Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Großbritannien. London. In der Monatssitzung der Board o f Deputies berichtete der Vorsitzende, Alexander, über Las von dem Board gemeinsam mit deni Jüd.- Engl. Verein an die Friedenskonferenz gerichtete Memorandum, in dem jür die Juden der Balkanländcr die Gleichberechtigung gefordert wird. Der Sekretär der Friedenskonferenz habe erwidert, das; die Friedenskonferenz im geeigneten Momente auch diese Frage behandeln werde. Der Vorsitzende teilte ferner mit, daß die Board sich wegen der In den frage in Rumänien an die Großmächte geivandt habe. Zum Schluß wurde die Paßsragc in R u s; land besprochen. Scbag Montcfiore schlug hierbei Protestversammlnngcn gegen die jüdischen Parlamentsmitglieder vor, da sie in dieser Angelegenheit »och. nichts getan haben. Der Vorsitzende versprach Behandlung der Frage in der jüd.-parlament. Kommission und Berichterstattung in der nächsten Sitzung. Frankreich. Parts. Ja feiner Sitzung am 8. Januar hat das Zcntral-Komitee der Alliance Jsraälitc Universelle für folgende Zwecke Beihilfen bewilligt: 1. Francs 10000 an das Komitee in Sofia zur Unterstützung der bulgarisch-jüdischen Familien, die durch den Balkankrieg gelitten haben. 2. Francs 8000 zugunsten der nach Saloniki geflüchteten jsraeliüschen Familien. 3. Francs 2000 für die holländischen Gre-nz-Komitees, die den russischen Aus-.und Rückwanderern Hilfe leisten. 4. Francs 800 an den Hilfsverein für krank« russische Israeliten in Königsberg i. Pr. Für die Opfer der Cholera hat das Zentral-Komitee nach Liberias den Bettag von Francs 2000, nach Safcd Francs 1000 angewiesen. Schweiz. Zürich. Auch in der Schweiz j blüht das gesetzestreu-traditionelle > Judentum aus.' Das zeigt die Entwicklung des Hereins zur Förderung des gesetzestrenen Judentums in der Schweiz?' der heute 410 Mitglieder zählt; das zeigt aber auch die Tatsache, daß die gcsetzestreuen jüdischen Akademiker in der Schweiz heute so zahlreich! sind, daß sie sich wie dieser Tage geschehen, zu einem Bunde vereinigen konnten. Personalien «. Kleine Mitteilungen. verN«. Die Finanzkommission der Korporation der Kaufmannschaft wählte Kommerzienrat Adolf Moser zum Vorsitzenden und Albert Heilmaun zum stellvertretenden Vorsitzenden. — Julius Geballe und Frau Amalie erhielten anläßlich der goldenen Hochzctt die Ehejubilänmsmedaille. Jnstizrat Dr. Loewenscld erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse und Landtagsabgeordneter Geh. Justizrat Cassel den Kronenordcn -3. Klasse. München. Nach Wochen schweren Leidens verschied ain 12. Januar Bankier Lothar Feuchtwangcr. Wer nur einigermaßen mit den Verhältnissen des Judentums in München wie in ganz Deutschland vertraut ist, dem dürfte der Name des Verewigten nicht fremd sein. Aus streng gesetzestteuem Hause hervorgegangen, war er besttebt, die ererbten Grundsätze nicht nur im eignen Hause, sondern aady in der Gemeinde wie in der Allgemeinheit zur Geltung zu bringen. Als langjähriges Vorstandsmitglied der orthodoxen Gemeinde Münchens, war er in unermüdlicher Weife für deren Bestrebungen tättg; besonders die finanziellen Angelegenheiten der Gemeinde waren es, die er in mustergültiger Weise verwaltete. Aber sein Sinn für Wohltätigkeit war weit und breit bekannt^ und kein Bittsteller verließ unbefriedigt seine Schwelle. Wie großen Ansehens sich! der Verlebte erfreute, das bewies die Beerdigung, stkeben den zahlreichen Familiengliedern, welche von Nah und Fern herbeigeeilt waren, erwiesen ihm so viele Begleiter die letzte Ehre, daß die Fried Hofs Halle dieselben kaum zu fassen vermochte. Auf Wunsch des Verlebten unterblieb jeglicher Nachruf, — eine