Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 48 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Eeue 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr 48 Aus -er zionistischen Bewegung. - Berlin: Im Anschluß an die letzte» Sitzungen des Aktions-Komitees fanden am 26. und 27. November im Zentralbureäu in Berlin Sitzungen des Nation also» ds-Dircktoriu ms statt, die sich mit wichttgcn, in allernächster Zeit durchzuführendvn Transaktionen befaßten. An diesen Sitzungen nahmen diesmal auch die Mitglieder des Großen und Engeren Attions-Komitees sowie der Leiter des Palästinaamtes in Jaffa, D r. A. Ruppin, teil. Dr. Ruppin erstattete vorerst ein längeres Referat über die Lage der Besitzungen in Palästtna und entwarf ein Bild der künftigen kolonisatorischen Enttviälung. Aus den Don Dr. Ruppin ausgestellten Postulaten ergibt sich die gebieterische Notwendigkeit, dem Nationalfonds, dessen statutarisch verfügbare Mittel durch die Anlagen in Palästina fast gänzlich in Anspruch genommen find, neueMittel ehestens zuzuführeu, wenn nichtunwiederbringli che Möglichkeiten verloren gehen sollen. Ueber die gefaßten Beschlüsse kann vorläufig nur mitgeteilt werden, daß insbesondere dir B e w i l l i g u n g einer Hypothek per 115 000 Fr cs.- erfolgt ist, durch welche der I. 3t.-F. einen großen Bodenkomplcx für den Erwerb durch jüdische Ansiedler oder Bodengesellschaften gesichert hat. SSntgshLlte. Unter welchen Gehässigkeiten die beste jüdische Arbeit zu leiden hat, nur weil sie den Gemeindegewaltigen als von zionistischer Seite ausgehend .nicht behagt, zeigt folgender Fall: Die hiesige zion. Frauengruppe errichtetr vor 2 Jahren einen jüdischen Kinderhort. Die Kinder — etwa 80 an der Zahl — sollten wöchentlich in 2 Stunden jüdische Gedichte und Lieder lernen, Interesse an jüdischen Dingen auch außerhalb der Schule bekommen, in ihrem jüdischen Pflichts- und Verantwortlichkeitsgefühl gestärtt werden, gleichzeitig aber auch mit Turnen, Spielen, Rätselraten ftöhlichc Stunden verleben. Zu diesem Zwecke wurden ihnen auch jüdische Bilder gezeigt und jüdische Märchen vorgrlcsen. Der jüdische Erfolg dieses Kinderhorts war ein sehr erfteulicher, und .man hätte annehmen sollen, für eine derarttge Bestrebung am elften Interesse bei dem jüdischen Gemeindevorstände ertvätten zu dürfen. Doch dem war nicht so. Der Kinderhort hatte auf Aiwrdiiung des Magisttats als Lokal dir jüdische Volksschule. Die jüd. Gemeinde stellte nur das elektrische Licht. Dieser Zustand dauerte dis zu der jüngst stattgehabten Versammlung des Zenttalvereins deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens, die sich nicht nach den Wünschen der Gemeindeführer abspieltc. Sofort nach dieser Versammlung hat der Vorstand ohne jede Mitteilung an die Leitung des Kinderhorts die Schulzimmer für den Kinderhort schließen lassen. Die zion. Frauengruppe hat daraufhin eine Versammlung einberufen und folgende Resolution gefaßt: „Die zion. Frauengruppe in Königshütte spricht ihr Befremden darüber aus, daß einige Mitglieder des jüdischen Gemeindevorstandes zu Königshütte dein jüdischen Kinderhort die bereits sett 2 Jahren vom Magistrat überlassenen Räume entzogen haben, ohne auch nur eine Mitteilung davon für nötig zu halten oder eine oft erbetene Prüfung der Leisttuigen des Kinderhorts .voi^unehmen. Es ist recht bezeichnend dafür, wie jetzt innere Kämpfe im deutschen Judentum geführt werden, wenn man sich nicht scheut, Repressalien zu üben an dem jüdischen Erziehungswerk der Heranwachsenden Jugend." Wie«. Die Zionisten Oberingenieur Robert Stricker und Hof- und Grrichtsadvokat Dr. Jakob Ehrlich sind in den Kultusvorstand und die Zionisten Dr. EmilKoasny, I. H. Waltuch, Hermann Plaschkes, Dr. Rudolf Glücklich, Dr. Egon Zweig, Viktor Knie, Ein. Schidrowitz, Dr.