Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. ■ -> ■■■ i —i HSV dem Lernen widmete gind so eine tüchtige Frau leicht die Leitung des GeßWstes in die Hand bekam. Ports. Der Pensionierte Generatwspeltor iür Minenweseu Worms de Rom'illy wurde .für das Jahr 1913 zum Präsidenten der permanenten Staatskomm ission für Luftschiffahrt ernannt. Außerdem sind in die Kommission u. a. Bizedirektor im Ministerium des Innern Grumbach und der bekannte Aviatiker Henri Deutsch de lo Meurthc, der schon so viele Opfer für die Aviatik gebracht hat, berufen worden. Baron Henri de Rothschild hat ein neues Drama unter dem Titel „Crösus" beendet. Crösus wird in diesem Stücke von der Sehnsucht geplagt, zu erfahren, ob die. Menschen, denen er viel Gutes tut, ihn auch wirklich lieben. Er stirbt jedoch, ohne sich hiervon überzeugt zu haben. Das Stück wird im Frühjahr in Newhork zur Erstaufführung gelangen. Paris. Dr. I. Stubl, ein in den weitesten Kreisen bekannter und geschätzter Arzt, wurde zum Ritter der EHrenlegion ernannt. Der Dekorierte entstammt von mütterlicher Seite der Alt-Frankfurter Familie Baß. i Rom. Hier fanden die Wavlen in den «oriiand der Judengemcinde statt. Als ein sehr erfreuliches Zeichen des Wiedererwachens des Interesses für die jüdischen Angelegenheiten mag cs angesehen werden, daß eine Anzahl ganz neuer Elemente, die dem jüdischen öffentlichen Leben bisher ferne standen, in den Vorstand gewählt wurden und das Versprechen gaben, sich dem Wähle der Judengemeinde zu widmen. Zum Präsidenten wurde, wie schon seit vielen Jahren, auch diesmal Commendatore Angela Sereni, ein angesehener Advokat, gewählt, .dessen Energie es auch zu danken ist, daß die Intelligenz wieder reges Interesse für die jüdischen Angelegenheiten bekundet. Petersburg. Der bekannte Täufling Natarium Dwazetzky hat sich letztwillig auf dem jüdischen Friedas nach jüdischem Ritus beisetzen lassen und hat sein Vermögen jüdischen Zwecken vermacht. Rew-Aort. Die „Sun" icilr mit, daß Rabbiner Dr. Fried mann, der sich um die Organisation von Tuberkulose Heilstätten auf interkonfessioneller Grundlage verdient gemacht hat, in einem Aufruf zur Sammlung von fünf Millionen Dollars zur Bekämpfung der Tuberkulose aufsordern will. — Jacob SchiffJ leitete in Cornell einen Vorlesungskursus über die deutsche Kultur, zu dem er 100000 Dollars stiftete, mit einer Rede ein, in der er erklärte, er habe die Stiftung als guter Deutscher ins Leben gerufen und erwarte, daß, die Vorlesungen einen fördernden Einfluß auf die amerikanische Zivilisation Haben werde. Aus der Lehrerwett. Tilsit. Rabbiner Dr. Adolf Ehrlich ist im Aster von 75 Jahren verschieden. London. Die bisverige Direktrize der jüdischen Mädchenschule Amh F. Marx wurde zur Jnspektorin Seiner Majestät für die Eleinentarschulcn in London ernannt. Miß.Marx ist die erste Jüdin, die in England eine so hohe und verantwortliche Stellung des öffentlichen Unterrichtswesens einnimmt. Linolenin Iolaid (Muster durch und durch) per Q-m von Hk. 3.88 an Uni (Einfarbig. Parbe durchgehend) per Q-m Ton Hk. 3.60 an Ernckirare ..... per Q-m von Hk. 1.S5 an Bei grösseren Bezügen billiger. Kur tadellose,'fehlerfreie Ware. €• Kupsch Smefreie Tapeten-Indostrie. Altegasse 27/29. leuületoii Das „Scheker-BrUml". Bon C. Berg. (2. Fortsetzung). Vor diesem Umbau hat Perez eine schreckliche Angst. Das ist seine größte Sorge bei Tage, sein Alpdrücken bei Nacht. „Ich ziehe aus," sagt er, „was liegt daran? Meschane mokem, meschane masel. Ich ziehe für meinswegen bis nach Berlin. Aber mein Mutterleben will kein Geruder haben; alte Bäume Pflanzt man nicht um." Nicht immer hat Perez in dieser elenden Winkelhütte gelebt. AE er geboren wurde, waren seine Eltern leidlich wohlhabende Leute, besaßen am Markt ein hübsches Haus, betrieben dort schlecht und recht eine Gastwirtschaft „Zum gelben Löwen" und hielten für die Fuhrleute des Städtchens und! der 'Nachbarörter ihren geräumigen Hof nebst Stallungen und Remisen zur Ausspannung und Einkehr offen. Mann und Weib arbeiteten wacker mit Knecht