Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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€ele 2. außergewöhnlichen Wartezeit sind für Äs Judentum Werhaupt, für das englische insbesondere, recht traurig und beschämend: Man fand einfach keinen geeigneten Kandidaten. Der erschreckende Mangel mt großen Persönlichkeiten im westeuropäischen und amerikanischen Rabbinertum ist, in diesem Fall nneder in beklagenswerter Drastik zu Tage getreten. Und von den wenigen geeigneten Kandidaten, die vielleicht noch in Frage kamen, konnte man sich — infolge der inneren Zwistigkeiten der englischen- Judenheit — auch nicht so bald für einen entscheiden. So blieb die Stelle frei. Und inzwischen ging alles, was Adler noch hatte erreichen können, wieder verloren. 9hm kontmt endlich die Nachricht, daß die Wahl vollzogen und als Sieger Dr. Hertz, der bisherige Rabbiner von Johannesburg, hervorgegangen ist. Man vernümnt Me Nachricht uichsfreut sich im ersten Moment, freut sich schon allein deswegen, das unwürdige Schauspiel der Suche ,mch einem Oberrabbiner, die nnschömn Jntriguen und Reibereien, die bis zur Wahl hinter den Kulissen geherrscht haben, beendet zu sehen. Prüft man aber die Bedeutung dieser Wahl näher, so wird die erste Freude doch wesentlich herabgestimnrt. Bor allem: es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die Unstimmigkeiten und Spaltungen nun wirklich für immer verschwunden sind. Noch diese Wahl selbst wurde von ihnen beherrscht, denn bekanntlich ist sie imr gegen die energischen Proteste viäer angesehener jüdischer Notabeln, gegen die Proteste der Gemeindebeamten zustande gekommen. Auch das numerische Ergebnis der Wahl zeigt diese noch bestehende Spaltung aufs deutlichste. Dr. Hertz wurde mit 56 gegen 27 Stimmen gewählt, also ein Drittel der abgegebenen Stiurnrein war gegen ihn; keine erfreuliche Tatsache, wenn man beidackt, daß hier kein einfacher Beamter, sondern der berufene Führer der englischen Judenheit gewählt werden sollte. ' Ferner: Ein beträchtlicher Teil der englischen Judenheit hat sich an der Wahl gar nicht beteiligt. Die von Lord Swaythling gegründete orthodoxe Vereinigung hat schon vor Monaten ihre Richtbeteiligung erklärt; die in London wohnende osteuropäische Judenheit nahm an der Wahl nahezu gar kein Jntercffe, keine gute Prognose für die Bedeutung und Äs Wirken des neuen Oberrabbiners, der doch daju berufen sein sollte, der Vertreter und das Oberhaupt der gesamten englischen Judenheit zu sein. Tatsächlich ist er jetzt nur Oberrabbiner von Rothschilds Gnaden. Rothschild hat ihn auf den Oberrabbinerstuhl gesetzt, von Rothschilds Führung und Bevormunimng wird er sich wohl auch schwerlich in seinen Werken befreien können. Und endlich: die Persönlichkeit des .neuen Oberrabbiners selbst. Man soll in Urteilen über Personen die größte Vorsicht und Reserve bewah-, reu, und so kamr man auch nicht, will man gewissenhaft sein, über Dr. Hertz ein bestimmtes Urtell fälle». Aber eben in dieser Unmöglichkeit eines Urteils ruht schon vielleicht das schlimmste Urteil. Dr. Hertz mag ein guter Reverend, ein ausgezeichneter Redner, eine vorzügliche repräsentative Erscheinung, mag auch auch ein guter, wärm empfindender Jude sein — wie es heißt, soll er Zionist sein —, im öffentlichen jüdischen Leben ist er bisher ein Unbekannter. Jedenfalls besitzt sein Name nicht den Klang und die Autorität, die der Name eines für den hohen Posten eines Chief- Rabbi der englischen Judenheit Äuscrsehenen besitzen müßte. So darf man denn wohl bereits heute die Befürchtung ausfprechen, daß cs dem neuen Oberrabbincr nicht gelingen wird, der würdige Nachfolger Adlers und gleichzeitig der anerkannte Führer der englischen Judenheit zu werden. Die Vorgeschichte seiner Wahl sowie die Bedeutung seiner Persönlichkeit werden dies ihm unnröglich machen. Uw» die Behauptung, die wir schon gleich mit dem Hinscheiden Oberrabbiners Adler ausgesprochen haben, daß das Chief-Rabbinat mit ihm sein eigentliches, faktisches Ende gefunden hat, daß sein Nachfolger nur politischer Repräsentant, aber nicht geisyger Führer der englischen Judenheit sein wirp, erscheint jetzt, da die 8Ähl vollzogen ist, als durchaus gerechtfertigt. Die Judenheit Whitechapels Franiffurter Israelitisches KunüLenblatt. wird sich keineswegs der Autorität ' des neuen Oberrabbiners, dem die meisten ihrer eigenen Rabbiner