Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 45 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SeLr 2. in Wahrheit regierungsfreundlichen Programm nichts mehr wissen wollen. Doch rvüs nützt die Volksstimmung in Rußland? Zn diesem Lande ist die Meinung des Volkes noch kein nennenswerter Faktor dsr Politik geworden. Der eine Oberprokuror der Heiligen Synode, Sadler, wiegt unendlich mehr als die Güsimnmg des gesamten Volkes, — und so ist; denn die Duma ein Parlament von Gablers, nicht aber von des Volkes Gnaden. Ebenso traurig wie der allgemeine Ausfall der Wahlen ist auch das Ergebnis in Bezug aus die jüdischen Mandate. Wohl sind drei jüdische Deputierte gewählt worden, <cher keiner von ihnen, wird imstande sein, die Stimme der russischen Judenheit in der Duma wenigstens nach außen hin wirksam zur Geltung zu bringen; sie sind alle drei ihrer Aufgabe, Vertreter der nationalen Würde und der Lebensinteressen ihres Volkes zu sein, nicht gewachsen. Von den bedeutenden Persönlichkeiten, die als jüd. Kandidaten aufgestellt waren — Jabotinsky, Grusenberg, Sliosberg—, ist niemand gewählt worden. Die russische Judenheit wird in der neuen sDunba nicht einmal die Möglichkeit .häbtin, ihr namenloses Leid, das unerhörte Unrecht, das ihr tagtäglich angetan wird, mit jenem Nachdruck in die Welt hinauszuschreien, ber es allein bewirken könnte, daß ihr Empörungsschrei auch den nötigen Eindruck Hervorriese. ' Die einzige, einigermaßen erfreuliche Episode in der ganzen Wahl bleibt der Fall Warschau. Was man bis zuletzt noch immer wieder befürchtet hat, daß die jüdische Wahlmännermajorität sich von den Drohungen der polnischen Assimilanten werde einschüchtern lassen und den offiziellen polnischen Kandidaten, einen wüsten Aittisemiten, wählen werde, ist nicht eingetreten: die jüdischen Wahlmänner hoben die Ehre ihres Volkes gewahrt undeinen polnischen Sozialdemokraten, einen Vertreter der Gleichberechtigung der Juden, in die Duma entsandt. Es läßt sich zwar darüber streiten, ob es vom Standpunkt der nationalen Ehre nicht geboten ge-, wesen wäre, nach dem rücksichtslosen Benehmen der Polen im Gouvernement Wilna, wo sie den Juden keinen Vertreter zugestehen wollten, einen Juden zu wählen. Aber das Wichtigste bleibt dennoch, daß im. Prinzip die nationale Würde gewahrt worden ist und der offizielle polnische Kandidat unterlegen ist. . Welche Folgen die neue Duma für die innere Politik Rußlands, vor allem in Bezug aus die Juden, haben wird, läßt sich im Momente noch nicht übersehen., Eine Stärkung der Reaktion wäre wohl möglich. Geht doch schon das Gerücht um, daß der IProkuror der Heiligen Synode, Gabler, der eigentliche Regisseur der ganzen Wahlkomödie, Ministerpräsident werden soll, ein Gerücht, dessen Verwirklichung furchtbare Konsequenzen für die russische Judenheit haben würde. Aber im Augenblick ist ein solcher Wechsel in der Ministcrpräsidentschast.wohl nicht zu erwarten. Wie dem aber auch sein mag, Ms einige Repressalien mehr oder weniger kommt es. ja schließlich nicht an; das Wichtigste, die unerhörte Vergewaltigung der russischen Judenheit ils all' ihren Lebensinteressen, wird ÄAehen bleiben, — und damit wird ihr Elend von Tag zu Tag größer und schreiender werden.- 2 Die Borgäuge tu der Türkei. Es ist! schon lange her, seitdem die europäische Politik und der Gang der geschichtlichen Entwicklung solche plötzliche, unerwartete Wendungen genommen haben, wie sie uns die letzten Wochen gebracht haben. Die gcurze Entwicllung des Balkankrieges hat ganz Europa derartig überrascht, hat alle Erwartungen und Vermutungen derartig über den Hausen geworfen, daß man sich noch heute kaum wieder ganz gefaßt hat und imstande wäre, die Situation Har - und' ruhig zu überblicken. Die Verwirrung, die in Äer europäischen Politik jetzt herrscht, ist ja das beste Zeichen dafür. Rur das eine steht bereits fest: der unerwartete glänzende Sieg der Balkanstaaten wird von - Konsequenzen sein, deren volle Tragweite sich heute noch nicht genM bestimmen läßt. Es ist noch nicht sicher, wieviel ihres Gebietes der Türkei abgenommen werden wird, noch nicht sicher, ob die Türkei in der souveränen Form, die sie bisher Artte, weiterexistieren wird, aber daß die Türkei aus dem Balkan, aus Europd jetzt .herausgedrängt