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Neue jüdische Presse · 1913-01-17 · Heft 3 (17.1.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 3 (17.1.1913)
Date
1913-01-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bon Rabd. vr. Sigmund Ja mp et, Sclnvedt a. O. In der jüdischen Presse wird seit einigen Jahreil jubelnden Tones ein allgemeiner Rückgang des Antisemitismus konstatiert, was bis zu einem gewissen Grade wohl auch der Tatsache entspricht. Es dürfte aber dem jüdischeil Beobachter schon nufaufgefallen sein, daß dieses kaum beachtenswerte Sinken der judenseindlicheil Strömling lediglich aus wirtschaftlichenl und politischem Gebiete zu beobachten ist, keinesfalls aber im gesellschaftlichen Verkehr, lvo vielmehr eine immerwährende Zunahme der Abneigung gegen den Juden allgemein wahrgenommen wird. Amerika bietet hierfür das eklatallteste Beispiel. Tenn während das wirtschaftliche und politische Leben dem Judeil dortselbst kaum zu ernsten Klagen Anlaß gibt, macht sich der gesellschaftliche Antisemitismus dort außerordentlich breit und zwar iis einem weit größeren Maßstabe als bei uns. Damit hängt aber auch die in der alten wie in der neuen Welt^ überall auffallende! Erscheinung zusammen, daß. auch diese geringe Abnahme des Antisemitismus im allgemeinen nur ans die großen, geistig nicht sehr hoch stehenden Massen sich beschränkt, während die zn den gebildeteil Kreisen sich zählenden besseren Elemente eine Abschwächung ihrer dcnr Juden abgeileigten Stimmung in keiner Weise erkennen lassen. Der Grund dieser scheinbar rätselhaften Erscheinung liegt in der leicht zu beobachtenden, von den großen Kreisen rmseres Judelitunls leider ivenig erkannten Tatsache, daß der Antisemitismus in Wirklichkeit keinesfalls zurückgegangen ist, sondern lediglich eilte Metamorphose dnrchgemacht, eine andere Gestalt angenommen hat. Ter seitherige politische' und wirtschaftliche Antisemitismus ist teilweise zurückgewichen, n m d e in R a s s e n h a s s e Platz z rl m a ch e n. . Daß die Judenheit diesen Wechsel des Charakters des Antisemitismus nur sehr lebhaft bedauern muß, daß der neue Rassenhaß llnserem jüdischen Wolke weit verhängnivoller werden muß, als cs die seitherige Judenfeindschaft war, die lediglich aas Brotneid und wirtschaftlicher Konkurrenz sich gründet, ist für jeden sehr leicht einzusehen. Während z. B. der wirtschaftliche Judenhaß seinen Weg von unten nach oben, von den. ungebildeten Wolksmassen zu den.vornehmen Kreisen genommen hat, schlägt der neuere Rassenantisemitismus gerade den umgekehrten Weg ein. Gerade darin aber liegt die große Gefahr dieser neuen sudenfeindlichen Bewegung. Denn ~ während dem seitherigen Antisemitismus der Makel seiner Herkunft, nämlich aus den Kreisen der Unwissenden/ anhastet, weshalb jeder intelligente und auf höhere Bildung Anspruch erhebende Mensch äußerlich wenigstens nicht zjn seiner Fahne gezählt sein möchte, ist dagegen der Rassenhaß eine bekannte Kathederblüte, deren Pflanzer und Pfleger namhafte Forscher sind, als deren Jünger bezeichnet, zu werden, der Rasscnantisemit sich zur großen Ehre gereichen, läßt. , . _ Schon in seinem Auftreten zeigt der Rassenhaß ein ruhiges, wissenschaftliches Aussehen, das ihn, im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Straßen- >>nd Radauantisemitismus, den Glorienschein einer ernsten Weltanschauung verleiht und ihn: einen vornehmen