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Neue jüdische Presse · 1913-01-31 · Heft 5 (31.1.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Haujst die Erhaltung -des Judentums in der Diaspora möglich war und ist. In dem' Augenblicke, wo der deutsche Jude als Jude sich von dem ausländischen als verschieden ansieht, 'wo die jüd. Gemeinden eines Landes die aus einem' anderen eingewanderten jüdischen Brüder nicht als Voll- Wertige, gleichberechtigte Mitglieder ansehön, ist der erste Schritt zur Vernichtung des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins getan, der erste Schritt zur Sprengung des Bandes, das uns iwch allein zusammenhält. Es gibt keine Tat im jüdischen Leben der Gegenwart, die ein größeres Verbrechen gegen die Erhaltung des Judentums darstellt, als dieser Versuch, die ausländischen Juden in ihren Rechten als Gemeindemitglieder zu beschränken. Und wenn tmr dies sagen, so sehen wir von allen Momenten der Gerechtigkeit und Humanität, die diesen Versuch aufs schärfste verdammen lassen, ab; wir denken einzig und allein an dieses erste und wichtigste, an drese erste faktische Sprengung des jüdischen Gemeinschastsbandes, die durch eine solche Tat vollzogen würde. Und wenn man mm, nachdem man die Bedeutung einer solchen Aktion erkannt hat, nach den Ursachen forscht, die sie. hervorgerufen haben, dann wird die Empörung iwch größer. Man kann das Nichtigste, das einzige Motiv eigentlich, selbst raten.- Denn alle, Handlungen und Aktionen der. heutigen Assimilation entspringen alles in allem zwei Momenten: Das eine ist die Rücksichtnahme auf die Nichtjuden, das andere die auf die — Zionisten. Es ist dies für die innere Hohlheit der Assimilation sehr bezeichnend. Unfähig, aus sich selbst heraus, um ihrer selbst willen, etwas zu .Listen, ist ihr ganzes Tun und Handeln nur von der Rücksicht auf ihre Feinde veranlaßt und diktiert: auf. ihre äußeren — die Antisemiten/ auf ihre inneren — die Zionisten. Und da das erste Motiv bei dieser Frage wohl nicht in Betracht kommen kann, bleibt so nur das zweite übrig. Und in der Tat ist cs so. Zionistenfurcht und nichts anderes ist Vs, was diese ganze Aktion veranlaßt hat. „Daß die ausländischen' Juden ans den östlichen Ländern vielfach den besonderen jüdisch-nationalen Tendenzm des Zionismus huldigen" — so schreibt eilt jüdisches Blatt — dies kann ihnen die Assimilation nicht verleihen, dies läßt sie ihr minderwertiger erscheinen, deshalb sollen sie entrichtet werden. Man will seinen Augen nicht trauen, wenn nmn es liest. Wir verstehen sehr wohl, daß die Assimilation im Kampf um ihre Existenz zu allen möglichen Mitteln greift, daß sie trotz ihres Liberalismus. so reaktionär und autokratisch austritt rvie selten eine Partei, daß sie durch Gewalt mrd Rücksichtslosigkeit oft das zu ersetzen sucht, was ihr" an innerer Kraft abgeht, all dies läßt sich noch bereifen, wenn auch keinesfalls entschuldigen. Aber daß man -es Kampfes gegen die nationale Bewegung wegen die Hand zu legen wagt an die heiligste Grundlage unserer Existenz, dies läßt auf einen Tiefstand jüdischer Empfindens schließen, der einfach grauenerregend ist. Und wenn man dann noch behaupten kann, daß Prinzipien in dieser Märzen Sache gar .nicht in Betracht .kommen, daß es sich vielmehr nur um eine rein praktische Frage handelt, dann ist dies ein erneuter trauriger Beweis dafür, wie sehr bereits die Gistsaat der rein opportunischen Denkweise in allen jüdischen Fragen in manchen Kreisen der deutschen Judenheit aufgegangen ist und in wie hohem Maße die Negation jeglichen Prinzipes, das heißt aber die absolute . Charakterlosigkeit, zum Charakteristikum der jüdischen Politik dieser Kreise geworden ist. Einzig und allein das Prinzip kommt hier in Frage; mag sei», daß manche praktischen Mißstände sich aus dem Vorhandensein einer zu großen Anzahl von ausländischen, meist armen, Gemeindemitgliedern ergeben, aber welche Rolle können solche rein praktischen Nachteile, spielen, wo es sich um die Grundlage unserer Einheit, unserer Existenz handelt, um das Prinzip aller Prinzipien des jüd. Lebens, das besagt: Die territoriale Zugehörigkeft eines Juden kann Hm niemals auch nur ein Jota seiner Gleichberechtigung als Jude in allen Ländern 8er Welt rauben. - Glücklicherweise ist der traurige Versuch, an diesem Prinzipe zu rütteln, bisher mißlungen. Aber man würde sich täuschen, wollte