Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 48 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 .;‘4«t. E Unßlmck von hinten erstochen. Hervorgogangerr war der Streit Ms Neckereien und- Beleidigungen einer deutschen Burschenschaft gegen den Mischen Studenten inr Casö. - . Die Bluttat hat natürlich sowohl in Deutschland als auch außerhalb das größte Aufsehen erregt. Denn, ob inan es zugestand oder nicht, im Innern haben alle gefühlt, daß diese grausige Mordtat zum großen,' 'wenn nicht dein „größten Teile aus den brutalen Haß zurückzuführen ist, der in weiten Kreisen der deutschen Studentenschaft, besonders der korpvrierjen, gegen die osteuropäischen jüdischen Studenten herrscht. Und de!n sichtbarsten Beweis für diese Auffassung des Ber- : brechens haben die Darmstädter Korporationen selbst ' erbracht, indem sie es fertig gebracht, haben, . einige Tage nach dem schändlichen Verbrechen im „Darmstädter Tageblatt" eine von Gehässigkeiten gegen die „Slaven", geineint sind natürlich die Juden, wimmelnde Erklärung zu veröffentlichen. . Das Problem der jüdischen osteuropäischen Studentenschaft bildet nur ein Glied der ganzen großen JNdenfrage. Bon dem Zutritt zu den russischen Hochschulen infolge 'der brutalen Vergewaltigungspolitik der Regierung ausgeschlossen, sind sie gezwungen, an deutsche Hochschulen zu wandern. Und hier begegnet ihnen nun wieder derselbe Haß, der instinUive Antisemitismus paart sich mit dem FremdÄchaß, und so sind sie Schritt auf Schritt Verunglimpfungen, Zurücksetzungen, Beleidigungen ausgesetzt. Die Hochschulen selbst suchen ihnen ja schon seit langem den Eintritt durch alle erdenklichen Mittel zu erschweren,. ,wönn nicht unmöglich zu machen, mü> wenn es ihnen schon einmal gelingt, dennoch ausgenommen zu werden, auch dann können sie infolge-der brutalen, gehässigen Haltung eines großen Teiles der deutschen Studentenschaft ihres Studiums sich nicht ungestört erfteuen, sorüiern müssen es Tag für Tag zu spüren bekommen, daß sie die Söhne des Ahasvervolkes sind. So stark die AnfenMurgen von allen Seiten sind, so minimal ist der Schutz, den man ihnen angedeihen läßt. Sie selbst sind-ja'völlig machtlos; abhängig von der Gnade und Ungnade der Hochschulen ünd Regierungen, dürfen sie es nicht wagen, etwas zum eigenen Schutze zu tun. Die akademischen Behörden erfüllen ihre Pslichtz-alle Mitglieder der Hochschule ohne Unterschied der Pvcson gleich energisch zu beschützen, .mit jeiner kühlen Widerwilligkeit, mit der man unangenehmen, peinlichen Pflichten nachzukommen pflegt. Die Vertreter der russischen Regierung, nun, wie sie den jüdischen Studenten ihres Landes gesinnt sind, davon hat ja ine beispiellose, einzig dastehende Tatsache Zeugnis abgelegt, daß das offizielle Organ der russischen Regienmg, die „Roßja", gegen. die Mischen Studenten ans Rußland an den deutschen Hochschulen Hetzartikel der niedrigsten Art gebracht und die Hochschulen unverblümt aufgefordert hat, den jüdischen Studenten aus Rußland jeden Zutritt zu verwehren. Bliebe also mir «in Faktor, der sich dieser-verfolgten, schutzlosen osteuropäischen M. Studentenschaft annehmen und sie einigermaßen beschützen kömtte: Lies wären die maßgebenden Fnstztutionen und Instanzen der deutschem Judenheit. Hier aber berühren wir den wundesten Puntt des Ganzen. Unendlich trauriger als der Haß der, deutschen Korporattonen, bei denen man es ja gewöhnt ist, unendlich trauriger als die indifferente mild ablehnende Stellung der akademischen Instanzen ist die absolute Gleichgültigkeit, mit twir sich die leitenden offiziellen Kreise der deutschen Judenheit zu dieser Frage, stellen. . Wir habeir an dieser Stelle schon des öfteren auf die unsäglich traurige Erscheinung hingewiesen, daß in weiten Kreisen der deutschen Judenheit ein -Mißtrauen, eine Antipathie/ ja eine gewisse Feindseligkeit gegen' den ostMropäifchen Juden besteht; diese „Jndophobie" der deutschm Juden selbst macht sich auch hier wieder so traurig bemerkbar. Dieser armen Mischen Studenten aus Rußland sich anzunehmen, daran denken die wMigsten. Ja, teilweise