Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 48 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wir und.die^anderen. — Zur Klärung. — In den Stunden der Gefahr, in den Zeiten efer. Krisen und bedeutsamer Geschehnisse erkennt an die wahre Gesinnung des einzelnen ani besten.!enn in diesen Momenten muß ein jeder sich klar nd offen entscheiden, Phrasen und Vertuschungen atzen nichts mehr, ein jeder muß klipp und klar ««kennen, wohin er gehört und zu wen: er zählt, ls vor einigen Wochen die „Richtlinien" für is liberale Judentum veröffentlicht wurden, mußte ieser unheilvolle Schritt der liberalen Rabbiner rturgemäß eine tiefe Erregung in allen Kreisen er deutschen Judenheit auslösen. Und in dieser rregung mußte sich bald erkennen lassen, wen «irklich die so oft versicherte und verherrlichte Liebe n jüdischen Gesamtheit tief im Innersten beseele, ild wem dieses Wort nur eine Phrase war, die ian im ersten entscheidenden Moment bei Seite arf. Man mußte erkennen, wem das Interesse er jüdischen Gesamtheit in erster Reihe am >erzen lag. Je. nachdem, ob man im Lager der iesetzestreuen die Veröffentlichung der „Richtmen" wirklich innerlich aufs tiefste bedauerte als efahr für das Judentum und so vor allem auf Kittel sann, diese Gefahr zu beseitigen, oder ob mn als Gegner der Liberalen in erster Linie sich igentlich über ihren schweren Fehlschritt freute, »eil man von ihm eine Stärkung der eigenen «artet erhoffte, mußte es sich zeigen, wem „Klallsroel" das höchste Leitmotiv seines Handels bildete nd wem nicht. Und es hat sich gezeigt; so deutlich und klar, »ß man erschaudern mußte, als nian erkannte, wie hr .im extremen Flügel der Trennungsrthodoxie der Haß gegen alles, was nicht zu st zählt, gediehen ist, daß er allen Sinn für I ie Gesamtinteressen in ihm ertötet hat. Daß die I Richtlinien", so sehr sie für die gesamte« rutsche Judenheit eine Gefahr bedeuteten, für die rennungsorthodoxie scheinbar einen.Gewinn darellten, war klar. Aber nian hätte doch nicht glauben ollen, daß die absolute Verständnislosigkeit für das Sohl der Gesamtheit bereits so sehr fortgeschritten sar, daß man so offenkundig über die „Richtmien" jubilierte und in eine Entrüstung sondörleichen geriet, als man den ehrlichen Willen d?r iberalen Rabbiner erkannte, den gemachten Fehler! pichet gut zu machen. Es ist eine Tatsache, die für die CharaktSistik gewisser Gruppen der deutschen Orthodoxie von leibendem historischem Interesse ist, daß sich Stimmen und Zeitungen gefunden haben, die, anstatt j >ie Liebe zur jüdischen Gesamtheit, die aus der - Erklärung der liberalen Rabbiner spricht, anzu-!rkennen, es für nötig und angebracht gehalten >aben, sie statt dessen mit Kübeln von Hohn nnd vpott, von Beschimpfungen und Angriffen zu be- 1 chütten, und sie so für ihre Erklärung bei- »ähe heftiger angriffen als für die Richtlinien selbst Für jeden Einsichtigen ist S doch klar, daß viel mehr Mut und Selbstüber- »indungskraft dazu gehört, die Konsequenzen mehrähriger Arbeit zu inhibieren, weil man sich betvußt geworden ist, welchen Schaden sie der deutschen judenheit zusügen können, als dazu, in enger und «equemer Ueberlegenheit die liberalen Rabbiner ob >res Mutes als feige zu beschimpfen. ... -Wir wollen uns mit unseren Ausführungen eineswegs zu Verteidigern der Liberaen aufwerfen. Dies kann unsere Aufgabe, die wir fest auf dem Boden des traditionell-gesetzestreuen Judentums stehen, nicht sein.'Was wir wollen, das ist, darauf hinzuarbeiten, daß man lerne, das Wohl der Gesamtheit als erstes zu werten, und daß man ferner lerne, auch den Gegner gerecht zu beurteilen. Die Veröffentlichung der Richtlinien war eine Tat, geeignet, die schwersten Gefahren für das deutsche Judentuni herbeizuführen. Dies zu betonen, haben wir nicht gezögert. Aber demgegenüber verlangten es doch die elementarsten Prinzipien der Gerechtigkeit, auch: die Motive dieser Tat zu untersuchen, und da ergabes sich bei einiger Vorurteilslosigkeit, daß die liberalen Rabbiner sich nicht über die volle Tragweite ihres Schrittes klar waren, das heißt, nicht dachten, daß die Richtlinien ein Schisma herbeizuführen geeignet seien, und insofern „beschaugeg", im Irrtum handelten. Sie haben nur den letzten Schritt in der Entwicklung der Reform getan, und die Schuld an den Richtlinien — wir müssen es wiederholen — trägt die ganze Reformbewegung seit der Emanzipation. So ist es zu erklären, daß, als die liberalen Rabbiner die Konsequenzen ihrer Tat wahrnahmm, sie sich in" ehrlicher Liebe zur jüdischen Gesamtheit beeilten, den Schritt wieder gut zu machen und alles wieder zurückzunehmen, was ein Schisma herbeiführen könnte. Sie veröffentlichten ihre Erklärung. Und die Liebe zum Wohle der Gesanitheit, die aus dieser Erklärung spricht, anzuerkennen, war nur die selbstverständliche Pflicht der Gerechtigkeit, ja des Anstandes. Dies haben wir loyal und offen getan, dies