Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6.__' irische Regierung zu Gunsten der Saloniker Juden energische Schritte unternommen hat, antwortete! der Gesandte: „Sehr wahr, mein Herr. Sobald ich von der schlechten Behandlung der Saloniker Inden seitens der Griechen erfuhr, habe ich an dön Präfekten und den Kronprinzen geschrieben, daß, die! sephardischen Juden, die durch die Besetzung der hellenischen Armee ohne Schutz blieben, nnter der Protektion Spaniens, ihres alten Abstammungslandes, sich befinden. Die griechischen Behörden antworteten, daß sie von meiner Forderung Notiz genommen haben und versprachen, die Juden so zu behandeln, als ob sie sich unter dem Schutze einer fremden Macht befänden." Auf die Frage, ob er im Falle von Unruhen die Konstantinopeler Juden schützen werde, antwortete er: „Ja! Sobald hier Unruhen Vorkommen, werde ich eine genügende Zahl unserer Mannschaft nach Haskemy, >vo eine große jüdische Bevölkerung ist, schicken." Der Großrabbiner ersuchte den griechischen Militärkommandanten, den in der hellenischen Armee dienenden jüdischen Soldaten die Sabbatruhe zu gestatten. Diese Bitte wurde erfüllt. Der „Novellista" aus Smyrna meldet, daß dank einem Vorschläge des dortigen griechischen Metropoliten der „Medjlis Jdare" (Verwaltungsrat des Vilajets Smyrna) seine Sabbat-Sitzungen aufgehoben hat, damit der dortige Großrabbiner, der Mitglied dieses Rates ist, nicht gezwungen sei, den Sabbat zu entweihen. Der Saloniker „Liberal" meldet, daß auf das Ersuchen des Großrabbiners der Präfekt versprochen hat, die jüdischen Schulen, die nach der Besetzung der Stadt durch die hellenischen Truppen Schaden liüen, zu entschädigen. Der „Jeune Turc" erhält von einer sicheren Quelle•. die Neuigkeit, daß N i s s i m E f f e n d i Mazliah, gewesener jüdischer Deputierter aus Smyrna, zum Ackerbauminister ernannt werden wird. Nissim Effendi Mazliah ist ein gut nationalgesinnter Jude; er war der einzige unter den vier jüdischen Deputierten, der den Zionismus gegen seine Angreifer im türkischen Parlament verteidigte. Josua Kantorowitz. Zwei Akademikerversammlnngen in Berlin. Am. Donnerstag, den 23. Januar fand hier eine P c r f-a in m l n n g der Studenten de r M edizin statt, die zu der A u s län d c r f r a g e Stellung nehmen sollte. Ein Herr aus Halle und ein Berliner Herr hielten die Referate. Sie gäben zu, das; die von ihnen erstrebten Beschränkungen sich hauptsächlich gegen die Russen, die zu 05»/» Juden sind,, richten, und der Berliner Herr verlas sogar zum Beweise der „Minderwertigkeit" dieser ausländischen Elemente jenen sattsam bekannten Artikel der „Nowoja Wremja". Es wurden folgende Forderungen erhoben: ' ■' 1. Die Ausländer müssen das Reifezeugnis einer staatliche n Schule beibringc», das unserem Abitnrientcnzcugnis entspricht. 2. Die Ausländer müssen zur Immatrikulation ein Kon der H cim a is b e h ö r d e a u s g e st e l l t e s F ü h r u n g s z e n g n i s vorlegcn. 3. Die Erlaubnis des Praktiziercns sowie die Zulassung zur Doktorprüfung sind von der Vorlegung eines deutschen Zeugnisses über eine Prüfung in der deutschen Sprache abhängig zu machen. ' 4. Es dürfen nur solche Ausländer praktizieren, die die ärztliche Vorprüsung oder eine ihr gleichwertige Prüfung bestanden haben. 5. D i e Z a h l der A u s l ä n d c r i st p r v z e n - t u a l i t e r z u b c s ch r ä n k e n. 6. Die Ausländer haben die doppelten Gebühren zu entrichten. 7. Die Ausländer erhalten die Kollcggelder nicht gestündet. 8. Die Ausländer haben sich bei der Subskription in eine besondere Liste ciiizutragen, damit die Behörden ihre Berechtigung zum Praktizieren prüfen können. 9. Die Verwendung der Ausländer zu Famuli und Volontären darf erst dann erfolgen, wenn alle reichsdentschen Studenten, die sich zu diesen Stellen gemeldet haben, berücksichtigt worden sind. 10. Die ersten 4 Reihen in den Hörsälen bleiben für die reichsdentschen Studenten reserviert. 