Frankfurter Nraeltkffcyes FamWenblarr. werden wird, dies darf man, selbst ohne voreilig prophezeien zu wollen, schon jetzt aussprcchen. Daß auch wir Juden an der ganzen Entwicklung der Ereignisse im höchsten Grade interessiert sind, ist selbstverständlich. Vor allein sind wir ja in den von den Balkanvölkern eroberten türkischen Gebieten stark vertreten, und eine Stadt wie Saloniki war ja seit jeher ein - jiidisches Zentrum gewesen. Und sodann: Die ganze Neuordnung der Dinge kann ja für den Zionismus von der einschneidensten Bedeutung werden. Denn es ist wohl möglich, daß sich für ihn die Notwendigkeit ergeben wird, eine Aenderung seiner Politik vorzunehmen. Man denkt gerade im jetzigen Moment, in einem Moment historischer Entscheidungen, mit tiefem Schmerze jffit dien frühen Heimgang des großen Theodor Herzl und fragt sich, was wohl er in der gegenwärtigen Situation untcritommen hätte. Wer weiß, ob es ihm nicht gelungen wäre, im Rate der europäischen Völker auch die Stimme des Jüdenvolkes zur Geltung zu bringen und seinen Traum von der Erlangung eines Charters für Palästina durchzusctzen. Wer weiß, ob er cs nicht vermocht hatte, in einem solchen entscheidnngsvollen Augenblicke die Führer des jüdischen Volkes in dieser Forderung nach der Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina zu einen. Denn daß wir Juden, wenn wir geeint und energisch als Volk auftreteu würden, wohl schon die Macht hätten, auch unseren bescheidenen Ansprüchen Geltung zu verschaffen, ist ein Gedanke, der durchaus nicht so unwahrscheinlich ist, wie er im ersten Momente aussieht. Dies wäre wohl schon möglich; was aber viel weniger möglich ist, das ist, die BorMssetzung zu einem solchen Schritte unsererseits zu schaffen und unser Voll als Volk zu organisieren und zu einen. ... Darum muß man, so schmerzlich es auch ist, für jetzt diese schönen Träume und Wünsche beiseite lassen und sich an die nackte, brutale Realität halten. Und diese Realität ist ja aus den ersten Blick traurig genug. Eine starke souveräne Türkei, das war die Voraussetzung der bisherigen zionistischen Politik; diese Voraussetzung wird jeM entweder ganz fallen müssen oder jedenfalls schwankend werden. Die Souverenität, die Macht der Türkei wird eine starke Einbuße erleiden. Trotzdem wird man aber fehlgchen und in einen unberechtigten Pessimismus verfallen, wollte man nun annehmen, die Miederlage der Türkei und die daran sich anschließenden Konsequenzen müßten den zionistischen Plänen erheblichen Schaden bringen oder gar ihre Realisation unmöglich machen. Ueberlegt man sich die Sache genauer, so erkennt inan, daß, was auch immer kourmen nwgc, die Verwirklichung der zionistischen Ziele nicht erheblich leiden kann. Was der Zionismus will, die Ansiedelung einer starken jüdischen Bevölkerung in Palästina und die Erlangung ihrer kulturellen geistigen Autonomie, wird auch realisierbar sein bei einer rein asiatischen Türkei. Ja, wer weiß, ob nicht sogar bei einer Schwächung der Türkei, bei ihrem Vevlüstc an so vielen Untertanen eine starke jüdische Einwanderung ihr nicht noch lieber sein wird, als sie es jetzt ist. Man . sieht: Es ist bei näherem Zusehen nicht gesagt, daß die Neuordnung der Verhältnisse für den Zionismus sich ungünstig gestalten muß, und jedenfalls ist cs sehr töricht, etwa von der -Vernichtung der zionistischen Pläne zu reden, wie manche meinen. Mas wir vorläufig tun können, ist: abwarten, bis die endgültige Neuregelung erfolgt ist. Dann werden wir sehen, ob eine Neuorientierung der zionistischen Politik nötig ist. Und selbst wenn sie notwendig sein sollte, der Zionismus hat bei der türkischen Revolution bereits den Beweis erbracht, daß er selbst einer radikalen Wandlung der Verhältnisse gewappnet gegenWersteht. Was ihst eben stark macht, ist die Tatsache, daß er die tiefsten Wünsche des. jüdischen Volkes verkörpert. Und die heiligste Sehnsucht eines ganzen Volkes ist stärker, als alle politischen, zeitlichen Ereignisse und Wandlungen sind. Erklärimg. Um. Mißverständnissen und Mißdeutungenentgegenzutreten, welche die Richtlinien' zu einem Nr. 45 Programm für das liberale Judentum zur Fr>lge gehabt haben und noch haben könnten, erklärt der mtterzeichnete Vorstand der Bereinigung der ft&e* ralen Rabbiner Deutschlands': 1. Mit der Ausstellung der Richtlinien ist nicht, wie behauptet worden ist, die Schaffung eines neuen Bekenntnisses und die Aufhebung religiöser Grundlehren, ebensowenig die Schaffung eines neuen Schulchen aruch beabsichtigt. 