Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 50 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches.Familienblatt. schreiend das eine: Zurückziehung der Richtlinien! Nur dann knnn die Einheit der deutschen Fudenheit, und dies bedeutet die Er-; hjältnng der deutschen Judenhsit, gesichert touren. * Alles steht auf dem Spiel! Mögen sich die. liberalen Rckbbiner der historischen Bedeutung . des Moments bewußt sein und ihm gemäß handeln! fbtö Jtett Ereignissen des Tages. Organisierte Do« Quichottes.!r- Jetzt, in den Tagen, da die innere religiöse! Zerklüfümg innerhalb der deutschen Jüdenheit die i- Bewahrung ihrer Einheit in ernstliche Gefahr s ftellt, und es nur unter Aufbietung aller Kräfte i seitens all derer, denen das Wohl des Gesamtjüdentums über alles steht, gelingen kann, das droh- >) ende Schisma zu verhüten, gerade jetzt trifft uns [f.- eine Kurwe von dem Versuch, zur bestehenden Spjalj. tung noch eine neue hinzuzufügen: in Berlin hat sich ein A n t i z i o n i st i sch e s Komitee gegründet. Zn aller Stille und Heimlichkeit, wi« in einer unbewußten Ahnung des Bergchens, dessen sie sich schuldig nmchen, haben die Gründer das Komitee ins Leben gerufen; Geheimzirkulare haben sie überall hin versandt, und nur durch einen Zu- [ fall ist dieses Schreiben in die Oeffentlichkett ge- > langt, dessen Wortlaut wir hier unseren Lesern!' . mittellen: Berlin, den 22. 11. 1912. I Antizionistischcs Komitee I Bureau: Berlin W. 8, Mauerstr. 49. Tel. Zentrum 162. vertraulich! Sehr geehrter Herr! ' Die zionistische Bewegung hat seit dem letzten halben I Kahre Formen angenommen, die es notwendig machen, sich zu einer wirksamen Abwehr zusammenzuschließen. Der Zionismus hat in der letzten Zeit sich nicht nur an unsere jüdischen Glaubensgenossen gewandt, um sie für I seine Zwecke gefügig zu machen, sondern auch Unterstützung I’* gesucht bei antizionistischen und konservativen Parteien. Die Zionisten haben weiter den Versuch gemacht, durch literarische Debatten einen Kulturkonflikt zwischen Juden und Christen hervorzurnfen, der es.befürchten läßt, daß i selbst uns günstig gesinnte politische Kreise die Lösung I der Judenfrage nicht mehr in der vollen Gleichberechtt- \ gung der Juden erblicken, sondern ebenfalls wie die Zioni- | sten uns von den anderen Staatsbürgern ttennen wokt len. Um diesen Gefahren vorzubeugen, haben wir uns j z« einem Komitee zusammengeschlossen und wenden uns 1 auch an Sie mit der Bitte, uns in unserem Kampfe I gegen die Zionisten zu unterstützen. Wir lassen in aller- ' nächster Zett zwei Broschüren erscheinen, welche die deutsche Jndenheit über die von dem Zionismus drohende Gefahr aufklären fallen. Wir bttten Sie, den Vertrieb die - s. ser Broschüren für dort und die Umgegend ■ ” übernehmen zu wollen und uns umgehend? mitznteilen, wie viele Exemplare wir , JHnen.zusenden dürfen. » Wir gedenken, die Broschüren auch im Buchhandel gi erscheinen zu lassen und wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dafür sorgen würden, daß in den dortigen Tagesü zmtnngen die Broschüren angekündigt würden. Wir eri lauben uns darauf hinzuweisen, daß in Ihrer Gemeinde (j der Zionismus stark vertteten ist. r Es sind dort nach einer uns vorliegenden Stattstik , ... organisierte Zionisten und es werben für zionistische »" Zwecke nicht weniger als . . . Mark verwendet. Es dürfte 1 daher auch Ihr besonderes Interesse an der Bekämpfung | der zionistischen Bewegung gegeben sein. < Indem wir Sie um eine baldige gefl. Antwort bitten, Ti zeichnen wir ■ hochachtungsvoll m das antizionistische Komitee. % I A.: ■ Unterschrift. 