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Neue jüdische Presse · 1912-11-08 · Heft 44 (8.11.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 44 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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«eie 2. Wankfurter UraelitWeS FaEtenblatk. Nr- 44 \ wm schen Volke Und die fehlt meinem Gegner. Dies ist /Heine Beleidigung, sondern lediglich/ eine Konstatierung. Ich kann mich, in jüd.Dingen nur mit einem solchen Gegner verständigen, dem wie mir die Erhaltung und die Zukunft des jüdischen Volkes das letzte Ziel und das höchste Leitmotiv seines Handelns bildet. Wer aber, anstatt in banger Sorge nach allen Mitteln zu suchen, um die in GesWr befindliche Existenz unseres Volkes als Volk zu garantieren; anstatt als höchsten Imperativ für sein jüdische Tun die Arbeit für die Zukunft des jüdischm Volkes anzüerkennm, in sträflicher Selbsttäuschung und satter Zuftiedenheit mit der eisigen, inquisitorischen Schärfe eines rein kritisch veranlagen Intellekts nur ewig und immer nur danachforscht und -.schnüfftlt, wer der bessere Jude ist und wer der miNderwertM, wer in seinem ganzen Denken und Handeln nur in der unmoralischen Suche nach Fehlern, nach Vergehen, nach Mängeln bei den anderen aUfgoht, — mit einem solcher Manne kann W nicht polemisieren: uns fehlt der gemeinsame Boden, "das gemeinsame Verständigungsmittel, die gemeinsame Sprache. Ich und er werden uns nie zusammenfinden;. nicht tmrum, weil unsere Auffassung vom Wesen des Judentums verschieden ist, weil unsere geschichtsphilosophischrn Standpunkte in*'der Betrachtung der jüdffchur Geschichte auseinandergehen^ dies sind nur logische Differenzen, theoretische Gegensätze. Und dAe sind nie die tiefste»,, schließen nie die Hoffnung auf, Verständigung aus. Wüs uns für immer trennt, sind. die konträren, radikal entgegengesetzten MWWwelten, die uns ausfüllen. Wo ich sorge, ist er vergnüglich, wo ich zittre, ist er gleichgültig, uw, ich arbeite, kann er nur schimpfen, wo ich saukmle, will er nur trennen, wo W bäue, sucht er Ui zerstören. Mir ist eben das jüdische Volk, seine Erhaltung und Gesundung letztes Ziel und WWes Ideal — und' er, was schert ihn das jüd. Voll? Er kümmert sich nur um ein ckbstraücs Bündel von Gesetzen und Vorschriften, die groß und unvergleichlich sind, biogen auf das jüdi- Volk und als seinetwegen vorhanden aufgefaßt, — ihren tiefften Sinn und Wert Wer verlieren, wenn iijt Zweck: das jüd. Volk, nicht mehr existiert. Was mich aüsfüllt, ist das jüdische Volk Mit seiner Thora; was ihm interessiert, ist die Thora allein, die Thora ohne Israel. Ich werde mich mit jedem orthodoxen Juden verständigen könMN, wenn er mit mir nur dieselbe Basis : die Liebe zum jüdischen Volke, hat. Dies aber will so viel Wißen, doch ich! mich mit einem Dr. Jsaac Bpeüer nie einigen werde. Darum kann eine Polemik -zwischen, uns nicht fruchtbar" sein. Was sie bringen kann, ist persönlicher Zank und boshafte Witzeleien; für' das PUbliftim — ein Gaudium, .für-die Sache selbst — wertlos. Darum ist für mW der Fall, soweit er die eigentliche Polemik Mt Dr. Breuer betrifft, erledigt. ' _ * / Wenn .W es dennoch für geboten halte, hier Nchhmals ein letztes Wort zur Sache selbst zu sagen, so geschieht dies