Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 45 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692768-2692813--07298-2702367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erscheint wöchentlich am Freitag. Semasprri» pr» Zlirrtetj-Hr: In Frankfurt a. M. ML 1 — frer rnS Haus. Bei der Post. abonniert 90 Pfg., frei ins HauS 4. Psg. pro Monat mehr. :—Bei Zusendung durch ' Streifband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn ML 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder ML 2.— Einzel - Nummern losten 10 Pfg. Redaktion und Erpedition: Frankfurt «. M. rr Lsngestr. 7. Fernsprecher Amt I; 10507. Heransgever: Karg Geis. Insertionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile ML 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender. RabatL Stellen-Angebote und -Besuche, Wohnungsinserate/ Heirats-Annoncen 15 Pfgdie sechsgespaltene Petitzeile ohne : jeden RabatL Platz- und Datum-Borschrist ohne AerbindlichkäL Annoncen-Annahme bei der Exped. und i»a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr 4884. 10. Jahrgang. Freitag, de« 5. Eisler 5673 (15. November 1912) «r. 45. Ueber die. Auffassung des Judentums bei Hermann Cohen. Von Dr. R. Selig mann. (Schluß) Hier ist nicht der Platz, an dieser ganzen Denkart irgendwelche philosophische Kritik zu üben. Für uns ist cs wichtig, festzustellen, daß von diesem Standpunkte des Erkennens aus Cohen das Problem des Judentums.'behandelt. Es ist von Wichftigkeit, die Tatsachse zu konstatieren, daßsichCotzen diesem Problem gegenüber ausschließlich als Erkennender stellt, das will sagen als einer, dem das Judentum äußerliches Objekt der Betrachtung ist, nichjt als ein Mensch, der es instinktiv, seelisch erlebt. Ebenso wie die sinnlich greifbaren Tatsachen der unmittelbaren Umgebung für die philosophische'Betrachtungsweise Cohens gänzlich wegfallen, und ., nur dasjenige an ihnen in seinen Gesichtskreis eintritt, was sich, als Moment des Denkens verwerten läßt, gerade ebenso fallen für die Cohensch>e Konzeption alle die lebendigen Wirklichkeiten hintveg, die aus ihrem Inneren heraus die jüdische . Geisteswelt hervortrieben, und nur die abstrakte Idee des Judentums ist es, mit der er es zu tun hat. Und ebensowenig wie Cohen nach der biologischen und psychologischen Entstehung unserer Erkenntnisse fragt, um einzig und allein ihre Bedeutung, ihren Geltungswert ins Auge zu fassen, -ebensowenig kümmert er sich um die realen geschichtlichen Mächte, aus denen heraus die geistigen Werte des Judentums erwuchsen, und nur ihre Geltung ist cs, an die er sich! hält. Wir wollen die; Eohen'jchen Gedanken über hie.Bedeutung des Judentums in knappen Zügen wiedergeben. Nach Cohen soll diese ganze Bedeutung darin bestehen, daß die jüdische Religion zum ersten Mal - in 8er Geschichte mit dem gebührenden Nachdrück das Verhältnis von Mensch zu Mensch in den Vordergrund des Interesses stellt, im schroffen Gegensatz zu allen anderen Religionen dev nichtjüdischen Antike, die sichvorzugsweise mit dem unmittelbaren Verhältnis des Menschen zu der Gottheit befaßten, und demjenigen der Menschen zu einander wenig Beachtung schenkten. In diesem Umstande soll der einzig sachliche Unterschied zwischen dem jüdischen Monotheismus und dem heidnischen Polytheismus begründet sein. Während in den Gesellschaften der nWjüdischen Antike nur die Sorge um das Seelenheil jedes einzelnen Individuums herrschte, eine Sorge, die in dem Suchen nach höheren' seelischen Mächten ihren Ansdruck fand, so entstand ans dem Laotischen Durcheinanderder verschiedenen Seelen^ das Chaos der Götter, der Polytheismus, und weil in der jüdischen Gesellschaft das Verhältnis von Mensch zjnMensch