Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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©eite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr- 7 Las geleistet, was man von ihm erhofft hat. Er ist nicht ine große, das jüdische Leben von Grund aus revolutionierende jüdische Volksbewegung geworden, sondern hat sich zu einer politischen Partei entwickelt. Den Prozeß des Niedergangs, der seit der Emanzipation iM Judentum herrscht, hat er nicht aufhalten können. Die Ursache dieses Mißerfolges ist vor allem die, daß der Zionismus sich nicht auf seine eigentlichen Ziele, die Gewinnung IMästinas, konzentriert hat, sondern an tausend andere Aufgaben herangetreten sei und so seine Kraft zersplittert habe. Mt dem Momente, da er sich der Gegenwartsarbeit in den Diasporaländern zu widmen begann, hörte er auf, die jüdische- Volksorgairisation zu sein, die die ganze Nation auf ihr Programm einigen könnte, uird wurde eine Kampspartei, der nur eine kleine Majorität des Volkes angehöre. Diese Ausführungen von Dr. Ehrenpreis verdiene unserer Meinung nach die größte Beachtung. Ob sie in manchem oder in vielem übertrieben sein mögen oder nicht, jedenfalls verleihen sie der Kritik im dem bisherigen Entwicklungsgänge des Zionismus einen scharfen und beredten Ausdruck, und es kann nur im Interesse—der nationalen Bewegung liegen, diese Kritik auf ihren berechtigten Gehalt hin sorgfältig zU prüfen. Es war und bleibt stets der unschätzbare Vorzug des Zionismus, zu seinem Träger nick» Fundamente eine Idee von solcher Größe und Stärke zu besitzen, tmß er jede Kritik ruhig und ungefährdet ertragen kann. Mit allen großen idealistischen Bewegungen hat er das gemeinsam, daß die Wahrheit ihm stets nur nützen kann. Prüft man mm die Kritik des Dr. Ehrenpreis auf ihre berechtigten Momente, so wird Man zweifellos finden, daß sie sehr stark übertrieben ist. Vielleicht mag dies daran liegen, daß Ehrenpreis bei seiner Beurteilung der jüdischen Lage mehr die russische Juöenheit als die westeuropäische berücksichtigt. Für Rußland mag vielleicht die Konstatierung, daß die Jugend uns nicht erhallen bleibt und immer mehr Miseren Reihen entflieht, zutteffen. Daran aber tragen im wesenllichen Umstünde schuld, die außerhalb des Judentums liegen. Ilnsiedlungsmyon und Prozentnorm sind Dinge, die zu ändern nicht in der Macht einer jüdischen Bewegung liegt. Wer dagegen die westeuropäische Zudenheit ins Auge faßt, wer vor allem die jüd. Jugend in Deutschland in ihrer Entwicklung im letzten Jahrzehnt verfolgt hat, wird unbedingt das deutliche Empfinden einer Besserung, eines Aufstieges, einer Aufwärtsbewegung haben. Gewiß vollzieht sich der Aufftieg nur langsam. Aber ist es nicht schon ein Bedeutendes, die Tendenz der jüd. Entwicklung, die bis zum Zionismus nach unten wies, in ihrer Richtung umgekehrt zu haben? Behaupten wollen, daß im wesentlichen die innere Situation des Judentums heute dieselbe sei wie vor 15 Jahren, heißt den großen Wandlungen gegenüber, die sich innerhalb des Judentums in dieser Zeit völligen haben, die Augen verschließen. Trotzdenk enthält der Ehrenpreis'sche Auffatz viel Berechtigtes und Zutreffendes. Denn auf der anderen Seite wird ein objekiver Beurteiler doch wieder zugebcn müssen, daß tatsächlich der Zionismus nicht jene Revolutionierung im jüdischen Leben erzeugt hat, die seine besten Söhne von ihm erhofft haben. Und auch die innere Ursache dafür, die Ehrenpreis anfilhrt, daß nämlich die meisten Zionisten durch ihren Zionismus in ihrem Denken uüd