Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692819-2692822--07425-2702505
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3. A-rankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5 " Jin Rameic des Zentratvorstaiides des Neue» Jüdische» Genceindevereiiis begrüßte Rechtsanwalt Dr. Klee die (lxschienencn und dankte den Herren, diesich frenndlichst dem Verein bei seiner Arbeit, für die Erhaltung des Judentums zu wirken, zur Verfügung gestellthaben. L u d - w i g B e h r sprach im Namen der Bezirksgruppe. Rabb. Dr. Königsbergcr wird am 29. Januar, 12., 19. und 26. Februar über „Das Gebet" sprechen, Rabb.Dr. Bergmann am 12. und 26. März über „Die Erbanungsbücher der Väter", Rabb. Dr. Petnchawski wird Vorträge aus der Mischna halten. Der Zutritt steht jedem erwachsenen Juden frei. Der nächste Vortrag findet am 16. Januar statt. Rabb. Dr. Eschelbachcr spricht über die „Hagadah im Talmud". . Der „Nene Jüdische Gcmcindeoercin" zählt jetzt etwa 1460 Mitglieder, hat 3 Bezirksgruppen, Schönhanser-Borstadt, Rosenthaler-Vorstadt und Nord-Ost. Die Begründung der Bezirksgruppe Lüden steht bevor. M. F. Horm»! School Bovano p.7. spraGheiMieMtzungen. Tel. 12428. Privat-Zirkel- und ElassenuDterricht. Besondere Zirbel fflr Damen besserer Kreise. Oeffentl. Probestnnden Mittwochs nm 11, 5, 7 u. 9 Uhr. Bor den Toren Prags. Historische Erzählung von A. E. Brachvogel. (Schlup.) „Wahrlich," rief Ferdinand III. in schlver verhehlter Bewegung aus, „Euer Glaube hat Euch geholfen!" Er wendete sich zu dem Erzbischof und Ade! ringsum: „Der Juden Religion muß gar nicht schlecht sein, Ihr Herren, wenn sie ihre Bekenner zu solchen Taten imd so schönen Grundsätzen führt! Es wäre wohl zu wünschen, unsere — christlichen Untertanen nähmen sich ein Beispiel daran! Es ist uns lvohl bekannt," sagte der Kaiser zu den Juden, ,„nnd durch seine Exzellenz den Marschall-Statthalter, wie dxn Grafen Czernin mhc berichtet worden, wie schwer Eure Opfer an Gut uüd Blut, loie zähe Euer Eifer, Prag zu erhalten, gewesen ist. Wenn Ihr auch um nichts bittet, so sind wir doch nicht gewillt. Euch gänzlich ohne Lohn und Gnade zu lassen! Rabbi Spira, der Du Deine Gemeinde geführt hast durch den Tod zum Siege, man soll Dich fortan Simon den Gerechten nennen und cs aus Dein Grab einst schreiben, wie Du treu gefunden worden bist um uns und Prag!" Er ergriff das große, rotseidenc Banner, das ihm Colloredo reichte. „Um Eurer großen Tapferkeit willen und zum Gedächtnis, wie die Juden unter dein Zeichen ihres Glaubens für das Hans' Habsburg, das Reich und diese Stadt gestritten haben, sei ihnen dieses Kriegsbauner in Ehren verliehen! Wir wollen es mit eigener Hand in Euer Heiligtum pflanzen, und dieser Tag soll Euch von mir und meinen Nachfolgern allen zum ehrenvollen Gedächtnis dienen!!" Der Kaiser entfaltete das schwere, seidene Fahnentuch, und alles Volk erblickte auf dessen rotem Grunde den goldenen Stern gestickt, unter den: die Juden gestritten hatten. An dem schmaleren Ende des Bannererglänzte das kaiserliche Wappen mit der Krone von Böhmen. Ein Jubel ohnegleichen brach ringsum aus. Jeglicher dachte jetzt wieder seiner Angst in der vertvichenen Zeit, und daß die Juden ihn doch von ihr befreit hatten. „Markus Spira! Nimm das Banner und trage es vor uns her in Euren Tempel! Hast Du unter seines