Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 44 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 44 ui 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Berlin Durch d-n Krieg auf dem Bolton ist in die jüdischen Gemeinden der Krieg .führenden Staaten, namentlich in Bulgarien uiw in der Türkei, sehr großes Glend eingezogen. Schon die Unterhaltung derjenigen Familien, deren Ernährer unter die Fahnen gerufen worden sind, erfordert große Opfer. Die Schreiten und Verheerungen des Krieges haben -aber weiterhin — besonders in der Türkei — über viele Tausende von Juden Unheil und Verderben gebracht. Aus den dringlichen Bittgesuchen, die dem Hilssverein der Deutschen Juden täglich in großer Zcchl zugehen, ist die Wot dieser unglücklichen Opfer des Krieges, die mit Weib und Kind alles im Stiche lassend aus ihren Wohnstätten haben flüchten müssen, ersichüich, und der Hilfsverein der Deutschen Juden hat dementsprechend gemeinsam mit der Grotzloge für Deutschland U. ' O. B. B. unverzüglich eine geeignete Hilfsaktion in die Wege geleitet. Zur Linderung der ersten Mot sind 16000 Francs zur Verfügung gestellt worden. Da die vorhandenen Mittel gegenüber den umfangreichen Anforderungen nicht genügen, bittet er alle Freunde seiner Bestrebungen um möglichst reichliche Beiträge für diesen Zweck. Rogasea. Am 5. Mai traten die V-rrsleber und Vorsteherinnen der Vereine in der hiesigen jüd. Gemeinde zu einer Beratung zusammen, in welcher die Notwendigkeit zur Errichtung eines jüdischem Siechenheims anerkannt und demgemäß ein Beschluß gefaßt wurde. Das s. Z. gewählte Gründungs-Kvmetee hat fleißig gearbeitet und durch freiwillige Liebesgaben ein Kapital von über 4000 JL angesammmt. Inzwischen ist hier der Verein Jüdisches Siechen- und Allersheim zu Rogasen" ins Leben gerufen worden, und nachdem das Gründungskomitee bezw. der provisorische Vorstand dein neuen Verein alle vorhandenen Barmittel überlassen hatte, fand Sonntag nachmittag unter Leitung von Herrn Rabbiner Dr. Dünner die erste Eeneraiderscur.mlung statt. Es wurden zu Borstaudsmügiredevii Raobmer Dr. Dünner, Ratmamn Jastrow, Kaufmann S. Ruschin und Buchhändler R. Ehrlich, sowie Fräulein Henriette Schocken gewähll. Als Ausschußmitglieder wurden Rudolf Mosse-Berlin, Rudolf . Petersdor^f-Posen, Hermann Cramer-Fran^ furt a. M. B. Gürski und Mich Wachs, hier, gewähll. Die edlen Zwecke des Vereins können nur' dann in Erfüllung gehen, wenn dem Unternehmen auch fernerhin größtes Interesse und weitgehendste Unterstützung entgegengebracht wird! Es ergeht daher auch auf diesem Wege an alle Wohltäter der Menschheit die Bitte um Gewährung ihres Scherfleins. Wer dem Verein 100 M oder mehr spendet, wird für ewige Zellen als Mitglied betrachtet und genießt alle Rechte der übrigen Mitglieder. Großbritannien. Londo«. Infolge der Agitation geae« das Schächten wurden im hiesigen Schlachthofe in Gegenwart eines großen Publikums —• darunter auch Vertreter der jüdischen Gemeinde — die verschiedenen Schlachtmethoden vorgeführt. Allgemein wurde die jüdische Schlachtmethode als die schnellste und sicherste bezeichnet. Ein Borstandsmüglieb bes Verbandes der englischen Tierschutzvereine gab dem laut Ausdruck. —. Run hat auch England seine antisemitische Zeitung; sie heißt „Eye Witneß" und wird von dem Franzosen Mellock