Bescheidenheit, welche in unserer Zeit leider - so selten zu tteffen ist, München. Anläßlich des Neujahrsfestes erhielten auch folgende Juden Auszeichnungen: Wavenhausbesitzer Oskar Tietz in Berlin erhielt den Verdienstorden vom hl. Michael mit der Krone, Benno. Klopfer in Augsburg und Heinrich Rosengart in München den Titel Kommerzienrat und Dr. med. Engen Doernberger in München den Titel H o f r a t. Mannheim. Mit der im 64. Jahre verschiedenen Frau 'Berta Hirsch hat die Mannheimer Gesellschaft eine ihrer bedeutendsten Persönlichkeiten verloren. In ihrem Hause konzentrierte sichdas geistige Leben der Stadt. Doch wichtiger und sie verewigend war ihr soziales Wirken. Der Verein der kaufmännischen weiblichen Angestellten, die Handelskurse für Mädchen, der Verein für Volksbildung nsw. wissen auf jeder Seite ihrer Geschichte von Berta Hirschs Arbeit zu erzählen. Und erst die als Bernhard Kohn-Stistung von ihr geschaffene Frankfurter Israelitisches Famikienblatt. Voltslesehalle; — sie ist vielen Tausenden arbeitsamer Menschen , und Schulkindern zum Segen geworden! Mannheim. LaadgerichtSrat Dr. Siegsr. Bodenhcimcr, Notar Dr. Rudolf Carlebach, Rechtsanwalt Dr. Alb. Dührenheimer und Julius Oppenheimer erhielten anläßlich, des 100jährigen Bestehens der Ordens vom Zähringer Löwen das Ritterkreuz!.. Klasse. Hctdetderg. Rechtsanwalt Albert Neuburger erhielt das Ritterkreuz 1. Klasse des Zähringcr Löwenordens und Stadtrat Max Liebhold das Ritterkreuz 2. Klasse des gleichen Ordens. , Kaiserslautern. Bezirksarzt Dr. Moritz Kühn erhielt den Charakter als Medizinalrat: Elberfeld. Durch die Bemühungen des Herrn Albert Wehl steht die Errichtung eines jüdischen Altersh e i m vor der Verwirklichung. Gaiungen. Äczirtsalle,ier und Direktor des israelit. Krankenhauses Dr. med. C. Hellbraun erhielt das Ritterkreuz 2. Klasse mit Eichenlaub vom Orden vom Zähringer Löwen: Aus dem Rodga«. Bor Kurzem verstarb in Weistirchcn Frau jEv a Meyer geb. Selig im 74. Lebensjahr.; sic war eine csches chajil in des Wortes schönster Bedeutung. Allgemein geachtet und geehrt bei allen Konsessioncn und wohltätig im Stillen empfing sie Jedermann b'sewer ponim josos. Wohl über 40 Jahre war sic die Inhaberin des „Darmstädter Hofes" daselbst, den sic auch nach dem Tode ihres Mannes weitcrführte. Ihr fromnier Sinn, ihr ttenes Schalten und Walten wird allen, die näher mit ihr in 'Berührung kamen, unvergeßlich! bleiben. — Ein guter Teil jüd. Chronik des Rodgaues ist mit ihr zu Grabe getragen worden. — Bor einigen Tagen starb ganz plötzliche Frau Lina Rein Harb t geb. Stiefel in Jügesheim in der Blüte ihrer Lebensjahren mit Hinterlassung von vier Kinderchen. Die Bestattung /gestaltete sich zu einer großen Trauerkundgebung. Mögen der Gatte und die greisen Eltern Trost finden, Mühlhausen Thüringen). „Kauft nicht bet Juden" so kann man seit einigen Tagen aitf kleinen, steuerstempelgroßen Marken in weißer Schrift ans rotem Untergrund lesen. Diese merkwürdigen Denkzettel, über deren Herkunft bis jetzt nichts verlautet, die aber auf ihre durchsichtigen ftrhebcr ein bezeichnendes Licht werfen, lveun nicht grober Unfug vorliegen sollte, sind derart zahlreich vertreten, daß fast jede Hausecke an den belebten Sttatzen und mancher Laternen- und Straßenbahnmast einen solchen an tu die Attgen fallender Stelle trägt. r Lffenbach a. SR. Fabrikant Louis greift mann wurde zum Präsidenten der hiesigen Handelskammer gewählt/ (1-.) Posen. Bei der Repräsentantenwahl der jüd. Gemeinde ist die Kompromißliste der Orthodoxen und Liberalen durchgegangen; diese lautete: Salomon Bcrgel, Abraham Neumark, Hermann Wollheim l., David Peltesohn, Hugo Brodnitz, Kommerzienrat