11. Alle Ausländer können erst 14 Tage nach Beginn der Vorlesungen Plätze belegen. Als erster Diskussionsredner lehnte Dr. Bernhard vom K.-C. nach den antisemitischen Äcußerungen der Referenten cs ab, sich in eine Diskussion einzulasscn. Da Wan aber vom Vorstandstisch behauptete, daß einem jede antisemitische Aentzerung fern gelegen hätte, und daß man die „Nowoja Wremja" nicht zitiert hätte, wenn einem ihr ausgesprochen antisemitischer Charakter bekannt gewesen wäre, erklärten sich Dr. Bernhard und die um ihn versöhnt und betonten, daß sie mit ihren deutschen Brüdern Seite an Seite gegen die llebergriffe der Ausländer kämpfen wollten. Frankfurter Israelitisches Fannlienblatt. - Dr, Zwirn vom B. I. C. suchte zu beweisen, daß selbst, wenn die Herren mit ihren' Thesen nicht bezweckten, dem Antisemitismus Vorschub zu leisten, so doch die Wirkung dieser Thesen eine eminent antisemitischesei. Er wies vor allem auf die furchtbaren Härten, die für die jüdischen Studierenden aus Rußland in den Forderungen 1, 2 und 5: liegen. Die Versammlung brachte es nicht über sich, die Ausführungen Dr. Zwirn's mit derjenigen Ruhe anzuhören, wie man sie doch von Leuten, die die geistige Elite des deutschen Volkes bilden wollen, auch bei entgegengesetzten Ansichten erwarten könnte. Von jüdischen Diskussionsrednern sprach sodann nochmals ein K.-Cer, der sich nicht schämte, die anfge stellten Fo rd crun g en zu erhöhen. Bei der Abstiinmung lehnten allein die jüdisch - nationalen Studenten die Forderungen ab; sie verließen nach der Mstimmung zum Protest den Saal. * Die in letzter Zeit wieder sehr scharfe antisemitische Agitation an der Universität Berlin hatte einige zionistische Akademiker zur Einberufung einer jüdischen Akademikerversammluug veranlaßt, die am 29. Januar in den Sophiensälen stattfand. Der große, 1500 Personen fassende Saal war überfüllt, und schon dies allein bewies, daß das jüdische Interesse in der akademischen Jugend wieder machtvoll erwacht ist, daß die übergroße Mehrzahl die Notwendigkeit, zu jüdischen Fragen Stellung zu nehmen, erkannt hat. Das einleitende Referat hielt Dr. Egon, Rosenb e r g. Er ging aus von der wüsten antisemitischen Agitation der letzten Zeit, besonders von der Versammlung „völkische" Akademiker, in der der sattsam bekannte Heincfresser Bartls unter donnerndem Beifall der Versammlung die rohesten und wüstesten Hetzreden gegen die Juden losgelassen hat, ging dann zu der Klinikerbewegiing über, die ja trotz allen Ableugncns ihre Erklärung nur darin findet, daß die „Ausländer", die man los werden will, russische Jüden sind, und geißelte insbesondere das Verhalten jener jüdischen Mademiker, die es fertig gebracht hatten, ihren russischen Brüdern in den Rücken zu fallen und sogar noch«für Verschärfung der antisemitischen Forderungen cinzntreteu. Er zeigte dann, daß diese Ereignisse keine Einzelheiten sind, sondern nur Symptome, Zeichen einer großen, ungelösten Frage, der Jüdenfrage. Unter dem Beifall des weitaus größten Teiles der Versammlung führte er dann aus, daß die einzige Antwort auf diese Frage der Zionismus gebe. Die Diskussion wandte sich bald von diesem großen Problem ab und der Frage des Tages, der Jüdenfrage an den Kliniken, zu. Manche Redner versuck;ten, die Ausnahmebestimmungen als gerechtfertigt und keineswegs antisemitisch! hinzustellcn und fanden dabei bei einer hauptsächlich ans Angehörigen der K. C. Korporation bestehenden Minderheit Beifall. Die Mehrheit stimmte denen zu, die wie Referendar R o s e n b l ü t h und Rechtsanwalt G r o n e in a n n betonten, daß das jüdische Interesse vor das hier so ängstlich betonte dentschnationale Gefühl treten müsse. Besonderen Beifall fand Dr. M o tz k i n, der die Herzlosigkeit geißelte, mit der