billigt und unterstützt man in'jüd. Kreisen Deutschlands die feindselige. Haltung der deutschen ©tutentenschaft. Man will es nicht, glauben, aber es ist so. Und als Beweis hierfür -diene «in. sehr sprechen- . des i^mptom: die Haltung nämlich, die die jüd. Korporation der Assimilation, der K. C., zu der Frage einnimmt. Soviel wir wissen, ist cs nicht Frankfurter Israelitisches Familiettblatt. nur dem K. C. niemals eingefallen, an den Hochschulen für die osteuropäische jüdische Studentenschaft eine Lanze zu brechen, vielmehr schließt er sich gewöhnlich dem Vorgehen der 'deutschen Korporationen an. Wir hören aus sicheren Informationen, daß die K. C.-Berbindung an der Darmstädter Hochschule, die „Biadrina", die irnglaubliche und gehässige Erklärung der deutschen Korporationen mit unterzeichnet hat. Wir sträuben uns innerlich, solches zu glauben, aber unsere Informationen sind zuverlässig. Und wenn dies wirklich der Fall wäre, dann wäre dies ein 'Verhalten, für das cs einfach keine Worte gibt. Deutsche Juden wären über ihre unglücklichen osteuropäischen Brüder in der gehässigsten Weise hergefallen. Jedmfalls hat die jüdische Oeffentlichkeit ein Anrecht darauf, den ganzen Sachverhalt der Dinge zu erfahren. So stehen die jüdischen Studenten aus Rußland ganz ohne Schutz da. Ihre Lage hat in dem grausigen Verbrechen in der Rheinstraße zu Darmstadt einen entsetzlichM Ausdruck gefunden. Es wäre an der Zeit, daß diese Mordtat, die ein blühendes, junges Menschenleben vernichtet hat, die deutsche Judenheit endlich anfrüttle, ihr ihre elementarsten Pflichten gegenüber ihren Brüdern vor Augen führe und eine gründliche Wandlung in der Haltung ihrer leitenden Kreise bewirke. Ob viel zu erreichen sein wird oder nicht, dies ist eine! zweite Frage. Daß aber die deutsche Judenheit sich der jüdischen Studenten ans Rußland annehmen und für sie eintreten muß, dies ist. eine elementare Pflicht, deren Nichterfüllung eine Schuld bedeutet, von der die deutsche Judenheit sich nicht wieder reinwaschen könnte. XI. Borstaudsfitzuug des Verbandes der jnd. Jugeudvereine Deutschlands. Die Vorstandssitzung faßte zu Punkt 1 und 2 der Tagesordnung 'imch einer ausführlichen Aussprache folgende Resolutionen: 1. Der Borstand> des Verbandes der jüdischM Jugendvereine Deutschlands ersucht die Geschäftsstelle, mit dM maßgebendst Behörden in Verbindung zu treten und dahin zu wirken, daß die jüdischen Jugcndverci ne zu den von Seiten der Regierung geschaffenen Ausschüssen für Jugendpflege herangezogen werden. 2. Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands ersucht alle Verbandsvereine, zu änderen Jugendorganisationen (Pfadfinder, Wandervogel, Jung- Deutschland), abgesehen von den von der preußischen Regierung eingesetzten Jngendpflegeausschüssen, vorläufig in keiner Weise Stellung zu nehmen. Sollte irgeub; eine Organisation von sich aus an. einen Verbandsverein herantreten, bitten wir den Verein, sich unverzüglich mit der Verbandsleitung in Verbuchung zu schen. 3. Der Vorstand des Verbandes der jüdischM Jugendvereine DMtschlands erachtet es als die Pflicht jedes Berbandsvereins, für die körperliche Ausbildung seiner Mitglieder in irgeird einer Weise Sorge zu tragen. Der Vorstand beauftragt die Geschäftsstelle, mit möglichster Beschleunigung unter Mithilfe eines technischen Beirats Leitsätze für -'die praktische Durchführung einer volkstümlichen Körperpflege, das heißt des Tum-, Turnspiel-, Wander- und eventuell noch Sportbetriebes in den Jugendvereinen aufznstellen und' sich mit den einzelnen VereinM zwecks Ausführung in Verbindung zu setzen. Punkt 3 der Tagesordnung betraf die nächste Delegiertenversammlung. Sie wird ant 14. September 1913 in Frankfurt a. M. stattfinden. Es werdm Referate gehaltM werdM 1. über die Berufswahl der jüdischen Jugend, 2. über die Organisation der weiblichen jüdischen Jugend. In Aussicht genommen ist ferner ein drittes Referat über die Pflege der hebräischen^Sprache in den Jugendvereinen, doch soll erst in der nächsten Borstandssitzung über dieses Referat ein endgülttger Beschluß