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Neue jüdische Presse · 1913-01-31 · Heft 5 (31.1.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jampel, Schwedt a. O. In meiner vorhergehenden Ausführung iit Nr. 3 dieses Blattes habe ich darauf hingewiesen, wie sehr die Jndenheit dem modernen wissenschaftlichen Rassenantisemiiisnms verzweifelt und hoffnungslos gegcnübersteht, ohne zu dem Mittel zu greifen, das zur Vernichtungswaffe gegen diesen Antisemitismus geradezu wie geschaffen ist. Der geschätzte Leser hat wohl gleich gemerkt, um welche Waffen es sich hier handelt, trotzdem ich diese Sache nur angedeutet, aber nicht beim Namen genannt habej Es handelt sich um die seit mehreren Dezennien zutage geförderten Keilschriftdenkmäler, die in den Ruinen Babylons und Assyriens in Hunderttausenden von Exemplaren gefunden wurden und in den Museen aller Kulturvölker aufbewahrt sind. Hier wird der geschätzte Leser entsetzt i einwenden: Sollen wir denn etwa bei der Jnschriftenwissenschaft, welche einem Delitzsch die vernichtendsten Waffen gegen die jüdische Religion geliefert hat, Hilfe suchen gegen die antisemitische! Rassenlehre? Hätten denn die Gefahren, die Delitzsch Ms-Grund der keilschriftlichen Literatur heraufbeschworen hat, dem Judentum nicht weit verhängnisvoller werden können, als die semitenfeindliche Rassenlehre? Daß aber der Schrecken des panbabylonischen Gewitters; noch keinesfalls gewichen ist, zeigen die jüngsten Vorträge und -Schriften Delitzschs mehr als deutlich. Und wenn auch in dem Vorgehen eines.Delitzsch viel Falsches und Willkürliches nachgewiesen wurde, so muß doch die Keilschriftwissenschaft, so wird der gesch. Leser argumentieren, sehr zweifelhafter Natur sein, wenn sio z!u solchen Zerstörungs- und Verheernngswerken das Materialliefert. /Diesem Einwurfe begegnet man allenthalben, so oft man auf die Jnschristenliteratur sich zu berufen wagt. Da nun dieser Einwand gegen die Verwertung der Keilschriftliteratur ein sehr alltäglicher und allgemein kolportierter ist, so verdient er zweifellos eine nähere Prüfung. Ganz besonders aber müssen wir auf diese ehrlich gemeinte Entgegnung eingehen, insofern wir fest davon überzeugt sind, daß die in den inschristlichen Denkmälern zutagetretende imposante Kultur der alten Babylonier dem heutigen Judentunl das einzige Mittel bietet, demRassenantisemitismus beizukommen. Die finsteren Wolken, die die, in erster Linie gegen den Semitismus gerichtete Rassenlehre, am Horizont der Religions- und Geschichtswissenschaft zusammenballt, können, wie wir bereits in der ersten Ausführung gezeigt haben, lediglich von dem grellen Sonnenstrahl, der von den Ruinen Babels zu uns herüberleuchtet, gründlich verscheucht werden. Nur die überwältigende Größe jener genialen Urahnen Israels an den Ufern des Euphrat und Tigris ganz allein vermag es, die berauschende Dialektik der rassenfeindlichen „Wissenschaft" zum Verstummen zu .bringen, weil man es hier mit einwandfreien Zeugen originell semitischer Geistesgröße aus einer frühen Zeit, in der selbst die allerältesten arischen Kulturvölker noch nicht einmal auf die Bildfläche der Geschichte' getreten sind, zu tun hat. Diese Ueberzeugung, daß das Judentum in seinem bitteren Kampfe gegen den Rassenantisemitismus künftighin nur zu dem semitisch-babylonischen Altertum wird zurückschauen müssen, macht es uns hier zur Pflicht, die Grundlosigkeit des allgemein zu vernehmenden Einwurfes, daß die Keilschriften, die einem Delitzsch so viel vernichtendes Material gegen das Judentum geliefert haben, schon von vornherein in Mißkredit geraten sind, klipp und klar nachzuweisen. Wir erreichen dies auf dem kürzesten Weg, wenn wir dafür einen Vergleich anführen. Es ist wohl jedein Leser bekannt, daß außer der Rassenlehre und der keilschristlichen Literatur auch noch eine dritte Wissenschaft dazu benützt wird, um das Judentum herabzusetzen, nämlich die moderne kritische Bibelforschun g. Die Ergebnisse dieser sog. radikalen Bibelkritik diskreditieren das alte Israel und die biblische Religion dermaßen, daß der heutige Ju.de, der diese wissenschaftlichen Resultate akzeptiert, sich fast.schämt, der Nachkomme jenes biblischen Israels zu sein. Nun ist es aber auch bekannt, daß diese für das Judentum so sehr degradierenden Ergebnisse der neuön biblischen Religionswissenschaft nur einer gewissen extremen Richkmg, die an die Namen Wellhausen, Stade, Duhm, Marti, Budde usw. geknüpft ist, entstammen, während ihnen eine bedeutende! Anzahl namhafter Bibelforscher gegenübersteht, die dem alten Israel und der biblischen Religion Gerechtigkeit widerfahren zu lassen bestrebt ist, ja die sogar die erstgenannte Gruppe heftig bekämpft. Fragt man hier nun nach dem eigentlichen Grundmerkmal, wodurch diese beiden Richtungen sich voneinander unterscheiden, so erfährt man, daß der wesentliche Charakter der Wellhausenschen Schule darin besteht, daß sie für die Erforschung des israelitischen Altertums und der biblischen Religion lediglich