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Neue jüdische Presse · 1913-02-21 · Heft 8 (21.2.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Februar 1913) «r. 8. hie Einheit der Gemeinde« — die Einheit Israels. Metterum die Richtlinien! — Wohl haben sich [die hochgehenden Wogen des Streites gelegt, allein »die separatistischen Hanptrufer im Streit kommen »und .präsentieren ihre Rechnung für geleistete Arbeit: die Spaltung, der Austritt sollen das Entgelt sein! „Was wird nun geschehen?" fragt das Organ [dieser Hauptrufer im Streit angesichts eines Briof- [wechsels des Vorstands der Hmlptgememde mit hici- Isigen prominenten konservativen Persönlichkeiten. IUnd es meint: „Sie" — die Gemeindeorthodoxen „würden durch ihren Austritt aus der Gemeinde en tn die Irre gegangenen neologen Stammesbrüdern den Star stechen." Das ist offen. Jetzt ist »es jedem klar, weshalb dieses Organ so eifrig für »die Vereitelung der Zurücknahme der Richtlinien [tätig war. Nach seiner Gepflogenheit bleiben dabei auch das „Schein schomajim" und das „Kiddusch schein scho- Imajim" nicht aus. Es behauptet, daß dieser Aus- [tritt die größte Heiligung Gottes bedeuten würde! [und glaubt, damit den höchsten Trumpf geworfen [zu haben. - I Doch vergebene Mühe! Kein noch so extremer [Orthodoxerdem die Einheit Israels arn Herzen [liegt und die. Interessen der Gesamtheit über die [seines engeren Kreises stehen, wird auf diesen Kiddusch haschem" etwas geben und dem Lockruf folgen. Die Z w e i t e i l u n g des jüdischen Volkes in Zu da und Ephrajim kann man doch wahrlich nicht, als eine Heiligung des göttlichen Namens milchen! Nicht zu reden von den sonstigen Gefahren, die'mit einer Spaltung des Judentums in ei Judentümer entstünden. Doch es liegt uns fern, die Separatisten aus ^.Prinzip" einsichtiger macher zu wollen, denn der Gedanke der Einheit setzt Liebe zu dieser Einheit daraus. Unsere Worte gelten den Männern von hüben und drüben, die die jüdische Gesamtheit sieben. Unsere Worte wollen, die einen an ihre ulte Treue zur - jüdischen Gesamtheit erinnern, die anderen an ihre heilige Pflicht, der jüdischen Gekamtheit zu genügen. Dies kann geschehen für rrstere durch unerschütterliches Festhalten an der Kauptgemeinde, für letztere durch ihren Eintritt in niese, wie es die Besten dar Religionsgesellschaft längst getan haten, wodurch sie des weiteren den »echten Flügel der Gemeinde stärken und so der [rache ' der Orthodoxie nützen würden. * Es bleibt die Frage, warum die Konservativen, die seit Dezennien neben den Liberalen in kiner Gemeinde unter liberalen Vorständen sried- [ich und ruhig wirken, durch die Richtlinien in [ine so große Aufregung gerieten, daß sie in ihrem änheitsgedanken wankend wurden. Auf diese frage bekommt man keine ausreichende Antwort. Die deutsche Reform ist nicht von heute und Hestern; sie ist eine alte Pflanze, deren Keime bereits auf den Gefilden der Auffiärungsperiode aus- «estreut wurden. Und die Richtlinien? Die Richt- [inien bedeuten nichts weiter als. ein ein geschränktes und reduziertes Resümee )er f a st Hundertjährigen Reform. Uns [cheittt. es als sicher, daß Richtlinien aus der Redaktion Geiger-Höldheimviel schlimmer ausgefallen wären. als die Richtlinien unter der Reaktion S e l i g m a n n; womit nicht gesagt werden soll, daß nicht die eine oder andere Forderung der.Richtlinien über das hinausgeht, was die Braunschweiger und Leipziger Synoden s. Zt. festlegten. Freilich, in der Blütezeit der Reform, in den 50er bis 60er Jahren, befand sich die jüdische Gesamtheit in aüfsteigender Tendenz; die Lage! der Juden , hatte sich zusehends gebessert, und sogar in Rußland winkte den Juden mit dem Regierungsantritt Alexanders II. Gleichberechtigung. Damals konnten noch unsere unverwüstlichen Optimisten glauben, daß, je enger der Anschluß der Juden an die christlichen Wirtsvölker, desto weiter, desto gesicherter ihre Rechte seien. Diesen engen Anschluß glaubten sie durch Preisgabe der eigenen geistigen Güter erlangen A können, und' dies taten sie. Diese ihre Tat beruhte auf Irrtum, war häßlich, sehr Wßlich, aber sie war logisch und hatte Sinn. Und heute? Heute befindet sich die jüd. Gesamtheit in absteigender Tendenz!; die Lage der Juden hat sich verschlechtert, der Antisemitismus breitet sich immer mehr aus und nimmt häßliche Formen an, Zeitungen wie Times und Temps betreiben Rußland zu Gefallen offen den Antisemit^ mus, die jüd. Burg in den Muselmanischen Ländern ist gefallen, tausende und abertausende Juden geraten in die Hände von Antisemiten, kurz, unsere Lage ist verzweifelt! Wir haben auf keine Hilfe von a u ß e n zu rechnen, die einzige Hilfe haben wir von innen, von uns selbst, durch innere Geschlossenheit zu erwarten. In der gegenwärtigen Lage kann uns die Reform nur eines geben: Hader und Zwietracht; nur eines kann , sie bewirken: Schwächung unserer Position. Jetzt wäre es daher an der Zeit, daß