Zeichens Kraft unsere Feinde geschlagen, lasse cs fnl Frieden nun auch vor uns wehen, zur Ehre dessen, der der Herr ist über alles!" Damit übergab Ferdinand III. Markus die Fahne. „Auch eine andere Gnade noch, — und sie geht Dich zunächst an, Joach Schamech, als Vorsteher hiesiger Gemeinde —, haben wir auf Antrag und Bitten des Grafen Czernin' den Juden gewährt, damit ihnen und den christlichen Bewohnern Prags Gelegenheit werde, in friedlichem Gewerbe und Verkehr mit einander zu hausen, ohne sich im Glauben zu hindern. Wir haben besagtem Grafen Czernin nämlich Vollmacht erteilt, zwischen Alt- und Neustadt von Prag einen Trödelmarkt für Juden und Christen aufzurichtett, in welchem die Bekenner beider Religionen volle Marktfreiheit und Recht haben sollen innerhalb seines Daches. Möge unser Herold es ganz Prag verkünden! . ... Nach der Judenstadt denn, Ihr Herren! Simon, schreite mit Deinem Sohne vorauf als Frstgeleite!" Die Trompeten und Heerpauken klangen, das Jauchzen des Volkes erfüllte die Luft. Markus führte zu Pferde das jüdische Kaiserbanncr vor der Majestät her, seinen Vater und Schamech an der Seite. Hinter dem Kaiser folgten Colloredo, Kinski,, Czernin und der gesamte Adel der Hauptstadt — in das enge, verräucherte, schmutzige Judenviertcl und in die halb unter der Erde gelegene Alt-Neu-Schnl-Synagogc, durch deren Dunkel jetzt ein Heer von festlichen Lampen glänzte. An der vorderen, gen Westen stehenden Säule ward der Baunerspeer aufgcrichtet und die riesige seidene Fahne mit dem jüdischen Zeichen und dem Kaiserwappcn über der Decke durch das ganze Schiff des Tempels gespannt, — so hängt es noch heute. Ais der Kaiser in den alten Ban entblößten Hauptes eintrat, erglühte, von der Morgensounc durchstrahlt, feurig der Stern beim Altäre. Staunend blieb Ferdinano III. stehen. „Wie wunderbar!" flüsterte er. „Tage mir, Simon, was es bedeutet, dancit ich die Kraft des Zeichens begreife, die cs für Euch hat!" „Es ist das alle Zeichen der Verheißung, Majestät," entgcgnele er, „das uns verliehen ist seit David und seit wir lernten, zuni einigen Vater alles Geschaffenen beten. Wie in ihm alle Ursache aus dem Unfaßbaren, Ewigen herniedcrsteigt in die irdische Welt der Dinge, so strebt als Wirkung alles, was da ist, in Sehnsucht zu ihm empor. Sein Name, sein Gesetz aber ist's, was die überirdische Welt ausfüllt gerade in alle Einigkeit so, ivie hienieden Kaiser und Volk die Gnade und Gerechtigkeit durchdriugen niüssen, wenn das Reich nicht untergehen soll!" „Ich danke Dir, Rabbi; daS ist eine sehr hohe Lehre! — - Dies Zeichen soll auch in meinem und meiner ~ Nachkommen Herzen stehen und nimmer verlöschen!" . . . * Der Tag der großen Ehrung Israels war vorbei. In Seligkeit verklärt hatte die geschmückte Esther den Mann ihrer Wahl als einen anderen Gideon vor dem Kaiser her in den Tempel ziehen sehen, aber auch nicht ein Wort kam über ihre Lippen, und als Markus sie in seine Arme schloß, hatte sie nur Küsse und stilles Seufzen. Ehe der Winter noch ins Land hereinbrach, stand sie mit ihm unter deni Trauhinrmel, und Täubchen Caro folgte mit Eli Ben Socheser ihrem Beispiel. Aber auch die höchste Wonne der Liebe und des Eheglücks, das sie mit Markus in ihrem Hause nun genoß, das seines geworden war» löste nicht ihre Zunge. Im nächsten Somnier genas Esther ihres