Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 1 Wenn jüdische Studenten in der Erkenntnis, daß Unterweisung in Schule und Haus fühlbare Lücken in ihrem Wissen um . jüdische Dinge gelassen haben, sich ihrer jungen Freunde annehmen, um sie derjenigen O b e r f l ä ch - lichkeit zu entreißen, die sie selbst beschämend .an sich emPfunden haben, der abzuhelfen sie jetzt aber ihre freie Zeit und ihren Eifer widmen, so sollte man meinen, daß sie ganz besonders auf den Dank derer hierbei zu rechnen hätten, die mit in erster Linie ein Interesse daran haben sollten, daß die Jugend sich wieder mit etwas mehr Interesse und T e in - per am ent jüdischen Dingen zu wendet, als es Jahrzehnte hindurch der Fall gewesen ist. Zn diesem Zweck unterstützen ja auch, jüdische Organisationen eine ganze große Jugendbewegung, bei der sich, vornehinlich Studenten einfinde», um sich in den Dienst der Sache zu stellen. Daß in ihr Schüler nicht ausgeschlossen werden, ist bekannt. Worin besteht dann aber der große beargwöhnte Unterschied, ob Studenten junge Leute, die sich nach aller .Voraussicht dem akademischen Studium zuwenden, wollen, oder die sie sonst dafür geeignet halten, zu sich cinladen, um mit ihnen jüdische Fragen zu erörtern, damit sie nicht, durch Sachkenntnis unbeschwert, den Weg aus dem Judentum hinaus statt in es hinein finden, wie es eine Zeit lang als Noblesse oblige der jüdischen jeunesse doree galt, die in akademischen oder freien Bernsen Unterkommen wollte. Der Religionsunterricht ist weder nach der in Schule und im Hause dafür verwendeten Zeit noch nach seinem sonstigen Zuschnitt dazu angetan gewesen, sie zu packen und mit lebendigem Interesse für das Judentum zu erfüllen. — Kommen sie aber zu den Studenten, die die Pflegung jüdischer Ideale auf ihre Fahne geschrieben haben, die ohne jeden Zwang, aus sich heraus, sich mit den Fragen beschäftigen, so kommt ihnen ganz von selbst die Lust, mitzutun und die Lücken zu ergänzen, die vordem bestanden haben und, wenn ihrer Erweiterung nicht Einhalt geboten worden wäre, immer größer hätten werden müssen. — - Wie kleinlich mutet es demgegenüber an, wenn da sofort eine Bevorninndung einsetzt und zwar von jüdischer, ja sogar von rabbinischer Seite. Statt sich der errungenen Erfolge zu freuen und ihnen dankbar die Hand zu drücken, die die Gelegenheit ergriffen haben, das . gutzumachen, was Generationen an der jüdischen Jugend gesündigt haben, lassen sich mehr oder minder versteckte jüdische Drohungen hören. Seit über 10 Jahren vereinigen sich die jüdischen Gymnasiasten meiner Heimatstadt Lissa zur Vorbereitung eines Chanuka- oder Simchas-Thorafestes, in der sie zeigen, was sie angespannt" durch die Aeltere» an körperlicher Gewandheit leisten können. Jährlich hat bei dieser Gelegenheit unser kürzlich verstorbener hochverehrter Rabbiner, Ihr Kollege Dr. S. Baeck, ihnen Worte der Aufmunterung gezollt. Niemals ist es ihm aber eingefallen, den den Betrieb leitenden Studenten Vorhaltungen dieserhalb zu machen und eine große Sache durch kleinliche Bedenken zu stören. — nicht einmal der christliche Schuldirektor, der hiervon unterrichtet war, und es stets blieb, der auch bereitwilligst die von der Schule sonst vorgeschriebene Ausgehzeit am Abend fiir diesen "Zweck verlängert hat. Und ich nehme sür beide in Anspruch, daß sie die Schulgesetze mit Respekt behandelt haben und behandeln. Sollten Sie die zwar bisher noch unausgesprochene Ansicht haben, mit der ich aber bei Ihrer bekannten Stellungnahme zu dieser Frage der Vollständigkeit halber rechne, daß auf die Jugend dort in zionistischem Sinne eingewirkt werden könne, so würde Ihre Ansicht nur dann zutreffen, wenn Sie einräumcn wollten, daß alles, was lebendige Arbeit für das Judentum heißt: Pflege oder jüdische Geschichte, Sprache und Literatur und Begeisterung sür sie, Verständnis für die Fragen der Gegenwart, Stählung der Körperkraft usw. zionistische Arbeit sei. Da Sie das aber aller Voraussicht nach nicht werden tun wollen, kann ich von der Weiterverfolgung des Gedankens absehen. — - Mir steht momentan kein Zitatenschatz zur Versagung, in dem ich Nachlesen könnte, ob der Gedanke, mit dem ich schließen möchte, irgendwie poetischer ausgedrückt ist, insbesondere bedauere ich, daß ich ihn nicht aus dem jüdischen