an talmudischem Wissen wohl überlegen find, fügen wollen; in der Gemeinde Lord Swaythlings wirkt bereits mit Eifer und Erfolg Dr. Jung; die Mißstimmung der Revcrends und Gemcindebeamten der Provinzgemeinden gegen Dr. Hertz ist aller Welt offenbar, der neue Chief-Rabbi müßte also schon neue, ungeahnte Seiten seiner Persönlichkeit offenbaren, wenn er all diesen Schwierigkeiten zum Trotz sich zu der Bedeutung eines anerkannten Oberhauptes der englischen Juden erheben wollte. Ob dieses faktische Ende des Chief-Rabbinats für die englische Judenheit von den Nachteilen begleitet sein wird, die manche Voraussagen wollen, oder ob nicht vielmehr die Vorteile, die es mit sich' bringen wird, bedeutsamer sein werden, ist eine Frage, die noch eingehend untersucht werden muß. Für jetzt, im Momente nach der erfolgten Neubesetzung des Oberrabbinats, genügt es, die Tatsache zu konstatieren: Ein neuer Chief- Rabbi ist wohl da; das Chief-Rabbinat jedoch in seiner alten .Funktion und Bedeutung istwohl für immer dahin. 2. Duschen. Die Geschichte 8er deutschen Judenheit in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist eine! Geschichte der kalten Duschen. Eine Dusche nach der anderen weckte sie aus dem tiefen, schweren Schlafe, in den der Rausch der Assimilation sie versetzt hatte. Und' wer die deutschen Juden von heute mit jenen vor einem halben Jahrhundert vergleicht, wird einen unbedingten RespÄt vor , der zauberischen Wirkungskraft und dem ungeahnten Heilungsvermögen kalter Duschen bekommen müssen. Aber noch ist die Kur nicht beendet'; noch sind nicht alle zu neuem Leben erwacht; noch lähmt bleiener Schlaf einen beträchtlichen Teil der deutschen Judenheit; und das deutsche Volk und die deutsche Regierung, wie in einer unbewußten Er-, kenntnis von der Notwendigkeit einer Fortsetzung der Kur, geben sich reichlich Mühe, Wasserstrahl auf Wasserstrahl auf den Teil der deutschen Judenheit herabzusenden, der noch innner in Apathie und Selbsttäuschung befangen ist. In den letzten Tagen sind gleich zwei Duschen auf einmal gefolgt, zwei Duschen, die wohl umso kräftiger wirken werden, als sie beide bei patriotischen Feiern sich ergossen. In Königsberg feierte unser Kaiser die Jahrhundertfeier des Befreiungskrieges. Die Studentenschaft der Königsberger Universität veranstaltete einen großen Fackelzüg, und einer ihrer Vertreter sollte dabei ein Hoch auf den Kaiser ausbringen. Wie üblich, wurde zwischen den einzelnen Korporationen gelost, welche das Hoch ausbringen sollte. Das Los fiel auf die Gruppe der konfessionellen Verbindungen und innerhalb dieser auf den Verein Jüdischer Studenten. Auf der Feier jedoch, als der Chargierte des V. I. St. bie Tribüne besteigen wollte, um Las Hoch anzustimmen, wurde er vom Chargierten des antisemitischen Vereines deutscher Studenten daran gehindert, indem dieser vorcilte und selbst das Hoch ausbrachte. Soweit wäre die Sache nicht von allgeineinjüdischer Bedeutung, iväre vielmehr nur die Ungezogenheit einer antisemitischen Korporation, die auf studentische Weise wohl ihre Erledigung gefunden hätte. Doch nun tritt ein neues Moment hinzu, das.den Vorfall zu einer Angelegenheit der gesamten deutschen Judenheit ntacht: wegen seiner Handlungsweise aus der Feier interpelliert, erklärte der Verein deutscher Studenten, daß er auf Ersuchen des Hofmarschallamtes gehandelt hätte, das den Wunsch geäußert habe, daß kein Vertreter einer konfessionellen Verbindung das Kaiserhoch ausbringen möge. Der V. I'. St.- Königsberg wandte sich an Äs Hofinarschallamt in Berlin, das aber telegraphisch erwiderte, ihm sei von der Sache nichts bekannt. Wie nun das „Berliner Tageblatt mitteilt, sei cs nicht das Berliner, sondern das Königsberger Hofmarschallamt gewesen, das diesen Wunsch geäußert hat. Die ganze Affäre ist noch nicht vollständig ge- . klärt. Was aber wesentlich und bedeutsam ist steht bcretts fest: Unter.Berletznng aller studentischer Sitten und allen Gewohn- Jte. 8 heitsrechts wnrde der Chargierte einer jüd. Korporation von, offizieller Seite daran gehindert, das Kaiser hoch ansznbringen. Denn es ist wohl kaum anzuneh- »icn, daß das Hofmarsch allamt die gleiche Haltung eingenommen haben würde, wenn cs sich nicht um eine jüdische, sondern eine protestantische oder katholische Verbindung gehandelt hätte, und was diese Vermutung nahezu zur Gewißheit macht, ist der Umstand, daß