und Magd) und da ihre Bedürfnisse bescheiden, ihre.Achtung und Neigung für einander unbegrenzt waren, so gab es' kaum zufriedenere Leute in der ganzen Stadt. Zumal als endlich, nach Frankfurter Israelisches Familienblatt. langem Beten und Harren, der Junge kam, war das Glück unbeschreiblich. Der Kleine' war nicht sonderlich hübsch, auch nicht übermäßig klug, aber ein gutes, artiges Kind, das sich fast mühelos aufziehen lies; und mit rührenden Zärtlichkeit die Liebe seiner Eltern vergalt. Der Knabe vollendete eben sein dreizehntes Jahr, und ivie der Brauch gebeut, schickten sich seine Eltern an, den Freudcnsabbat der Barmizwah ihres Einzigen überaus festlich zu begehen. Schon eine Woche vorher hatte Frau Röschen unter den Hühnern und Gänsen ihres Hofes fürchterlich Musterung gehalten; unglaubliche Mengen von Eiern, Mehl, Zucker, Rosinen, Butter, Mandeln und Wohlschmeckendem mehr waren in die Backschüsseln gewandert; die gesamte Verwandtschaft bis ins zehnte Glied war zum Frühstück, Mittag-, Abendbrot und noch ein paar Mahlzeiten aus den Festtag gebeten, und der kleine Barmizwah-Aspirant stolzierte am Freitag glückstrahlend in d«n elterlichen Hofe umher, erzählte seinen guten Freunden, den Fuhrleuten, und sonst jedem, der es hören wollte, d!aß er^ morgen eine silberne Uhr und länge, schwarze Tuchhosen bekommen werde, daß sein Vater eine Alijeh im Gottes- Hause erstanden habe, daß er -fehlerlos Master sagen könne, und er verspracht alten, die sich mit ihm freuten. Berge von Kuchen, Gänsebraten und Rosinenwein. Die Kutscher lachten, der lange Johann, welcher seit vielen Jahren immer im „gelben Löwen" ausspanntc, hob das Kerlchen auf seinen Schimmel, und letzterer, ein sehr alter, gutmütiger Herr, trabte mit seinem winzigen Reiter gutmütig im Hofe herum. Auf die Idylle die Tragik. Selbigen Tages noch kam das Unheil. Mit einer simplen Dummheit begann es und endigte mit Verbrechen, Entsetzen und Tod. Es war Freitag Nachmittag. Die Gaststube des Löivenwirts war gedrängt voll. Die Fuhrleute von Ccszowo, Polvidz, Wrcfchcn, Schrimm waren alle da; natürlich saß auch viel Bauernvolk in der Schenke, denn niän hielt heute Wochenmarkt ' in. Zladno, und die Leute aus Wilzyn, Slupka, Peisern waren herübergekommen, da das Gerücht verbreitet gewesen, in Zladno gäbe cs heute Ablaß und würde gefirmt. Es war aber nichts, weil der Herr Pfarrer schwer krank geworden und sein Stellvertreter, Gott weiß wo, mit der Post im Schnee stecken geblieben war. In dem von Rauch, Dunst, Schnaps zum Ersticken dick gefüllten Raume tobte .ein Heidenlärm. Perez' Vater hatte seine Not, den Gästen gerecht zu werden. Besonders ärgerten ihn ein paar Polacken, von denen der eine dem andern heimlich ein Glas Rum in sein Bier gegossen, worauf der Kumpan noch schneller als sonst blecht ward> sichl imnütz machte und zu skandalieren begann. Just bediente der Wirt in seiner Nähe und' schickte sich an) einem der Kutscher auf ein hartes Talerstück, das er von ihm zur Bezahlung erhielt, den Rest herauszugeben, da schlug ihm der betrunkene Vinzenz — war's Scherz oder Ernst — auf die Hand) daß die kleinen Münzen zur Erde sielen, in der Stube umherrollten und mancher Groschen in den tiefen Taschen der langen, blauen Röcke unversehens verschwand. Der Wirt, von Statur ein kleiner, von Natur ein riesig heftiger Mann, wütend über den Schabernack, holte aus und' gab Vinzenz eine tüchtige Ohrfeige. Im Nu sprangen, ans einer Ecks drei baumlange Kerle über den Ladentisch: „Du hast meinen Bruder geschlagen, verfluchter Jude! Hängt ihn auf! Pscha krew — der Teufel hole Dich!" ..... Frau Röschen stand im Hofe bei einem Wagen und bediente einen Neuangekommenen Fnhrherrn, da stürzte ihr Söhnchen mit gellendem Geschrei heraus: „Mutter, Mutter, sie schlagen den Väter tot!" Wie der Blitz fuhr die mutige Frau iw die Stube unter die Kämpfenden; ihren Mann herausgreifen, ihn vor sich hinstoßend iw eine an die Schankstube angrenzende Kammer sperren und deren Türe zuschließen, tvar das Werk von Sekunden. Um sie tobten die wütenden