- Max Bernhard, Markus Knöpselmacher, Börscnrat Adolf Brecher, Oberingenicur Emil Fried, Arnold Reich, Dr. Gottlicb Stern, Dr. Jakob Kohn, Hugo Rechnitzcr. Moriz Müller und Dr. Sam. Ruß in die Bczirkskommisfion der ifraelit. Kultusgemeinde gewählt lvorden. Bor den Toren Prags. Historische Erzählung von A. E. Brachvogel. (Fortsetzung.) Am Abend, an dein der Ueberfall erfolgte, am 26. Juli Mischen elf und zwölf Uhr, befand sich Herr v. Sternberg mft Lem Ordensnrcister auf seiner Zitadelle. Der alte Rabbi. Simon Spira saß beobachtend oben auf der Zinnedes Turmes, wo das Feldzeichen der Juden, der heilige Stern, ragte. Markus aber hielt mit tausend Mann seiner kräftigsten jüdischen Strcitgenosfen vor dem Altstädter Turm, dessen Torlveg geöffnet war und hatte seine Kameraden in kleinen Abteilungen auf der Brücke bis zur Kleinsefte und dem Punkte hin verteilt, wo die Brücke, ans die Campa-Jnsel mündend, sich zum Kleinseiter Tor hinabsenkt. Die ersten zwei dieser Glieder der links und rechts an den Brustgeländern haltenden Abteilungen ttugen lange Knebelspieße wie die Landsknechte, die zwei folgenden Glieder hatten gute Feuerrohre zur Bewaffnung. Jede Abteilung ivar vier Mann tief und hielt zehn Mann in der. Front, außerdem hatte Markus jeder Abteilung noch zehn Mann ohne Wehr beigegcben, welche an den spanischcn Reitern postiert waren, das Signal aber hatte man genau verabredet. I» der Stadt hatte es eben elf Uhr nachts geschlagen, als das Licht am jenseitigen Ufer des Weinberges wieder erschien, sich über dein Wasser dann rasch fortbcwcgtc, in der Mitte der Moldau eine heftige, hin .und her schwankende Bewegung machte und plötzlich mit einem Sprunge verlöschte. Markus, der in der Mitte der Brücke sich befand, erhob seine Hände zum Himmel. „Die Schweden sind da! Herr, Herr, halte Deine Hände über uns!" Damit riß er ein Pistol ans seinem Lcdergehänge und schoß ab. — Kaum verhallte der Knall, als aus dem Altstädtcr Turm eine Fackel entzündet wurde. Rabbi Simon hielt sie hoch über seinem weißen Haupte, ihre dunkle Glut beleuchtete das metallene Feldzeichen der Juden, und am Nachthimmel erglänzte, glühend im Widerscheine, jetzt der sechseckige Stern. Zugleich wards auch auf der Brücke lebendig, und Markus Spira, sei» Schwert ziehend, eilte an die Spitze seiner Genossen. „Die spanischen Reiter vor, dann dahinter gelegt!" rief er. I»! Nu wurden linls und rechts von den Geländern die spanischen Reiter quer über die Brücke geschoben und die Enden der vordersten ineinander gestoßen, wie durch einen dritten Reiter verzahnt, sodaß sic einen undurchdringlichen Wall bildeten, hinter welchem zuerst die Spießer Platz nahmen, die ihre Lanzen zwischen die eisernen Stacheln der Reiter einlegten, wobei sie nicderkitieten und den Lanzenschaft gegen den Fuß stcniinten, während die folgenden Glieder sich zmn Schuß zurechtmachten. — Hierauf wurde cs ruhig auf der Brücke. Pochenden Herzens lauschte jeder, was sich drüben begebe. 