Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die nachhoinerische Periode der hellenischen Kultur, das berühmte Zeitalter der Borsokratik, in dem die griechische Philosophie in ihrer jugendlichen Blüte prangte, und die sich an diese Kulturphiesis eng anschließende Periode zeichneten sich zu gleicher Zeit durch eine intensive Religiosität aus, die alle Schichten der hellenischen Bevölkerung mit ihrent Geiste dürchdrang. Abgesehen von dem iiberall verbreiteten Seelenknlt, der als das Erbe des vorhomerischen Ahnenkults ein festes Besitztum des hellenischen Volksglaubens bildete, übten das delphische Orakel und die Eleusinischen Mysterien, wo der Glaube an die Unsterblichkeit eifrig gepflegt und genährt wurde, einen mächtigen Einfluß auf die Geister ans. Der Kult des Dionysos, zuerst in Thrakien, in der Gegend Mittelgriechenländs entstanden, dehnte sich allmählich auf die ganze Oberfläche des Landes aus. Dieser Kult ist bereits von einem erhabenen religiösen Charakter getragen, und die weihevolle Mystik, die ihn umgibt, zeigt alle Anzeichen einer völlig ausgereiften Religion, die den innigsten Bedürfnissen eines religiösen Gemüts gerecht werden will. Nebst dem Glauben an eine Seelenwand'erung lehrt er bereits einen solchen an eine erlösende göttliche Gnade, die allein im Stande wäre, dse menschliche Seele von ihrer leiblichen Einkleidung für immer zu befreien und sie in die Nähe der Gottheit zu rücken. Als die geeigneten Mittel, die einen dazu befähigen können, sich der göttlichen Gnade würdig zu erweisen, lehrt er die Ekstasis und die Askesis. Letzteres, um die Leiblichkeit einem höheren Willen gefügig zu machen, erstere, um in gewissen Momenten des leiblichen Daseins die Seele in Berührung mit der Gottheit zu bringen. Diese erhabenen Lehren fanden jedoch in dein breiteren Schichten des hellenischen Volkstums nur einen schwachen Anklang. Sie drangen in das Innere der Volksseele nicht ein und gehörten zu den geistigen Besitztümern eines engen, auserlesenen Kreises. Der äußerliche Kult aber, wie wir ihn aus den Schilderungen hellenischer Schriftsteller kennen, mit seinem wilden Gebühren und grauenhaften Zeremonien, feierte fast überall seine Triumphe. Wie nun war der Glaube des hellenischen Volkes im allgemeinen beschaffen, wie dachte sich das Volk seine Beziehungen zu den Göttern, und welche Rolle wurde diesen Göttern im Treiben der i Menschen zugedacht? Ein flüchtiger Blick auf die griechische Tragödie und den sich darin offenbarenden Geist würde uns vielleicht einigen Aufschluß gewähren. Wir machen uns ein falsches Bild von den griechischen Tragikern,, wenn wir sie als eine Art Dichter ini modernen Sinne des Wortes auffassen und beurteilen. Dichter in unserem modernen Sinne, die keine andere Aufgabe im Leben haben, als dem Zuge ihrer Phantasie zu folgen, und an die man keine anderen Anforderungen stellt, als gewisse ästhetische Normen zii wahren, — solche Dichter kannte die Kultur der Antike .