herausgegeben. Rußland. Moskau. Ein großer Prozeß hat hertte iwr den Schranken des Gerichts begonnen. Auf der Anklagebank sitzen 284 jüdische Dentisten und 6 Christen (2 Gouvernementsärzte, 1 Stadtarzt, 1 Sekretär und 2 Hilfsschreiber der medizinischen Abteilung . bei der Smolensker Gouvernementsverwaltung). Die Juden sind angellagt, ihr Diplom nicht auf der erforderlichen gesetzlichen Grundlage erhalten zu haben, die Christen, gegen Vergütung die Ausstellung dieser Diplome bewirkt zu haben. Bis 1800 genügten znm Dentistendiplom drei Jahre Lehrzeit bei einem Denüsten und dann ein Examen b.i der medizinischen Abtellung der Couve.nements e.waltung. Das Zeugnis der Gouvcrnementsverwaltung berechttgte zur Ablegung des Examens an der Universität zwecks Erlangung des Titels „Dentist". Der Grund, weshalb so viele Inden dieses Examen machten, war der, daß damll der Aufenthalt in ganz Rußland gestattet war. Seit 1900 ist der Titel „Dentist" abgeschafft. Es i gMt nur Zahnärzte, die eine Mittelschule und dann eine zahnärztliche Schule absolviert haben. Für dle- - jenige», die beim Erlaß der neuen Verfügung bereits bei einem Dentisten in der Lehre waren, sollte die neue Verfügung noch nicht gelten. Die Angeklagten werden nun beschuldigt, von letzterem Ausnahmerechte Gebrauch gemacht zu haben, ohne dazu berechtigt oMesen zu sein. Wenn diese Beschuldigung stimmt, dann EsKuur die Rechtsbeschränkung der Juden , schuld an den Vergehungen, — denn die Möglichkeit, außerhalb des engen Änsiedlungsrayons leben zu können, war für die jüdischen Angellagten eine Lebensfrage. Italien Rom. Ebensowenig wie England und Amerika vom Antisemitismus frei sind, ist. Italien ein judenliebendes Land. Während des Krieges mtt der Türkei wurden gegen die Inden die unglaublichsten Borwürfe erhoben. Die nnfreundfidje Haltung gewisser europäischer Zeitungen schrieben selbst ernste llalienische Blätter der Türkonfreundlichkell ihrer jüdischen Redakteure zu. Kürzlich brachte der „Mattino" (Neapel) eine Schauergeschichte, wie die internationale jüdische Finanz des Zionismus favorisiere, der die Inden zu einer Mittelmeermacht machen soll. Aus diesem Motiv haben sie ihr Auge auf die Türkei geworfen, von der die Jto Tripolis haben wollte und um lieb Kind in der Türkei zu sein, haben sich die Juden gegen Italien verschworen nsw. Eine Richtigstellung, welche der Herausgeber des „Corrierc Jfraelitico" einsandte, wurde nicht ausgenommen. Solche Erscheinungen sind umso bedenklicher, als durch die Eroberung Lydiens dem italienischen Reich nicht weniger als 10 000 Juden zugewachsen sind, indes gerade die zur Kolonisierung bestimmte südllalienische Bevölkerung so unwissend und ungläubig ist, daß sie solchen Schauergeschichten unbedingt Gehör schenken wird. PerionaUe» n Kleine Mitteilungen. ©erlitt. Herrmann Landsberger, Reoräsintant der 'jüdischen Gemeinde und Vorsitzender des Vereins Magine Reim, ist verschieden. Perltu. Der Kaiser hat die Shnaaoge Fasanenstraße besucht und «ine halbe Stunde in ihr geweill Der Kaiser ließ sich eine. Thorarolle aufwickeln und die Schrift erklären. Er unterhielt sich mll verschiedenen Herren des Vorstandes. Berlin. Grd. Sunt ä'srat Dr I- B o a 8, Vorsitzender des Vereins „Jedidc Jlmim", feierte seinen 80. Geburtstag. — l_x_£>te|tor Nathan Dorn erhielt den Roten Adlerorden 4. Klassc und Frau Rosa