Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Seite 3 ettvas über 1000 Seeleit, darunter 164 Familien mit 710 Lecken aus Jchtip. Hilfeleistung. An Hilfsgeldern kamen bisher aus dem Auslande 41 650 Fr., von denen noch etwa- 11 OM vorhanden waren. Von dem städtischen Hilfskomitee, das unter dem Vorsitz der Königin arbeitet, wurden bis jetzt den Inden 30 685 Fr. gegeben. Da die Mittel dieses Komitees erschöpft sind, sind weitere Gaben von dieser Leite leider nicht mehr zu erwarten. Nach genauen Berechnungen ist für die durch deit Krieg Geschädigten in Saloniki für die nächsten 4 Wochen eine Stimme von 29 OM Fr. notwendig. Wir mußten daher zu den noch vorhandenen 11 OM Fr. 18 OM Fr. ljinzubewilligen. Damit scheint uns die Aktion für die Beseitigung der momentanen Not abgeschlossen. Für später ist cs notwendig, eine kleine Leihkasse zu gründen, für die wir 10 OM Fr. in Aussicht stellten, falls die gleiche Summe in Saloniki aufgebracht würde und uns hinlängliche Garantie gegeben wird für die Rückzahlung der geliehenen Summen. - Einige Stunden vor unserer Abreise nach Konstantinopel hatten wir in Gegenwart des Großrabbiners Jacob Meir eine Audienz bei dem König von Griechen landaber uns freundlich empfing. Der König betonte, daß er stets dafür eingetreten sei, daß die Juden in seinem Lande als völlig gleichberechtigt behandelt werden und daß das auch selbstverständlich für die neu eroberten Gebiete Geltung habe. Wir baten den König besonders um drei Dinge. Erstens, es möge dafür, gesorgt werden, daß man auf die religiösen Verhältnisse der Juden auch im wirtschaftlichen Leben die nötige Rücksicht nehme. 'Es seien ,z. B. die Märkte, die bisher Montag waren, auch in den von den Griechen besetzten Gebieten auf den Sonnabend verlegt worden. Das schädige die Inden außerordentlich. Der König versprach Abhilfe. Ferner baten wir, beim Friedensschluß möge Griechenland — wie auch die anderen Balkanstaaten —- dafür eintreten, daß alle ehemaligen türkischen Untertanen, bei denen die türkische Militärverwaltung Requisitionen gegen Quittungen vorgenommcn habe, ihr Geld für die gelieferten Waren, Pferde nsw. erhalten. Das sei für die, Juden doppelt wichtig, weil bei ihnen als Kaufleuten am meisten requiriert worden ist. Auch das soll ernstlich in Erwägung gezogen werden. Schließlich baten wir, es uns möglich zu machen, daß wir für die cingcschlvsscnen Juden in dem belagerten I a n i n a in gleicher Weise sorgen können wie für die in Adrianopel. Der König versprach, sich darüber mit dem Kronprinzen, der vor Janina befehlige, in Verbindung zu setzen, damit uns die nötigen Erleichterungen sür das Hilsswerk gewährt werden. * Wir übergehen die Berichte über Janina mit 3000 Juden, Serres mit 18M Juden, Monastir mit 6000 Juden, Castoria mit 2000 Juden, Cavalla mit 25M Juden usw. Bon Cavalla erwähnen mir nur, daß dort die sieben angesehensten Juden von bulgarischen Banditen unter der Anschuldigung, sie hätten eine Landung der Oesterreicher in Cavalla veranlassen wollen, verhaftet, ins Innere geschleppt und erst nach 9 Tagen und nach Zahlung eines Lösegeldes' von 2150M Fr. wieder sreigelassen wurden. Am 30. Januar trafen die Herrn Dr. Nathan, Dr. Kahn - Berlin und Elkan Adler - London in Koustantinopel ein. Ihre bisherige Tätigkeit fassen sie wie folgt zusammen: „Wir haben, nachdem wir in Serbien und Bulgarien uns theoretisch über alle einschlägigen Verhältnisse haben unterrichten lassen, den ganzen mazedonischen Kriegsschauplatz bis nach Albanien hinein besucht und an Ort und Stelle uns über die Lage und die Not der jüdisch«» Bevölkerung orientiert. Dadurchsind manche Anschauungen unseres ersten Berichtes korrigiert worden. Wir wollen nicht unterlassen, hervorzuheben, welch großen Eindruck unsere Anwesenheit in den einzelnen Orten aus die Behörden und die nichtjüdische Bevölkerung gemacht hat. Ueberall wurde uns erklärt — und wir merkten es selbst —, daß unser Kommen allein eins der stärksten Schutzmittel für die jüdische Bevölkerung gegen Uebergrisfe darstellt. Eine Wirkung in dieser Richtung übten insbesondere auch aus die Audienzen, die wir beim König und der Königin von Bulgarien und beim König von Griechenland hatten. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, kann man behaupten, daß diese Audienzen erheblichen Nutzen für unsere Glaubensgenossen zeitigten. Die Behörden und die nichtjüdische Bevölkerung erkannten, daß diehöchsten Repräsentanten des Staates Wert auf ein gutes Verhältnis zu -den Juden-legen, und diese Wirkung wird auch nach unserem Fortgang bestehen bleiben. Wir werdey nunmehr unsere Aufmerksamkeit der Notlage in Konstantinopel selbst zuwenden und dann noch versuchen, auch auf dem thrazischen Kriegsschauplatz in der gleichen Weise unsere Arbeiten durchzuführen, wie auf dem mazedonischen." Aus aller Wett. Tewiches Reich. Berlin. Der Jüdische Frauenbund, der die organisierte jüdische Frauenbewegung Deutschlands repräsentiert, hielt am 26.-27. Jan. in Berlin .seine Borst and s sitz ung ab, die such vornehmlich mft der Festsetzung des Programms! für die vom 18.—20. März in Leipzig stattfindende \ Delegierten- und Mitgliederversammlung beschäftigte. Folgende Referats wurden .in Allssicht genommen: Frl. Bertha Pappenheim-Frankfurt a. M.: „Aus unserm Programm"; Frau Anna Neumann-Leipzig: „Die Frankfurter Israelitisches Familienblati. jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen Leipzigs"; Frl. Sidonie Werner-Hamburg: ,Lur Schächtfrage"; Frau Jsabelka Heim-Nürnberg: ,Zur Bahnhofshilfe"; Frau Henny Levy-Frankfurt a. M.: „Zur Wohnungspflege": Berichte über das Heim des I. Fr. B. in Neu-Isenburg, über das heraus^»gebende Frauenbuch usw. An den beiden Abenden findet am ersten ein großer öffentlicher Vortrag von Frau Paula Ollendorss-Breslau statt über „Jüdische soziale Hilfsarbeit" und am zweiten ein „Jugendabend", an dem Frl. Pappenheim, Frl. Werner, Frau Krämer und Frl. Neumüller sprachen werden. Die Herausgabe eines Flugblattes wurde beschlossen, um die ungerechtfertigten und unwissenschaftlichen Angriffe eines Münchener Fraucmstimmrechtvereins gegen das Schächten zurückzuweisen,, da auch von dort das Erscheinen einer Broschüre angekündigt wird, die das Schächten als tierqnälerisch schildern und allen jüdischen Frauen zugehen soll. Bei dieser Gelegenheft wurde konstatiert, daß der deutsche Verband für Frauenstimmrecht diesen Angrisfen, die einzig und allein von München ausgehen, vollkommen fern steht. - Bei den Berichten der verschiedenen Kommissionen wird von der Jugendkommission betont, daß auf den Anschluß der jüdischen Jugendvereine an. den Bund deutscher Franenvereine der größte Wert gelegt wird. Oesterreich-Ungar». Wie». In der vertraulichen Sitzung des Gemeinderates wurde ein Angebot der Frau Schlierholz auf Ueberlassung ihrer Realität mft dem Ausdruck des wärmsten Dankes angenommen. Mit dieser Eigontumsübergäbe ist die Bedingung verknüpft, daß die Gemeinde Wien verpflichtet ist, diese Liegenschaft ausschließlich für Kinderfürsorgezwecke zu verwenden. In den zu errichtenden Anstalten dürfen weder israclit. Kinder ausgenommen noch israelit. Lehrpersonen oder Aufsichtspersonen angestellt werden. Es ist eine merkwürdige Fügung, daß diese antisemitische Stiftung gerade zu einer Zeit in Kraft tritt, in der die Wiener israelitische Kultusgemeinde mft dem Aufwande von mehr als einer Million den Bauplatz für ein monumentales Kinderspitat erwirbt, das' nach dem Willen der jüdischen Wohltäter, die mehr als 5 Mlllionen Kronen dazu gestiftet haben, Kindern aller Konfessionen geweiht sein wird. Budapest. Die „Ungarl. Jüd. Ztg" beschäfttgt fich in einem Leitartikel mft der Demoralisierung der jüd. Masse Budapests. In diesem Artikel heißt es: „. . . . Aber die jüdische Gesellschaft, in