die Reform ihren negierenden Standpunkt korrigierte, gründlich korrigierte. Statt dessen hielt man ihn fest und legte ihn in Richtlinien nieder, die keinen einzigen Liberalen aus seiner Indifferenz herauszuführen vermögen und anhänglicher an Gott und Israel machen werden. Aber die Aufregung der Konservativen rührt doch nicht daher; worüber sie Zeter schreien, ist lediglich die Gefährdung der religiösen Einheit. Doch diese hörte bereits zur Zeit Geige r s auf, - und wenn trotz alledem Gesetzestroue neben Reformern friedlich in einer und derselben Gemeinde gelebt und gewirkt haben, so geschah es nicht auf Grund der religiösen Einheit, sondern— neben der Gemeinsamkeit g ewisser ethischer Grundanschauungen — lediglich auf Grund der nationalen und sozialen Einheit. Diese Einheit ist auch n a ch den Richtlinien unberührt geblieben! Deshalb liegt auch für keinen noch so Orthodoxen, sofern seine Beobachtung der Gebote von liberaler Seite nicht gestört wird — und dies geschieht auch nicht —, ein Grund vor, sich von seinen anders gesinnten Brüdern zu trennen. * Nun behauptet man, der Vorstand der Gemeinde habe durch seine Erklärung die Neutralität, die ihm obliegt, gebrochen. Als die Proteste von allen Seiten wie Hagel herabsausten, da legte der Vorstand dagegen Verwahrung ein, indem er erklärte, daß niemand das Recht habe, die Rechte der liberalen Beamten airzutasten. Das taten auch die Vorstände vieler anderen Gemeinden. Nun ist es klar, tmß diese Erklärung ein grobes Versehen und nach Form und Inhalt verfehlt war. Die Proteste der konservativen Rabbiner waren von ihrem Standpunkte aus vollständig berechtigt, dem gesetzestreuen Rabbiner steht fraglos das Recht zu, zu behaupten, daß das Richtlinien-Judentum für ihn wie für jeden traditionellen Juden kein Judentum ist; und da dem so ist, so ergibt sich die Nichtanerkennung der religiösen Entscheidungen der liberalen Rabbiner seitens der traditionellen Rabbiner von fÄbst. Nun geht aus den Briefen des Vorstandes — besonders aus denen vom 30. Jan. und 6. Februar — hervor, daß er mit der Erklärung „weder die Ansicht gehabt hat, zu den Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum Stellung zu nehmen, noch das er dies getan hat, daß auch der Vorstand das Recht, ja die Pflicht der Kritik dieser Richtlinien durch konservative Rabbiner niemals bestritten hat und niemals bestreiten wolltet" In seinem Schreiben vom 30. Januar sagt er des weiteren, daß er „nur in Erfüllung seiner Aufgabe, die Parität innerhalb der Gemeinde dürchzusühren nnd zu schützen, gegen die Erklärungen der orthodoxen und der traditionell-gesetzestreuem Rabbiner insoweit Stellung genommen hat, als diese nach seiner Ansicht geeignet waren, die Parität Ml durchbrechen nnd damit unsere Gemeinde zu schädigen". In einem Briefe, den wir in Nr. 6 zum Abdruck gebracht haben, wird gesagt, daß, falls Är traditionell-gesetzestreue Verband seinerseits eine Erklärung abgibt, daß seine Protesterklärung lediglich vom rein gesetzestreuen Standpunkte ausgeht' und nur sofern die Entscheidungen der liberalen Rabbiner als nicht geltend erachtet, der Vorstand sein« erste Erklärung als ausgehoben preisgeben will. Man sieht also, daß der Vorstand unter den bei Behörden üblichen Verllausulierungen widerruft, sowie, daß seine Erllärung nur auf der irrigen Annahme beruhte, daß durch die Proteste der Traditionellen die Parität der Gemeinde durchbrochen und die Stellung der liberalen Beamten erschüttert werde. Aus dem vermeintlichen Wohl der Gemeinde kam seine erste Erklärung, nnd aus dem Wohl der Gemeinde macht der Vorstand' der Frankfurts Gemind: Konzessionen, die die anderen Erstände, die ebenfalls gleichlautende Erklärungen abgegeben haben, nicht gemacht haben. Es ist Zeit, daß die Konservativen ihr Gleichgewicht wieder bekonnnen. Es liegt, genau betrachtet, kein Grund zur Unruhe vor, da die religiöse Autonomie gegeben ist. Gerade in den letzten Jahren hat der Vorstand den Konservativen großes Entgegenkommen gezeigt, und hoffentlich wird er j e tz t, 8.i starke Einflüsse sich geltend machen, die Konservativen aus der Gemeinde zu locken, in dieser vernünftigen Politik noch in stärkerem Maße fortfahren. Die Einheit Israels steht auf dem Spiel; jÄvs Mitglied, das ein williges Ohr gewissen Zuflüsterungen verleiht, begeht daher ein Verbrechen an dieser Einheit, die noch niemals dem jüd. Volke so nötig war wie in der jetzigen Zeit! Deshalb: Wahret die Einheit der Gemeinden, — und ihr wahret die Einheit Israels! Aus de» Ereignisse« des Tages. 1. zur Wahl Ser «tziek-Rabbi in England. Es ist bereits eine beträchtliche Zeit verstrichen, seitdem die englische Jndenheit ihres rÄx> giösen Oberhauptes, ihres Führers, beraubt ist. Der Posten des Chief-Rabbi, den der Tod LLerrabbiners Adler frei lieh, blieb ziemlich lange, ungewöhnlich lange unbesetzt. Die Ursachen dieser.

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