aus einem anderen Grunde. DÄser Artikel ist nWt geschrieben, um Dr. Breuer uüd seine Trabanten zu überzeugen, sondern meine Gesinnungsgenossen aufznklären; nur für die ist er gedacht, die die Liebe zum jüdischen Volke als Basis ihres jüdischen Denkens und Tuns mit mir gemeinsam haben. Und diese will er aufklären. Ich hübe aus einer Anzahl von Zuschriften, die mir zugegangen, aus einigen Gesprächen auch ersehen Wunen, daß im Kerne der Sache vielfach eine völlig verkehrte Auffassung, ein grobes Mißverständnis besteht. Dieses zu beseitigen, ist der alleinige Zweck dieser Zeilen. Deswegen soll hier auch/ nur der Kern der Stäche in Betracht kommen. AU die demagogische Ausbeute, all die tendenziöse Mochje, all die grobe pmftische Ausnutzung, die Dr. Breuer an das rein theoretische Problem angeschloffen hftt, mit einem Worte: die ganze sensationüle, .spaltenfüllende Aufmachung der Angelegenheit im „Israelis soll mich h ier, wo W nicht mff Fortsetzung der Polemik, son- LeM Beseitigung von Mißverständnissen ausgehe, nicht interessieren. Einzig und allein auf das eigentliche Problem selbst wlll ich eingehen. Und dieses eigentliche Problem selbst betrifft die „Alleinherrschaft der Religion". EnÄcidet man die ganze Polemik ihrer steierischen, aufgebauschten.Aufmachung, so rcdüzimä sich der logische Gegensatz — über den tieferen, gefühlsmäßigen habe ich ja bereits gesprochen — auf folgende Gedänkengänge: Ich sage: Die Alleinherrschaft der Religion im jüdischen Leben ist ein Charakteristikum des Ghettos, ein Produkt seiner anormalen Daseinsbedingungen. Im alten Judentum in seiner normalen Existenz gab es eine solche nicht, und wir modernen Juden, die wir aus dem Ghetto heraus sind, besitzen diese Erscheinung auch nicht mehr. Soweit wir aber noch an den nachteiligen Konsequenzen, die diese Erscheinung neben so und so vielen guten gehabt hat, leiden, müssen wir, die wir eine Gesundung des Judentums erstreben, sie überwinden. Daraufhin behauptet Dr. Breuer: Die Alleinherrschaft der Religion ist die Eigenschaft des Judentums von seinem ersten Tage an. Auch! wir modernen Juden hüben sie,. soweit wir eben wahre Juden sind und auf dem Boden der Formel von S. R. Hirsch „Tauroh iw derech-erez" stehen. Wer also diese Erscheinung überwinden will, kehrt sW vom wahren Judentum ab! Run wird ein tiefer schürfender, aufmerksamer Leser wohl von selbst gemerkt haben — was die meisten, wie mir die Zuschriften beweisen, leider nicht wahrgcnommen'häben —, daß in der Auffassung des entscheidenden Begriffes: „Alleinherrschaft der Religion" Dr. Breuer von mir vollkommen differiert. Wir verstehen beide etwas durchaus Verschiedenes darunter. Dieses verschiedenartige Verständnis mußte von vornherein eine Einigung unmöglW machen. Wir sind einfach beide aneinander vorbeigegangen, oder richtiger gesagt, da Dr. Breuer der Angreifer war, ist er an mir vorbeigegangen. Was Dr. Breuer unter „Alleinherrschaft der Religion" versteht, ist dies: Es geht nicht an, ein rein religiöses und .ein davon total verschiedenes, völlig arcligiöses Leben zu postulieren. Vielmehr müssen die Prinzipien, müssen wir uns in all unserem Tun und Lassen von ihnen leiten lassen. „Tauroh im dercchi-ttez": auch, unser wellliches Leben muß auf dem Fundament der Thora