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Neue jüdische Presse · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Veite 2 ’Ji r o Diese ganze Argumentation hätte ihre Berechtigung, wenn diese Ausländer wirklich Slaven wären, die die Möglichkeit hätten, an ihren cigc- ' neu Universitäten zu studieren. Alle Welt weiß jedoch, daß es sich gar nicht um Slaven hcnrdelt und daß diejenigen, die mit diesem Worte operieren, nur eine Heuchelei begehen: hier handelt es sich um Inden, um russische Juden; die russischen Juden aber haben bekaimtlich keine „eigenen" Universitäten und die russischen sind ihnen versperrt. Was diese jüdischen Studenten nach dem Ausland treibt, ist nicht Laune oder Wanderlust, sondern bittere 9!ot,'und ihnen die deutschen Universitäten offen zu halten, ist nicht nur Pflicht der Gastfreundschaft — wie es allen andere,: ausländischen Studenten gcge,rüber ist —, sondern Pflicht der elementarsten Humanität. Es ist gewiß nmnches Berechtigte in den i Klagen der deutschen Studenten. Es ist gewiß richtig, daß sie unter dem starken Zudrang der ausländisch«: Studenten zu leiden haben, aber all diese egoistrschen Bedenken müssen ohne weiteres zurücktreten, wo es sich um solche heilige Pflichten der Humanität gegenüber unglücklichen Menschen hani; delt, die kein eigenes Land, keine eigene Heiinat besitzen. Und gerade die deutsche studentische Jugend, die doch für ideale Motive empfänglicher sein müßte als irgendwer sonst, dürste nicht ans rein egoistischen Motiven sich einer solchen Brutalität schuldig machen wollen; denn den jüdischen Studenten Rußlands die deutschen Universitäten zu schließen, wäre nicht anders als brutal zu nenne,:. Wer was bedeuten all diese Argumcnre. Es sind doch nur Juden, um die cs sich handelt. Also: Fort Menschenliebe und Idealismus, Jude,: gegenüber sind sie nicht vorhanden. Es kann gar kein Zweifel darüber herrschen: diese Strömung i gegen die ausländischen Studenten würde niemals ] diese Intensität und Stärke angeiwininen haben, 1. würde nieinals deutsche Studenten zu Streiks vcr- : führt haben, wenn es sich nicht um Juden hon-; delte. Wenige Ehrliche geben es zu, die mcistei: j aber wollen es bestreiten. Tatsache bleibt es doch! trotz aller Ableugnung. Die ganze Aktion, die setzt j eingesetzt hat, ist in erster Linie weder eine bc-! rechtigte Nonvchr der in ihren „vitalsten Interessen j geschädigten deutschen Studenten" — wie mit grotes-! ker Uebertreibung behauptet wird —, noch eine ver-! stündliche Verteidigung der deutschen Nation gegen! die „Zrwasion der Fremden", sondern vor allen:! ein Ausfluß antisemitischer Gesinnung, l Darüber sollte doch nun wahrhaftig kein Zweifel! mehr bestehen.! Damit aber ergibt sich für die deutsche Judenheit die unabweisbare Pflicht, j sich der ganzen Frage anzunehmen und 1 die Sache der jüdischen Studenten aus Rußland! zu der ihrigen zu machen. Nicht gegen Russen weni det sich die Bewegung, sonder,: gegen Juden, und jeder Jude, der ,wch einen Funken jüdischen Solidaritätsgefühls besitzt, dürste nicht eine Sekunde daran zweifeln, ob er diesen verfolgten Brüdern beispringen sollte oder nicht. Dem: die Sache beginnt um: ernst zu werden. Solange nur antisemitische Organe sich über diese „Invasion der Slaven" aufgeregt haben, war cs iwch nicht schlimm; selbst als die. Hallenser Kliniker mit ihrer Forderung auftraten, von den ausländischen Medizinern das Physikum zu fordern, war es auch noch nicht von Gefahr. Wenn auch das Physikum als Vorprüfung zum Staatsexamen von den ausländischen Studenten cigenllich nicht nach Recht und Billigkeit verlangt werden kann, so sprechen doch sehr viele gewichtige Gründe wieder dafür, und endlich, ein sehr großer Teil derselben fordert schon seit Jahren selbst die Zulassung zum Physikum. Nunmehr aber ist^die Angelegenheit in ein neues Stadium getreten. Die deutschen Professoren der medizinisch«: Faknltäten haben in Halle eine K o n f e r c n z abgchalten, und was da beschlossen wurde, das scheint auf eine mehr oder minder umfassende Sperrung der deutschen Universitäten für die jüdischen Studenten ans Rußland hinauszulaufen. Daß dies das lGte Ziel ist, dem die Bdajorität der deutschen Kliniker zustrebt, ist längst bekamck. Daß aber die deutschen Professoren sich ihnen nunmehr anschließen wolwn, ist etwas durchaus neues und verleiht erst 8er ganzen Bewegung ihre eigenlliche Bedeutung und Gefahr. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Diese Profesforen-Konferenz in Halle soll nämlich beschlossen haben, sich, an die russischen Behörden zu wenden und sie aufzuforddrn, den Juden die russischen Universitäten zu öffnen. Denn in Zukunft werde die Zulassung russischer Studenten zu den deutschen Universitäten sehr erschwert sein, da man von ihnen ein dem Physikum gleichwertiges, in Rußland bestandenes Exaincn fordern werde. Wenn man diesen Beschluß liest, schwantt man zwischen Lachen und Empörung. Ist es weltfremde Naivität oder politische Raffiniertheit? Die deutschen Professoren wollen die russischen Behörden ersuchen, den Juden die Universitäten zu öffnen. Und die russischen Behörden werden sich naturgemäß beeilen, dem Ersuchen der deutschen Professoren nachzukommen. Wäre dies der ganze Beschluß, so würde inan unbedingt sagen: hier spricht nur Gelehrtennaivität. Aber nun konimt das Wichtigste: die Begründung. Denn die Zulassung zu den deutschen Universitäten, werde erschwert werden,weil inan von ihnen ein den: PhysikNm entsprechendes, in Rußland bestandenes Exanren fordern will. Das ist nicht mehr Naivität, das ist wohlersonnene List, Denn die Ablegung eines solchen Examens in Rußland ist für die jüdischen Studenten ja unmöglich, weil ihnen doch eben der Zutritt zu den Universitäten unmöglich ist. So läuft denn das Ganze darauf hinaus, den Juden unter diesen russischen Studenten — und dies sind 95°/o — einfach die Zulassung zun: medizinischen Studium unmöglich zu machen. Welches Unglück dies für einen großen Teil der jüdischen Jugend Rußlands bedeutet, wird nur der ganz verstehen können, der den Idealismus und den Bildnngscifer derselben einerseits, ihre furchtbare Lage andererseits kennt. Noch ist diese Bestimmung nicht getroffen. Aber wenn hier nicht seitens der deutschen Judenheit Ablvehrmaßnahinen getroffen werden, wird die Drohung der Professoren bald Tatsache sein. Darum ist es höchste Zeit, daß die promnicnten Führer der deutschen Judenheit sich energisch der Sache annehmen. Zweierlei inüßte da vor allen: geschehen: Es müßte auf die jüdische Studentenschaft Deutschlands «ngcwirkt werden, daß sie sich den cventl. Maßnahmen der deutschen Studenten gegen die Ausländer nicht anschließen, also vor allem an eventl. Streiks nicht tcilnehmcn, und außerdem müßten die bedeutendsten jüdischen Akademiker eine tatkräftige Aktion zur Verhinderung solcher Verfügungen, wie sic die Hallenser Konferenz in Aussicht stellt, cinlciten. Wir sind überzeugt, daß ein energisches Auftreten sowohl der jüdischen Studentenschaft wie der jüdischen Akadciniker ihre Wirkung nicht verfehlen, und wenn vielleicht nicht alle geplanten beschränkenden Bestimmungen, so doch die schwersten und grausamsten, verhinderi: wird. Es handelt sich eben hier — dies kann nicht oft genug wiederholt werden — um eine jüdische Angelegenheit. Es gilt, von: Judentum eine neue Gefahr abzuwenden und den: Antisemitismus ein neues, ivehrloses Opfer zu entreißen. Diese Ehrenpflicht zu erfüllen, müßte sich die -gesamte deutsche Judenheit wie ein Mann, zusammenfinden. Wird sie es tun, so wird ihr ein Erfolg gewiß beschieden sein. Wird sie es wieder unterlassen, so Ivird sie sich eines Vergehens gegen das Gesamtjudentun: schuldig machen, das sie nie wieder wird sühnen können. 2. Zur Lage -er russischen Judenheit. Ueber die Lage der russischen Juden zu urteilen,. wird nachgerade zu" einer qualvollen Aufgabe: es sind immer dieselben Töne, die man anstsinmen muß und immer dieselben Klagetöne. Seit einigen Jahre:: ist die Lage der russischen Juden in ihrem Wes«: dieselbe; was sich ändert, sind die einzelnen Schikanen, die besonderen Mittel ihrer systematisch«: Unterdrückung; der ganze Aspett, der ganze Charakter ihrer btuation bleibt unverändert. So unverändert, daß selbst die Kursänderungen und politisch«: Schwankungen der inneren Politik der Regierung auf die Lage der Inden ohne irgendwelchen Einfluß bleib«:. Eine solche geringe Kursänderung ist ja auch jetzt wieder eingetreten. Die Niederlage der Mgierung bei den Dumawahlen hat dem bisherigen Leiter der inneren Polittk, Makarow, das Amt gekostet. Mit ihm ist einer der schlimmsten Reaktionäre und Jüdenhasser aus denk Kabinett ansgeschieden, und der an seine Stelle