gesellschaftlichen und salonmäßigen Charakter gibt. Gerade dieser wissenschaftliche Charakter aber birgt in sich eine Gefahr fürs Judentum, ivie sie noch keine judenfeindliche Bewegung der Vergangenheit heraufbeschwvren hat. Dieses Verhängnis besteht hauptsächlich darin, daß diese „wissenschaftliche Lehre" auch viele Inder: in ihren Bann zieht, — es ruft so eine gewisse judenfeindliche Strömung innerhalb des jüdischen Lagers selbst hervor.' An Beispielen mangelt es leider, wie jeder Leser roeiß, auch jetzt schon, trotz der jugendlichen Alters des Rassenhasses, nicht mehr. Namen wie Fromcr, Meininger, Rathenow u. a. sind gerrugsam bekannt. Mehr noch als in der Volksliteratur ist die neue Aversion gegen den jüdischerr Stamnr in die Wissenschaft eingcdrnngen. Tie Wissenschaft steht gegenwärtig ganz inr Zeichen des Rasserrproblems. Besonders alle historischen Disziplinen gehen heute von dem Grundsätze aus, daß alles Wahre, Gute und Schöne lediglich in der arisch-germanischen Rasse seinen Ursprung haben könne, wogegen der semitischen Rasse lediglich Indolenz, geistige Inferiorität und perverse Zerstörungswut innewohnen. Was können nun wir Juden "'dagegen tun'? Etwa auf die jüdische Bibel Hinweisen, welche so viel Großes und Elviges enthält? Ta kämen wir schon zn spät; denn, wie zn erwarten war, betrachtet die moderne Wissenschaft auch die Bibel unter den: Gesichtspunkte der Rassentheorie. Bittet ja schon die bekannte bibelkritische Zersplitterungsmethode, die jedtti Bibelvers in so und so viele Quellen zerschneidet und infolgedessen in den biblischen Autoren lauter literarische Fälscher und Plagiatoren sieht, der Rassentheorie Handhabe genug, um jedes biblische Moment, das einen Kulturfortschritt erkennen läßt, als eine arische Entlehnung aus später Zeit hinzustcllen. Ter an den Namen W e l l h a u s e n sich knüpfende Evolutionismus, der in den vormohäMedanifchetl 'Araber:: die reinste Illustration der biblischen Israeliten und in den primitivsten Gebräucheit jener Wüstensöhne den Urtypns der jüdischen Gesetzeslehre sieht, hat der Herabwürdigung der Bibel durch die Rassenlehre noch mehr Tür und Tor geöffnet. So hat nun die moderne, ganz im Banne des Rassenproblcms' steckende Religionswissenschaft ein sehr leichtes Spiel, indem sie die ethisch erhabenen Satzungen der Bibel auf die niedrigsten Instinkte des Naturmenschen zurückführt und so das alte Israel als eine kulturlose Horde hinstellt. Was Wnnder, wenn heute schon alle 'Apparate in Bewegung gesetzt werden, um den jüdischen Ursprung der europäischen Staatsreligionen zu entfernen. Man läßt den Stifter der christlichen Religion lieber in den Tunst verflüchtigen, oder man stenipelt ' ihn zum Nachkommen der kulturlosen arisch-medischen Samaritaner, — nur als Sprößling Israels läßt man ihn nicht gelten. Oder hätte man der modernen Rassenlehre gegenüber vielleicht aus das sonstige seither bekannte semitische Altertum Hinweisen können? Nun, abgesehen davon, daß die ältesten arabischen Kulturdenkmäler nicht über das vierte nachchristliche Jahrhundert hinausreichen, zeugen sie wahrlich von allem eher, als von genialem Geiste. Die syrische Kultur ist bekanntlich noch viel jüngeren Datums. Mit welchen wissenschaftlichen Waffen Hütten wir> Judcn sonst der allebeherrschenden Rassentheorie entgcgentreten können? Nun haben sich gerade in den letzter: Jahrzehnten aus dem Gebiete des