basieren. Was verstehe W dagegen unter der „Alleinherrschaft der Religion", wie wir sie iw Ghetto sehen? Ich verstehe wirklich die Alleinherrschaft in des Wortes wörtlichster Bedeutung, nicht die Oberherrschaft, was Dr. Breuer meint. Ich! will damit sagen: Der Ghettojude kannte gar kein anderes Leben als das der Religion in ihrer engeren Bedeutung.' Für chn gab es nicht ein außerreligiöses, weltliches Leben, das er erst von dem Geist der Religion hätte durchdringen lassen müssen, oder soweit cs dies gab, war es ihm gleichgültig, lebte er es widerwillig, gezwungen, ßriB er in ihm sW nicht wie er war, er war dann nicht er selbst. Er selbst ist er nur in seinem rein religiösen Leben, darin geht er aus und erschöpft er sW. Und nun merkt ein jeder das völlige Andersverstehen - des entscheidenden Begriffes bei Dr. Breuer ündmir. Wie er diesen Begriff versteht, hat er natürlich recht,'wird kein logisch denkender Mensch ihm seine Forderung streitig machen. Denn so verstanden, ist seine Forderung ja gar nichts spezifisch Jüdisches, sondern allgemein Menschliches, allgemein Logisches. Diese Forderung der Alleinherrschaft gilt für die ethischen, die ästhetischen usw. Prinzipien eines Menschen ebenso wie für hie religiösen. Ist ein Mensch ethisch, dann soll er sellstverständlW die „Alleinherrschaft der Ethik" anerkennen, in dem Sinne, daß er sein ganzes Leben von seinen ethischen Prinzipien leiten läßt;- das gleiche gilt für alle Prinzipien. Dieses ' Postulat ist ja die unerläßliche Voraussetzung für die Einheit des Lebens, für Cie Günzhcit des Individuums, für die Bildung der Persönlichkeit. Ein irur religiöses Leben einerseits, ein nur «religiöses Leben andererseits fordern, wie Dr. Breuer es mir zumutet, hieße ja dasselbe entzweispalten, deir Menschen in zwei teilen. Dazu bedürfte es also wahrhaftig' nicht des ganzen Rummels,: Die Alleinherrschaft der Religion, wie Dr. Breuer sie fordert, ist eine einfache Selbstverständlichkeit, sofern man nur die Religion selbst anerkennt. Mer nun ist es eine ebenso einfache Selbstverständlichkeit, daß die „Alleinherrschaft der Religiös, wie W sie verstehe. — nicht im geistigen, postulierenden Sinne wie Dr. Breuer, sondern in der faktischen, konkreten/- konstatierenden Bedeutung — nur im Ghettojudentum existierte und mit dem Ghetto selbst fallen wußte. (Warum sie im Ghett o existierte, habe W in meinem Aufsatz: „Religion im Ghetto" eingehend gezeigt.) Faßt man den Begriff so auf wie ich, dann ist es klar, daß der Vater der modernen Orthodoxie, S. R. Hirsch, genau so wenig Ghettoj ude war wie ich und alle anderem „Tauroh im derech-erez" lautet seine große Lehre,, Diese Lehre ist durch und durch! jüdisch, urjüdisch — aber nicht ghettojüdisch! - Der Ghettojude kennt eben von den in diesem Satze vereinten Welten nur die eine: Tauroh, die Welt der Religion. Die Welt des „derechi-erez", die Welt des Weltlichen, das an sich nicht Religion ist, sondern erst von dem Geist der Tauroh durchdrungen werden soll, kennt er ja gar nicht, und soweit er sie — heute — kennt, erkennt er sie nWjt an. Beweis: Der Widerstand der bedeutendste» russischen GecutniNr gegen mpderne Schulen, gegen jedwede — noch so äußerliche — Konzession an die moderne Zeit, wie sie die Führer der westeuropäischien