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Neue jüdische Presse · 1912-11-08 · Heft 44 (8.11.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 44 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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. Nr. 44 zuweisen. Eine dieser Unwahrheiten, mit denen seit Jahren im Kampfe gegen den Zionismus opeä riert wird, ist die Behauptung: derZionismus sei religionsfeindlichi. Wie einfache aus der Lust gegriffen, völlig unbegründet und durchaus erfunden diese Behauptung ist, ist fiir jeden, der nur weißwas Zionismus ist, Aar. Zu sagen, der Zionismus sei an sich! religionsfeindlich, ist ebenso sinnlos, wie wenn man behauptete, die Anti-Alköholbewcgnng oder die Gesellschaft zur Hebung des Ackerbaues oder irgend etwas anderes seien religionsfeindlich. Denn der Zionismus als solcher hat mit Religion eben so viel zu tun wie diese Vereinigungen: gar nichts. Er ist eine rein nationale Bewegung, die zu ihrer Basis, zu ihrem Programme das Nationale hat. Direkt also hat er garnichjts mit der Religion zu schaffen. Indirekt aber ist er nicht nur nicht religionsfeindlich, sondern im höchsten Maße roligionsfreundlich. Die Münde hierfür sind klar. Eine Bewegung, die alles Angestammte, alles Traditionelle, alles Eigenartige zu wahren und zu pflegen sucht, kann indirekt auch der religiösen Tradition nur zu gute kommen, kann ihre Anhänger docht nur zu ihr hinführen. Und noch! ein anderes wichtiges Moment kommt hinzu. Der Zionismus, dessen höchstes Streben aus die Erhaltung des jüdischM Volkes hinausgeht, kann do>ch nur das größte Interesse an der Erhaltung der religiösen Tradition haben, die wie nschjts anderes imstande ist, den einzelnen Juden dem jüd. Volke zu erhalte». Die Tradition als das stärkste Bollwerk in der Erhaltung des Judentums kann dem Zionismus nur ein willkommener Bundesgenosse, aber keinesfalls ein Dorn im Auge sein. Die Beweise für die Richtigkeit dieser Behauptungen bieten sich alle Tage. Daß der Zionismus seine Anhänger keinesfalls von der Tradition aVlvendet, sondern eher sie ihr zusiihrt, dies beweist die Rückkehr vieler Zionisten zur Beobachjtung der national-religiösen Gebräuche und Feiertage. Und wenn diese Rückkehr noch nicht von allen Zionisten vollzogen ist, so kam: dies doch, höchstens an der Schwierigkeit einer. solchen Rückkehr zu Dingen, die man bereits verlassen hat, liegen, bestenfalls auch an der Schwäche, an den Fehlern der Zionisten selbst. Wie aber kann der - Zionismus als solcher dafür verantwortlich und der Religionsfeindschäft verdächtig verleumdet werden? Und sodann : Welches unbedingte Interesse der Zionismus an der Stärkung der Tradition, der traditionellen Richtung im Judentume nimmt, wie sehr er mit allen Mitteln sucht, sie zu stärken und zu fördert:, demonstrieren dies nicht die Bündnisse der Zionisten mit den Orthodoxen bei allen inneren jüdischen Kämpfen alle Tage? Braucht da noch an besondere Tatsachen — etwa an den Kamps um das neue Gebetbuch in Baden — erinnert zu werden? Gehört da nicht ein starkes Maß von Unverfrorenheit dazu, trotz alledem die Zionisten als Religionsfeinde zu beschimpfen ntld in arroganter Ueberhebung den Zionismus als noch gerade für „Taufkandidaton" gut genug zu bezeichnen? Doch das Organ dieser Zionistonhasser hat eitlen neueu Beweis für die Religionsfeindlichkeit des Zionismus entdeckt: in einein Briefe aus Posen berichtet die „Hazefirah" über die Generalversammlung der „Liberalen Vereinigung" in Posen und läßt dabei einige Worte zu Gunsten der Liberalen fallen, was