R. Hamburger, Salomo Friedeuthal (Repräsentanten), N. Banmgardt, M. Brock, I. Ney mann, S. Oelsner und L. B l e i st e i u (Repräsentanten - Stellvertreter). Posen. Die Mühlenb-uerftau A.bertine Schöner, geb. Dozcwiecki, aus Rogasen, wohnte daselbst bei dem Kaufmann Abraham Loszynski. Beide hatten einen Zivilprozeß um zehn Mark. Ms der klägerische Hausivirt sich ans das Zeugnis seines Dienstmädchens M i ch, alina Kluczyuska berief, wandte sich, die Beklagte au die Zeugin, mit deni Ersuchen, doch zu ihren Gunsten vor Gericht anszusagen, denn „es handle sich ja nur um einen Juden." Unter Hinweis ans die Zehn Gebote, die für alle Gültigkeit hätten, lehnte das Mädchen dieses Ansinnen ab. Nachdem sie Ncujahr 1912 eine Dienststelle in Hamburg angenommen hatte, erhielt sie von Frau Schöner einen Brief, in dein diese unter gröblichen Beschimpfungen der Juden das bereits abgelehnte Ansinnen wiederholte. Das Mädchen schickte diesen Brief an ihren früheren Dienstherru und die Folge war die Verurteilung der Frau Schöner zu X Jahr 3 Monate Zuchthaus.^ \h.) Hoheusalza.. Stadtverordneter Hendelsohn feierte in seiner Eigenschaft als Stadtverordneter fein 25jähriges Jubiläum. Das Louis Marcus'sche Ehepaar beging die goldene Hochzeit. / Königsberg. Rechtsanwalt Robert Cohn ist zum Notar ernannt worden. Pinne. Der Oberpräsident der Provinz Posen, Herr D. Dr. S ch w a r tz k o p f f, hat der hiesigen jüdischen Gemeinde zum Neubau ihrer baufällig gewordenen Synagoge eine Beihilfe von 5000 Mark gewährt. Budapest. Leopold Hirsch, Direktor der Franklin- Gesellschaft, ist unter Verleihung des Prädikates Oermenyesi in den Adelsstand erhoben worden. — Adolf Loewe, Zenttaldirektor der Bergwerksunternehmungen der Eskompte-- und Wechslerbank, erhielt den Titel Geheimer Rat und Baronin Böla Hatvauy-Deutsch in Anerkennung ihrer philanthropischen Verdienste den Erzsöbet-Orden 2. Klasse. Budapest. In L u n k a s (Biharer Komitatj wiegelte der Dorfrichter Johann Triff die Bauern gegen die Juden und besonders gegen den Juden Hermann Weiß auf, weil dieser ihn bei einer Hvlzvcrstcigerung überboteu hatte. Die Bauern machten mit Dreschflegeln, Aexten nsw. einen Angriff aus Weiß' Büro, dieser floh mtt noch! zwei Juden auf die Lokomotive der Industriebahn, die in der Eile entgleiste und die drei Juden schwer verletzte. Die Gendarmerie stellte die Ruhe wieder her und verhaftete mehrere Bauern. — Nr. 3. In Debrezin brach der zwölfjährige Lehrjnngcl Ernst Hirsch als er zur Abkürzung eines Weges! die zngeftorcnc Theiß überschritt ein und ertrank.! Er hätte gerettet werden können, denn einige Arbeiter! waren in der Nähe; sie meinten aber: „Es ist ja! nur ein Judcnjunge; er soll zugrunde gehen!" _ , Prag. ' Der Kaiser hat dem Großindusttiellen Rat Robert Fuchs den A d e l s st a u d verliehen. Fuchs ist Repräsentant der jüdische» Gemeinde und betätigt sich leitend in verschiedenen jüdischen Vereinen. Paris. Moses Picciotta, der Sohn eines jüd. Kaufmanns in Alexandrien, wurde wegen hervorragender Bravour vor dein Feind in Marokko zum Leutnant befördert und mit dem Verdien stkreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet. Paris. Oberinspekror a. D. Jules Lax, der Erbauer der Eisenbahn durch die Pyrenäen, ist zum Gr o floss i zier ver Ehrenlegion ernannt worden. Rotterdam. Hier verschied im 69. Leoensjahrc I. Fern res j r., Mitglied des Gemcinderats und Börstcher der jüdisch» Gemeinde: London. In Edinburgh verschied im 72. Lebensjahre Maurice I s a a c s, Präsident der jüdische» Gemeinde, ehemaliger Präsident der Kaufmannschaft und Friedensrichter. Rew-Bork. Richter Mayer Salzberger erhielt von dem Amerikanischen Jüdischen Komitee, dessen Gründer er ist, anläßlich seines Rücktritts von der Präsidentschaft dieser angesehenen Organisation einen Ehrenbecher mit Widmung. — Jen nie Bleyer, die am 1. Dezember in St. Louis starb, hinterließ 100 000 Dollar für jüdische Wohlsahrtsiustitntionen. — D r. Charles Z h i t l o w s k y, der Herausgeber der literarischen Jargon -Monatsschift „Das neue Leben", feierte sein 25jährigesSchriftstellerjubilänm. Zhitlowsky, der 1863 in Witebsk (Rußland) geboren wurde, ist radikaler Sozialist, steht aber auf jüdischnationalem Boden. 