ersten Kindes. Wie Sara es ihr in die Arme legte und flüsterte: „Es ist ein Knabe!" schrie Esther auf: „Ein Knabe! Ein Knabe! Ehre sei Gott, Dank, Preis und Anbetung!" Die Mutterwonne hatte mit Gewalt das Siegel von ihrem Munde genommen, ihr Kind hatte sie erlöst! Wie lange und beglückt die Familie Spira noch lebte, das wissen wir nicht, nur daß Rabbi Simon Spira, genannt der Gerechte, wie es auf seinem Grabstein heißt, iu demselben Jahre (1680) mit Markus, seinem Sohne, begraben wurde. Dort ruhen sie — und mutmaßlich auch Sara wie Esther —, bei einander, überdacht von blühendem Hollunder, umwuchert von Schöllkraut. Genau hundert Jahre später bestieg Joseph II., der Menschenfreund, den Thron, und ein Jahr später kam er nach Prag. Er betrat, wie sein Vorfahr, obwohl ohne solchen Prunk, das Ghetto, sah den Stern im alten Tempel glühen und die Fahne seines Ahnherrn an der Decke. Auch die stillen „Gräber besuchte er und ließ sich der Familie Spira Geschichte von ihrem Urenkel erzählen. Im Begriff, aus dem Tore des Ghetto zu treten, wendete er sich nach tiefem Sinnen zu seiner christlichen und jüdischen Begleitung um. „Wir befehlen, daß endlich der alte Gottesacker geschlossen sei, damit die Toten fortan unverrückt bleiben! Wir befehlen auch, daß diese Gatter und mit ihr alle Trennung zwischen Juden und Christen falle, sie in ganz Prag unter einander ohne Zwang und wie gute Menschen wohne», denn ein Schöpfer schuf uns alle! Zum Beweise dieses Unseres Willens soll dieser Stadtteils nicht mehr das Judenviertel, sondern Josephs- Stadt heißen!" Das war der Anlaß des berühmten Toleranzedikts Kaiser Joseph's II., das hie österreichischen Juden zu freien Leuten gemacht hat. Das war die letzte Folge der Heldentaten des Rabbi Simon Spira und seines Sohnes. Ende. AmBFIRBIliSGIIB PltS-D PiüCBIJBZ mC T™. Grosse Aaswahl in amerik. und deutscher Optik. J W. Albert, Etl» Nene Xaimerstr. u. Vi>mkra»Mlr.11. Eingesandt. Offener Brief au Te. Ehrwürdeu Herrn Distr. - Rabbiner R. R. Ew. Ehrivürdenk'- Anr Sabbat Schenians bestieg unser sehr verehrter Herr Vorstand die Kanzel, um ei ist Predigt betr. der Richtlinien zu verlesen. Die Predigt schloß mit ■ den Worten: „Sic sind, sehr geehrter Herr Vorstand, gebeten, dieses Schriftstück beim Morgcngebct des Sabbats der Gemeinde bekannt zu geben." In vorzüglicher Hochachtung! Xstadt, 23. 12. 12. Das Distriktsrabbinat: N. N. Distr.-Rabbincr. Nach Schluß der Predigt ließ ich mir das Manuskript geben und überzeugte mich, daß unsere Gemeinde nicht das Opfer einer Mystifikation gewesen ist. Sic haben wirklich den Vorstand mit Ihrem Vertrauen gcivürdigt, er möge von der Kanzel herab die Gemeinde belehren. Die Kanzel hat bisher nur der Belehrung durch Thorakundige gedient. In erster Linie natürlich ist sie für Ew. Ehrwürdeu bestimmt. Sie machen allerdings keinen Gebrauch davon. Ab und zu habe ich bcr besonderen Gelegenheiten der Geincinde Belehrungen, Ermahnungen, Schrifterläuterungcn im Sinne unserer Thora erteilt. Das letzte Mal benutzte ich die Kanzel am 22. Dez. d. I.. als ich in Ihrem Aufträge eine Gedächtnisrede weiland Sr. Kgl. Hoheit dem Prinzregenten Luitpold widmete. Sie waren wohl überzeugt, daß ich für diese Gedächtnisrede schon die richtigen Worte finde. Darf ich nun fragen, >vas zwischen dem 22. und 23. Dezember vorgefalleu