Mandelbanm geb. Cohn, Bert hold Israel und Kommerzienrat Bamberg die Rote Krcuzmcdaille. BreS-an. Im Allevnm üo Ja nen virckned bier Meyer Bermann, früher Vorsteher der jüdischen Gemeinde Nämslan. ^Suchen. Änlök'ich des 70 Geburtstages seines Mitgliedes Landrat M. Nnßbanm hielt der Vorstand der Israel. Gemeinde eine Festsitzung ab. Kattow'tz. I der Gcn-ra>v*>sammi>,ng d>r Königk- und Lanrahütte crloähnte der Generaldirektor in seinem Jahresberichte, daß die Erfahrungen mit jüdischen Arbeitern sehr gute seien. Wien. Es >at sin bier eine Bereinigung jüd. Akademiker („B. I. A.") konstituiert. Auskunft: stuck. iur. Max Jung, Universität, Wien. Spenglermeister Ferdinand Pick hat sein Vermögen — rund 100 000 Kronen — testamentarisch für eine Handwerkerstiftung bestimmt. Normal School Bovano I Wessrstr. 7. SpraCbBfl-UebmetZUOgEll. Tel. 12428.1 Privat. Zirkfllaud KJassenunWrii ht. B Besonder« Zirkel für D»m<*n he t-erer Kr<*is<*. B 0**ffentl. ProbeBtunden: Mittwoch*« am 11, 6,7 u. 9 Uhr. W Bor den Tore« Prags. Historische Erzählung von A. E. Brachvogel. (Fortschung.) „Er ist hier gewesen, der Markus," sagte sic tonlos und steckte das Papier in ihren Busen. — Nach einer Welle atmete sie schwer ans. „hast Du die Schippe mitgebracht, Täubchen, wie ich Dich gebeten hlche?" „Ich habe sie unter dem Tuche, damll sie der Leichendiener nicht sehe und Uebles denke. Ach, Esther, liebe Esther, was willst Du mit ihr tun? Willst Du den Frieden der Toten stören?" „Ich will meine Ahnmntter nicht stören. Nur wiedergeben will ich ihr, was ihr einst gehört hat und ich zu besitzen nicht wert bin. Verstecke 'die Schippe unters Laub, und setze Dich zu mir ins Gras." Täubchen zog eine kleine eiserne Schaufel unter ihrem Tuche hervor und verbarg sie im wuchernden Schöllkraut, dann setzte sie sich zu Esther, die neben dem Grabe auf der Erde Platz geiwmmcn und einen miderthalb Fuß. langen, in Seidenzeug gewickelten Gegenstand auf ihren Schoß gelegt hatte. „Täubchen Caro, Du bist meine einzige Freundin," begann sie bewegt, „wie Du, so llebt mich kein Mensch auf der Well! Die anderen alle schielen "auf mein Vermögen, und sie lächeln nicht mich an, grüßen nicht mich, sondern meine Perlen und meine Dukchen. -4- Willst Du mir schwören,^ Täubchen, hier bei der Toten schwören, daß Du ganz aufrichtig sein und mir alle Gedanken Deines Herzens sagen willst, wenn ich Mr offenbare, was mir allen Frieden geraubt hat?" »Ich schwöre cs Dir zu bei meinem Leben, bei den Toten und. bei dem Gott unserer Väter!" „Du sollst mir ein Urteil sagen, ob ich recht tat oder ob ich gefehlt habe." „Ich werde Dir'S sagen." „Täubchen, Du weißt's, ich habe meine Mutter nicht lange gehabt- Mein Vater hat' mich erzogen stolz, mißtrauisch und in aller Weisheit, die er, selber ererbt, und erforscht hat. Er hat mich lesen gelehrt und die hellige Rolle meiner Boreltern verstehen, die sie einst aus Jerusalems "Flammen rissen. — Hier ist die Rolle." Täubchen schrak auf. „Was willst Du hier bei den Toten mit der Rolle?" „Du wirst es sehen. — Ich bin stolz und hochmütig geivesen auf meine Geburt, auf meinen Reichtum', auf meine Schönheit, auf die Weisheit, btc in dieser Schrift verborgen ist. — Bor sechs Jahren hat 'Gott mir aber auch den Vater genommen, und außer Joach Schamech und Rabbi Spira, die lange Jahre seine Freunde gewesen