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Neue jüdische Presse · 1913-02-07 · Heft 6 (7.2.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Lette 2 muß nämlich bedenken, daß alle in der, Bibel gebräuchlichen bildlichen Ausdrücke»on Kind- und Vaterschaft nicht bloß als Metaphern zu nehmen sind, tzah sie vielmehr eine im Bewußtsein des Volkes waltende Anschauung auf eine recht prägnante Weise auszudrücken suchten. Die Anschauungen des Talmuds fteilich sind im allgemeinen weniger anthropomorphisch gestaltet, wie denn überhaupt der Talmud eine deutliche Neigung kundgibt, alle sinnlich gefärbten Verhältnisse ins rein Geistige zu übertragen. Wo aber die Rede von der jüdischen Gesamtheit ist, da zeigt sich der Talmud als ein getreuer Anhänger der biblischen Auffassung. An diesem Punkte denkt er genau wie die Bibel. Der JUde wird nicht nach dem abstrakten Schema einer Gesetzesformel, sondern als lebendiges Glied einer Gemeinschaft behandelt, in die einmal hineingeboren, er nicht wieder austritt. In dem Traktat Berachoth wird uns erzählt, wie Gott um das Volk Israel trauert und Tränen vergießt. Die rein persönliche Beziehung der Volkseinheit zu der Gottheit wird also immer im Auge behalten. Dem schließt sich zur harmonischen Abrundung das Ethische der jüd. Religion an. Hierfür erscheinen folgende Gesichtspunkte als maßgebend: 1. der absolute Wert, der dem menschlicheu Leben als svlxbjcnt beigemessen wird; 2. die Gleichwertigkeit dar Menschen in Bezug auf das Leben, das heißt, sobald das Leben der Person in Frage kommt. Diese Gesichtspunkte sind in den folgenden Anschauungen der jüdischen Antike vorgebildet: 1. das Leben als solches kommt von der Gottheit; 2. die Glieder der Gruppe sind sämtlich von einem Leben beseelt. Maß dem Verhältnisse von Mensch zu Gott mußte sich dasjenige von Mensch zu Mensch herausenlwickeln. Wenn alle Glieder der Gruppe von ein und demselben Leben getragen werden, und dieses Leben Ln der Gottheit als seinem Urquell wurzelt, so mNß die Verletzung jedes einzelnen Gliedes eine solche der Gottheit säber und ein unethisches Benehme» eine Uebertretung rein religiöser Natur bedeuten. Sehr bezeichnend in dieser Beziehung ist ein merkwürdiger Ausspruch, den wir im Traktat Sanhedrin antreffen: „Gott empfindet Schmerzen jedes Mal, wenn ein Mensch leidet. Wenn das Bhrt eines Menschen vergossen wird, und sei cs das eines Gottlosen, so fühlt sich Gott verwundet." Darin zeigt sich ganz deutlich, wo der Ur- .sprung des moralischen Faktors im Judentum zu suchen ist. Das Bewußtsein der Einheit alles Lebens und ihrer Verwurzelung in der Gottheit war es, das das .Verhältnis von Mensch zu Mensch in den Vordergrund des Interesses ruckte. Wie groß ursprünglich die Gruppe gedacht war, die die jüdische Vorstellung mit ein und demselben Leben durKrang, ist von keiner wesentlichen Bedeutung. Das Prinzip war eimnal gegeben; die Gruppe konnte sich bis zu der ganzen Menschheit ausdehnen. Nur auf diesem Wege kann es begreiflich gemacht werden, warum der ethische Faktor diese dominierende Stellung gewann. Das lebendige! Verhältnis Kr der Gottheit ist das Primäre im Judentum, das Verhältnis von Mensch zu Mensch dagegen das Sekundäre. vr. R. Seligmanu. Ans den Ereignissen -es Tages. Probleme -er jöd. Emigration. Das Problem der jüdischen Emigration wird von Dag zu Tag schwieriger und akuter. Trotz aller Versuche, es zu lösen oder wenigstens einer Lösung näher zu bringen, ist die Situation heute dieselbe wie sie seit dem Entstehen des Problems war, und auch die dieser Situation immanente Tendenz, sich zu verschlimmern und . zu komplizieren, konnte nicht geändert und in eine andere, umgekehrte, gewandelt werden. Nach wie vor bleibt die Lage der Inden in Rußland eine unhaltbare, und wird von Jahr zu Jahr nur noch fürchterlicher, nach wie vor gelangen die meisten Emigrationsländer dazu, ihre Tore den jüdischen Einwanderern zu sperren, nach wie vor ist und bleibt Amerika das einzige große, für eine Masseueimvanderung in Betracht kommende Land, und nach wie vor schreitet Amerika dazu, auch seinerseits dem jüdischen Zustrom alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen. Der neueste Schritt, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. den