Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Aber diesetraurige Einsicht, die sich ihr-immer zwingender cmfdrängt, hat andererseits auch ihre gute Seite. Sie wird die russische Judenheit immer energischer auf die Bahn weisen, die für sie die allein gangbare ist: die Bahn der inneren Arbeit iinHnteresse ihres Judentums. Je mehr'sie die Aussichtslosigkeit aller äußeren politischen Anstrengung erkennt, um so mehr wird sie all ihre Energie ans die Hebung ihres inneren jüdischen Lebens '.verwenden und weiterhin auf die Arbeit .Zur -Lösung der Judenfrage außerhalb Rußlands. Insofern kann diese Isoliertheit und diese traurige Lage der russischen Juden nur gut wirken: Sie wird eine Zersplitterung ihrer Kräfte verhindern und all ihre Energie auf das eine Ziel konzentrieren: Lösung 'der Jndennot im Sinne der nationalen Idee. I Griechische Zivilisation. Am 29. Dezember verirrte sich in Saloniki ein griechisches Kind, die geäugstigten Eltern machten sich auf die Suche, und da man sich jetzt unter dem Szepter Griechenlands weiß, so war gleich ein griechischer Pöbelhaufen da, der einen Juden packte und als Uebeltäter unter wildem Geschrei zur Polizei schleppte. Glücklicherweise fand sich das Kind ... Nach der hiesigen Presse hat sich der gleiche Vorgang am 29. Dezember auch noch in anderen Stadtvierteln abgespielt, ohne daß die Behörden gegen die Unruhestifter Maßregeln ergriffen. Doch wozu auch? Sind diese Vorfälle bedeutender als die. nächtlichen Einbrüche in jüdische Geschäfte seitens Angehöriger der glorreichen griechischen Armee? Die „Untersuchung" in Sachen der Ermordung zweier angesehener jüdischer Bürger ivird fortgesetzt. Wohl sitzen sechs Personen hinter Schloß und Riegel, aber ein greifbares Reftiltat liegt noch nicht vor. In Athen hat mau freilich schon einen Tag nach dem Mord — 25. Dezember — gewußt, wer die Mörder seien! Ter „Chronos von Athen" brächte an diesem Tage unter der Ueberschrift „Israeliten ermorden ihre Glaubensgenossen in Saloniki" eine Depesche, nach der es sich um einen Racheakt gehandelt hätte. — Selbstredend ist. das Schwindel. Das Saloniker Pressebüro hat „im Interesse der öffentlichen Meinung Europas" folgenden Bericht herausgegeben: „Seine Eminenz der Gros bbiner hat bei seinem Besuche Seiner Hoheit der, Prinzen Nikolas, militärischen Gouverneurs von Saloniki und Umgebung, u. a. erklärt, daß die Leichenfeier am Donnerstag nicht den Charakter einer demonstrativen Manifestation, wie cs gewisse jungtürkische Organe behaupten, hatte.' Uebrigens ist der Mord nicht anders als ein Fall, tvie er in einer Großstadt vorkommt. Der Großrabbiner hat jede Behauptung, daß der Mord aus politischen Ursachen begangen ist, -als ausgeschlossen erklärt und ihn dem Zusammenkommen von unordentlichen Elementen in Saloniki zugeschrieben. Was aber die Schließung der jüdischen Geschäftshäuser anbctrifft, so geschah dies nur, um die Trauer der Gemeinde, die zwei ausgezeichnete Mitglieder verlor, auszudrücken. So wurden auch vor sieben Jahren, als ein Haus eingefallen war und unter seinen Trümmern eine jüdische Familie begrub, alle jüdischen Geschäftshäuser geschlossen. Der Großrabbiner dankte dem Prinzen für die energische Tätigkeit der Behörden, um die Mörder zu