sind, habe ich verlassenes Mädchen niemand gehabt, dem ich mein Herz hätte geben können! Schamech habe ich getraut und traue chm noch, er hat mich behütet, daß ich nicht preisgegeben bin um mein Geld und um mein hübsches Gesicht. — Dem Rabbi Spira aber habe ich auch getraut, habe Sara, sein Weib, geliebt wie meine zweite Mutter! — Ich traue ihnen allen — allen nicht mehr! — Gott meiner Väter, ich traue mir selber nicht mehr!" „Esther, Kind, ivas ist mit Dir vorgegangen?" „Etivas Schreckliches, etwas Gemeines! Etwas, das man sich schämen muß, nur davon zu reben!" rief sie aus, und ihr Gesicht erglühte. „Mir kannst Du's doch sagen? Deiner Freundin, die Dich lieber hat als, sich selber?!" „Wie ich so allein stand, bin ich oft in Spiras Haus gegangen, und mir ist dann immer' gewesen, wie wenn ich bei meinen Ettern wäre; dort habe ich Trost gesunden in meiner Einsamkeit. — Der Markus ist damals noch" ein" Gelehrter gewesen, ein Schüler seines Vaters. Der Mensch hat sich aber immer jo sonderbar zu mir angestellt, so fremd und scheu, und doch hat er mich immer so angeglotzt mit seinen großen Augen, als wollte er mir jeden Augenblick etwas sagen, wovor er sich fürchtet, oder als möchte er mir etwas anttm!" „Der Markus Dir? — Esther!!!" „Ich sage Dir, er hat.es getan!! — Mein Vater war kaum ein Jahr tot, und ich gehe eines Tages in des Rabbi Haus und bin mir nichts, bewußt als reiner, heiliger Gedanken aus der Rolle, über die ich Simon gerade befragen will. Der Rabbi aber ist eben in der Schule gewesen und die Sara mit der Magd auf den Markt gegangen, und ich — ich — sieh, ich treffe den Markus ganz allein!" — Esther stockte. — „Da — hat der Markus mir — Gewalt antun wollen!!" rief sie mit zorniger Scham. Täubchen Caro ivar aufgesprungen. „Gewalt?! Der Markus?! Und Dir?!!!" „Ja, Gewalt! Ich schwöre Dir's zu, er hat mir Gewalt antun wollen aus böser Lust! Mir, der Esther Katz, der ersten Frau der Judenschaft! Mir, deren Knecht zu sein er nicht wert ist!!!" „Gott soll mich strafen, aber ich glaube es nicht! Es ist nicht wahr, Esther, es kann nicht Ivahr sein, denn der Markus hat keine gemeine Gedanken!" „Was? Du — Du, Mädchen, willst mich der Lüge bezichten, meine einzige Freundin, die nimmer ein unwahres Wort aus meinem Munde hörte?" Die Tiefgekränkte wollte sich vom Boden erheben. Täubchen ließ es nicht dazu kommen. Sie kniete rasch vor chr nieder, zog sie zu sich, umschlang ihren Hals und verschloß Esther, die einige bittere Worte zu sagen im Begriff stand, mit Küssen den Mund. — „O, sei doch gut, sek still, goldne Esther! Liebes Herz! Sei doch nicht so zornig auf der Stätte des Todes! Störe doch nicht der Väter Schlaf durch Dein stolzes Gemüt! — Sage mir bloß, was hat er denn getan? Was hat er mit Dir, liebes Herz, nur gemacht, daß Du das glauben kannst?!" „Er hat mich in seine wilden Arme geschlossen! Er hat mich an seine Brust gepreßt! — Er hat mich ersticken und betäuben wollen mft Söffen! Ich aber habe um Hilfe geschrieen, — und da hat er Furcht gekriegt, ist mir zu Füßen gefallen und hat mir's abgebeten! Er hat mir geschworen, es sei inbrünstige Liebe zu mir gewesen!" „Er hat Dir sonst nichts getan, als Dir bloß einen Kuß gegeben? —. Bei einem Kuß ist doch noch keine 'Sünde? . — Und das hast Du ihm nicht verziehen, sondern hast ihn noch obendrein verklagt?"