haben die traditionell-gesetzestreuen Unterzeichner der Erklärung, die wir vor zwei Wochen veröffentlicht haben, auch nur getan, geleitet vom Wunsche, ein Schisma zu verhüten, ein Schisma, das für die deutsche Judenheit ein Unglück wäre, wie es größer nicht gedacht werden kann. Daß sowohl wir wie die Unterzeichner der Erklärung für diese Stellungnahme heftige« Angriffe erfahren würden, war klar. Denn daß gewissen Herren, deren Ideal es wäre, die herrlichen Zustände des Magyarenlandes auch in Deutschland herbeizuführen, diese ganze Wendung der Sache nicht nach dem Geschmacke war, mußte man von vornherein verstehen. Je radikaler und unvernünftiger die Liberalen sich beiwmmen hätten, um so froher wären sie gewesen. Man mußte also darauf gefaßt sein, daß diese Herren den liberalen Rabbinern nicht verzeihen werden, jüdisch und vernünftig gehandelt zu haben und auch diejenigen im gesetzestreuen Lager mit ihrer Galle bespritzen werden, die diese vernünftige, von der Rücksicht auf das Wohl der Gesamtheit diktierte Haltung der Liberalen anerkennen würden. Die Angriffe von dieser Seite also durften nicht wundernehmen. Wohl aber waren wir erstaunt, diesmal bei dieser Seite auch solche zu finden, die sonst nicht dahin gehören. Es hat sich da wieder einmal die alte Erfahrung bestätigt, daß in den Zeiten der Erregung oft derjenige am meisten wirkt, der am lautesten schreit und am extremsten auftritt. Gerecht und objektiv Maß zu halten, ist die schwierigste Kunst, besonders in erregten Zeiten, dies haben wir jetzt wieder erfahren müssen. Aber diese Erfahrung wird uns nicht irgendwie beeinflussen, weil wir wissen, daß diese Kunst im höchsten Grade auch jüdisch ist. Auf dem Boden der jüd. Gesamtheit zu stehen und überall für die Wahrung der Einheit Israels, die identisch ist mit der Erhaltung des. . jüdischen Volkes, mit aller Macht einzutreten, ist die schwierigste, zugleich aber die höchste, die heiligste, die jüdischste Aufgabe im jüdischen Leben der Gegenwart. * Als unsere Scharfmacher-Presse die ehrlich abgegebene Erklärung der liberalen Rabbiner mit Spott und Hohn überschüttete, da befürchteten wir, daß diese nicht scharf genug zu verurteilende Handlungsweise den Rückzug der Liberalen nur erschweren werde, indem die radikalen Elemente innerhalb des liberalen Rabbiner-Verbandes dadurch eine Erstarkung erfahren werden. Wir versuchten, die „löbliche "«Absicht unserer Scharfmacher zu durchkreuzen; wir handelten dabei gemäß unserer von jeher beobachteten Methode: „Habo letaher mesajiu ansau, Wer eine Besserung beabsichtigt, ist der Unterstützung würdig", nnd gemäß der aus Brüderlichkeit entsprungenen altjüdischen Auffassung: „Bauschei jisroel meleeim mizwaus korimaun. Die Uebertreter in Israel sind noch voll von Pflichtgeboten wie der Granatapfel voll Körner." Wir haben also, wie es Brüdern, wenn auch im Irrtum befindenden Brüdern, gegenüber geziemt, gehandelt. Und indem wir so taten, verfuhren wir gleichzeitig nach den Methoden der doch am maßgebendsten russischen Orthodoxie, die uns bisweilen sogar ein zn weitgehendes brüderliches Verhältnis zu der krassesten Assimilation unterhält. Wir haben uns also in keinerlei Hinsicht „Al cheet" auf die Brust zu klopfen. Und die anderen? Leider haben sich unsere Befürchtungen bewahrheitet: die von uns vorausausgesehene Stärkung des radikalen Flügels der liberalen Rabbiner ist eingetreten, die Liberalen sind in die ihnen gestellte Falle gegangen, der Radikalismus hat Oberwasser bekommen, manches radikale! Wort, das sonst-s ich erlich ausgeblieben wäre, ist inzwischen geschrieben und gesprochen worden. Auch haben bedauerlicherweise einige Gemeinden zu dem internen Streit der Parteien Stellung genommen. Wir sehen bereits den Jubel, der in den scharfmacherischen Kreisen ausbrechen wird. — Run, wir gönnen ihnen diese sonderbare Freude! Doch eins sei ihnen gesagt: Wohl habt Ihr Euer Ziel, die Stärkung des Radikalismus, — wenn auch vorübergehend — erreicht; — allein auf Eure Rechnung, die endliche Spaltung der Richtungen innerhalb der deutschen Judenheit herbeizuführen, werdet Ihr nicht kommen. Tenn wenn auch die besonneneren Elemente innerhalb den Traditionellen in der ersten Aufregung sich von den Scharfmachern fortreißen ließen, so werden sie schließlich doch zur Einsicht gelangen und sich auf unseren Bodenstellen. - Wir und Ihr! Nun, die Zukunft wird zeigen, wer in dieser Stunde der Verwirrung jüdisch und wer u n jüdisch gehandelt hat! Aus de» Ereignissen des Tages. Das Problem der osteuropäische» Studeuteuschast. Ein Mahnruf an die deutsche Judenheit. Kürzlich hat sich in Darmstadt ein furchtbarer Vorfall ereignet, der den Blick der jüdischen wie auch eines großen Teiles der nichtjüdischen Oeffentlichkeit auf das Problem der osteuropäischen jüdischen Studenten.- schaft an den deutschen Hochschulen gelenk hat: Ein deutscher Student hat einen jüdischen Stuben-