finden." Diesem Berichte steht das Gemachte deutlich ausgeschrieben. I. Kantorowitz. Brief aus Palästina. Das jüdische Winzersyndikat hat im abgelaufenen Jahre seine gesamteProduktion verkauft. Es konnte der Jca (Pewish Colonisation Association) von seiner Schuld 350,000 Frs. zurückzahlen, trotzdem die Subventionierung der Jca aufgehört hat. Auf seiner jüngst stattgehabten GeneralversaMmlung faßte das Winzersyndikat u. a. folgenden Beschluß: Bewilligung von 108,000 Frs. zur Erbauung einer Chaussee von Rechoboth nach Ri-- schon le-Zion und von 40,000. Frs. zur Er¬ Frankfurter Israelitisches Fämilienblatt. Seite 3 bauung einer Str"aße von Rischon le-Ziou bis an die CH aussee Jaffa-Jerusalem. Es ist nicht die erste Chaussee in Palästina, die. die Juden «erbauen. Man muß sich vergegenwärtigen, daß -unsere Kolonisten, abgesehen von den Zehntsteuern, die sie siir ihre Weinpflanzungen zu entrichten habe::, noch eine besondere Weinsteuer im Betrage von 120,000 Frs. bezahlen müssen, die überdies im laufenden Jahre auf 135,000 Frs. erhöht wurde, außer der Kriegszulage von 7000 Frs., die das Syndikat ebenfalls in diesem Jahre zu zahlen hatte. Das heißt mit anderen Worten: Der Kolonist, der eine Rebenpflanzung hat, muß doppelt Steuern entrichten, zuerst für die Trauben in, natura.und dann für die Verarbeitung der Trauben zu Wein. Diese doppelte Besteuerung trifft natürlich sowohl die jüdischen als auch die deutschen Bauern sehr hart, und cs ist klar, daß bei einem so drückenden Steuersystem, die Weinpflanzung eingeschränkt bleiben muh. Ganz anders wäre es natürlich, wenn sich die Regierung zu einer vernünftigen Steuerreform entschließen wollte. Sie würde dabei auch mehr Einnahmen erzielen, da dann immer größere» jetzt brachliegende oder äußerst extensiv bewirtschaftete Flächen einer rationellen intensiven Kultur erschlossen würden. Daß das Syndikat trotz all diesen mißlichen Zuständen sich so günstig entwickelt hat, ist, nicht zum geringsten Teil das Verdienst seines Leiters, Z. G l u s k i n. Die Jca hat dies auch durch Ueberreichung einer Gratifikation im Betrage von 5000 Frs. anerkannt. Herr Gluskin hat diesen Betrag der Anglo-Palestine-Company mit der Maßgabe überwiesen, daß er samt den Zinsen für eine jüdisch-kulturelle Jnstitutioll verwendet werde. — In der meist von spaniolischen Juden aus Bulgarien bewohnten Kolonie Artus sind wissenschaftliche Kurse für die Landarbeiter sowie eine neue dreiklassige Kolonieschule errichtet worden. M. ,M. Ussischkin, der Vorsitzende des Odessaer Koniitees der Chowewe Zion, besuchte anläßlich seiner Anwesenheit in Jerusalem das hebräische Gymnasium. Er erklärte sich im Namen des Odessaer Komitees zur Gewährung folgender Beiträge beyeit: 1. Gehalt des Leiters der Schule; 2. Miete für das Schulgebäude. Sollte sich die Notwendigkeit ergeben, einen Herrn für einige Zeit ins Ausland zu entsenden, um Propaganda für die Anstalt zu machen, so würde sich das Odessaer Komitee auch an den hierftir erforderlichen Ausgaben mit einem namhaften Betrag beteiligen. Herr Ussischkin hat auch für das von Dr. Marschak geleitete „Chadar Thorah" 1200 Frs. Und ftir das B e t h - A m 1000 Frs. bewilligt. Aus eigenen Mitteln' hat er dem „Greifen- Heim" 1300 Frs. gespendet. Ferner