überhaupt nicht. Der Goethe'sche Satz: „Ich singe, wie der Vogel singt", bringt bereits diese moderne Auffassung vom Wesen des Künstlers zum Ausdruck, und er würde auf die Verhältnisse der antiken Kultur schlecht passen. Der Dichter der Antike war mehr als bloßer Künstler, wie wir ihn heutzutage verstehen. Man erwartete von ihm Belehrung und Unterweisung. Er stand der Religion sehr nahe, aber auch die Philosophie war ihm nicht fremd,, wie denn überhaupt in der Antike religiöse, philosophische und künstlerische Gedankengänge und Gefühlsäußerungen sich "unaufhörlich ineinander schlangen. Wir müssen uns eher dieser! griechischen Tragiker als einen jener Weisen denken, die auf dem Boden der antiken Kultur so heimisch waren, und die mit der Art und Prägung der jüdischen Propheten eine gewisse Analogie aufweisen. Was lehren uns nun die Schöpfungen dieser hellenischen Propheten? Irgendwo in der Weilt gibt es über alle menschlichen Verhältnisse erhabene göttliche Mächte, die vor allenr durch eine sie besonders kennzeichnende Eigenschaft sich von dem großen Haufen der Menschen unterscheiden — die Unsterblichkeit. Die Götter verfolgen ihre eigenen, den sterblichen Menschen ebenso fremde wie unbegreifliche Ztvecke, und diese Sterblichen sind nur dazu da, unr als Werkzeuge der göttlichen Pläne zu dienen. Alles Leid und alles Unheil der Erdensöhne geht die Götter nicht iin geringsten an. Wohl kommt es inal vor, daß sie einen aus der Menge herausgreifen, ihn mit ihrer Huld überschütten. Allein diese Gunst ist ein purer Zufall, eine Herrscherkaprice, ein Launenanfall, der blind zugreift, und der ebenso gut diesen wie jeden anderem auch treffen könnte. Dem inenschlichen Treiben stehen die Götter fremd und teilnahmslos gegenüber. Vergebens suchen wir bei den griechischen Tragikern nach einer jener leidenschaftlichen Anklagen, die dem Munde der jüdischen Propheten entschlüpften. Was helfen Klagen? Die Götter sind ja taub und stumm, sobald menschliche Verhältnisse in Frage fontmen. Daß die hellenischen Götter trotzdem ursprünglich als idealisierte Menschen konzipiert wurden, daß sich in den hellenischen Göttern bloß das griechische Ideal von einen: menschlichen Wesen widerspiegelte, ist gewiß tvahr, ändert aber nichts an der ganzen Sache. Es waren gewiß idealisierte Menschen, diese prächtigen Göttergestalten, aber mit allem Egoismus und aller Rücksichtslosigkeit einer herrschenden Kaste ausgestattet, die sich einem inferioren Troß gegenübersieht. Gewiß haben wir es hier nicht mit einer Form des Aberglaubens zu tun. Diese Götter sind keineswegs von der Art jener nraliziösen Geister, die immer darauf bedacht sind, die Menschen mit ihren kleinlichen Schikanen zu plagen. Sie verfolgen bloß ihre eigenen Zwecke, ohne dabei den Menschen Rechnung zu tragen. Sie sind nicht antimoralisch, sie sind bloß anwralisch. Sie sind sub specie naturae gedacht, die sich um Gut und Bös nicht kümmert. Die ganze Gemütsveranlaguug des vorsokratischen Hellenen ging dahin, den Menschen als einen Spezialfall der äußeren Natur zu betrachten. Zwar herrscht in der Welt eine eherne Gesetzmäßigkeit, vor der es kein Entrinnen gibt, und die den Schein einer waltenden .Vernunft annimmt; aber > kann denn diese blinde Gesetzmäßigkeit dem menschliche!! Geiste etwas mehr als Zufall bedeuten? Kommt es denn nicht auf das Gleiche heraus, wenn ich behaupte, es gebe keinen Zufall, oder wenn ich sage, alles fei Zufall? Ist denn nicht im Grunde Zufall alles, was nicht aus meinem Selbstbetvußtsein auch selbsttätig hervorgeht, sodaß, wenn ich mein Selbst in eine blinde Natürlichkeit auflöfe, diese ganze Gesetzmäßigkeit ihren vernünftigen Sinn verliert? Der Mensch ist also etwas ganz Zufälliges, und danach sind auch die Götter: Sie sind.personifizierte diaturgewalten, und da