1 Daß gerade im gegenwärtige!« Momente der heftigsten Spaltung im Müschen Leben Deutschlands | auch noch dieses Komitee austreten muß, das znnr s alleinigen Zweck die Erregung neuer Kämpfe hat, g . klingt wie eine Ironie des Schicksals. Der Spott der | Geschichte hat an der Wiege dieses Antizionistischen » Komitees gestanden, und der Spott der Geschichte wird 1 der unzertrennliche Begleiter seiner weiteren Entwick- I limg sein. Denn daß es die mächtigen Fortschritte des f- Zionismus nicht irgendwie hemmen wird, ist für jjeden, der tzas Wesen und das Gesetz historischer s Evolutionen kennt, sonnenklar. Komitees und Broschüren, Flugblätter und> Enttüstungskundgebungen l hyllen große geschichtliche Bewegungen in ihrer § ^Entwicklung niemals auf, sondern fördern sie eher, | beschleunigen sie. Was hier im Antizionistischen I Komitee seinen drastischsten Ausdruck erhall, das!ist keine spezifisch Mische, sondern eher eine allgemeine Erscheinung: es ist die Wut der Führer von gestern gegen die Propheten von morgen, die Entrüstung der Allen gegen die Jungen, und wann in der Geschichte hat diese Entrüstung positive Erfolge gehabt? Zur Gegenteil: Genau besehen, witt> iws Gänze dem Zionismus nur nützen, die Gründung zeigt, wie weit er cs bereits gebracht hat. Wie jedes Lebewesen vor seinem endgültigen Dahinscheiden noch ein letztes Mal in krampfhafter Verzweiflung aufzuckt, in einem letzten Wehren gegen die völlige Vernichtung, so unternimmt auch die Assimilation einen letzten Vorstoß gegen die nationale Idee, ihren Todfeind und Vernichter. Aber das letzte Aufzucken nützt nichts. Die Natur geht ihren Weg; die historische Entwicklung läßt sich nicht hemmen. Gratuliere sich die nationale Bewegung, daß das lchte Aufzucken der Assimilation bereits so schnell einzutreten beginnt. Denn noch einen anderen Vorteil wird diese neue Organisation mit sich bringen: Sie wird Klarheit schaffen. Sie wird der Assimilation eine deutliche, llare Marke auflleben, und fortan wird ein jeder wissen, wo diejenigen zu suchen sind, die das Judentum seinem Untergang entgegenzutreiben suchen. Diese Klarheit aber wird niemand mehr nützen als der nationalen Bewegung. Einer Bewegung, die sich in der Offensive befindet, tut nichts mehr not. als die größte Klarheit, die den Feind deutlich zeigt. Der Zionismus ist die Offensivpartei im modernen Judentum. Mit fliegenden Fahnen und kühnem Draufgehen pflegt er zu kämpfen; seine Gegner können ihm keinen größeren Gefallen erweisen, als indem sie sich klar und offen organisieren. So verdient eigentlich die ganze neue Gründung keine ernstliche Beiachtung; Positives kann und wird sie nicht leisten, und wirklichen Schädeln wird sie nicht tun. Wenn sie der Beachtung wert ist, so ist es nur der Bedeutung wegen, die sie für ihre Initiatoren hat. Man kennt sie ja noch nicht alle bei Namen; man kann nur vermuten, an -welchen grünen Tischen sie zu sitzen pflegen. Aber bald muß ja die jüdische Oeffentlichkeit ihre vollen Namen erfahren; bald wird man die Helden dieser Aktion kennen, wird die jüdische Historie sich die Liste dieser Herren merken können und wird sie sich dauernd aufbewahren. Die Weltgeschichte hat eine bestimmte Seite, auf der sie sich alle diese Ton Quichottes, die mit lächerlichem Getue gegen das Morgen kämpfen, alle diese Lilipute, die sich gegen die kommende! Zeit ohnmächtig stemmen, aufzuzeichnen pflegt. Sie