1897 erschien von ihm „Gedanken über die historische Mission des Judeninms." Aus der Lehrerwett. Breslau. Rabbiner Dr. Immanuel Deutsch, stellvertretender Rabbiner und ftellvcrttctender Religionsschul-Dirigent in der hiesigen Gemeinde, ist — 6(1 Jahre alt — plötzlich, verschiede u. Der Heimgegangene wurde in Sohra» als Sohn Rabbiners David Deutscheines hervorragenden Talmudisten, geboren. Seine' Ausbildung genoß er bei seinem Vater und im hiesigen Rabbtnerseminar. Von 1875—97 war er Rabbiner in Sohrau, von da bis 1900 Stiftsrabbiner in Lissa und 1900 wurde er nach hier berufen. Er war eine sympathische Persönlichkeit und erfreute sich mit Recht großer Wertschätzung. «remka bei Gönmgen. Die Regierung hat die hiesige jüdische Lehrer stelle aufgehoben. Die Zahl der jüdischen Familien hat sich so vermindert, daß diese die Schnllasten, ohne großen Schaden zu leiden, nicht erschwingen können. Während unser Ort vor 40 Jahren noch von etlva 30 jüdischen Familien bewohnt war, sind zur Zeit nur noch deren 5 vorhanden, von denen demnächst auch iwch eine unseren Ort verläßt. Damals war hier der Pferde- und Rindviehhandel so im Gauge, wie länni in einer niittleren Stadt. Und nun verläßt der letzte Biehändler unseren Ort. Wie». In der ersten diesjährigen öffentlichen Sitzung des K u l t u s v o r st a n d e s brachte Präsident Dr. Alfred Stern auch die Rabbiner fr age zur Sprache. Er führte ans: „Wir werden der Rabbinersiagc die größte Aufmerksamkeit zuwendeu müssen, denn wir müssen alles aufbieten, daß in dem Gemeindetempel Leopoldstadt bis spätestens znm kommenden Pesachfeste der zu wählende Rabbiner sein Amt antrete. Bei der Auswahl der für diesen Posten zu bernsenden Persönlichkeit werden wir mit der größten Peinlichkett darauf bedacht sein müssen, daß durch diese Wahl nicht Streit und Zwist in die Reihen unsercr jGcmeindemitglieder getragen werden, denn cs ist unsere erste und oberste Pflicht, von unserer Gemeinde jene Zwistigkeiten fernzuhalten, wie sie anderwärts, namentlich! jetzt in Deutschland, bedauerlicherweise bestehen." Rew-Aork. Die Nachricht, daß Dr. D r a ch m a n voraussichtlich Chiesrabbi von Großbritannien wird, ist hier mit großem Interesse ausgenommen worden, denn Dr. Drachman ersieut sich hohen Ansehens. lieber Dr. Drachmans Lebenslauf ist folgendes zu berichten: Er wurde 1861 in Versetz City geboren, besuchte die Columbia-Universität, das Breslauer Rabbinerseminar und promovierte in Heidelberg zum Doktor. 1886—1910 war er hier Rabbiner der „Sichron Jakob"- Gemeinde, die unter seiner Führung eine der leitenden orthodoxen Gemeinden Newyorks geworden ist. Er äst Mitbegründer und gewesener Dozent des Jiid.-Theolog. Seminar. Aus de« Vereinen. Berlin. Neuer Jüdischer Gemeindeverein. Die von der Bezirksgruppe Schönhauser-Vorstadt eingerichtete» Borträge, die in der von der Jüdischen Gemeinde zur Verfügung gestellten Aula, Rhkestt. 53, stattsinden und von Rabb. Dr. Petuchowski, Dr. Eschelbach er, Dr. Königsberger und Dr. Bergmann gehalten werden, wurden gestern durch einen äußerst anregenden Bortrag des Herrn Dr. Eschelbacher über den Talmud eingeleitet.