hier von gegnerischer Seite die ganze Frage behandelt wurde, die llmucinschlichkeit, daß man wägen und rechten wolle, wo tausenden gehetzten, gequälten Menschen, Brüdern die letzte Bildungsmöglichkeit beschnitten werden solle. - -Es sprachen in der Diskussion, die sehr lebhaft war, wenngleich sie stets die akademischen Formen wahrte, u. a. noch: Prof. Lew in, Dr. Simon, Rok ach und von gegnerischer Seite: Dr. Bier, Schapski. Franst 8 d t c r. Endlich wurde einstimmig, — die Ausländer hatten sich aus Gründen des Taktes der Stimme enthalten — eine Resolution angenommen, nach der die Versammlung die Forderung nach Einführung des P h y s i k u iii s für die russischen .Studenten als g er cch t-f er t i g t anerkennt, aber energischen Protest gegen solche Maßregeln einlcgt, die, wie die Einführung einer Prozentnorm, geeignet wären, der vom russischen Staat verfolgten jüdischen Jugend die letzte Bildungsmöglichkeit zu rauben. — —' * Bon anderer Seite erhalten wir noch folgende Ansführungen: Aus der Debatte ist hervorziihebcn,, daß Prof. L e - lv i n im Namen des geschäftsführenden Ausschusses ' der K.-Cer erklärte, daß sie die Prozentnorm ablehncu. Da diese Erklärung nur die Ablehnung der Prozentnorni betrifft, so darf man wohl mit Recht annehmcn, daß diese Herren an den übrigen Forderungen bedauerlicherweise nichts aüszusetzen Huben. Wenn es den Herren selbst mit dieser verspäteten Llblehuung ernst ist, so sollten sie wenigstens auch Sorge tragen, daß ihren christlichen Kommilitonen ihr Umfall nicht ganz verborgen bleibt, - So eindrucksvoll und wirksam auch diese letzte Versammlung verlaufen ist, und welche Mühe die jüdischnationale Studentenschaft sich auch geben wird, diese Gefahr von ihren Brüdern aus Rußland abzuwenden, so haben wir doch wenig Hoffnung, daß ihr Vorhaben von Erfolg gekrönt sein wird. Was sollen wir denn von der christlichen Regierung'erwarten, wenn uns jüdische Studenten in den Rstcken fallen? Oder glaubt etwa jemand) daß die jüdischen Stifter der für die Frankfurter - Universität noch fehlenden Gelder — man erzählt sich in Berlin, daß die Stiftungsurkunde der Universität noch nicht unterzeichnet sei, da noch 3 Millionen Mark für den Gründungsfonds aufgebracht werden müssen —, an der Hecgabe .des Geldes die .Bedingung knüpfen, daß dem Studium der jüdisch-russischen Studenten keinerlei Erschwerung bereitet wird? ' . - ' - Seite 3 Aus aller Wett. Se»ticheS «ei«. Berlin. ^Das Hilfskomitee für die hemen i t i s ch e n Juden*) — Prof. Dr. W. Bacher (Budapest), Dozent Dr. E. Baneth, Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Barth, Regiernngsbaumeister A. Baerwald, Iran Geheimrat Becker, Amtsgerichtsrat Blumenfeld (Insterburgs, Jacob Blumenfeld (Leipzig), Sanitätsrat Dr. David Caspari, Direktor Moritz Dorn, Professor Dr. Dreyfuß (Straßburg), Justizrat Dzialoszynski, S. Hepner, Gideon Heymann, Kirchenrat Dr. Kroner (Stuttgart), Kom-, merzienrat Louis Laskau (Grünberg i. Schl.), Prof. Dr. Carl Lewin, Handelsrichter Willibald Loewenthal, Alois Marcus, Geh/Sanitätsrat Dr. Marehkh, Rabbiner Dr. Porges (Leipzig), Heinrich Rosenthal (Leipzig), Rechtsanwalt Dr. Arthur Rupvin (Jaffa), Prof. Dr. Silbergleit (Direktor d. Statist. Amts d. Stadt Berlin), Prof. Dr. Ludwig Stein, Prof. Dr. Otto Marburg, Rabbiner Dr. S. Weiße (Berlin), Rechtsanwalt Dr. Justus Wisloch — erläßt folgenden A ns ruf: „In der Landschaft Uemen in Südarabien lebten noch vor kurzem etwa 50 000 Juden. Fortwährende Verfolgungen seitens der fanatischen Einwohner, die sich zudem in stetem Aufruhr gegen die türkische Regierung befinden, und die elende wirtschaftliche Lage, die sich oft bis zu Hungersnöten steigert, haben diese jüdische Bevölkerung dezimiert. Gegenwärtig versucht es der Rest, sich durch die Auswanderung nach Palästina zu retten, dem nächsten Gebiet, wo Juden unter günstigeren Verhältnissen leben. Diese Einwanderung anspruchsloser, arbeitswilliger und intelligenter Leute bringt dem allgemeinen jüdischen Kolouisationswerk in Palästina, das zurzeit mehr als 40 landwirtschaftliche Ansiedlungen mit ca.