Minchstenmal mit der gehörigen Deutlichkeit in den Blickpunkt des Bewußtseins trat, so ergab sich, daraus eine neue Abt von Gottheit, der Monotheismus,- der dieser Vereinheitlichjung der verschiedenen Willenstendenzen - einenfesten Halt verlieh, als höheres Muster und Vorbild. Eine fundamentale Differenz zwischen Judentum und Heidentum und teilweise auch zwischen Judentum und Christentum erblickt Cohen darin, haß der jüdischen Religion das mythisch Element, das will sagen, die rein persönliche, seelische Beziehung zu der Gottheit vollständig abgcht, und nur das Moment des Gesetzlich,en, des für die ganze Gemeinschaft. Gültigen, den Ansschlag gibt. Die Person, .das Lehen; jsttz Glattheit Ämme bei der jüdischen Religion garnicht in Betracht; worauf eh. in Wirkankomme, dies sei lediglich das sittlich Vorbildliche an ihr. * Sehr traurig wäre es, wenn alles das, was Cohen dem Judentum nachsagt, dieses unbedingte Walten einer abstrakt-leblosen Gesetzlichkeit, dieser vollständige Mangel :an einer persönlichen Fär-, büng in der jüdischen Religion, diese lieblose Zurückweisung aller rein individuellen Gemütsrögungen in den Beziehungen zwischen Mensch und" Gott —wenn dies alles dem wirklichen Tatbestände entsprochen hätte. Glücklicherweise aber stimmt dieses Bild eines abstrakterweise erkannten Judentums mit dem historisch lebendigen, wirklichen ganz und gar nicht überein. Wer auf den historischen Werdegang des Judentums nur einen flüchtigen Blick geworfen hat, dem muß der eminent mythische*) Charakter, von dem diese Geschichte durchdrungen ist, förmlich in die Augen springen. Schon der erste Schritt, den die jüdische Gemeinschaft in ihrer Geschichte machte, indem sie, in scharfem Gegensatz zu allen anderen Völkern, als aus er wählt es Volk, von Anfang an, ssch in ganz besondere, intime Beziehungen zu der Gottheit stellte — schon dieser erste Schritt ist durch einen starken seelischen Zug unauslöschlich gestempelt. Dieser seelische Zug nimmt aber einen mehr und mehr lebendig-persönlichen Ausdruck an, je weiter wir in der Geschichte des jüdischen Volkes Vordringen, denn die Beziehungen zwischen Volk und Gott gestalten sich immer enger, immer intimer, immer ausschließlicher, immer persönlicher. Kann man sich denn ein persönlicheres Verhältnis denken als das zwischen einem Kinde und seinem Vater, einer Geliebten und ihrem Auserwahlten, wie wir ihm überall in der Bibel und auch in 8er Agadä auf Schritt und Tritt begegnen? Kann ntan sich denn überhaupt einen mythischeren Mythos ausmalen. als diese Geschichte eines Stammes, der, zu besonderen Zwecken und Schicksalen von der Gottheit auserwählt, für den Verrat an ihr hart gezüchtigt und dann wiederum durch sie erlöst wird? Sünde und Leiden, diese beiden mystischen Grundmotive, die in den großen mythischen Akkord der Erlösung ausklingen! Auserwählt werden — Leiden — Erlösen — ja, welch sonderbarer Klang dringt hier an unser Ohr, wie wunderbar wird uns mit eineni Male zu Mute, ist denn nicht dieses Thema für die ganze Legende des Christentums vorbildlich! gewesen? Und muß nicht angesichts alt' dieser geschichtlichen Daten die Cohen'sche Konzeption des jüdischen Gottes als eines leblosen Ausdrucks einer Abstrakten Idee wie eine arge Mißdeutung klingen? Und vollends die Propheten, die, nach. Cohen zu urteilen, eine Art Moralphilosophen darstellen sollten, einzig und allein um die Herauskristallisierung reiner Sittlichkeitsbegriffe besorgt. Wer, ohne je die Bibel vor Äugen gesehen zu haben, sich einen Begriff von diesen Propheten nqch! Cohens Schilderungen machen wollte, zu welcher Diskrepanz mit der geschichtlichen Wahrheit wäre es. nicht da gekommen, zu welchen falschen