man nun die Sache für erledigt halten. Die Assimilation wird Frankfurter Israelitisches Familienblatt. sich nicht mit dem Mißerfolg zufrieden geben, und wartet nur auf eine Gelegenheit, ihre Absichten, dürchzusetzen. Deswegen gilt es, schon jetzt sich vorzusehen. Jeder deutsche Jude, der noch einen Funken von Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem gesinnten Judentum besitzt — und dies ist die erdrückende Majorität — muß bei jeder Gelegenheit fest und entschlossen die Versuche, die ausländischen Gemeindemitglieder zu entrechten, zurückweisen und denk Assimilationsklüngel zu verstehen geben, daß die deutsche Judenheit in ihrem weitaus größten Teile noch weit entserüt ist von seinen aus die Vernichtung des Judentums hinauslaufenden Bestrebungen, sondern fest und unbeirrt an dem alten Prinzip festhält, das die Basis unserer Existenz bildet, an dem Prinzip von der inneren -Gemeinschaft und unbedingten Einheit des gesamten Judentums in allen Ländern der Welt. Brief aus der Türkei. Jetzt sangen auch die intelligenteren Türken an, cinzusehen, daß wir Juden dem Ottomanentum am treuesten ergeben sind. So schreibt in der Smyrnaer türkischen Zeitung ein bekannter Publizist: „Beim Einzüge der griechischen Armee in Saloniki waren alle Stadtviertel mit griechischen Fahnen geschmückt. Es sah aus, als hätte man seit Hunderten von Jahren die Ankunft der Griechen gewünscht. Die Muselmänner, die größten Patrioten, hißten die griechischen Fahnen. Nur die Juden machten eine Ausnahme. Ich betrachte es als eine Pflicht meines Gewissens, diese Tatsache festzuhalten. Unter allen Elementen, die sich über den Sturz Salonikis betrübten, waren es die Juden, die ihr Bedauern am lebhaftesten ausgedrückt haben. . ." Wie man sich in Saloniki bemüht, freundliche Beziehungen zwischen Griechen mrd Juden herbeizusühren, kann man sich von folgenden! überzeugen: Der „Pester Lloyd" hatte ain 20. Dez. die antisemitischen Tendenzen der Saloniker griechischen Autoritäten gebrandmarkt. Herr Kleon Hadji Lazaro, Direktor der „Banquc d?Atene" in Saloniki, ließ in derselben Zeitung. eine lange Antwort veröffentlichen, in der er gegen die den griechischen Behörden zugeschriebenen antisemitischen Tendenzen protestiert, die seitens der griechischen Regierung gezeigten Zeichen von Wohlwollen hervorhebt und von der Gründung eines Komitees für die griechischjüdische Annäherung spricht. Unter anderem schreibt er auch: „Die Untersuchung wegen der Vergiftung griechischer Soldaten durch — wie behauptet wurde — Juden hat bewiesen, daß es eine Alkoholvergiftung war. Noch vor dem Schlüsse der Untersuchung hatte jedoch der Kronprinz den Befehl gegeben, daß die ganze Sache im geheimen gehalten werde, um für den Fall, daß sich der Verdacht verwirkliche, eine antisemitische Aufrührung zu vermeiden." Nach einer .gezwungenen Ferienzeit von fast fünf Monaten öffnen die Saloniker Gemeindeschulen wieder ihre Tore. Bisher waren fast alle jüdischen Schulen von den griechischen und bulgarischen Soldaten besetzt. Lange wurden Proteste eingereicht, bis nmn den tausenden jüdischen Kindern ihre Bildungsquellen wiedergab. Jämmerlich sehen natürlich diese Bildungsanstalten jetzt aus. Denn das meiste Inventar ist unbrauchbar geworden. Bei der pekuniären Lage der Gemeinde muß man sich mit Besorgnis ftagen, woher die Mittel für die Wiederherstellung dieser Anstalten genoftrmen werden sollen. Alan darf auch nicht vergessen, daß seit mehr als drei Monaten kein Schulgeld gezahlt worden und gegenwärtig ein Inkasso unmöglich ist. Der Gemeindevorstand wandte sich an die „Jea" und den „Hilfsverein der deutschen Juden". Die „Jca" antwortete, daß sie zufolge ihrer Statuten nichts tun könne; vom Hilfsverein kam noch keine Antwort. Es ist zu wünschen, daß der Hilfsverein die Bitte der Gemeinde erhöre und unter seinen Schutz den Talmud-Tora-Hogodol, der fast 1500 Schüler zählt, auftrehme. Die gefangenen jüdischen ottomanischen Soldaten werden befteit. Aus Duratzo wurden 13 jüd. Gefangene nach hier gebracht und dank der Bemühung Rabbi Jakob Me'irs befteit und nach Hause geschickt. Auch aus Belgrad meldet der Saloniker Gemeindedelegierte, daß alle jüd Gefangenen befteit werden. Auch die bulgarische Kanzlei teilte dem..Großrabbiner mit, daß die jüd. Gefangenen ' . . Nr. 5 in Bulgarien krach Hause zürückkehren können, — aber, auf ihreKosten,-dn.die -Regierung -„für.. diese Zwecke keine Mittel -besitzt"-- Die griechische Regierung überreichte Rabbi Melr Quartierbillets bis zur griechischen Grenze für die Jschtiper Flüchtlinge. Josua Kantorowitz. Brief aus Rutzlar»-. - Wie verlautet, will der Bild'nngsnnnister Kasso verfügen, daß die Lehrer an denpribätcn jüdischen GYmuasien — Christen sein müssen. Dieser wütende Judenhasser -scheint wahrhaftig nichts anderes zu tun zu haben, als darüber nachzugrübeln, wie er. die Juden peinigen kann.' Aber auch bei den anderen Ministern scheinen die Schikanierung und die Bedrückung der Juden die Hauptsorgen ihres Amtes zu sein. So hatte der Minister des Innern bei der Synode angefragt, ob dieJüden das Recht haben, christliche V o r n a m e n zu führen. Die Synode hat jetzt geantwortet, und die Antwort lautet, solche Vornamen seien den Juden nicht nur nicht erlaubt, sondern sie seien, wenn Juden sie führen, sogar eine Lästerung und Beleidigung der christlichen Religion. Auch der Sport, die Juden .auszuweisen ilnd damit ihre Existenz zu-vernichten, wird ungestört weiter getrieben. So hat nmn jetzt in,Petersburg die Aufenthaltsbestinkmungen für die Juden verschärft und dann auf Grund dieser verschärften Bestimmungen die Papiere der Juden revidiert und Hunderte von Familien nach dem sogenannten .Ansiedlungsrayon ausgewiesen. Ein eigenartiger Kampf, der nur in Rußland möglich ist, wird zwischen den! Kiewer Gcneralgouverneur Trepow und dem W'olhyner Gouverneur Melnikow geführt. Trepow hat nämlich befohlen, daß die Austreibungen der Juden aufhören sollen, — doch sein Untergebener Melnikow sieht nicht darauf und weist lustig weiter aus. Dieser Tage hat Trepow den unbotmäßigen Gouverneur wissen lassen, ' daß er während der Winterzeit keine Ausweisungen haben wlll. Ob aber Melnikow gehorchen wird, da er sich doch mit den Ausweisungen in Petersburg beliebt macht? Die Organisation des HMswerks 1» den Balkanlöudern. Bericht Wer die Zeit vom 10. bis .19. Januar 1913. Oesterreich. Freitag morgen trafen Dr. Nathan und El kan Adler in Wien zusammen. Unmittelbar darauf hatten die Herren eine eingehende Unterredung mit den Herren der Wiener Allianz, bei der in Bezug auf das Hilfswerk für die Opfer des Balkankrieges und unsere Informationsreise nach den Notstandsgebieten eine vollständige Uebereinstimmung erzielt wurde. Dr. Kahn traf später in Wien ein. Er war über Brüssel gefahren, um mit dem Vorsitzenden unserer Union des Associations JsraÄites, Franz Philippson, die finanzielle Lage und Einzelheiten der Berichterstattung und Sammlung des Materials zu besprechen. Serbien. Sonntag reisten wir Wer Budapest nach Belgrad. Wir trafen gegen 11 Uhr abends dort ein, hatten aber trotz der späten Stunde noch eine kurze vorbereitende Besprechung mit dem Rabbiner Dr. Alcalay, der uns am Bahnhof erwartet hatte. Die Konferenz wurde am anderen Tage, fortgesetzt. Dr. Alcalay, ein äußerst verständiger, für unsere Zwecke sehr eifriger Herr, schilderte uns ausführlich und detailliert die Lage der Juden in Serbien und in den von den Serben besetzten Gebieten. In Serbien leben etwa 7500 Juden. Verhältnismäßig sind sehr viele Juden eingezogen worden, aus Belgrads wo unter 92 000 Einwohnern 5600 Juden leben, allein 670. Sehr viele davon sind bei der Miliz, sie sind also nicht direkt auf den Kriegsschauplatz entsandt worden. Schabads (30—35 000 Einwohner), Inden 250 Seelen, 35 Soldaten, Pirott (30000 Einwohners, 350.Juden, 32—35 Soldaten, Pozarewats (25 000 Einwohner), Juden 150—200 Seelen, jüdische Soldaten 30. Diese Stadt hat insolge des Krieges von Belgrad her verhältnismäßig die meiste Unterstützung hWen müssen. Seskowats (20000 Einwohner), 150—200 Juden, 20 jüdische Soldaten. Vereinzelte jüdische Familien in Kruschewats, Jagodina, Waljewo, Saidschar. Die von Serbien eroberten Städte, in denen Juden/ wohnen sind folgende: Novibaz ar (6—7000 Einwohner), 40—50 jüdische Familien, vor dem Krieg viel durch Arnauten gelitten/ im Kriege nicht. Prischtina (15—20 000 Einwohner), _ 60 jüdische Familien, vor dem Krieg ebenfalls unter Ar- ' nauten sehr gelitten, im Krieg nicht. K u m a n o w o (10 000 Einwohner), 10 jüdische Familien, nicht gelitten, bei Knmanowo blutige Schlacht. In Sjanitza und Ferisowitsch ca. 5 bis 6 jüdische Familien. In Mitrowitza etwa 10, nirgends Juden geschädigt.

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