig Philosophen wie Carlyle, teils zu unbegreiflich, zu gewaltig für den Durchschnitt der Kultur wie Nietzsche, teils in ihren Ausgangspunkten zu sehr den Tendenzen unserer Zeit entgegengesetzt wie Hermann Cohen; genug, der Mann, der die Führerstelle in dieser Befreiungsströmung aus den 'Fesseln der Naturwissenschaft hätte einnehmen können, fehlte. In Henri Bergson ist er unserer Zeit geschenkt worden. Dies ist keine Uebertreibung seiner Bedeutung. Die Anerkennung Bergsons zeugt dafür. Int französisch-englischen Kulturkreis unbestritten als der größte lebende Philosoph anerkannt, wächst auch im deutschen Kulturkreis seine Schar von Tag zu Tag und zumal jetzt, wo seine Werke übersetzt vorliegen, steigt seine Anerkennung in erstaunlich raschem Tempo. Man empfindet, daß hier der Mann ausgetreten ist, der bisher gefehlt hat. Wer bislang suchte, findet in ihm einen Führer; was bei vielen nur Ahnung war, wird bei ihm zur Gewißheit; was Tausenden, der Besten unserer Zeit Hoffnung war, bei ihm ist es zur Erfüllung geworden. Alle Eigenschaften, über die der Führer dieser Strömung verfügen muß, besitzt er: volle Beherrschung der Naturwissenschaft selbst, Genialität der Gedanken, Kühnheit der Ideen, Mut zum Kampfe, Klarheit der Darstellung, Autorität der Persönlichkeit, alles, alles findet man bei ihm. Noch steht Bergson auf der .Höhe seines Schaffens; noch hat er nicht alles gegeben, was er zu geben hat; wenn nicht alle Zeichen trügen, wird er als einer jener Geister in der Geschichte fortlebcn, mit denen ein neues Zeitalter in der geistigen Entwicklung der Menschheit zu beginnen pflegt. * Und er ist I n d c. Nicht nur durch Geburt, sondern durch Veranlagung. Sein Geist ist jüdisch, und das innerste Wesen seiner Natur ist jüdisch. Tenn das innerste Wesen seiner Natur ist Energie; unerschöpfliche Energie. Ich fragte mich oft bei dem Studium seiner Werke, was wohl dieser Mann geworden wäre, wenn ihn die Natur nicht mit einem solchen genialen philosophischen Geiste begabt hätte; mit anderer Begabung und unter anderen Ilmständen hätte er ein Napoleon, ein Bismarck, ein Borgia, ein Lesseps, ein wahnwitziger Börsenspekulant werden können; ein gütiges Geschick aber hat ihm zu seiner Energie sein philosophisches Genie verliehen, und so wurde er ein Henri Bergson. Diese Energie, die den Urgrund seiner Natur ausmacht, ist es, die ihn zum Kampf gegen die naturwissenschaftliche Weltanschauung treibt. Wie ein Mensch ist, so sieht er die Welt, die ihn umgibt. Ein Mann wie er empört sich gegen den Zwang der deteremistischen Philosophie, es schaudert ihn, wenn er daran glauben soll, alles sei notwendig vorher bestimmt; er empfindet es als eine Vergewaltigung, als eine Degradierung seiner Individualität, wenn er nicht mehr das stolze Bewußtsein besitzen darf, daß er fähig sei, ftei zu wollen mtd frei zu handeln. Der Glaube an den freien Willen ist ihm ein Bedürfnis seines Glücks, und Bergson schreibt sein erstes Werk: „Zeit und Freiheit", diese geniale Widerlegung des Determinismus. Er kann nicht daran festhalten, daß alle rmsere psychischen Vorgänge, daß unser tiesites seelisches Erleben nur eine Wirkung und eine Parallele physischer Prozesse sei, und so verfaßt Bergson sein zweites großes Werk: „Materie und Gedächtnis", diese scharfsinnigste Widerlegung der Psychophhsik, die überhaupt gegeben worden ist. Ihn: kann die Welt kein Uhrwerk sein, dessen Ablauf mit seinen einzelnen Phasen vorher bestimmt ist, ihnt muh sie als eine Folge ewig neuer Schöpfungen erscheinen. Sein Blick kann nicht beim Fertigen verweilen, das Werdende ist seine Domäne; nicht das Sein, sondern das Werden ist der Urgrund aller Dinge, das Wesen dieser Welt ist ewig neue! Schöpfung, und Bergson dichtet — möchte ich beinahe sagen — jene herrliche Epopä der Weltentwicklnng, wie er sie sieht und nennt sie: „Schöpferische Entwicklung". „Leben ist Freiheit", „Leben ist Tat", „Leben ist ewige Schöpfung immer neuer Formen", „Leben ist ununterbrochenes Hervortreiben von absolut Neuem", Bergson wird nicht müde, diese köstlichste Erkenntnis seines Denkens wieder und wieder zu verkünden, jubelnd und fteudig zu Proklamieren. Und nun frage ich: Wer spürt in diesem Geiste und in dieser Weltanschauung nicht das Indische heraus? Alle Beurteiler des Judentums sind sich darin einig, daß kein Volk energiebegabter sei wie wir. Biele erblicken das tiefste Wesen des siidischen Volkes geradezu in seinem rastlosen Willen, j Es gibt keine Weltanschauung, der die Tat mehr gilt, wie der jüdischen, keinen Geist, der für das Werden der Dinge Mehr Sinn hat, wie der jüdische. Weil der jüdische Geist stets im Werden weilte, im Leben selbst, hatte er keine Mußö, eine Metaphysik zu schaffen, das heißt eine Lehre von dem ewigen unwandelbaren Sein der Dinge. Niemandstrebt so sehr danach, in jedem Geschehen nach einem Zweck zu suchen, wie der Jude; niemand quält die Frage nach dem Sinn des Lebens wie ihn. Keine Lehre hat die unergründliche Kluft, die Organisches von Anorganischem, Psychisches von Physischem scheidet, mehr betont als das Judentum. Wohin man greift, überall wird man die Züge finden, die die intime Verwandtschaft der Bergson'schen Philosophie mit der des Judentums beweisen. All die hervorstechendsten Lehren seiner Philosophie: das Prinzip des fteien Willens, die Unabhängigkeit des Psychischen vom Physischen, die Hervorhebung des Werdens gegenüber dem Sein, die Proklamierung der ewig neuen Schöpfung anstelle der unwandelbaren Notwendigkeit, der Glaube an einen Sinn des ganzen Weltgeschehens und endlich der .ganze Ton, auf den seine Weltanschauung gestimmt ist, das Tatensrohe, das Kraftspendende,

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