berufene Maklakow wird, wenn auch im Prinzip seinem Vorgänger gleich, so doch in den Formen seines Regierens wohl etwas humaner sein. Anch die große Programmrode des Ministerpräsidenten Kokowzew in der Duma hat ja einen Hauch liberalen Geistes geatinet, sofern inan bei den russischen Staatsmännern von heute das Wort liberal gebrauch«: darf. Jedenfalls bemüht sich Kokowzew, wie aus allem hervorgeht, dem Gang der inner«: Politik Rußlands einen westeuropäischen Schein zu verleihen und die brutal«:, grobschlächtigen Gewaltmaßregeln der Politiker der „Schwarzen Hundert" zu mildern. Aber all dies gilt — wohlgemerkt — nur für die allgemeine innere Politik. In xunoto Jndcnfragc irgendwelche Besserung zu erhoffen, wäre kindisch. In seiner ganz«: großen Rede hat Kokowzew für die Judenfragö kein Wort übrig gehabt, als ob es so etwas in: heilig«: Rußland gar nicht gäbe. Und die Massenanstroibungen der Inden aus groß«: Städten und Provinzen dokulnentieren ja zur Genüge, daß hier nichts z:r erhoffen ist. Die brutale Wergewaltigungspolitik den Juden gegenüber ist für die russische Regierung bereits zu einem Dogma geworden, an das zu rütteln niemand so leicht wagen wird. So steht die russische Judenheit in ihrer völligen Schutzlosigkeit ebenso elend da. wie in den schlimmsten Zeit«: Stolypinischer Herrschaft. Selbst in der Duma hat sie auf keine Beschützer und Freunde zu rechnen. Für die Kadetten bildet die Judenfrage wie siir alle Liberale nur einen Teil der allge:neinen politischen Befreiung, die Sozialdemokrat«: spielen so gut wie keine Rolle, und die drei jüdischen Abgeordneten tragen höchstens dazu bei, die russische Judenheit nach außen hin in ihrem Ansehen zu schmälern. Die russischen Juden lind .in ihrer furchtbaren Position, in ihrem verzweifelten Kampf ganz und gar auf sich angewiesen. Daß sie von den ander«: nichts zu erhoffen haben, seh«: sie jetzt ebenso deutlich ein, wie es einsichtige Beurteiler der Lage im Ausland bereits seit Jahren erkannt haben. Diese ihre völlige Isoliertheit zeigt sich gerade jetzt an einem drastischen Beispiel. Es hat Zeit«: gegeben, da die russische Judenheit glaubte, ihre Sache gemeinsam mit all den übrigen unterdrückten Völkern in Rußland verfechten zu können, imd cs hat jüdische Politiker gegeben, die in diesen: unbedingten Zusammengehen mit den übrigen nationalen Minorität«: das einzige Heil, den einzig«: Weg zur Rettung erblickten. Vornehmlich . dachten sie dabei an die Polen, die, wenn auch nicnmls in dem Maße wie die Juden, so doch auch in beträchtlichem Grade unter den Schikanen der Regierung zu leiden haben. Diese Hoffnung hat sich bereits seit einiger Zeit als trügerisch zu erweisen begonnen, und ihr schimärischer, utopischer Charatter dokumentiert sich gerade jetzt so deutlich. Schon seit dem Moment, da das Projekt .der Regierung austauchte, den polnischen Städten Selbstverwaltung zu verleihen, zeigte es sich, mit welcher Gewalt die Pol«: die Juden von dieser Selbstverwaltung auszuschließen sich bestrebten. Und diese durchaus antisemitische Gesinnung der Polen hat bei der Dumatvahl in Marschau, über deren Verlauf wir ja eingehend berichtet haben, ihren drastischsten Ausdruck gesund«:. Und als dann die jüdischen Wahlmänner als bewußte Juden den polnisch«: antisemitischen Kandidat«: zu Fall brachten, setzte bekanntlich ein allgeNieiner Boykott gegen die Inden in Warschau ein. Dieser Boykott besteht noch heute unverändert fort. Trotz des eminenten Schadens, den er den: gesamten Wirtschaftsleben Warschaus zusiigt, trotz des Schadens, d«: gerade die Polen dadurch erleiden, ist es bis heute selbst den einsichtigen polnisch«: Führern nicht gelungen, ihm ein Ende zu machen; ein erneuter Beweis für die tief innere Jnbenfcindschaft, die d«: Polen seit jeher beherrscht. So ist auch diese Hoffnung völlig sehlgeschlagen. In: großen weiten Rußland hoben, die Inden tatsächlich kein«: einzig«: Bundesgenossen und wahrhaften Freund, dessen Freundschaft an mehr als leere Worte hinreich«: würde. So ist die innere Mutlosigkeit und Verzweiflung der russischen Jndenheit heute stärker als je. Sic erkennt immer klarer und deutlicher, daß für die nächste Zeit für sie in Rußland selbst keine, auch nicht die leiseste Hoffnung auf Besserung ihrer furchtbaren Log? besteht.

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