das Hoch gerade denk Chargierten des Vereines deutscher Studenten übertrage« wurde, also der Verbindung, die die ausgesprochen antisemitischste ist und die, von Treitschke und Bartels gegründet, die Verbreitung des Antisemitisnrus zu ihrem Programm hat. Es ruht darin eine derartige Beleidigung für .die deutsche Jpdenheit, daß schon tatsächlich. ein gehöriges Maß Unempfindlichkeit dazu gehört, von dieser Dusche nicht berührt und getroffen zu werden. Für diese ganz Hartgesottenen ist dann noch die Weite Dusche bestinkmt, die der ersten gleich gefolgt ist. Zum 25jährigen Regierungsjubiläum des Kaisers soll ihm eine Nationalspende des deutschen Volkes dargebracht werden. Das Komitee, aus hervorragenden Persönlichkeiten bestehend, ist bereits gebildet, die Aufrufe sind bereits versandt, und man erfährt da, daß die Spende bestiittmt sei für — christliche Missionen. Man denke, man denke! All den jüdischen Millionären, die sich schon darauf freute», durch einen Riesenbeitrag zur Nationalspende für den Kaiser zu prunken oder sich gar einen Orden ergattern zu können, wird nun diese Hoffnung jäh vernichtet. Die Nationalspende des deutscheirr Volkes verwandt für christliche Missionen, — gibts einen drastischeren Ansdruck für den alten Gedanken von der Unzcrtrennlichkeit von deutschenr Nationalbewüßtsein und christlichem Glauben als diese Spende? Und all dies gerade jetzt, in der Hochflut deutschnationaler Begeisterung, in der Zeit der Jahrhundertfeier des Befreiungskrieges und des Regierungsjubiläums des Kaisers. Es müß doch, mit der Zugehörigkeit der deutschen Juden zur deutschen Nation wirklich nicht ganz in Ordnung sein, wenn jetzt diese zwei Duschen kommen konnten.- Für unsere deutschen Chauvinisten mosaischer Konfession in der Tat eine traurige Lehre. Dusche auf Dusche! Wir scheu schon dic Zeichen der unsanften Aufrüttelung voraus, die diese zwei Vorfälle Hervorrufen werden, und hören schon die Entrüstungsrufe, Wehllagen und Unschuldsbeteuerungen unserer unverbesserlichen Deutschtümler. Wann wird endlich die Zeit da sein, wo solche Dinge auf uns nicht mehr wie kalte Wasserkuren wirken tverden, wo wir in jüdischem Selbstbewüßtsein sie als natürliche Manifestationen gegebener Tatsachen hinnehmen, ohne! in einer selbstvorgespiegelten Einbildung davon ttef betroffen zu sein? 9fc, V ist di T steuert im Li Zunal denr verzev auf i Pffert scheu rinnei staatli 251 .,8 terlun gesorx durch 3 und 9 des ' 2387 Borja lueifl 120« wurde 3 Stift! halb ä 45 3 daß soll, mt t ein ( Buch dieser ist u mit traut 3 aussä abgeo iverke V Dies Edua kleide derar ■ 5 wisse aus Wohl Justi der ' Pott tci besou Polü Kamt Jude \ gesch: taust Die driux! ma. Aus aller Wekt. Deutsches «eich. Frankfurt a. M. Wir machen auf den Aufruf in vorliegender Nummer der Organisation Moria für de» Bau von Jeiluenitenhäuser in Palästina besonders aufmerksam. Angesehene Nanien der gesetzt treuen Judenheit haben sich unter diesen: Aufruf der einigt, damit die hervorragende Bedeutung der Sache für die Interessen der gesetzcstreuen Judenheit dokulnenticrend. Es ist eine Ehrenpflicht für einen jeden, der sich ein gesetzestreuer Jilde nennt, sein Scherflrin für diese hochlvichtige .Sache beizutragen., _ Berlin. In der Sitzung der BertiwWilmersdorfa Stadtverordnetenversammlung vom, 12. Febr. brachte Stadtv. Droese einen Fall zur Sprache, der berechtigtes Aufsehen erregte. In der Ceinlienschnle habe der Direktor Triebet als einige Schülerinnen etwas Lärm machten, dann> gedroht, sämtliche jüdische Schülerinnen, aus der Anstalt zu entfernen. Welche Gründe Vorgelegen haben, gerade die jüdische» Schülerinnen sü> den Lärm verantwortrlich zu machen, entziehe sich seine' Kenntnis. Der Magistrat möge dafür sorgen, daß i» den städtischen Schulen keine antisemitischen Strö mnngen Platz greifen. Auch Stadtv. Dr. Büchtemann sprach .sich entschieden dagegell aus, daß in den Schulen antisemitisch' Politik getrieben werde. Im übrigen habe das Pro vinzialschulkollegiuin auch ausgcführt,-.daß solche Aruhcrungen nicht zu billigen wären. Dies sei eine seh' scharfe ZuriiMveisung gctvestn. Bemerkenswert ist, daß. die in Rede stehende Ce» lienschule 250. jüdische Schülerinnen (ein Drittel de Gesamtzahl) answeist. . gebil denn Stick ansch ini! geor! gehn ist, daß da soll pflcn über. Rust mach nnni verli Go: k°l Kolo mit Fco bief emz« Wge vertu daß Rust .«01