gefaßt werden. . Aus dem G eschäftsbe r i ch t sei folgendes hervorgehoben: ' Kr. 48 | Die Finanzlage dds Itzrbandes ist insofern nicht ungünstig, als das Geschäftsjahr.1911/1? mit eitlem Äeinen Ueberschuß abschließt. Da sjst aber die Ausgaben des Verbandes erheblich vermehrt haben, weist der Voranschlag für das nächst, Geschäftsjahr einen starken Fehlbetrag auf. Um den Verband neue - Einnahmen zu erschließenward die Einrichtung der „Förderer" geschaffen. Di, ersten Erfolge des „Aufrufs" sind befriedigend. Der Anteil ter weiblichen Jugend a» der Jugendbewegung ist, seitdMr im November vorigen Jahres ein besonderes Dezernat , für diese Frage geschaffen wurde, beträchtlich gestiegen. Seit Beginn dieser Saison sind' neu gegründet Mädchengruppen als Untergruppen der betresfendM Jugend- Vereine in Cöln, Cassel und Oppeln/-vorbereitet sind solche in G ö t t i n g e n, M a i n z, Danzig, Straßburg, Bromberg, Königsberg i. Kr., Dresden und Stuttgart. Mit der Ausbreitung unserer JdeM aus das flache Land haben wir begonnen und hoffen, ein gut Stück vorwärts zu kommen im Laufe dieses Winters. Es kommt darauf an, einmal in Landgemeinden, die sich sehr nahe bei einer größeren Stadt befinden, den jungen LeutM den Anschluß an den dortigen Jugendverein zu ermöglichen; wo dies nicht der Fall ist, durch gelegentliche! Veranstaltungen, zu denen die Bevölkerung der naheliegenden Gemeinden eingeladen wird, unsere Ideen zu verbreitM und schließlich die Lehrer und andere Persönlichkeiten an einzelnM Orten dafür zu g:- winnen, daß sie die wenigen jungM Leute ihrer Gemeinde ab und zu vereinigm, und daß sie die Adressen der Fortziehendön den betreffenden Jngendvereinen Mitteilen. Der Verein Vacha und Umgegend arbeitet schon seit längerer Zeit in diesem Sinne. Göttingen entfaltet eine intMsive Propaganda in den zahlreichen umliegenden kleinen Gemeinden. Der Verein E s ch w e g e beabsichtigt, in gleicher Weise vorzugehen. Von Cassel aus ist ein Jugendverein in Borken (Oberhessen) gegründet worden. Die Schaffung zweier neuer Bezirks verbände ist vorbereitet. Für das Königreich Sachse n ist eine Geschäftsstelle in P l a u e n eingerichtet worden. Die ob er schlesischen Beireine werden im Laufe dieses Winters noch einmal zusammenkommen, um einen Bezirksverband! zu begründen. Der mitteldeutsche Bezirks verband ist aufgelöst worden, da er zu groß war, die Vereine räumlich zu weit voneinander lagen, unt Ersprießliches leisten zu können. Er wird in ein« Reihe kleinerer Verbände umgefialtet werden. Von der Geschäftsstelle aus war dem Vorstand die Kooptation des Jüd. Frauenbundes in den Verbandsvorstand vorgeschlagen; eine. Entscheidung wurde auf die n ä ch st c Vor stand ssitznng vertagt, da zunächst noch . Verhandlungen gepflogen werden. sollen. Gelegentlich einer Anfrage des Vereins Elberfeld über die Stellung der Jngöndvereine zu . den : Wahlen zur Angestelltenversichernng wird beschlossen, den Verein«: zu empfehlen, nicht als Organisationen bei diesen Wahlen horvorzutreten, da unsere Vereine keinerlei politische Tendenzen haben, doch erscheint es wünschenswert, daß möglichst viele Einzelmitglieder der Vereine von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und an den Orten, wo ein besonderer Kampf gegen antisemitische Organisationen geführt werden muß, die Ortsgruppen des Centralvereins kräftig^in ihrer Arbeit unterstützen. Aus allchr Welt. Deutsches Strich. Frankfurt a. SR. In Nr. 48 der „Laubhütte" (vom '28. Nov. 1912) wird der Leitung der Agudas Jisroel der Borwurf der Doppeldeutigkeit' gemacht. Aus ihrer Resolution gehe nicht Kar hervor, wer die Entscheidung des „rabbimschen Rates" anrufen solle. Der Verfasser des Artikels versteht. fein deutsch ober vielmehr — er will es nicht verstehen. Der Ausdruck lautet: „das Komitee überläßt es jeder der . . . vorhandenen Nicht um gen, ihren Standpunkt .■. . vor de» zuständigen Organen.... zur Geltung z» bringen." In dem Satze „ich! überlasse es Dir zu bezahlen", iist vollkommen deutlich, iver den Kassierer machen soll; und wer das nicht verstehen will, kan»