Amerika in dieser Richtung getan hat, ist die bekannte Bur nett-Bill, die vom. Repräsentantenhaus bereits mit einer starken Majorität akzeptiert worden ist. Dieses Gesetz schließt die meisten Analphabeten von der Einwanderung aus, und trotz aller enthaltenen Ausnahmebestimmungen hat man berechnet. Laß im letzten Jahre etwa 18,000 jüd. Einwanderer aus Grund dieses Gesetzes hätten zurückgewiesen werden müssen. Auch der Artikel des Gesetzes, der bestimmt, daß. auf Emigranten, die infolge religiöser oder politischer Verfolgung ihr Heimatland verlassen haben, das Gesetz keine Anwendung finden solle, wird an der Tatsache der starken Beschränkung der jüdischen Emigration, die das Gesetz darstellt, nicht viel ändern. Es ist nur zu bekannt, in welcher Weise solche allgemeine Bestimmungen ausgelegt und gehandhabt werden. Ihre praktische Bedeutung ist meist Null. Und so stehen wir denn wieder einmal vor der Tatsache einer unzweifelhaft gegen die jüdische! Emigration gerichteten Akaßuahme Amerikas. An den: Gewichte dieser Tatsache ändert auch nicht viel die Nachricht, daß Präsident Taft gegen das Gesetz sein Veto einlegen will. Das Veto wird vielleicht das sofortige Inkrafttreten des Gesetzes verhindern, wird vielleicht auch einige Aenderungen herbeiführen können; die ganze offenkundige Tendenz der amerikanischen Gesetzgebung der letzten Jahre, die auf eine inuner stärker werdende Beschränkung der Enrigration überhaupt, der jüdischen im besonderen, hinausläuft, wird dieses Veto nicht hemmen können. Es ist. daher nur eine Frage dev Zeit, wann Ame-» rika der jüdischen Einwanderung seine Tore völlig geschlossen haben wird. Und so geht man denn auf die Suche nach neuen Ländern. Noch ist das famose Angolaprojekt in aller Erinnerung, noch ist der Nachklang des künstlich erzeugten Rummels, den die Jto mit diesem Projekte veranstaltete, nicht ganz verhallt, und schon spricht man von einem neuen Plane. Das neue Rettungsland, das man jetzt entdeckt hat, ist — Honduras. Ein dort ansässiger eingewanderter und zu Ansehen gelangter Jude hat bereits von der Regierung die Konzession zur Einleitung einer jüdischen Massenemigration erhalten. Jeder einwandernde Jude erhält eine große Fläche! Bodens, wird bald naturalisiert werden, die Regierung von Honduras wird sich seine Förderung sehr angelegen sein lassen, das hondürasianische oder honduranische oder hondurische Volk wird ihm seine Sympathien cntgegenbringen. Kurz und gut, es ist für alles gesorgt: Honduras harrt auf seine jüdischen Emigranten. Herr Simson — also heißt dev neueste jüdische Volksbeglücker — hat sich bereits an die Jca mit seinem Projekte gewandt und sie aufgefordert, . ihm die nötigen Geldmittel zur Verfügung zu stellen. Noch ist eine Stellungnahme der Jca nicht erfolgt, aber nach den Erfahrungen der letzten Zeit, nach all den „Projekten", die der Reihe nach die öffentlche jüdische Meinung beschäftigt haben, ist es von vornherein nicht ausgeschlossen, daß irgend eine jüdische Organisation — wir denken dabei viel eher an die Jto als an die Jca — die Sache aufgreift und sie als neueste Lösung der Jüdenfrage der Welt offenbart. Es ist darum gut, solche Projekte, wenn sie nicht von Männern ausgehen, die Lurch ihre Arbeit und ihre Verdienste um das Judentum sich das Vertrauen des jüdischen Volkes bereits erworben haben und das Recht beanspruchen dürfen, gehört zu werden, gleich bei ihrem Austauchen energisch und bestimmt zurüchstlweisen und nicht erst die jüdische Welt sich .über sie ereifern zu lassen. Wir sollten Loch schon durch die Erfahrung gewitzigt genug sein, solche Seifenblasen, die dem Einfall oder den privaten Absichten irgend eines allen jüdischen Kreisen unbekannten Glaubensgenossen entspringen, der plötzlich sein jüdisches Herz entdeckt, auf ihren Wert hin zu erkennen und sie dementsprechend zu behandeln. Nicht nur ist die Beschäftigung mit ihnen völlig nutzlos, sie bringt uns selbst Schaden. Denn sie verzettelt unsere an sich recht beschränkten Kräfte auf Phantome und Hirngespinste, wo Loch so viel ernstere und' dringendere Fragen ihrer Erledigung harren. Das jüdische Volk muß sich — dies ist die positive Taktik, die sich aus allen Ereignissen auf dem Gebiete der jüdischen Emigration ergibt — in seiner Gesamtheit zu der Anschauung durchringen, daß jene Lösung, die der Zionismus für das Emigra- - Nr. 6 tionsproblem vorschlägt, nicht nur aus hundert ideellen Motiven die einzig, mögliche, ist,.