veranstaltete er eine allgemeine Besprechung der Lage Jerusalems, an der sich Vertreter der verschiedÄlsten Richtungen der jüdischen Bevölkerung beteiligten. Aus aller Mett. Deutsches «eich. Berlin. Der Delegiertentag des Verbandes der Sabbatfreunde beschloß, daß die Delegiertentage von nun ab nur alle zwei Jahre stattsinden. Ferner beschloß er die Verbreitung eines Flugblattes „Die Richtlinien und der Sabbat." Zur Ueberwcisung an die Kommission nahm er folgende Anträge an: „Der Verband der Sabbatfreunde soll an alle jüdischen Gemeinden wirkungsvolle Plakate senden, die in den Synagogen, Restaurationen usw. aufgehängt werden sollen und worin darauf hingewiesen wird: a) daß Stellensnchende sich stets kostenlos an die Israelitische Stellenvermittlungs-Zentrale in Frankfurt am Main wenden können. b) daß die Chefs bei Vakanzen der Israelitischen Stellenvermittlungs-Zentrale Kenntnis geben sollen." „In Anbetracht der Tatsache, daß das Agenturgeschäft auch bei Heiligung des Sabbat gute Chancen bietet, erscheint die Schaffung einer Zentralstelle, die kaufmännisch gut ausgebildeten Personen Vertretungen nachznweisen vermag, dringend geboten. Der Delegiertentag möge die Schaffung einer solchen Informationsstelle für Vertretungen beschließen.^ Berlin. Dr. Paul Nathan -Berlin, Elkan Adler-London und Dr. Bernhard Kahn-Berlin — als Vertreter der humanitären jüdischen Organisationen — sind auf der Reise nach« den Notstandsgebieten des Orients' in Belgrad eingetroffen. Soweit die Delegation bisher feststelleu konnte, behandeln die serbische Regierung und die Militärbehörden die Inden in den eroberten Gebieten human. Durch Vermittlung Rabbiners Alkalay in Belgrad ist es erreicht, daß die türkischen Gefangenen jüdischen Glaubens wahrscheinlich freigelassen und in die Heimat znrückbesördert werden. Die Delegation begibt sich von Belgrad nach Sofia. Hannover. Der erste Jahrgang landwirtschaftlich auSgcbitdeter junger Juden geht jetzt vonr Lehrgnt Steinhorst ab. Die junge» Leute kommen resp. kamen alle gut unter, auf bäuerlichen Betrieben und großen Gütern, und sie bewähre» sich in ihren Stellmrgen. ßkegenwärtig steht die Simon'schc Stiftung zu Hminover, die in der Hauptsache das Lehrgnt Steinhorst unterhält, i» Verhandlungen wegen Ankanfs einer größeren Landfläche in einer der besten Gegenden der Provinz Hannover; dort sollen in Stein- Horst und Ahlem AiiSgebitdete, nachdem sie noch einige Jahre in privaten «tellinigon tätig gewesen sind, sich selbständig machen können. Da zu in Frühjahr der älteste Jahrgang nuferer Stcinhorster Lehrlinge' ansgelernt haben wird, werden 1913 ans dem Lehrgnt Steinhorst wieder eine Anzahl Plätze frei. Junge Leute, die Neigung und Begabung fiir den landwirtschaftlichen Beruf besitzen, finden in Steinhorst eine musterhaft ansgestattete Lehrwirtschaft, aber auch eine gute, gesunde allgemeine Erziehung und Fortbildung. Die Lehrzeit dauert drei Jahre. Wegen der Bedingungen im einzelnen erteilt Auskunft: die Alexander und Fanny Simon'schc Stiftung, Hansahans, Hannover. Kö'n o. Rh. Die „Kölnische Zeitung", bekanntlich ein offiziöses Organ des deutschen Auswärtigen Amtes, bringt einen sehr sympathischen Artikel über die jüdische Kolonisation in Palästina. Der