bilden dann in der großen Zahl derjenigen, die vor dem Forum der Geschichte abgeurteilt werden, die Kategorie derer, über die sie ihr strengstes Urteil, den Fluch der. Lächerlichkett, verhängt hat. Und mit diescim Fluch ewig beladen leben sie in der Geschichte fort, zur Mahnung und Warnung für kommende Geschlechter. In der Geschichte des modeirnen Judentums wird die Liste dieser also Verurteilten sehr groß sein. Aber bisher kamen immer nur einzelne Namen auf die Liste. Von nun an wird der Titel einer ganzen Organisation darin prangen, und aus der Masse der in ihr Enthaltenen wird für spätere Zeiten sich ein Name ganz besonders hervorheben, und mit einem Gefühle, das aus- Spott und Bedauern zugleich gemischt sein wird, werden sie darauf lesen: Antizionistisches Komitee. Glück auf! Unsere Geschichte ist reich genug an ttaurigen Szenen und tragischen Momenten. Es kann ihr nicht von Schaden sein, wenn auch eine Leine Posse sich einmal in ihr abspielt; als lustiges, burleskes Intermezzo in unserer historischen Tragödie kann man schließlich die Gründung des Antizionistischen Komitees sogar noch begrüßen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Der Geschäftsausschuß der Berliner ärztlichen Standesvereine rjchtete an "den Reichstag in Sachen der Zurückweisung jüdischer Medizinalpraktikanten eine Petition. In der Petitivnskommission beanttagte der Referent, der antisemittsche Abg. Burckhardt, Uebergang zur Tagesordnung. Die Kommission beschloß aber mit allen gegen zwei Stimmen, die Petitton dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu empfehlen. Der Reichstag trat in seiner Sitzung am 26. November diesem Beschluß ohne Debatte bei. Danach soll in die Prüfungsordnung für Aerzte ein Passus ausgenommen Nr. 50 werden: „Die Ablehnung eines Kandidaten durch die Anstalt darf nur erfolgen, wenn ein wichtiger Grund vor- . liegt. Die Ablehnung aus konfessionellen Gründen ist nur seitens derjenigen Anstalten zulässig, die im Verzeichnis der ermächtigten Krankenhäuser als^ konfessionelle bezeichnet sind. Dem Kandidaten ist der Grund der Ablehnung schriftlich mstznteilen. Gegen die Ablehnung steht dem Kandidaten Beschwerde an die Zentralbehörde (§ 59 Absatz 2) zu, welche endgültig entscheidet." Hannover. Die diesjährige Kuratoriumssitzung der . Jsr. Erziehungsanstalt zu Ahlem fand hier statt. Der vom Vorstand erstattete Bericht gibt u. a. eine umfassende Statt st ik üib e r diein den 19 Jahren des Bestehens der Anstalt erzielten Erfolge. Insbesondere weist er nach, daß von den 174 ausgebildeten und überhaupt berufstätigen Gärtnern 134, d. i. 77 Prozent, in dem erlernten Berufe tätig sind. Berücksichtigt man, daß diese jungen Leute fast ausnahmslos aus Kaufmannsfamilien stammen, so dürfe man das Ergebnis als ein ganz vorzügliches bezeichnen. Die Zahl der Zöglinge Lettägt zurzeit im Knadenhaus 60 Lehrlinge und 40 Schüler, im Mädchenhause 31 Haushaltungslehrlinge und 25 Schülerinnen, zusammen also 156. Besichtigungen durch Regierungsbeamte, die im Laufe dieses Jahres stattgesunden haben, ergaben die Notwendigkeit verschiedener baulichen AendernngeN; äber yuch der Vorstand selbst weist auf die Notwendigkeit hin, das alte Knabenhaus durch einen Neubau zu ersetzen. Einen vollständigen Neubau jetzt zu errichten, hält der Vorstand für ganz ausgeschlossen, aber auch, ein Teiloau würde an 150000 Jk kosten, zu deren Deckung vorläufig nicht das geringste Kapital vorhanden ist. Der Voranschlag der letzten beiden Jahre ergibt bei