Schrifttum, vielleicht im 'Anschluß an eine Verherrlichung der sehr gefahrvollen Judentreue der Marannen belegen kann; deshalb will ich ihn recht prosaisch dahin wiedergeben: wer ständig sorgt, daß er beim zweiten Schritt stolpern könne, wird sein Lebtag nicht über den ersten hinauskommen. Zwar unzufrieden mit sich selbst und den bestehenden Verhältnissen, wird er immer abwarten, ob es nicht ein anderer für ihn wagt. — Nun hochwürden! Wir wagen's und werden cs weiter wagen, wie wir es bisher gewagt haben, ohne große Beschwernis; denn wir sind gewohnt und bereit, nach der Väter Beispiel noch viel, viel mehr e i nz use tze », wenn es der Erhaltung und der Ehre des Judentums gilt. Mit vorzüglicher Hochachtung! D r. j u r. K ö n i g s b e r g e r Rechtsanwalt. Geehrte Redaktion! - Mit talmudischen, rcligiousgesetzlichen Argumenten ist bekanntlich den extremen „Reformern" nicht beizukommeu, da sie die Traditio» nicht anerkennen. vielleicht tun es aber modern-wissenschajtliche Einwendungen? Bekanntlich gehört zu den „modernen" Schlagirörtern die Sozial-Hygiene. Mancher, oder manche, die schon alles über Bord geworfen, schwören Stein und Bein auf die soziale Hygiene und halten sie für eine wissenschaftliche Offenbarung. Wüßten aber die „Modernen", daß die Bibel und der Talmud die größten Sozialhygieniken aller Zeiten waren, müßten sie erröten! Die „Tradition" modern? Unmöglich! Und doch ist es so! Es ist hier nicht Ort. Seite 11. ans die gewaltigen sozialen Probleme der jüdischen Lehre cinzugehen: ich habe dieselben in zahlreichen Arbeiten anderwärts zur Genüge beleuchtet (Hygienische Rundschau 1908, 1910, 1911, 1912). Aber gerade die von den „Richtlinien" „gerichteten" Punkte, den Sabbat und die Ehege s e tz e, möchte ich kurz berühren. Jeder wissenschaftlich und ernstlich Denkende muß rückhaltlos anerkennen, daß der ^sabbat von jeher als Erzieher und Erhalter des jüdischen Volkes gewirkt hat. Er hat das Duldervolk körperlich und seelisch gestählt und zum Ueberwinden aller Martern und Verfolgungen fähig gemacht. Nicht weniger haben die strengen jüdischen Familieu- und Ehegesetze dazu beigetragen. Durch, Reinhalten der Rasse, durch Fern halten der Unzucht wird ein Volk konserviert, vor dem Ans st erben bewahrt. (Bergl. meine Arbeit „Die geschlechtliche Hygiene in der alt-jüdischen Literatur", Hygienische Rundschau 1912.) Und diese gewaltigen Faktoren wollen die Reformer mit einem Federstrich beseitigen? Haben sie sich die hygienische Tragweite ihrer Beschlüsse in ihrem Weisheitsdünkel überlegt? Gott sei Dank es gibt noch einsichtige Männer genug, welche trotz ihrer liberalen Tendenz einer besseren Einsicht fähig sind und den angerichteten Schaden hosfenrlich bald wieder gut machen werden. Und wenn sich die Extremen trotzdem auf die Richtlinien versteifen wollen, jo werden s ie ihn e n s e l b st nur zum Verderben gereichen! Man spaßt nicht ungestraft mit der.Thauro! Ihre Lehren sind Gachleh esch, wie glühende Kohlen, an denen sich ihre Verächter die Finger verbrennen. Denn auch, modern gesprochen, stellen sie das höchste sozial-hygienische Erfordernis zur Erhaltung einer Nation dar. Ist das nicht eine Ironie des Schicksals, daß die „Modernen" gerade das Modernste aus der jüdischen Lehre ansmerzen wollen? Dr. ined. R a t n e r, Wiesbaden. ghrate Chronik. Rabbiner S. St. Hirsch und die Geweiudeorthoüoxie. Ueber dieses Thema schreibt Dr. F. K.-Zim Schweizer „Ist. Wochenbl.": ... Unter Gemeindeorthodoxie könnte man aber noch etwas anderes verstehen: nicht wenn der Rabbiner orthodoxer ist als die Hauptgemeinde, in der er wirkt, sondern wenn die Gemeinde orthodoxer ist als der Rabbiner, der in ihr wirkt. Nach den Postulaten der maßgebenden Kreise wäre ein solcher Rabbiner selbstredend nicht als voll anzusehen. Und doch wäre diese Entscheidung falsch. Beweis: Rabb. S. R- Hirsch s. A. Auch dieser Heros, Begründer und Vorkämpfer des orthodoxen «■r ßenützet ru Slückwünschen Telegrarara-iUilösttngsfonnttlace der Hebräischen Mittelschule Tachkemonie in Jaffa. Stück ä Mk. 0.50. Blocks zu 10 Stück ä Mk. 5. - in allen hebräischen Buchhandlungen sowie in der Redaktion zu haben. Hof- und Kammerphotograph Franke i Horcher - von Bosch Atelier: 34 Kaiserstrasse 34, I. Stage. 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