Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Sigmund I aMpel, Schwedt a. O. III. Wer die Spuren göttlicher Allmacht in der Geschichte nicht unbeachtet läßt, wird — wie wir in den vorangegangenen Untersuchungen zeigten —, auch darin die göttliche Providenz erkennen müssen, daß gerade in der Zeit, in der die arischen Völker durch Autosuggestion sich berauschen und die Alleinseligmachung ihrer Rasse proklamieren, der semitische Orient seinen Rachen austut und eine staunenerregende semitische Kultur aus der Urzeit der Geschichte zutage fördert, der gegenüber aller rassenantisemitische Stolz als leerer Wahn sich ergibt. Wenn man einerseits gewahrt, wie. sehr die rassentheoretische Weisheit die Gemüter vieler hoffnungsvoller junger Juden deprimiert, indem sie sich ihrer semitischen Herkunft wegen wirklich jedes höheren genialen Fluges unfähig wähnen, und andererseits sieht, wie in den Kreisen der objektiven Kulturhistoriker gerade die berufendsten Vertreter der klassischen Altertumswissenschaft die Abhängigkeit des ruhmvollsten aller arischen Völker, nämlich des Griechentums, in Kunst und Wissenschaft von den semitischen Babyloniern behaupten, wie dies erst Jüngst kein geringerer als H ermann Diels, der erste Ordinarius für griechische Literatur von der Berliner Universität, getan hat, so wird man in unsere Klage einstimmen, daßwirJudendurch unsere Abneigung gegen die Keilschriftforschung die einzige und vorzügliche Waffe gegen den Rassenantisemitismus in lächerlicher Weise unbenutzt lassen. Die Basis aller Kultur ist zweifellos die Sprache, die von allen alten Philosophen als das eigentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier angesehen wurde. Gerade in dor Spra chbildung aber vermögen die berühmtesten Fachforscher die Genialität der ältesten semitischen Stämme nicht genug zu bewundern. Die hervortretendste Differenz zwischen den semitischen und arischen Sprachen ist bekanntlich die bestimmte Ausprägung der Wurzelbuchstaben, die mit dem Sinne und der Bedeutung jedes semitischen Wortes so unzertrennlich verbunden sind, daß sie selbst in allen möglichen Verstellungen, Verschiebungen, Ableitungen und Uebertragungen von den letzteren nicht weichen. Will man z. B. die Bedeutung irgend eines ganz unbekannten semitischen Wortes finden, dann braucht man nur nach seinen Wurzelbuchstaben, die nach Weglassung der Vor- und Nachsilben übrig bleiben, zu suchen. In den arischen Sprachen dagegen verschwinden diese Wurzelbuchstaben so vollständig, daß das Grundelement des Wortes meist gar nicht mehr auffindbar ist. Noch mehr aber bewundern wir die Genialität des semitischen Geistes am Ursprünge aller Kulturgeschichte, wenn wir den psychologischen Zusammenhang zwischen demWesendes Objektes und seiner Benennung berücksichtigen. Während dieser Zusammenhang im Semitischen leicht ausfindig zu Machen ist, herrscht hier in den arischen Sprachen ein wildes Durcheinander und eine wahre Sprachenverwirrung. F. Max Müller in Oxford, der größte Sprachenpsycholog, welcher je gelebt hat, findet für die Geistesgröße, die .schon in der primitivsten semitischen Sprachbildung so deutlich zum Ausdruck kommt, nicht gemig Worte der Bewunderung, während er in Bezug auf die Zusammenhangslosigkeit zwischen dem Objekte und seiner Benennung in den arischen Sprachen klagend ausruft: „Hier scheint derjenige, der die Namen gegeben hat, mit solcher Willkür gju Werke gegangen zu sein, daß wir kaum die Idiosynkrasie begreifen können, die einem solchen Gegenstand solche Namen beilegen konnte." Da nun jede Sprache die älteste und gleichsam hervorragendste Geistesschöpsung eines jeden Volkes ist und da ferner die Sprachenbildung nicht das Werk der Wissenden und Gelehrten, sondern der primitivsten Sippe ist, so verdient die in der semitischen Sprachbildung so greifbar zum Ausdruck kommende Feinsinnigkeit und scharfe Beobachtungsgabe schon ganz allein, als der unwiderleglichste Zeuge für die Größe und die schöpferische Kraft des semitischen Geistes angeführt zu werden. Was würden aber die rassenantisemitischen Gelehrten sagen, wenn das Verhältnis zwischen der semitischen und arischen Sprachbildung ein umgekehrtes wäre? Wie würden sie daraus die gesichertesten Schlüsse für die Engelnatur der Arier und die Inferiorität der Semiten ziehen? Noch mehr als die Sprache zeugt zweiftllos die Schrift von der Gestaltungsfähigkeit des menschlichen Intellektes. Die Schrift ist. daher, neben der Sprache, die zweite Basis aller Entwicklung. Wenn nun die Griechen, die begabtesten Stämme der arischen Rasse, das semitische Alphabet übernommen haben, was soviel bedeutet, als daß sie zu den Semiten in die Volksschule gegangen sind, so bedarf es wahrlich nicht erst des ferneren' Beweises, daß sie in jener primitiven Phase auch die sonstigen Kulturelemente von den Semiten okkupiert haben. Die alten