nun dieses Blatt mit. Jubel aufgreift und worin es einen neuen unwiderleglichen Beweis fiir den Religionshaß des Zionismus sieht. Nun kann vor allem der Zionismus tlicht für die „Hazefirah" verantwortlich gemacht werden, weil sie ein durchaus selbständiges Organ ist, keinerlei Beziehungen zum Zionismus hat, wenn auch ihr Chefredakteur der in Berlin wohnende Nachum Sokolow ist. Und . sodann: Nehmen wir sogar das Beispiel der „Hazefirah". Da ist es allen Kennern der hebräischen Presse klar, daß die „Hazefirah" heute, da das Mitglied des E. A. C. Sokolow ihr Chefredakteur ist, viel näher der Tradition steht als früher, da Sokolow noch, nicht Zionist war. Und endlich!: Was schreibt die „Hazefirah" eigentlich über diese Liberalen? „Es ist nicht zu leugnen, daß in diesen Männern der ehrliche Wille steckt, das Judentum zu heben nnd.es von der äußeren Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Schale zu befreien, die sich ihm im Laufe der Jatzvhrmderte angchaftet hat." Nun mag man noch so sehr den Bestrebungen des „Liberalen Kidentums" opponieren — und niemand tat es in der Sache selbst schärfer als wir —; daß die Führer der liberalen Juden „das ehrliche Bestreben haben, ihr Judentum zu heben", dies zuzngeben, dazu brcuchk man kein Religionsfeind, sondern nur ein objektiver Mensch zu sein, der au|dj; dem Gegner sein Gutes läßt und willig , anerkennt. Ist dies wirklich ein Beweis fiir die Rcligionsfeindlichköit der „Hazefirah" und. damit auch des Zionismus? Hat nicht gerade die „Hazefirah" so und so oft Korrespondenzen gebracht, in denen die Orthodoxie in Deutschland, sofern sie nicht Trennungsprinzipien huldigt, gelobt und gepriesen worden ist? Man mißverstehe uns nicht: Wir wollen hier keine Verteidigung der „Hazefirah" geben; der Standpunkt der „Hazefirah" in religiösen Dingen ist. nicht der unsere. Der Grund, weshalb wir ans das Beispiel eingehen, ist der, daß wir gerade daran die Kampfesweise gegen den Zionismus zeigen wollen. Die Religionsfeindlichkeit des Zionismus aus dieser Korrespondenz der „Hazefirah beweisen zu wollen, ist mehr als unberechtigt — es ist kleinlich und gehässig; und dem zitierten Satze die bombastische Erklärung anzuschließen: „In klareren und eindeutigeren Worten hat die nationale Reform ihre Solidarität mit der Assimilation des Westens bis jetzt noch nicht erklärt", ist unerhört. Dies ist es eben: Eine unbegründete Entstellung zieht die andere nach sich, klm die Lügenmär von der Religionsfeindlich,feit des Zionismus zu beweisen, dazu muß man schon eben so kleinliche und unberechtigte Mittel gebrauchen wie die Aufbauschung der Korrespondenz in der „Hazefirah". Diese ganzen Entstellungen würden uns nun nicht weiter kümmern, wenn sie ohne Erfolg wären; aber es gibt gutgläubige Gemüter, die immer wieder darauf hereinfallen. Und um diese zu warnen, auf ihrer Hut zu sein vor solchen Mären und Entstellungen, dazu haben wir es für nötig gehalten, wieder einmal auf die alte Verdächtigung einzugehen. I. Komödie. Es ist wirklich schade, daß wir Juden keinen großen nationalen Lustspieldichter haben; das innere Leben keines Volkes bietet ja soviel Stoff zu ewigen Konrödien wie das unsere in der Gegenwart. Unser ganzes Leben ist ja so, daß man bei seiner Betrachtung entweder weinen oder lachen muß; wir pendeln eben stets zwischen erschütterndster Tragik und unbeschreiblicher Komik umher; den ruhigen normalen Gang, das Schauspiel des Lebens, haben wir darüber fast ganz. verlernt. Aus Rußland melden, jetzt wieder die Zeitungen zwei Fälle, die, beide zusammengestellt, den