Artikel schließt wie folgt: „Die tvirtschastlichcu Interessen der deutschen Kolonie» Palästinas können in vielen Beziehungen mit denen der jüdischen als gleichlanfend bezeichnet werden. Die allgemeine Besserung der Zustände, die durch die jüdische Kolonisation beschleunigt wird, insbesondere die Stärkung der persönlichen Sicherheit und die Einführung geordneter Rechtsverhältnisse, ist für die deutschen Kolonien von größtem Wert: Die Türkei hat von . der jüdischen Siedlung zweifellos nur Vorteile zu erwarten. Mit jüdischem Kapital wird ein durch viele Jahrhunderte vernachlässigtes Land zu neuer Blüte gebracht, inmitten der unruhigen arabischen Bevölkerung schafft ein seßhaftes, arbeitsames Element Ruhe inid Ordnung, hebt die Sicherheit und Steuerkraft des Landes und schlägt eine für den Welthandel wichtige Brücke zwischen Orient und Okzident." Oesterreich-Ungar». Budapest. In diesem Jah,e ist die statutarisch borge» schriebene Sitzung des Hunderter-Komitees (Landesrepräsentant) weggeblieben, trotzdem sogar Frankfurt sehnsüchtig auf den Beschluß des Hunderter- Komitees wartet. Statt dessen fand vorige Woche die Sitzung des engeren Komitees statt. Die Debatte drehte sich hauptsächlich um die Sütoraljaujhelyer Rabbiuerwahl, bei welchem Thema es zu einem derartigen Konflikte kam, daß der Präses davonging!. Munkäcs soll stark gedroht haben, nach einer Version sogar mit der Unterstützung der Unionbewegnngk Die Agndafrage wurde in entschieden negativem Sinne erledigt: Man l^ßt zwar nach Frankfurt berichten, daß man erst den Beschluß der Hmiderter abwarte; tatsächlich. aber ist die Agnda schrm fiir trefe erklärt, und .man verbietet im Geheimen jede Tätigkeit für die Agnda. Man hat diesen Standpunkt übrigens schon im Sommer unter sich festgestellt, hat aber Frankfurt mit Versprechungen getäuscht, um äit verhindern, daß sich die Zentrale in Ungarn mit anderen Kreisen in Verbindung fetze. „Ungarl. Jüd. Ztg." Budapest. Ueber die ungarische Judenheit liegen folgende statistische Zahlen — vor: Nach der. letzten Volkszählung vom Jahre 1910 befinden sich in Ungarn — mit Ausschluß von Kroatien und Slavonien — 911175 Juden (5°/o der Gesamtbevölkerung) gegen 831162 im Jahre I960. Die ungarische Judenheit verfügte im Jahre 1911 über 563 Mnttergemeinden und 1808 Filialgemeinden. an denen 416 Rabbiner und 1324 Rabbinerslellvertreter amtierten. In demselben Jahre wurden 7590 jüdische Ehen geschlossen, von denen 395 (5,21%) Mischehen sind. Die Zahl der jüdischen Geburten betrug 24 735. Taufen ließen sich im Laufe des Jahres 1911 473 Juden, wogegen 113 Christen zum Judentum übertraton. Seit 189o ließen sich — nach dem Statistischen Jahrbuch — 6915 Juden taufen. In Wirklichkeit ist die Zahl der Taufen jedoch viel höher, da diejenigen Austritt aus dem Judentum, deren Anmeldung beim zuständigen Rabbinat — entgegen den gefehlten Bestimmungen — unterbleibt, von der Statistik incht erfaßt werden: Was die Beschäftigung der Juden anbelangt, so find sie außer im Handel zumeist in den wissenschaftlichen und freien Berufen tätig. So find sie unter den Privatgelehrtsn und Schriftstellern mit 17,9o/o, unter den Journalisten mit 39,6%, unter den Künstlern mit 20% und unter den Schm», fpielern mit 20,1% vertreten.