ist'? Am 22. darf ich eine religiöse stimmungsvolle Wcihcpredigt halten, und schon am 23. des gleichen Monats finden Sie mich für unwürdig, meine Gemeinde betr. der „Richtlinien" zu belehren; ja, ich muß es über mich ergehen lassen, daß ich angesichts der Gemeinde in Ihrem Aufträge von dem Kultusvorstande belehrt werde. Wenn Sie die Verwunderung der Gemeinde und meine Bestürzung gesehen hätten! Vielleicht gehe ich mit meiner Verstimmung zu weit! Haben Sie die ganze Geschichte gar nicht so ernst gemeint, haben Sie überhaupt gar nicht an die Konsequenzen Ihres Vergehens gedacht? Ich habe auch das überlegt. Ja, wenn das zugesandte Schriftstück Ihre persönliche Arbeit wäre, ja, dann ja; dann »vürde ich sicher die ganze Sache mit einem Lächeln freundschaftlichen Berzeihens übergehen; ich würde sogar Mittel und Wege gefunden haben» die cingetretenen Wirkungen abznschwächen. Ich habe aber nicht Ihre Arbeit, sondern die Kollektivarbeit der bayerischen orthodoxen Rabbiner zcc würdigen, und ich habe daher ein wohl überlegtes Werk vor mir. So sind nun die Richtlinienpredigten von den Vorständen den Gemeinden verkündet worden. Hat sich jeder Rabbiner, auch überzeugt, ob da alle sehr verehrten Herren Vorstände die Freiheit besitzen, die stilistisch nicht einfache Predigt mir annähernd wirkungsvoll vorzutragen? Es ist sicher keine Zurücksetzung, wenn man dies allgemein bezweifelt. Predigen ist nicht der Beruf der Vorstände. Ihr Beruf liegt in der Gemeindcstube, bei verwaltungstechnischen oder verwaltnngszuständigen Dingen; die Kanzel ist kein Tätigkeitsfeld der Vorstände. Und in der Tat. — Die ganze Aktion ist in der Hauptsache wirkungslos verlaufen,der Seitenhieb auf den Lehrer blieb sitzen. Nun möchte ich zum Schluß meine Konsequenzen Mitteilen. ■ Ich bin für unwürdig befunden worden, meine Gemeinde zcc belehren. Ich darf das nicht achtlos hinnehmen. Ich will mit. logischer Koicsequenz Vorgehen. Ich darf also die Kanzel nicht mehr benützen. Dann bin ich auch unwürdig, allsabbatlich Schiur-Borträge zu halten. Das wird ja auch überflüssig sein. Ich - zweifle nicht daran, daß nächsten Sabbat der Gemeindevorstand oder der Chevrevorstand — wenn er Ihnen bekannt ist —, einen ausgearbeiteten Schiur-Bortrag in Händen hat und von> Ihnen beauftragt ist, ihn vorzulesen. Ich lehne natürlich auch für meine Person die lebendige Durchdringung der jedenfalls vorzüglichen Schiurvorlesnngcn ab. Sie kennen wohl den Unterschied zwischen direkter und indirekter Belehrung. Es ist mir durch dieses Borgehen das wirksamste Mittel zur religiösen Belehrung meiner Gemeindemitglieder genommen. Sie haben' mir somit meine Aufgabe als Lehrer und Erzieher unterbunden. Und erst die Wirkung auf meine Schulkircder! Ich muß mich ja erst von ihrem Vater belehren lassen! Herr Rabbiner, sehen Sie, wie Sie mit der unwürdigen Behandlung Ihrer Leher gewaltsam das Band des gegenseitigen Vertrauens zerreißen. Sie schaden nicht nur dem Lchrerstand, Sie schaden vielmehr allen Interessen einer religiösen Gemeindecrziehung, Sie entfremden sich Ihre hingebungsvollsten Freunde und Mitarbeiter und ernten weiter nichts — als ein stillvergnügtes Augurenlächeln, weil Sie eS den Lehrern wieder einmal besorgt haben. Mit vorzüglicher Hochachtung! A. B. C.-Lehrer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.