welcher der religiöse oder nationale Pulsschlag anfgehört hat, besitzt keines dieser Ideale mehr. Dann hat sich des Feuers des Ehrgeizes wohltätige Macht der eigenen Fessel entrafft und tritt einher auf eigener Spur. Da wird die Gesellschaft' zum Märkte, wo Gesinnungen und Ideale veraukttoniert werden, und der Ehrenkranz der Gesellschaft wird demjenigen aufs Haupt aufgedrückt, der den besten Preis dafür bezahlen kann, dem Reichsten. Wo aber der Reichtum entscheidet,. entsteht ein fürchterlicher Wettkampf -um den Reichtum oder zumindest um den Schein des Reichtumes. Die Wohnung mutz den Reichtum des Besitzers marktschreierisch verkünden und die Frau muh eine wandelnde Annonzensäule von der materiellen, allein seligmachenden Macht ihres Lebensgefährten werden. Der Luxus ist da Reklame für den Einfluß und eine solche Reklame muß die andere überschreien. Es entsteht ein fieberhaftes Ueberbieten, das den Luxus, der in anderen Kreisen ja nur dem Wohlbehagen dient und dqher vernünftigerweise nicht mft Angst und Sorge erkauft werden kann, in die unmögliche Höhe treibt. . . Es ist vergeblich und ungerecht, den einzelnen ob seiner Lebensweise zu moralisieren. Die Führer unseres Stammes mögen die Verantwortung für die Ueberwucherung des Materialismus in dem Kreise, den der Staat unter ihren moralischen Einfluß stellt, in sich fühlen. Wir haben bereits vor einigen Monaten angeregt, daß sich die führenden Kreise mft diesem Problem befassen mögen und der Dekadenz des jüdischen Milieus durch eine planmäßige Aftion steuern sollen..." Rutzlaud. Kiew. Hier ist wieder einmal P o g r o m sti m m un g. Auf dem Gütervahnhofe wurden die jüdischen Beamten . von Huliganen Werfallen und. mehrere von ihnen ernstlich verwundet. Es wird erzählt, daß die Bande einen Beutel mit Geld in der Hand hielt, indem sie für jeden getöteten Juden zehn Rubel Belohnung versprach. Die Verhafteten wurden ans der Polizei wieder sreigelassen. Warschau. In der letztest Zeft verschärft fich die Boykottbewegung gegeudie Juden. Acht größere Bankhäuser annocierten, daß sie nur ausschließlich polnischen Christen Kredit gewähren. Arabien. Jüdische Flüchtlinge aus Sana«, der Haichtstadt des Demens, die vor kurzem in Jaffa eintrafen, schildern die anarchischenZn stände, die dort Platz gegriffen haben, und unter denen in erster Reihe die Juden zu leiden haben, in den schwärzesten Sarben. Ueber die Ermordung des Schwagers des hachambaschi in Sanaa erzählen sie folgendes: 'Der Ermordete hatte eine Schuldforderung an einen dortigen Moslim und verklagte ihn beim Gericht. Der Beklagte erschien jedoch nicht zum ' Termin. Daraufhin ging der Gläubiger, Jehndah ben Snlaiman, in die Wohnung seines Schuldners, um ihn durch Bitten zur Zahlung der Schuld zu bewegen. Der Moslim erklärte wutentbrannt, daß der Jude nicht mehr lebend sein Haus verlassen würde und erdrosselte ihn in bestialischer Weise. Der Mörder ist nicht einmal zur Rechenschaft gezogen worden und befindet sich auf fteiem Fuße. Es fehlt überhaupt nicht an täglichen neuen^Gewalttaten, die den Inden in Nordyemen das weitere Verbleiben im Lande als unmöglich erscheinen lassen. Daß alle alten „gesetzlichen" Bedrückungen wieder in Kraft getteten sind, wurde schon berichtet. In letzter Zeit wurde auch die früher von der türkischen Regierung subventionierte Talmud-Thora-Schule von dem Vertreter de» Imam Jachja geschlossen. Es gab bisher einen einzigen jüdischen Beamten in Sanaa; er wurde jetzt aus dem Amte verjagt und mutzte fliehen, um sein Leben zu retten. Die jüdische Gemeinde in Sanaa, die ca. 30M Seelen zählt und wegen der dort von altersher herrschenden hohen jüdisch-religiösen Bildung bei der ganzen yemenitischen Judenheft in höchstem Ansehen steht, erwartet jetzt in ihrer namenlosen Not Hilfe und Rettung von den großen jüdischen Hilfsorganisationen Europas. Normal School Bovano I Wtterstr. 