äußerster Sparsamkeit ein Defizit von je 7000 Jk, so daß nicht einmal eine neue Zinsbelastung für anzuleihende Gelder möglich erscheint. Der Vorstand wurde beauftragt, die Beschaffung der nötigen 150 000 Jk zu versuchen. Sollte dies nicht gelingen, so werde wohl kaum etwas anderes übrig bleiben als eine Beschränkung der Anstalt aus die Erziehung von Knaben; das vor zehn Jahren neu erbaute Mädchen- Haus müßte dann als Ersatz des Neubaues dienen. Eine solche Notwendigkeit Iväre natürlich aufs höchste zu bedauern; es soll nun der Versuch gemacht werden, großherzige Freunde zu finden, die der Anstalt mit den erforderlichen Geldmitteln beispringen. Zum Schluß gab Direktor Silberberg unter dem Beifall der Anwesenden bekannt, daß der Verein ehemaliger Zöglinge anläßlich der Silberhochzeit des Vorstands-Vorsitzenden, Sartorius Rheinhold, einen Bettag von 2300 Jk gesammelt habe, der durch eine Zuwendung des Rheinholdschen Ehepaares um weitere 2000 Jk erhöht worden ist. Die Zinsen dieser „Sartorius- und Bertha- Rheinhold-Stistung" sollen in Notfällen als Beihilfen an ehemalige Zöglinge verwendet werden. RichlarU». Petersburg. Jliodor, der bekannte fanatische Jüdenhetzer, der frühere Günstling des Kaiserhauses, ist um seine Entlassung aus dem Priester stand eingekommen, und die Synode hat sie bestätigt. Die Reue peinigt ihn, wie folgende Stellen seines Briefes an die Synode zeigen: „Volk Israel, das Licht der Welt, Du hast mehr als andere mir zu verzeihen, denn Dir habe ich mehr als anderen angetan. Glaube mir aber, daß ich Dein Blut nie gewollt habe, ich habe nur gegen Dich gehetzt. Aber die unschuldig gemordeten kleinen Kinder der Pogromzeit peinigen mich, martern mein Gewissen. Verzeihe mir, Du bestes aller Völker! Wie mein früheres Irren, so ist meine heutige Reue aus tiefstem Herzen..." Moskau. In dem großen Dentistenprozeß — 1800 Angeklagte —, der hier seit mehreren Wochen verhandelt wird — kam es bei den Schlnßplädoyers der Vetteidiger zu einer dramatischen Szene. Der Advokat Liow, ein Christ, schilderte in furchtbaren, herzergreifenden Bildern die Lage der Juden im Ansiedlungsrayon, und als er die Worte sprach: ,;Jch bin ein Russe, aber ich muß weinen, weil es den Juden schon gar zu schlimm geht. Habt Erbarmen mit ihnen!", brach er in h e f t i g e s Schluchzen aus und riß alle Anwesenden mit sich, sodaß ein allgemeines Schluchten im Saal war und der Vorsitzende eine Pause eiutreten lassen mußte. Der. Advokat Orbinski erzählte, daß einige der Angeklagten in Sch and Hausern nächtigen mußten, weil sie in Moskau kein Wohnrecht haben. Liba«. Auf Verfügung des Gouverneurs von Kurland sind etwa 150 jüdische Familien mtt je 300 Rubeln Strafe belegt worden, weil Verwandte von ihnen sich nicht zum Militärdienst gestellt hätten. ' Diese nur für Juden bestehende Erpresserschraube bestraft den nächsten Verwandten eines ausgebliebenen jüdischen Militärpflichtigen und wenn der nächste Verwandte gar ein Großvetter ist. In den meisten Fällen handelt es sich um ausgewanderte jüdische junge Leute, manchmal sogar um gestorbene. Wenn die 300 Rubel nicht gezahlt werden können, gibt es entsprechende Haststrafe. In vielen Fallen bedeutet die Zahlung der 300 Rubel die vollständige Vernichtung der Existenz des davon Betroffenen. Großbritannien. London. Ans der Jahresvettammlung der JewishTerritorialOrganisation (»Jto") erstattete Lucien Wolf den Bericht, aus dem lütt eicknehmen, daß die Aussichten hinsichtlich! des Angolai Projekts günstig seien. —