Empfinden, in ihrem Leben, nicht zu neuen Menschen geworden sind, entspricht zweifelsohne pnt guten Teil den Tatsachen. Die Erkenntnis, daß das Bekenntnis zum Zionismus bei all denen, die von der Assimilation kommen, nichts mehr als eine Negation der Assimllation bedeutet, und daß Man erst durch stetige ückensive Arbeit an sich selbst zü einem Juden mit seelischem jüdischem Gehalte werden kann, diese Erkemrtnis und die Energie, nach ihr zu handeln, sind vielfach noch nicht vorhanden. Doch können wir mit Ehrenpreis nicht übereinstimmen, wenn er den letzten Grund für all dies in der Gegenwartsarbeit des Zionismus in den DiasporaläUdern erblickt, die ihn zu einer Kampforganisation gemacht hat. Uns scheint dieser Standpunkt nur aus einer allzu engen Auffassung des Zionismus und seiner Aufgabe zu resultieren. Der Zionismus ist nicht lediglich und ausschließlich die Organisation zum Erwerb Palästinas, sondern ist zunächst die Verkünderin der nationalen Idee. Seine höchste Aufgabe ist es nicht nur, die Fundamente für eine gesunde Zukunft des jüdischen Volkes in Palästina zu legen, sondern ebensosehr, das jüdische Volk erst einmal für eine große Zukunft reif zu nwchen, es für die nationale Idee zurückzugewinnen. Hierzu aber ist die Gegenwartsarbei-t, hierzuauch ein gewisser Kampf notwendig. Als Herold des nationalen Gedünkens innerhalb der Assimilation in Westeuropa mußte er früher oder später zur Mitarbeit an den jüdischen Fragen in der Diaspora und so zum Kampf gegen die Assimilation gelangen. Und den Ruf: „Erobert die Gemeinden!" hap doch schließlich Herzl selbst proklamiert. Also: Die Gegenwartsarbeit und der Kampf sind notwendig. Diesen ganzen Komplex zionistischer Betätigung streichen zu wollen, heißt kein richtiges Verständnis für die letzten Ziele des Zionismus besitzen. Richtig aber ist es, wenn man auf die Gefahren hinweist, die dieser Krnnpf gegen die Assimilation in sich birgt und die Tatsache konstatiert, daß die zionistischen Kämpfer diesen Gefahren nur zu oft erlegen sind. Man gelangt im' Kampfe nur allzu leicht dazu, auf den Kampf das Schwergewicht zu verlegen und zu vergessen, daß aller Kampf letzten Endes irur etwas Negatives, nur Mittel ist, und wichtiger als all dies die positive Arbeit ist, die Arbeit an sich selbst. In der übertriebenen Betonung des Kampfnromcntes erblicken wir die tiefste Ursache für die Mißerfolge, die der Zionismus in der Umwandlung des einzelnen Zionisten gehabt hat. Durch den Kampf glaubte man schon tguter Jude zu werden, durch die aktive Negierung der Assimilation seinen inneren positiven jüdischen Gehalt zu stärken. So ergibt sich für uns aus einer objektiven Beurteilung der Tatsachen, nicht daß eine völlige Umgestaltung des Zionismus und seiner Arbeitsmethoden nötig ist, wie Ehrenpreis meint, sondern ein wenig Einkehr in sich selbst, ein wenig Selbstbesinnung und 'Selbstkritik. Nicht die Aufgabe der bisherigen Betätigungsweise, die in ihrem Kerne gesund ist, tut not, sondern eine richtige Einsicht von ihrer Bedeutung. Es muß die Erkenntnis in allen zionistischen Kreisen durchbrechen, daß das Bekenntnis zum Zionismus nur einen ersten Schritt, nur einen Willensausdruck bedeutet, daß der Kampf gegen die Assimilation nur ein Mittel, ein Negatives ist, und daß die wichtigste aller Aufgaben für jeden Zionisten die ist, sich selbst umzugestalten und zü einem Juden zu machen. Denn werden erst alle Zionisten auch innerlich gute, konsequente Juden sein, Juden in ihrem Fühlen und Empfinden, Juden nicht nur in ihrer