2. Es ist der einmütige Wille der sämtlichen Unterzeichner ' der Richtlinien, die Einheit des Judentums unter allen Umständen aufrecht zu erhalten. 3. Wir sind darum bereit, in allen den Punkten, aus denen ein Schisma erwachsen könnte, insbesondere in chercchtlicheir Fragen, eine Verständigung mit der konservativen Richtung herbeizuführen. Der Vorstand , der Vereinigung liberaler Rabbiner Deutschlands. * Diese Erklärung ist — in Berücksichtigung der ganzen Sachlage — sehr erfreulich; sie dokumentiert den Willen der liberalen Führer, die Einheit des Judentums zu wahren und beseitigt so zum Teil die Gefahren, die die Richtlinien htzrausbeschwören konnten. Da der Standpunkt der Traditionellen ein unverrückbar gegebener ist, so kann eine Verständigung mit den Traditionellen nur bedeuten, daß die Richtlinien in den wichtigsten praktischen Fragen aufgehoben worden sind. Aus alter Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. In der gestern stattgehabten Plenarversammlung des „provisorischen Komitees" der „A g u d a s Iisroel" wurde folgendes beschlossen: Nachdem Herr Rabbiner Dr. Breuer durch ein.Mitglied des Komitees die Erklärung übermittelt hat, daß cs ihm fern gelegen habe, durch seine Berösfentlichung der Agllda-Lcitnng zu nahe zu treten, beschränkt sich das Komitee auf folgende Erklärung: L Absatz 3 unserer Resolution vom 13. Oktober, welcher lautet: . „Das „provisorische Komitee" fühlt sich 'nicht berufen, diese Bestimmungen einschränkend zu interpretieren, überläßt cs vielmehr jeder der in der gesctzestreuen Judenheit vorhandenen Richtungen, ihren Standpunkt auf dem verfassungslnäßigen Wege vor den zuständigen Organen innerhalb der Aguda zur Geltung zu bringen" berweist zur Lösung der schwebenden Differenzen ausdrücklich auf den Weg, den auch Herr Rabbiner Dr. Breuer in seiner Rede als gangbar bezeichnet hat: de» Weg einer Schaloh bei dem „rabbinischen Rate", der für die Entscheidung dieser Frage satzungsgemäß zuständig ist. 2. Das „provisorische Komitee" glaubt, nicht nur dein Rechte und der Billigkeit, sondern auch dem Geiste d e r Thora zu entsprechen, wen» es seinerseits abgelehnt hat, eine in das religiöse Leben so tief eingreifende Frage auf Grund vorliegender Anträge für „Klal Jisroel" zu entscheiden, wenn es vielmehr allein den gesamten Aeropag des „Waad gedaulei tauroh" für berufen hält, unter Würdigung der berechtigten Verschiedenheiten der einzelnen Länder eine Entscheidung „Al pi hautauroh" zu treffen. Wir sind überzeugt, daß diese unsere Stellungnahme in den weitesten Kreisen nicht nur der Gesamtheit, sondern insbesondere auch bei den „Gedaulei tauroh" aller Länder Würdigung und Billigung finden und die Ueberzeugung bei ihnen festigen ivird, daß die „Agudas Jisroel" nichts anderes erstrebt, als die ungeschmälerte Souveränität der. „Tanroh". An diesem großen Werke der Wiederanfrichtung der „Tauroh" mit Freudigkeit und Vertrauen mitzuarbeiten, ist in unserer schweren Zeit die heiligste. Pflicht jedes wahrhaften Jehudi. Frankfurt a. M. Zu den Ereignissen in der Agudaß-Jisroel seien folgende bemerkenswerte Einzelheiten nachgetragen: .Die Resolution in der vorletzten Sitzung des'provisorischen Komitees, die die Erklärung des Herrn Rabbiner Dr. Breuer veranlaßt hat, ist einstimmig beschlossen worden, also, auch unter Zustimmung iamtlicher rabbinischen Autoritäten die an der .Sitzung teilnahmen (Cahn-Fulda, Marx-Darmstadt,Halevy- Hamburg, Cohn-Näivitsch, Hildesheimer-Berlin Grodscnsti-Wilna und Scheraj-Riga). In der dann durch, die Erklärung des Herrn Rabb. Dr. Breuer veranlatzten Sitzung, an der' auch Herr Rektor Dr. Hofsmann-Berlin teilnahm, ist nicht eine der rabbinischen Autoritäten für den Standpunkt des Herrn Rabb. Dr. Breuer eingetreten. In der Erklärung des Herrn Rabb. Dr. Breuer wird aus dem Konzept" des Brisker Raws gleich daraus ein ,Msak." Die Sache liegt wie solat: Herr R<ckb. Dr. Breuer suchte den Brisker Raw zu einem „Psak" in seinem Sinne zu veranlassen,- das Resultat der Unterredung war so, daß Herr Rabb. Dr. Breuer