—sondern auch aus rein praktischen Gründen die beste ist. Und sollte seine Kräfte darauf konzentrieren, diese Lösung ihrer Realisierung entgegen zu führen. Die Lenkung der jüdischen Emigration nach Palästina, wird.vielleicht langsainer vor sich gehen müssen, als es bei einen: anderen Lande möglich wäre, dafür ist. sic die allein sichere und erfolgreiche. Darum ist jedes Stück Bodden, das wir in Palästina erwerben, mehr wert als alle noch so überraschenden Projekte, die irgendwo austauchen. Und es ist daher äußerst erfreulich, daß gerade, während in Amerika der jüdischen Emigration ein neues Hindernis in den Weg gelegt wird, in Palästina eine beträchtliche Fläche Landes von der Palestine Land Development Co. erworben worden ist. Diese Erwerbung gewinnt an Bedeutung, wenn man weiß, daß sie nur dadurch zustande kommen konnte, daß die Jca der P. L. D. C. ein größeres Darlehen gewährte. Unseres Wissens ist cs das erste Mal, daß die Jca eine zionistische Institution materiell unterstützt, und wir sprechen die Hoffnung ans, daß dieser erste . Fall nicht der einzige bleibeu wird. Wenn die Jca beginnen wollte, die yom Zionismus gegründeten Palästinainstitutionen materiell zu fördern, wenn sic in großzügigem Maßstabe selbst an den Erwerb palästinensischen Bodens schreiten wollte, wenn bei ihr und^ mit ihr in allen führenden Kreisen des Judentums die Erkenntnis von der zionistischen Lösung als der allein möglichen durchgedrungen sein wird, dann werden wir vor solchen Gesetzen fremder Staaten wie! die Burnett-Bill nicht so zittern müssen, werden nicht mit kindischen Hirngespinsten Zeit und Kraft zu vergeuden brauchen, sondern werden in ungestörter, energischer Arbeit ans geradem Wege der endgültigen Lösung des jüdischen Emigrationsproblcms entgegenschreiten. Brief aus der Türkei. Der bekannte jüdische Bankier B,enzion Boli aus Belgrad, der gleichzeitig im Finanzministerium ist, hat in Uskub eine Filiale eröffnet und hoffen die dortigen Juden viel Nutzen davon. Die Schulen in Serres sind noch immer geschlossen, und die Jugend sucht ihre Erziehung in den Gassen. Alle Tabakfabriken in Serres, K aw a l l i, K s a n t i und D r a m a ruhen seit fünf Monaten und mit ihnen Tausends von Arbeitern, unter denen viele unserer Brüder sich befinden. In Saloniki geht's den Tabakarbeitern nicht besser, denn s e i t 4 V? Monate n sind 4000 Arbeiter und Arbeiterinnen diesesFaches ohne Verdienst. Aber daran ist mehr der von ihnen gegen ihre Arbeitgeber erklärte Streik schuldig. Die Arbeitgeber mögen sich noch so viel zu Schulden haben kommen lassen, so hätten sich die Arbeiter in der gegenwärtigen Zeit doch des Streikes enthalten sollen. Der Saloniker Großrabbiner hat von einem Spanier namens Frederico Njeto einen Brief aus Madrid erhalten. In demselben bedauert der Schreiber als wahrer Freund der Juden, daß die Spanier die Juden aus ihrem Lande ausgewiesen haben, und schließt mit folgenden Worten: „Mein Wunsch ist, Ihnen durch diesen Brief zu zeigen, daß es einen Spanier mehr gibt, der Euch bewundert. Ich bitte Sie, mich mit einem berühmten Saloniker Juden in.Verbindung zu bringen, um mit ihm zu korrespondieren und einen Zeitungstausch zu machen. Somit wird zwischen uns eine Freundschaft angeknüpst werden, welche dann eine reziproke Arbeit, rinseren Kräften gemäß, für die Wiedererrichtung der Einigkeit und Brüderlichkeit zwischen allen Spaniolen Hervorrufen wird." In ' einem Interview, das der Redakteur des hiesigen „El Jüdio" mit dem Vertreter der spanischen Regierung in Konstantinopel hatte, erklärte letzterer n. a. folgendes: „Die spanische Regierung hat bisher noch nichts darüber beschlossen, wie weit sie diesen unseren Brüdern zu Hilfe kommen wird. Die Frage ist. sehr delikat, und unsere Regierung, die immer bereit ist, die sephardischen Juden aufzUnehmen und ihnen die größten Freiheiten zu gewähren, konnte dennoch bis jetzt die Frage, was sie für die Emigration tun kann, nicht erörtern." — Auf die Frage, ob es wahr ist, daß die spu

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