- 12 000 Einwohnern umfaßt, in den verschiedensten Hinsichten ganz außerordentlichen Nutzen, so daß die Rettung der yemenitischen Juden gleichzeitig auch dein großen Felde der jüdischen Palästina-Bestrebungen in hohem Maße zugute kommt. Aus diesen Gründen hat der Verein „Esra" für die Uebersiedelung der Verneinten und für ihren Unterhalt in der ersten Zeit sehr beträchtliche Mittel zur Verfügung gestellt. Für Arbeit und Brot ist meist in der Weise gesorgt, daß die Einwanderer als sehr geschätzte Hilfskräfte in den jüdischen Kolonien Beschäftigung finden. Was aber fehlt, sind Häuser nebst einem Stück Feld oder Gartenland. Mit einem Aufwand von 1000 Fr. pro Familie hat der Jüdische Nationalfonds bereits mehr als hundert yemenitischen Familien zu Land und Haus verholfeu; es gilt aber jetzt, die gleiche Unterstützung mehreren tausend yemenitischen Familien innerhalb der nächsten Jahre zuteil werden zu lassen, damit jener eigenartige jüdische Stamm vor der Ausrottung bewahrt und deni Judentum erhalten bleiben möge. Zu diesem Zwecke bittet das unterfertigte Komitee um sreundliche Uebcrwcisung von Beiträgen, deren entsprechende Verwendung der Nationalfonds auf sich genommen hat. Spende» in Höhe von 1000 Fr. (800 JL) ermöglichen die Beschaffung einer Landparzelle mit einem Häuschen,, das nach dem Wunsche des Stifters seinen eigenen oder einen anderen Namen zu dauern de r Erinuernug tragen soll." Berlin. Die Delegation der Brüsseler Union des Assoziations Jsraelites, bestehend aus Dr. P a u l N a t h a n - Berlin, Ella n A d - l e r - London und Dr. Bernhard Kahn- Berlin, die zur Organisation des Hilfswerks in den B a l k a n l ä n d e r n nach dem Orient gereist ist, hatte sich nach Erfüllung ihrer Mission ans der ersten Etappe der Reise — wo die Hilfsaktion für die okkupierten serbischen und bulgarischen Gebiete und für Bulgarien selbst in ihren Grundzügen geregelt und auch schon bezüglich Adrianopels für den Fall seiner Erschließung Vorsorge getroffen wurde — am 19. Januar von Sofia nach Saloniki weiterbegebc», wo sie bis zum 27. Januar blieb. Ueber die Zeit vom 10.—19. Januar hat die Delegation bereits einen ausführlichen Bericht erstattet. Ueber die weitere Tätigkeit und die Maßnahmen der Delegierten betreffs Salonikis und anderer Orte, insbesondere solcher in den Nachbargebieten Salonikis, liegt zunächst nur eine kurze telegraphische Nachricht vor. Die Delegierten besuchten persönlich den Kriegsschauplatz;^ begaben sich nach U es k ü b, M o n a stiv, Karaferia und Serres. Durch ortsansässige'Vertrauensleute wurden ferner die einschlägigen Verhältnisse in Castoria, Strnmitza, Jstip, Draina und in anderen kleineren Plätzen untersucht. Die allgemeine Sicherheit war zur Zeit des Berichtes der Kommission, der vom 27. Januar datiert ist, zufriedenstellend;' die Schädigungen durch den Krieg und seine Folgen waren aber groß. Die Delegation setzte, um die rationelle Durchführung des Hilsswerks zu sichern, soweit erforderlich, Komitees ein. Für Saloniki würden außer den bisher.gesammelten Geldern noch Fr. 18 000 bewilligt und fernere 10000. Franken für eine Darlehnskässe zur Verfügung gestellt, falls am Ort ebenfalls Fr. 10 000 für diesen Zweck aufgebracht werden. Es wurden alsdann noch bewilligt für Monastir Fr. 3500, Strumitza Fr. 1000, Serres Fr. 1500 und Caraferia Fr. 500. Die Festung Ja ui na, die z. Z. noch von Belagerungstruppen eingeschlossen ist und großen Mangel an Lebensmitteln hat, erfordert besondere Vorsorge, die auch, *) Zahlstelle: Bankhaus Veit, Selberg u. Cke., Berlin W. 8, Französischest!:. 49. Postscheck-Konto: Berlin 4396.