Parteiarbeit, sondern in ihrem ganzen Leben, dann werden auch die äußeren numerischen Erfolge des Zionismus steigen. Der Zionisnms ist eine revolutionierende Idee; er fordert von seinen Bekeirnern eine völlige Umwandlung ihres Wesens und ihres Lebens; diese Umwandlung an sich selbst vorzunehmen, ist die höchste Aufgabe jedes guten Zionisten. Die Organisation des Hilfswerks in Sen Balkanländeru. Bericht über die Zeit jvom 19. bis 29. Januar. Uesküb. Uesküb zählt unter 60—65 000 Einwohnern 2000 Juden. Bereits vor dem Kriege haben die Inden unter der Revolution der Albanier wirtschaftlich sehr stark gelitten, zumal sich unter den Juden, mit Ausnahme einer geringen Anzahl reicherer Kaufleute, nur Kleinhändler, fiaufiercr und Straßenhändler ufw. (fast keine Handwerker) efinden. Der Krieg hat diese Schädigungen außerordentlich verstärkt. Etwa 60—65 jüdische Soldaten, von denen die meisten mittellose Familien zurückgelassen haben, wurden ins türkische Heer eingereiht. Seit der Albanierrevolntion und noch mehr seit dem Kriege sind die vereinzelt in den umliegenden Dörfern wohnenden Juden mit ihren Familien nach Uesküb geflüchtet und fallen — etwa 50 an der Zahl — der Gemeinde zur Last. Bon Flüchtlingeii befindcit sich weiter alle jüdischen Einwohner aus Kumanowa, wo der schwerste Kampf zwischen Serben und Türken stattfand (15 Familien), und ebenso alle aus Bojanowtsche, etwa 20 Familien, in Uesküb in meist völlig mittellosem Zustande. Alle Kaüfleute haben durch die Zerstörungen in den umliegenden Ortschaften, durch die Massakres, bei denen viele Schuldner de» Tod fanden, ferner durch die Emigration der türkischen Bevölkerung einen großen Teil ihrer ausstehenden Forderungen verloren und viele zugleich auch die Möglichkeit, selbst nach dem Frieden ihre Geschäfte in der bisherigen Weise, da ihre Abnehmer teils tot, teils ansgewandert sind, fortznführen. Etwa 50 Fäinilien leiden große Not, weil sie ihren Lebensunterhalt dadurch gewannen, daß sie in den Dörfern an den Markttagen ihre Waren feilboten. Das ist jetzt unmöglich. Ebenso unmöglich ist es, in der Stadt selbst mit Waren zu hausieren, da die Militärbehörden das während des Kriegszustandes nicht gestatten. - So betrübend die Lage der jüdischen Bevölkerung in Uesküb auch ist, so glaubten wir doch, vorerst mit einer Beihilfe von 1000 Fr. auskommen zu können, zumal auch von anderer Seite etwa 2000 Fr. gegeben worden sind. Jchtip. Jchtip hat etwa 25 000 Einwohner, darunter 800 Juden. Die Stadt ist militärisch von den Serben besetzt, doch liegt die serbische Besatzung außerhalb der Stadt in der Kaserne. Die «Stadt selbst ist in den Händen der Bulgaren. Die jüdische Bevölkerung hat hier am allerschwersten gelitten. Die Bulgaren rückten am 11. Oktober (a. St.) ein. Die Haltung der bulgarischen Einwohner hatte die I ü den veranlaßt, 2 Tage vorher sämtlich die Stadt zu verlassen; nur 6 Greise, darunter der kranke Rabbiner, der 2 Tage nach dem Einzug der Bulgaren starb, und 2 junge Leute blieben zurück. In Jchtip hausten die bulgarischen Banden in entsetzlicher Weise. Unter den Mohammedanern, namentlich in der Umgegend, fand ein Massakre statt, 700—800 wurden getötet. Auch von den zurückgebliebenen jüdischen Greisen wurden zwei ermordet. Die jüdischen Häuser wurden sämtlich geplündert und demoliert. Zwei Brände, die sicherlich böswillig angelegt worden sind, zerstörten die Synagoge, 24 jüdische Häuser und 6 Magazine. Die Banden hatten überdies die Synagoge entweiht und beschmutzt und die T h o r a r o l l e n zerrissen. Das