semitisch e n A l t e r t u m s U m w ä l z:: n g s p r o z e s s e vollzogen» wie wir in der Geschichte der Rr. 3 Wissenschaft auch nicht annähernd : h r e s G l e i ch e n finden. Gerade in der Periode, in welcher die arischen Gelehrten durch Autosuggestion sich berauschen und die senntische Vergangenheit zu annulieren bestrebt sind, da hat der orientalische Boden seinen Rachen anfgetan und aus seinem Innern steigen große, imposante und überraschende altsemitische Kulturen empor und zwar aus Zeiten, die fiir den arischen Menschenzweig in die prähistorische Zeit gehören. Tiefe stolzen ursemitischen Kulturen wirken selbst cu:s den glühendsten Pangermanisten außerordentlich überwältigend und faszinieren selbst den größten germanischen Potentaten. Selbst der naturalistisch gesinnte Beobachter wird es kaum als Zufall ansehen können, daß dieser altsemitische Glanz gerade in der Periode pangermanistischer Ueberhebung so grell zu strählen beginnt. Nur ein Volk aufder Erde steht dem sonderbarerweise ganz kalt und gleichgültig gegenüber und das ist kein anderes als das jüdisch e. Aus de» Ereignissen des Tages. 1. Die Auslänüerfrage an 0e» vcutschen ttuiverfitäten. Ter Antisemitismus in Deutschland hat ein neues Objekt gefunden, an dem er sich wieder einmal befriedigen kann. Ten eingesessenen deutschen Juden selbst gegenüber ist er ja in legislatorischer Hinsicht machtlos. Er kann sie geistig, sozial, auch politisch zurücksetzen und entrechten, besondere Judengesetze zu schaffen ist er heute ohnmächtig. Und so haben denn diejenigen seiner Anhänger, die sich nicht mit der Politik der Nadelstiche zufrieden geben können, schon seit einiger Zeit ihr Augenmerk aus die Juden gerichtet, die in Deutschland wohnen, ohne Deutsche zn fein: aus die eingewandertcn ausländischen Juden. Auf diesen: Gebiete hat auch der Antisemitismus tatsächliche greifbare Erfolge errungen und die schikanöse Behandlung der ausländischen Juden durch die Regierungsbehörden kann selbst den wütendskin Antisemiten zufriedenstellen. Nunmehr aber beginnt diese antisemitische Hetze gegen die ausländischen Jude:: sich auch da erfolgreich zu erweisen, wo sie bisher noch einigermaßen abgewehrt wurde: auf den Univcrsitäte n. Seitdem die Hallenser Kliniker durch ihren Streik das Signal zum tatkräftigen 'Auftreten gegen die ausländischen jüdischen Studenten gegeben haben, steht die „Anslän der frage an den deutschen Universitäten" aus der Tagesordnung des öffentlichen Lebens in Deutschland. Diese ganze Frage biete: den antisemitischen Instinkten ein umso günstigeres Feld, als sie hier nicht unter ihrem vollen und wahren Namen sich auszuleben brauchen, sondern sich eine harmlose unschuldige Maske aufsetzen können. Wie sind doch die Forderungen der deutschen Studenten scheinbar so berechtigt! Diese Ausländer, dies e„Slaven" überschwemmen die deutschen medizinischen Fakultäten; alle Kliniken sind von ihnen besetzt; ihre „slavischen" Gebräuche bringen sie nach Deutschland mit, verletzen dadurch das Empfinden der deutschen Studenten, und — was das schlimmste ist -- sie hindern dieselben an einem erfolgreichen Studium, indem sie alle guten Plätze in den Hörsälen belegen. Dies brauche man sich doch wahrlich nicht gefallen zu lassen, diese Slaven sollen hübsch m ihren eigenen Universitäten verbleiben und nicht nach dem Ausland gehen.

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