Inhalt zu einer großen, bleibenden Komödie abgeben könnten: In Warschau, wo bekanntlich die nationale Judenheit bei den Urwahlen zur Duma die Majorität hat, hat jetzt eine, Anzahl von Assimilanten die Erklärung abgegeben, daß, falls die jüdischen Wahlmänner nicht den offiziellen Polnischen Kandidaten, einen wütenden Antisemiten, wählen, sie aus den: Judentum austreten und sich, taufen lassen werden. Und gleichzeitig berichten die Zeitungen, daß in einer großen Stadt Rußlands mehrere Persönlichkeiten aus der russischen Intelligenz beabsichtigten, aus der russischen Landeskirche auszutreten und zum Judentum überzugehen, mit' der .Begründung, daß sie nichjt fernerhin einer: Religiou angehören könnten, die Pogrome und andere Scheußlichkeiten gegen die unschuldigen Juden anstiste. Also hier wollen Juden ihre Brüder verlassen, die sich, nicht so weit degradieren wollen, einem Antisemiten ihre Stimme zu geben, und dort wollen Russen zum Judentum übergehen aus Abscheu gegen ihre barbarische Religion und Sympathie fiir die Juden. Kann. das nicht den Stofs zu einer großen, ewigen Koinödie abgeben, einer Komödie, die. das ganze Anormale und.Unerhörte im heutigen jüdischen Leben für alle Zeiten zum vollsten Ausdruck bringen würde? Der Dichter, der fähig wäre, diese Komödie zu schreiben, wird sich nicht finden; aber unsere Lage, die den Inhalt dazu abgibt, wird bleiben und anhalten und, immer neu solchen Stoff bieten, solange bis wir endlich diese Knechtesseelen fiir immer von uns abgestoßen und aus einem Seite 3 ' Volke von Lakaien eine Nation von stolzen Männern geworden stiyr wird. Aus alüer Wett. Deutsches Reich. Berlin. Aus der jüngsten Borstandssitzung des Jüd. Frauenbundes sei hier folgendes wiedergegeben: In der Pfadfinderinnenangelegenheit sind weitere Informationen noch nicht eingezogen worden, weil die neugegründet« Berliner Ortsgruppe erst zu arbeiten anfängt. Außerdem entstehen jetzt in vielen Städten paritätische Zusammenschlüsse zur Jugendpslege. Auch ist man sich im Prinzip noch nicht einig darüber, ob die ganze Bewegung nicht die Kinder ihren Familien entfremdet, da Knaben und Mädchen an dem einzigen Sonntage, den sie mit den Eltern gemeinsam' verleben können, getrennt Wanderungen unternehmen, bei denen sie auch körperlich sehr angestrengt werden. Der I. Fr.-B. hat also keine Ursache, sich für eine Sache zu interessieren, bei der hygienische und ethische Bedenken vorliegen. Im Anschluß an Punkt 5 der Tagesordnung .Gilbung vonOrts-und Jngendgruppen" berichtet Frl. Werner, die für den I. Fr.-B. auf der Konferenz der Jugendvereine in Gotha anwesend war: Das Ergebnis der Konferenz war der Zusammenschluß der Jngendgruppen zu einem Verbände, zu dem von interkonfessionellen Vereinen 3, von evangelischen 2, von katholischen 2 und von jüdischen 1 Vertreterinnen entsendet werden dürfen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit und der Wert unsrer jüdischen Jugendgruppen, die auf dem Boden der Ideell der Frauenbewegung stehen und unser spezielles jüdisches soziales Gemeinschastsbewußtsein zu fördern und nach außen zu vertreten haben. Bis zur nächsten Delegiertenversammlung der Jugendgruppen sollen eine Anzahl von jüdischer: Jugendgruppen gegründet werden, damit >vir ans. Grund zahlenmäßige» Nachweises eine größere Zahl von' Vertreterinnen in den neuen Verband entsenden dürfen. Die Delegierten müssen durch den Borstand des I. Fr.-B. gemeldet werden. Frl. Pappenheim meint, daß bei der Gründung von Jngendgruppen betont werden müsse, daß die weiblichen Jngendgruppen nur durch den I. Fr.