gilt kein Auflehnen. Die Frömmigkeit kann einzig und allein darin bestehen, sich in das Schicksal zu ergeben, und das lehren uns auch die griechischen Tragiker. Eine derartige Auffassung der Religion war der wissenschaftlichen und philosophischen Forschung ungemein günstig. In diesem Ilmstande erblicken wir nämlich den einzigen Grund, warum in der hellenischen Antike Religion und Philosophie friedlich nebeneinander leben und gedeihen konnten, ohne sich je gegenseitig zu stören. Nicht an dem Fehlen einer geschlossenen priesterlichen Kaste konnte es liegen, wie viele Forscher behaupten. Denn erstens gab cs eine priesterliche Kaste im alten Griechenland, wie das delphische Orakel es zur Genüge beweist, und zweitens müßte doch gerade darin die Frage bestehen: Weshalb denn konnte es im alten Hellas zu einer mächtigen Priesterkaste nicht kommen, während fast überall in den antiken Gemeinschaften, in Egypten, in Indien, in den semitischen Ländern, sich derartige Kasten gebildet haben? Unseres Erachtens steht dies in einem engen Zusammenhänge mit der oben von uns berührten Indifferenz der hellenischen Götter in Bezug auf die Schicksale und den Lebenswandel des Einzelnen. Die Priesterkaffe konnte unmöglich eine entscheidende Macht erringen, sobald die durch sie vertretene Religion ihr nicht den Schlüssel zum menschlichen .Herzen in die Hände spielte. * Sahen die Hellenen den Menschen und seine Götter sub spsoiae naturae, so dachten sich die alten Hebräer jede Manifestation der organi-. scheu Natur sub speciae vitae. Ihnen war jedes Leben als solches geheiligt, und die Gottheit war der Quellpunkt alles Lebens überhaupt. Nun liegt es einmal in der Natur des Lebens, daß es einen allgemeinen Kern in einer ganz bestimmten, ausschließlichen Gestalt zum Ausdruck bringt. Jedes Leben offenbart sich in einer durchaus bestimmten, individuellen Einheit. Es besitzt die Fähigkeit, sich voll und ganz auf einen Punkt zu konzentrieren. Als eine derartige Einheit.mußte den alten Hebräern, wie jedem Menschen einer antiken Gemeinschaft überhaupt, zunächst der StamM erscheinen. Wurde die Gottheit als der Ursprung des Lebens gedacht, so ntußte sie zunächst.als Urheber dieser bestimmten Einheit, als Erzeuger dieses Stammes erscheinen. Alle Glieder des Stammes sind durch das Band des Blutes unauflöslich miteinander verknüpft. Ein Leben ist es, das durch den ganzen Stamm geht, und jedes Glied des Stanrmes stellt nur eine bestimmte Manifestation dieses Lebens dar. .Als Oberhaupt des Stammes gehört die Gottheit ganz demselben an, wie auch umgekehrt der Stamm in einem engen Verwandt schaftsverhältnis mit der Gottheit sich befindet. Daher das Moment der Wahl, welches für das Verständnis der jüdischen Geschichte von ausschlaggebender Bedeutung ist, denn eine Wahl büwutek nichts anderes als eine individuell bestimmte Beziehung. Aber nicht nur das .Volk, sorwern auch die Stätte, an der die Gottheit zu erscheinen pflegt, ist gnserlesen und genau bestimmt: 8er Berg Zion ist mein Berg, und die Stadt Jerusalem ist meine Stadt. Der ganze Stamm als eine einzige Person gedacht, von einem Leben durchseelt und einem Verlangen durchdrungen, mit der Gottheit durch die Bande der innigsten Verwandtschaft verknüpft, dieses Bild tritt uns in der Bibel auf jedem Schritt entgegen. Fast jede beliebige Stelle in der Bibel legt imvon ein beredtes Zeugnis ab. Man