7. SpraCbBD-llBllBFSBftflngiD. Tal. 12428.1 Privat-Zirkeland Klassenunterricht. H Besondere Zirkel für Barnen böserer Kreise. B Oeffentl. Probeatnnden Mittwochs tnn 11,5,7 n. 9 Uhr. DD Personalien ». Meine Mitteilungen. Halberstadt. Die ttadftionell - gesetzestteue Judenheit hat einen schweren Verlust-erlitten: Gabriel Hirsch. Teilhaber der Weltfirma Aron Hirsch u. Sohn, ist infolge eines Schlaganfalls plötzlich verschieden. Gabriel Hirsch, der ein Alter von nur 51 Jahren erreicht hat, war ein Jude im Sinne Her Thora, denn er suchte in deren Geist zu leben. So war er wohltätig, lernte und trat an den hohen Feiertagen ms Scheliach Zibbur, als Fürsprech der Gemeinde von den Almemor, um in innigem Gebete Gottes Güte anzurufen. Allgemein erfreute er sich höchster Wertschätzung. Er war Mtglied des Stadtrates, der Repräsentanz der jüd. Gemeinde, war Vorsitzender der Provinzialkasse für jüd. Wanderunterstützung nsw. Rüffelsheim. Am Samstag brach in der Synagoge ein Brand aus. Das Feuer kam, wie man vermutet, durch Funkenflug in der Wohnung 'des israelitischen Religionslehrers zum Ausbruch. Da es jedoch bald bemerkt und Hilfe rasch zur Stelle war, so konnte es bald gelöscht werden. . Wtesbabe«. Rentier Julius Mariano-Mayer-* sohn, früher in Frankfurt wohnend, hat eine sehr interessante Erfindung gemacht: einen Blücher-Desinfektions-Apparat. Di« originelle Ausstellung bezw. Aufhängung der Bücher desinfiziert jedes einzelne Blatt. Der erste 'Zlpparat wurde bei dem Eisenbahn- Regiment Nr. 3 in Hanau aufgestellt. (L) Posen. Die Repräsentanten wählten in den Bor» stand der Synagogengemeinde Kaufmann Jsr. Friedlaender, Stadtrat Elkeles, Geheimen Justizrat S a l o m o n, Ingenieur Kuczynski und Kaufmann Samuel Peiser. Zum Handelsrichter wurde ernannt: Generalagent M. Czapski und zum stettverttetenden Handelsrichter Bankdirektor Ignatz Goldschmidt. Nathan Jacobi, Beamter der Synagogen-Gemeinde, ist nach längerem Leiden im 70. Lebensjahre gestorben. Seltene Rührigkeit, Treue und Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung seiner Amtsobliegenheiten haben ihn ausgezeichnet. Vnbnpeft. Kreisarzt Dr. Franz Kraus in Torna nahm fich infolge Krankheft und der frühere Uhrenhändler Moritz Edelmann in Miskolcz ans materiellen Gründen das Leben. Budapest. Zum prüsumnven Kandidaten als O b e r» bürgermeister der Stadt Budapest wurde auf Beschluß des Ministerrates der Generäldftektor der Budapester Gaswerke Dr. Franz Hektar an erster Stelle vorgeschlagen. , Die Wahl Heltai's findet auch bei der Stadtrepräsentanz Zustimmung; er dürste einstimmig gewählt werden. Es ist in Ungarn wohl der erste Fall, daß.einem Juden eine solche Würde verliehen wird. Als Oberbürgermeister wird auch Hektar zum Magnatenhausmitglied ernannt werden. — Dr. Carl Baumgarten, Senatspräfident der königl. Tafel, eine Zierde der ungarischen Justizverwaltung und Wilhelm Leipziger, einer der größten Spiritus-Industriellen, Besitzer deschsterr. Eisernen Kronenorden und des preutz. Roten Adlerorden, sind verschieden. — ' Das Testament des jüngst verstorbenen Szombathclyer Wohltäters Gerson Stadler wurde dieser Tage eröffnet. Die Summe der Legate beläuft sich aus 220000 Kronen. Hiervon testierte er zur ewigen Sicherung des Beth-Hamidrosch 90 0M Kr., zur Begründung eines Bersorgungshauses 25 0M Kr., zur ewigen Sicherung der Kultussteuer 17 0M Kr., eine Heiratsausstattungs-Stifiung von 20 0M Kr., ferner viele Stiftungen in der Höhe von 1000—5000 Kronen. Pretzburg «Ungarns. Im 98 Lebensjahre ist Frau Katharina Frankl geb. Wiener, eine bedeutende Frau, gestorben. ' Katharina Frankl heiratete 1838 den Kaufmann S. 8. Franll und machte dessen Manufakturwarengeschäjt zu einem der größten Ungarns. Erst als sie 1888 Witwe wurde, zog sie sich von der Leitung des von ihr geschaffenen Riesengesrhästes zurück. Sie erinnert an die Zeft, in der der Mann sich mehr - der Synagoge und