das biblische Schrifttum verwertet, wogegen ihre Gegner, die Verteidiger der positiven Richtung in der israelitischen Religionswissenschaft, stets die allgemeine orientalische, außerisraelitische religiöse Literatur zum Vergleich heranziehen.. Wohlgemerkt also, die Erforschung der biblischen Religion, die sich lediglich auf die biblischen Quellen beschränkt, zeitigt Resultate wie diejenigen Well Hausens, während die vergleichende Religionswissenschaft, die auch außerisraelitische Quellen heranzieht, zu den entgegengesetzten, günstigen Ergebnissen gelangt. Wenn wir nun hier dieselbe unlogische Schlußfolgerung, wie sie betreffs der Keilschriften angewandt wird, gelten lassen wollten, so müßte man auch die biblischen Schriften, die einem Wellhausen und einem Stade als Hauptmaterial für ihr Zerstörungswerk dienen, als sehr anrüchig bezeichnen. Ist aber jeder normaldenkende Mensch überzeugt, daß man die Bibel nicht für das verantwortlich machen darf, was Wellhausen aus ihr gefolgert yar, so sind auch die altbabylonischen Kulturdenkmäler nicht für Delitzsch verantwortlich zu machen. Jede Materie, je feiner ihre Qualität, desto leichter kann die Hand des Meisters sie verschiedentlich verwerten. So wenig also das Judentum vor der Bibel zurückbebt, weil die radikalen Vertreter ihrer Wissenschaft sie als Vernichtungs- Werkzeug gegen die jüdische Religion benützen, ebensowenig darf, man die ursemitische Literatur deswegen zurückweisen, weil Delitzsch sie gegen die Bibel ausgespielt hat. Vielmehr wird d a s I u d e ntum lernen müssen, seinen ureigensten Grund und Boden nicht lediglich v on fremden H änden bearbeitet zu sehen Ein solches Eigentum Israels sind aber auch die Keilschriftdenkmäler, Israels Erbgüter von seinen leiblichen babyloni» schen Vorfahren, aus deren Mitte Ab» rahain hervorgegangen ist. Aus Le» Ereignisse» des Tages. Ein Attentat auf die Einheit des Judentums.— Deen währen Charakter eines Einzelnen wie. einer Gesamtheit erkennt man richtig stets ,im Kampsc. Die träge, dumpfe Atmosphäre bequemer. Ruhe und fauler Untätigkeit besitzt immer, zu all ihren übrigen Nachteilen auch den noch, sich wie ein Uebel auf alle in ihr Wohnenden zu lagern und ihren Zügen Bersc^vommenheit mtb Unklarheit zu verleihen. Erst wenn diese Atmosphäre durchbrochen ist und harter, scharfer Kamps herrscht, da treten die Züge der einzelnen deutlich hervor» und man erkennt nun den Gegner klar und deutlich. Diese alte Erfahrung erleidet wieder ein«! glänzende Bestätigung an der Geschichte derjüd. Assimilation in Deutschland. Solange die■ deutsche Judenheit in Apathie und völliger Passivität dahinlebte und kein Mensch die Assimilation in ihrer Ruhe störte, war man außerstande, den ganzen unjüdischen und unwürdigen Charakter derselben zu erkennen. Erst als die nationale Bewegung einsetzte und den Kampf gegen die Assimilation entfesselte, erst als diese in ihren sicherst«!«' Burgen sich nicht mehr sicher fühlen konnte und» so zur Verteidigung übergehen mußte, erst dabegann sie sich in ihrem unverfälschten Wesen zu enthüllen und nach und nach ihr ungeschminktes Antlitz zu offenbaren. Alle Welt konnte nun erkennen, wie es mit ihrem jüdischen Geiste bestellt war, von dem sie doch stets sprach, und wie es. mit ihrer liberalen Gesinnung stand, auf die sie doch so stolz war. All dies sind Dinge, die bereüs so allbekannt sind, daß ihre besondere Erwähnung gar nicht mehr not tut. In allerletzter Zeit beginnt aber die Assimilation die Larve, die sie zum Teil. noch trägt, etwas mehr zu lüften und eine Seite ihres Charakters zju zeigen,, die bisher noch nicht, von allen so deutlich erkannt worden ist. Was viele als die gefährlichste Folge der Assimilationstendenz stets voraussahen und befürchteten, das macht sich bereits nicht nur in Stimmungen und Aeußerungen, sondern schon in Taten und positiven Aktionen bemerkbar: Der Verlust des inneren Gemeinschaftsbewußtseins mit der jüdischen Gesamtheit. Und die Angelegenheit, bei der dieser Verlust in Erscheinung tritt, ist die Ausländersrage. Es ist unseren Lesern schon bekannt, daß gerade in letzter Zeit in einigen jüd. Gemeinden — besonders in Rheinland-Westfalen — von liberalassimilatorischer Seite versucht worden ist, den ausländischen Gemeindemitgliedern das Wahlrecht zju entziehen. Der Versuch ist bisher fast überall mißlungen. Aber die Tatsache, daß er unternommen werden konnte, ja, daß die ganze Frage überhaupt in Erwägung gezogen wurde und in der jüdischen Presse Deutschlands lebhaft debattiert werden kann, ist ein Symptom, das in grauenhafte Abgründe schauen läßt. Denn was sich hier zeigt, ist nichts weniger als der Versuch, ander elementarsten Grundlage des jüdi» schen Volkes, an der ersten Voraussetzung seiner Existenz bis zum heutigen Tage die Axt anzulegen. Das Bewußter» von der unbedingten Zusammengehörigkeit aller Juden, von der unbedingten Gleichberechtigung aller Juden als Juden war die Basis, aus der über»

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