3tun tönte jenseits Tosen, und verworrenes Geschrei! Trommeln rasselten, Hörner erklangen! Jetzt gingen zwei — drei Gebäude der Ktcinscite in Flammen auf, und die Glocken begannen drüben rückwärts zu läuten!! Großmeister von Sternberg, entsetzt sehend, wie Markus nur zu wahr geredet hätte und daß die Kleinscite auf ihren schwächsten Punkten beim Weingarten Odowalskys überrumpelt ivorden war, ließ zu allgemeiner Alarmierung eines seiner Stücke lösen und eilte in die Altstadt zu Colloredo. — Nie war der friedliche Schlaf der Stadt schreckenhafter unterbrochen lvorden! Während sich die Gewappneten und 'Bürger unter Czernin und Kinsly hastig sammelten, die bewaffneten Studenten von allen Seiten nach ihrer Aula stürzten und die Glocken gellten, eilte Statthalter Colloredo in schrecklichster Angst mit Sternberg nach der steinernen Brücke, an deren Besitz den Schweden ja all:s liegen mußte. Als er daselbst anlangtc, geschah der erste Angriff des Feindes auf dieselbe. — Die Kriege unserer Tage haben gezeigt, daß der Jude ein ebenso gmer Kriegsmann ist wie jeder andere. Damals hatte man indes hiervon keine Ahnung, und der Jude galt als von Hause aus feige. Nach diesen Ereignissen muß e Graf Collvredos erste Sorge mithin sein, so viele christliche Streftcr nach dem bcdrohlcn Turin zu ziehen, als ihm in der Eile nur möglich war. Er fand di: ganz: Umgebung de) Tor s, die Krcnzhcrrciigasse und den Brnckenplatz aber bereits von fanatisch erregten jüdischen Männern besetzt, die nach dem Kampfe verlangten. Der Graf mußte ihnen ihre Stellung lassen und stellte seine eigenen Leute vorläufig zur Nachhut und Deckung ans. Mit Mühe nur gelangte er selbst in das Tor und auf die ungangbar gemachte Brücke, in deren Zwischenräumen die .jüdischen Fähnlein zu seinem grenzenlosen Staunen den Angriff kecken Mutes erwarteten. Gleichgültig geht niemand in den Kampf. Auch ist es sehr möglich, daß die jüdischen Verteidiger Prags angesichts so naher, blutiger Todesnot besonderes Zagen übcrkam. Gewiß aber ist, daß das reizbare jüdische Naturell, einmal cntslammt, in zähem Willen andere Volksrasscn oft überragt und eine Kraft in ihm ganz besonders dann zutage tritt, die Kraft — zu leiden! Die Leichtigkeit, mit der es Königsmarck gelungen war, durch Odowalskys Niederträchtigkeit sich der ganzen Kleinscite zu bemächtigen, gab ihm die Gewißheit, er iverdc die Brücke noch nehmen können, ehe die Alt- und Neustädtcr recht Mir Besinnung gekommen seien. Jndein er dein einen Teil seiner Truppen den Angriff auf den Hradschin überließ, wendete er sich mit der anderen Hälfte sofort der Brücke zu; die bereits brennenden diesseitigen Straßen leuchteten ihnr zu deni Werke. Vor Staunen und Wut glaubte er fast verrückt werden zu müssen, als er die Brücke gesperrt fand und den Sturm seiner ersten Kolonnen so furchtbar zurückgewiesen sah, daß sich die Brücke mit toten und verwundeten Schweden schon in der ersten halben Stunde bedeckte.. Fünfmal wiederholte er in dieser Nacht den Anprall, ja, die beiden letzten Male führte er die Kolonnen in Person an! Vergebens! -Eine jüdische Büchsenkngcl verwundete ihn überdies in der Hüfte, und — ohnmächtig vom Blutverlust — mußte man ihn hinwegtragen. In starrer Verwunderung hatte Graf Colloredo erst vonr Altstädter Brückenkopf aus, dann von der Zinne des Torturnics den Gang dieser Angriffe angesehen. Als der zweite und dritte vergeblich erfolgte, pries er laut die Bravour des Markus und seiner