Polen und brüllten: „Gib ihn heraus, er hat unseren Bruder geschlagen, er soll hängen!" Hinter der Kammertür wetterte und schnaubte der gefangene Löwenwirt — alle miteinander aber überschrie der hohe Diskant der Fran: „Schicho! Gebt Ruhe! Wer hat zuerst gehauen?" „Der Vinzenz!" riefen einige. „Nein, Dein Mann!" heulten die andern. „So, der Vinzenz. Nun, wenn mein Mann Dich geschlagen hat, so gehe aus's Gericht und verklage ihn, dann wird er seine Strafe bekommen. Aber ihn Euch herauslassen, kann ich nicht, darf ich, nicht; es Ist mein Mann, ich werde nicht leiden, daß ihn jemand 'schlägt. Und jcht .dälli, dalli, alle raus! Es Nr- 7. wird Schabbes, man »ruß schließen und in Schul' gehen." Frau Röschen winkte durch's Fenster ihrem Knecht. Der, ein großer, baumstarker Mann mit festen Fäusten, schaffte Lust. Wer nicht gutwillig ging, wurde hinansgeworfen; in fünf Minuten waren die Fensterladen eingestellt, die Schenke geräumt, das Lokal geschlossen. Auf der Straße standen Vineznz nebst seiner Freundschaft und hielten Kriegsrat mit großem Geschrei. Auf's Gericht gehen, klagen — das ist wenig nach des polnischen Bauern Geschmack, gleich totschlagen wäre lustiger gewesen. Aber der Löwenwirt befand sich vorläufig in sicherer Hut; obendrein trat gar noch der Gendarm zu ihnen und hieß sie, die Mäuler halten und sich nach Hause scheeren. Da winkte dem Vinzenz heimlicher einer — sein Zechgenoß, derselbe, der ihn betrunken gemacht und so den Skandal angezettelt hatte. Das war der Luschck Franz, ein ehemaliger Schlossergeselle, ein verrufener, wüster Kerl, ein Erzessig, mit dem man alle anderen nachsäuecn konnte. Der tuschelte ihm ein paar Worte zu, dann schritt der Vinzenz eine Strecke mit deni Schlosser die Straße herauf und kehrte aus einem Schleichwege hinter Zäunen und Hecken wieder auf den Löwenhof zurück. Um Mitternacht erwachte Frau Röschen; durch die verhüllenden Vorhänge glühte ein dunkelroter Schein. Erschrocken weckte sie ihren Mann. Das ganze Gehöft brannte, Ställe, Remisen, Boden, Haus; der Keller, in welchem die Schnaps- und''Spiritusfässer ausbewahrt waren, spie wie ein unterirdischer Krater Helle Flammen. In die Wohnstube der Eheleute drang schon der Ranch, als Fran Röschen ihren Jungen, der mir dem Murmeltierschlaf der glücklichen Jugend schlief, aus denr Belte zerrte, und, in fliegender Hast, was sie an Geld und Geldesweri zu ergreifen vermochte, an sich raffend, mit ihm auf die Straße floh. Der Wächter tutete und schrie, das ganze Städtchen lief zusammen, mit Eimer» und Spritzen rückte die freiwillige Feuerwehr heran, aber ihre Löschapparate waren viel zu primitiv und unzureichend, der übergewaltigeir Feuersbrunst Herr zu werden. Allerhand Hausrat wurde von hilfreichen Händen auf die Straße geschleppt, gerettet und — gestohlen, die Frauen jammerten, die Kinder weinten, die Feuerglocke läutete, Pferde wieherten, der Herr Bürgermeister kam und herrschte alle an, — mit einem Male schrie Frau Röschen: „Mein Mann! Allmächtiger Vater! Wo ist mein Mann?!" Er war mit dem Knecht und mehreren beherzten Männern durch Rauch, Qualm, sprühenden Funkenrcgen nach dem Stall geeilt, die Pferde losznkoppeln; ein scheu gewordener Rappe hatte ihm einen Hufschlag vor die Brust gegeben, Vater Perez siel hin, — da stürzte mit Krachen und Prasseln das Gebälk nieder, den Wirt unter Schutt und Asche begrabend. Es brannte alles ab, Haus, Stall, Schuppen, der gesamte Gasthof lag in Trümmern; in einer Stunde war Fran Röschen eine Witwe und fast eine Bettlerin. Ja, das Elend hatte voll aufgeladen für das arme Weib: cs lähmte ihre Glieder, daß sie jahrelang krmik darniedcrlag; die einst so rüstige, wohlhabende, schaffensfrohe Frau mußte als unheilbare Sieche von der Gemeinde erhalten werden. Hart, sehr hart hatte des Schicksals Hand auch Röschens Sohn geschlagen. Hatte der Schreck seiner Mutter die Kraft ihrer Arme und Beine gelähmt, ihm schwächte er das Gehirn. ' (Fortsetzung folgt.) flmepiftanisciie Flts-u Pincenez "Ä "fr°". 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