Schicksal'der Armen aus Jchtip, die, 710 an der Zahl, in der Talmud-Thora in.Saloniki und in der Hirsch-Schule dort nutergebracht sind, ist a u ße r o r d e nt - lich bejammernswert. Der Hilssverein hatte für diese Unglücklichen schon vor Wochen 20 000 Fr. zur Verfügung gestellt. Mit dieser Summe und den Mitteln, die in Saloniki für die Unterhaltung dort von nns gegeben worden sind, hoffen wir die Repartriierung durchführen zu können. Delegierte auf Sofia sind in unsere», Auftrag in Jchtip tätig, um die Häuser wieder herznrichtcn. Strumitza. Unter 15 000 Einwohnern 650 Juden (125 Familien). Stadt von Bulgaren besetzt. Ans Tage nach der Besetzung fingen die bulgarischen Banden an, zu morden, zu plündern und die Häuser zu z e r st ö r c n. Zwei Juden sind ermordet worden, fast alle Läden und Häuser ansgeplündert, für etwa 500 000 Francs Waren sind den Inden geraubt und vernichtet worden. Die Juden sind völlig ruiniert. Obendrein hat man noch den Markt, der bisher am Montag war, auf Sonnabend verlegt. Wir bewilligten vorerst eine Summe von 1000 Fr. Saloniki. Saloniki hat 140 000 Einwohner, darunter 70000 Juden. Eine ungefähre Uebersicht über die Berufe der Juden, die nach einer Enquete an Ort und Stelle gewonnen worden ist, ergibt folgendes Bild: In freien Berufen beschäftigt 430 Personen (darunter 300 Lehrer, 40 Apotheker, 30 Anwälte, . 20 Aerzte, 25 Zahnärzte und Dentisten, 10 Journalisten, 5 Ingenieure). Ferner 1105 selbständige größere und kleinere Kaufleüte inkl. Bankiers, 1200 Krämer und Bndenbesitzer, 2000 Handwerker der verschiedensten Art, 8000 kaufmännische Angestellte, Kommis nsw., 8000 Arbeiter und Arbeiterinnen in verschiedenen Fabriken und in der Tabakindustrie. 500 Droschkenkutscher, Lastwagcnführer und dgl.» 600 Hamals (Lastträger), 400 Bootsarbeiter, Auslader, Bootsdienstleute und dgl., 150 Zollagenten, 2000 Bedienstete, Kaffeehausangestellte, Restaurantangcstellte und Straßenhändler. Saloniki hat schon lange vor Ausbruch des Balkankriegcs schwer gelitten. Der türkisch-italienische Krieg wirkte sehr lähmend auf den Handel und schädigte besonders die jüdische Gemeinde dadurch, daß gerade die Reichsten, die italienische Untertanen sind, ausgewiesen wurden. Ferner hatte die Gemeinde eine schwere Choleraepidemie zu bekämpfe» (September/Oktober 1911). Durch de» Balkankrieg und die Eroberung Salonikis durch die Griechen wurde Saloniki auf das allcrschwerste betrosfen. Die Ereignisse, die sich in den ersten Tagen nach der Okkupation abspielten, .sind öffentlich bekannt geworden. Wir wollen hier nur seststellen, daß wir die Ausschreitungen gegen die Juden, die gemeldet worden sind, bestätigt fanden. Als wir cintrasen, fanden wir in Saloniki erfreulicherweise Ruhe vor, und die öffentliche Sicherheit wieder hergestellt. Aber der Handel liegt brach, und es sehlt an Arbeitsmöglichkeiten. Was das bedeutet, insbesondere bei einer Zusammensetzimg der Bevölkerung wie oben angegeben, ist leicht zu ermessen. Mehr als 2000 Familien >nit etwa 5200 Personen sind infolge des Krieges völlig mittellos. Die Zahl wird täglich größer, da viele von ihren letzten Sparpfennigen leben, die bei der völligen Stockung des''Handels und bei dem Mangel an jeglicher-Arbeitsgelegenheit bald ausgezchrt sind. Flüchtlinge. Die Zähl der jüdischen Flüchtlinge, die aus dem Innern nach Saloniki gekommen siird, ist verhältnismäßig nicht sehr groß. Es sind mit den jüdischen Soldaten, die von der geschlagenen türkischen Armee oder als freigelassene Gefangene nach Saloniki kamen,