Genossen. . Rabbi Simon erwiderte kein Wort. Sein Auge ans den Sohn geheftet, der in den vordersten Reihen kämpfte, hielt er die Stange des Sterns umfaßt und die lohende Fackel, so betete er leise bis zum Morgenschimmer. Das erste Frührvt beleuchtete nur zu gräßlich die Walstatt, diese lange, steinerne Linie, »velche über das Wasser ftihrtc, von einem Chaos von Blut und Leichen, Acchzendcn und Käinpfcnden erfüllt. Colloredo legte seine Hand auf des alten Spira Schulter: „Rabbi, im Namen des Kaisers danke ich Euch, Enreni ivackercn Sohne, Eurem tapferen Volke! Eure Opfer solle» nicht Nnbelohnt bleiben!" „Herr, danket Gott allein. Seine Hand ist's geivescn, nicht unsere, die den Feind schlug, in seinen Händen ruhe der Ratschluß auch ferner!" Der Gras nickte und stieg vom TurMe, um das Resultat des Gefechtes in der Nähe zu betrachten. In der Torhalle unter jauchzenden Juden traf er Czernin und Kinsky, die eben angelangt waren. „Gerettet, Graf!" rief elfterer. „Die braven Juden haben die Schweden gcivorfen und halten die Brücke!" „Nach einem so heißen ersten Gruße wird Königsmarcks Hitze sich wohl legen!" setzte Kinski) hinzu. „Verdammt, daß die Kleinseite hin ist; ich sah mein eigenes Haus brennen! Wie konnte es dem Feinde nur möglich werden, so plötzlich hineinzukommen?" „Ohne Verrat nicht, und Markus 'Spira allein ist's, der um ihn gewußt hat! Lassen Sie uns den Stand der Dinge näher nntersuchen und Markus, über das befragen, ivas er vorher geivußt haben muß." Damit wollten sie die Brücke betreten, als eine jüdische Frau, der fünf bis sechs andere folgten, ihn anrcdete: „Herr Statthalter, unsere Männer haben getan was sie konnten, lassen Sie cs uns Frauen nun auch tun.' Wir kommen, die Verwundeten zu Pflegen und die Tote» zu begraben." „Auch Ihr jüdischen Weiber wollt dabei sein? — Wer bist Du denn?" „Ich bin Esther Katz und nur ein schwaches Mädchen, ich will aber starkmütig sein und mit meinen Freundinnen die Männer nicht verlassen, damit sic nicht verzagen und nicht müde werden." „Gut, mein Kind, das sollst Du. Czernin, die Universität soll Aerztc und Arzneien stellen, die barmherzigen Brüder aber Tragbetten schicken, das Rathaus muß Lazarett werden. Lasten Sie uns alles anwenden, um unseren sieghaften jüdischen Freunden die höchste Achtung zu bezeugen!" Der Kampf war vorüber. Die Schweden hatten sich erschöpft jenseits des Kleinseiter Tores zurückgezogen und es verrammelt. Man hatte die Spitzen der hintersten spanischen Reiter jetzt zu einer Gasse auseinandergerückt, um eine bequemere Verbindung mit den vordersten Kolonnen herzustellc». Durch diesen engen Gang folgten nun Esther mit Täubchen, Frau Sara und etliche Frauen dem Grafen und Kinsly, indes Czernin zurückcilte, um Vorkehrungen zur Verpflegung zu treffen. Die Anlängenden fanden Markus Spira von Schweiß und Blut bedeckt inmitten seiner vordersten Fähnlein. Rings ächzte und wimmerte es, mancher Jude hatte ein Verbundes Haupt und einen wundenbedecktcn Leib, aber jauchzend hießen alle Colloredo willkommen. Vor' den spanischen Reitern sah es umso grauenhafter aus, als tnt Entsetzen der Nacht, und nachdem Graf Königsmarck gefallen war, die Schweden sich in voller Panik zurückgezogen und ihre Gefallenen auf der Brücke gelassen hatten. Sic bildeten einen entsetzlichen Anblick. , Ihre Leichen hingen verzerrt Mischen den eisernen Stacheln der spanischen Reiter, der Tod hatte