Vorstellungen von der sozialen Bedeutung und der Rolle der Propheten im Leben des jüdischen Volkes, wie blaß und dürr würden sich diese Krastfiguren in seiner Phantasie nicht ausgenommen haben! Wie? diese leidenschaftlichen, liebe- und zornentflammten Gemüter, denen die Worte „Volk" und „Land" beständig uni die *) Ueberall, wo in diesem Zusammenhänge von „Mythos'? oder „mythisch" die Rede, ist darunter lediglich ein p et sönli che s Verhältnis zu der'Gottheit zu'verstehen. Lippen schwebten, denen die politische Stellung Judäas so sehr am Herzen lag, daß sie es nyht unterlassen konnten, sich in die.kriegerischen PW« der Könige fortwährend einznmischen,. vollerTrauer über den zeitlichen Verfall des Landes, voller Träumte von der zukünftigen Größe, Pracht und Herrlichkeit der Nation — Naturen von diesem , Schlag sollten bloß, darin aufgegangon sein, feste | Maximen über das Verhalten der Menschen: zu ein-- ander auszuarbeiten? Daß die Lehren und" Reden dieser Männer einen gewissen Kern von universeller Bedeutung in sich bergen — das ist richtig. Muß denn aber darüber ihre währe geschichtlich^ Rclle verkannt werden? Ist denn ein Mensch weniger Blut vom Blute und Fleisch vom Fleische seines Volkes, weil sein indviimeller Gedankengehalt , sich über die Schranken seiner Individualität.erhM? >4 Ist denn eine Nation weniger Nation deshalb, weil sie in ihren geistigen Erzeugnissen eine univerftlle Geltung erlangt? Jeder Unbefangene, der die Reden der Propheten ohne irgend welchen Vorbehalt Wer äich eie* gehen läßt, wird.sich an die Unvereinbarkeit bter Cohen'schen Konzeption mit den Tatsachen stoßen müssen. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Nach de» Dumawahleu. In Rußland sind die Tumawahlen endlich vollzogen. Für jeden, der einigermaßen mit den | Verhältnissen vertraut ist, bietet das Resultat nichts Ueberraschendes; es ist alles so gekommen, wie Wan es vorausgesehen hat, voraussehen mußte': die Regierung hat ihr Ziel erreicht und die Wählen mit glänzendem Erfolge gemacht. Die Partei hör extremsten Rechten, die Gesinnungsgenossen von Purischkewitz und Markow, ziehen mit einer bedeutenden Verstärkung in die Duma, und rechnet man zu ihnen die Reaktionären gemäßigterer Richtung, das heißt diejenigen, die im Programm ganz mit ihnen nbereinstimmen und sich nur in der Tonart von ihnen unterscheiden, so besitzt die Reaktion eine starke Majorität in der neuen Duma. Was Wunder auch! Noch niemals ist von. der Regierung mit einer derartigen Bergewaltigüngs- Politik, mit einer derartig zynischen Hinwegsetzung Wer die elementarsten Gebote der Gerechtigkeit und des Anstandes vorgegangen worden wie diesmal. Und dieses brutale Vorgehen gibt auch der neuen Duma ihren moralischen Wert. Bon dieser Duma als einer Vertretung des russischen Volkes zu reden, wäre grausamer Hohn. Daß das russische J- Volk, vor allem die Intelligenz, ganz anders gesinnt ist, haben die Wahlen, trotz ihres ungünsti- " gen Ausfalles, llar bewiesen. In den Städten, sind '' fast durchwegs Kadetten gewählt worden, und trotz der heißesten Bemühungen dar Reaktion und.-der Behörden ist es z. B. nicht gelungen, in Kiew, ,,delr j Mutter Rußlands", einen Reaktionären durchzubringen. Und noch ein anderes Ergebnis der Wähl len zeugt von der wahren Stimmung des Volker Alle Mittelparteien, vor allem die Oktobbistmr und Nationalisten, sind stark vermindert worden. Gutschkow, der Führer der Oktobristen, der Präsident der letzten Duma, ist, trotzdem er in -'2 zwei Kurien ausgestellt war, nicht wieder gewählt. " worden. Die Ursache ist eben die ausgesprochen Jj oppositionelle Stimmung der Wähler, die von diesen 'Mitkelpärteien mit ihrem liberal schillerndesofifatrr'