-B. dem Bunde deutscher Frauenvereine angeschlossen werden dürfen, also einen doppelten Anschluß haben müssen, erstens an den I. Fr.-B. und zweitens an den Bund deutscher Frauenvereine. Frl. Werner schlägt vor, daß die jüdischen weiblichen Jugendgruppen unter einer Vertreterin, die vom I. Fr.-B. zu erwählen ist, beim Verband der Jugendgruppen zu vertreten seien. Ans Vorschlag von Frl. Werner wird hierzu die Vorsitzende der uns angeschlosscncn Jugendruppe Hamburg, Frl. Gertrud Baer, Lehrerin, Hamurg, gewählt. Die Jngendgruppen müssen sich einen Vorstand wählen. Es wird vorgeschlagen, eine Kommission für die Jngendgruppen zu bilden, bestehend aus den Damen Werner-Hamburg, Bogelstein-Stettin, Menmüller- Frankfurt a. M.. D i a l - BreSlau, B u d - Berlin. Die Ortsgruppen betreffend, wird festgesetzt, daß die Vorsitzenden der Ortsgruppe oder eine Delegierte derselben in jedem Jahre an einer Borstandssitzung teilnehmen müssen; in dem Jahre, in dem keine Delegiertenversammlung stattfindet, werden die Reisekosten und Spesen von der Bundeskasse getragen. Im Jahre der Delegierten-Bersammlung findet die Borstandssitzung unter Hinzuziehung der Ortsgruppenvertretungen im Anschluß an die Deleaiertenversammlung statt und tragen daher die Ortsgruppen die Kosten. Frau Meyer-Stargardt gibt den Bericht der Stellen-Bermittlungskommission. Es sind von der Kommission 800 Doppelkarten versendet worden zur Ermittlung der Stellenvermittlungen des Bundes und seiner Ortsgruppen und angeschlossenen Vereine, der weiblichen Stellenvermittlungen der U. O. B. B. Logen und der Vereine, die sich nur gelegentlich mit Stellenvermittlungen beschäftigen. Es sind 130 Antworten eingegangen, aus denen» sich 31 weibliche Stellenvermittlungen auf sozialer Grundlage ergeben haben. 2 sind paritätisch mit Jüdinnen im Vorstand, 5 Vereine, die sich, nur gelegentlich mit Stellenvermittlung befassen und 4 Logennachweise für weibliche Personen. In 20 jüdischen Zeitungen wurde eine Notiz veröffentlicht, in der um Adressenangabe und Einsendung allen Materials und Meldung von Bertrauenspersonen in kleineren Städten gebeten wurde. Darauf erfolgte eine Fülle von Zuschriften von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, betreffend Vermittlung, darunter Fälle schwieriger,, sozialer Matur, die aber alle erledigt werden konnten. Men eröffnet wurden auf Anregung der Kommission Stellenvermittlungen in Königsberg, Hannover, Leipzig, Berlin, wo die Logen am 15. 10. 12 auch eilten Stellennachweis für weibliches Haus- und Wirtschaftspersonal eröffnen. Mit Köln und Kiel, sowie mit Zürich steht die Kommission in Unterhandlung. Eine Liste von Bertrauenspersonen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer konnte zusammengestellt werden. Die größte Ausgabe der Kommission ist die Verbreitung der Liste der bestehenden Stellenvermittlungen. Zwei Anregungen, rituelle Wanderkochknrse und Herausgabe eines jüdischen Kalenders betreffend, sollen zur Delegiertenversaniinlung zurückgestellt werden. Der Antrag Neumüller, Frankfurt a. M., Erholungsaufenthalte für die erwerbende weibliche jüdische Jugend betreffend, anlehnend an englische Verhältnisse, soll in wohlwollende Erwägung gezogen werden. In der vorangehenden Diskussion wird namentlich auf derartige schon bestehende Einrichtungen, z. B. des Stettiner Jsr. Fr.-BereinS, hingewiesen, der an her Ostsee ein Heim sür die jüdischen weiblichen Erwerbstätigen hatte« das. auch im kommenden Sommer wieder eingerichtet wird.

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