Griechen waren ehrlich genug, ihre geistige Abhängigkeit von den Semiten offen einzugestehen. In ihrer Kadmos-Sage berichten sie selbst, daß das Alphabet von den semitischen Phöniziern zu ihnen gelangt sei. Die homerischen Epen wissen für die schönsten Kulturerzeugnisse keine andere Bezugsquelle als die Sidonier, die Bewohner der palästinensischen Küste. Die Ausgrabungen in den Ruinen der ältesten griechischen Städte—in Mykene, Tirgus, sowie auf der Insel Kreta — haben jene Traditionen aufs trefflichste bestätigt. Aber nicht mir durch die Vermittlung der Palästinenser und Phönizier sind die Griechen in den Besitz babylonisch-semitischer Kultur gelangt, sondern auch in direkter Linie waren sie Schüler des semitischen Orients. Auch das war den alten Griechen wohl bekannt, und sie scheuten sich nicht, dies offen zu gestehen, während ihre heutigen rassenantisemitischen Anbeter dies geflissentlich totschweigen. Herodot z. B. berichtet ganz ohne jede Zurückhaltung, daß die Hellenen Stundenuhr, Wasseruhr und Zwölfstundentag von den Babyloniern gelernt haben. Die Entlehnung der Stunde und die Zwölfteilung des Tages bedeuten nichts weniger, als daß die Griechen den babylonischen Semiten die Grundelemente der Astronomie verdanken. Oder soll es ein Zufall sein, daß die griechische Philosophie gar nicht in Griechenland, sondern in Kleinasien geboren ist, und daß der erste jonische« Philosoph, Thales, in seiner Sentenz „Alles stammt vom Wasser" eigentlich nur eine kurze Zusammenfassung der babylonischen Schöpfungslehre bietet? «r. 7 Sicherlich hätte die Geistesentfaltung des begabten griechischen Volkes ungleich ftüher begonnen, und sie würde auch noch ganz andere Erzeugnisse zuwege gebracht haben, wenn die griechischen Kolonien Kleinasiens der semitisch-babylonischen Sphäre näher gewesen wären. Die dem semitischen Machtbereiche angrenzenden Länder des östlichen und südlichen Kleinasiens haben schon im hohen Altertum eine unübersehbare Fülle kulturellen Segens auMweisen gehabt. In Armenien, Kilikien und sonstigen kleinasiatischen Provinzen werden unermeßliche Schätze inschriftlicher Denkmäler aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend zutage gefördert. Dagegen liefern die sehr tiefen und kostspieligen Grabungen in dem Boden der von Babylon entfernten griechischen Kolonien Kleinasiens, so in Troja und Pergamon, lediglich zerbrochene Topffcherben, die, tvenn sie nicht griechischen Ursprungs wären, kaum eine besondere Beachtung beanspruchen dürften. Bon irgend welchen S chriftzeichen sind in diesen altgriechischen Ausgrabungen noch nicht die leisesten Spuren gefunden worden. Aus de» Ereignissen des Tages. zionistische Selbstkritik. Der Zionismus und die nationaljüdische Bewegung beginnen, in eine neue! bedeutsame Epoche ihrer Entwicklung einzutreten: in die Epoche der Rückschau, der Selbstbesinnung, der Selbstkritik. Nachdem die inneren politischen Gegensätze und Kämpfe ihre frühere Schärfe verloren haben, nachdem unter der Zustimmung der überwiegenden Majorität der Bewegung der Zionismus zur energischen praktischen Arbeit in Palästina übergegangen ist, beginnt man, das Fazit Kr ziehen über das bisher Erreichte. Hierzu tritt noch das andere Motiv, daß jetzt erst die inneren großem Schwierigkeiten, die im Nationaljudentum von vorn- ' herein verborgen lagen, die innere« Tragik, die dem Zionismus von Anbeginn an innewohnte, in ihrer ganzen Schwere hervorzutreten beginnt: die Tragik nämlich, die in dem Probleme steckt: Sie leben wir in der Diaspora ein jüdisches Leben, wie schaffe« wir uns hier jüdische Lebensformen? Für das gesetzestreue national-religiöse Judentum ist ja dieses Problem in dieser Schärfe nicht vorhanden. Der imposante, in sich so geschlossene Ban der jüdische« Tradition gibt dem gesetzestreuen Juden die Möglichkeit, um sich eine jüdische Atmosphäre, eine Art von jüdischem Milieu zu schaffen. Für den reinen Nationaljuden jedoch, der, meist aus der Assimilation zu seinem Volke zurückgekehrt, die jüd. Tradition nicht akzeptieren null, wird, dieses Problem geradezu zu einer Tragik. Und so beginnen jetzt überall im Lager des nationalen Judewtums die Stimmen laut zu werden, die nach einer Lösung dieses Problems rufen, und zugleich damit beginnt man sich zu fragen, was die nationale Bewegung bisher, ohne den Besitz solchen jüd. Lebensformen, hat schaffen können und geschaffen hat. Tiefe Frage nach dem erzielten Erfolge, diese beginnende Rückschau auf die 15 Jahre zionistisch: Vergangenheit hat einen sehr beachtenswerten Ausdruck gefunden in einem längeren Aufsatz, de« Dr. Ehrenpreis, der Oberrabbiner Bulgariens, im „Haschiloach" unter dem Namen: „Nach 15 Jahren" veröffentlicht hat. In eingehender Weise zieht Dr. Ehrenpreis die Bilanz über die vom Zionismus erzielten Erfolge und gelangt fast überall zum Resultate: Der Zionismus hat nicht