Orthodoxie längst gemacht und mit Erfolg gemacht haben. Man pflegt da gewöhnlich als Grund die Lebensfrxmd'heit dieser Geaunim anzuführen. Dies ist aber nur leeres Gerede. Der wahre Grund ist der, daß diese Geaunim als konsequente Vertreter der Ghettojudentums eben das tmltliche -moderne Leben gar nicht als berech-. tigt 'anerkennen wollen und - ihm deswegenjede Konzession verweigern. Sie dürfen dann mit Recht/, sagen: Zurück zum Ghettojudentum- oder richtiger gesagt: Halten wir an ihm festda wir ja noch! gar nicht aus ihm heraus sind. - / Dieses Recht aber hat der westeuropäische/ Orthodoxe nicht, der seit 100 Jahren praktisch,' seit S. R. Hirsch auch in der Theorie sichvom- / Ghettojudentum, vom spezifisch Ghettojüdischen, so-, weit es vom alten Judentum differiert, also von dieser Alleinherrschaft der Religion in der faktischen Bedeutung, emanzipiert hat. //. Und daß diese Emanzipation nötig und Put war, gibt doch! heute die gesamte westeuropäische Orthodoxie zu, zeigen doch auch die Tatsachen tmi Osten in fruchtbarer Lehre. Suchen - denn nicht die Führer dieser Orthodoxie die russischen Räbhinen zu bewegen, ebenfalls ihr Prinzip anzuerkennen, in der richtigen Einsicht, baß-nur auf der Basis, dieses Prinzips eine Erhaltung der Jugend bei der Fahne der Religio» - noch möglich - ist? - Wozu-AA das Geschrei, das Zeter und Mordio, wenn ich . in ruhiger Weise das theoretischf-historisch zusam-' mengefaßt hübe, was äs facto längst eingetreten ist. ’ Dr. Breuer ist eben an mir vorbeigerannt. Nachdem ich seinen zweiten Artikel gelesen, . entpuppt sW sein ganzer Kampf als ein Kampf, hegen Windmühlen. Wofür er eintritt, gebe Wihm/ziu Und was W vehlwpte; wird er nicht bekämpfen wollen. Sein Angriff beruht auf einem groben Mißverständnis. Für dieses Mißverständnis aber muß W ihm die Schuld anferlegen. Denn wenn, der Terminus „Alleinherrschaft der Religion" selbst vielleicht zweideutig ist — ein besserer ist nicht,bä: was er darunter versteht, müßte ja eigentlich nicht Alleinherrschaft, sondern' Oberherrschaft der Religion heißen —, was W mit ihm meinte, habe W sowohl im ersten wie besonders im zweiten Artikel llar und. deutlich gezeigt. Und gerade er pflegt ja sonst nicht so schwer in der Auffaffusig zu sein. So bleibt mir nur die Vermutung übrig, daß er den etwas zweideutigen Ausdruck bewußt entstellt hat, um — auf ihm basierend — einen häßlichen Angriff gegen mich zu unternehmen/ der — unter der Maske des „Leschjem schomajim" — nur als Racheakt, hervorgsrufen durch /nieine berechtigten, streng sachlichen Angriffe auf ihnin. Wort und Schrift, verständlich ist. Ein weni^ vornehmer hätte er dabei trotzdem sein müssen; in seinem Interesse, nicht in meinem. 7. 7; 7 Aus de« Ereigniffeü des Tages i 1. Etwas über die „ReUglonSieindUchkeit" des Zionismus. Es gibt Unwahrheiten, Entstellungen,' Verleumdungen, die so oft, so laut wiederholt werden, daß sie nqchi und nach zu feststehenden Gemeinplätzen zu werden beginnen, sodaß, um diese G!efahr zu beseitigen, es nottut, immer wieder von neuem auf ihren unwahren Charakter hinzuweisen und ihren - anmaßenden Anspruch als selbstverständliche zu gelten, energisch und' bestimmt ab- I ri n h tl ir si ni C et 3 if T 2 st n y bi E ir kc h' h! di d, d< rt V B de IU te st >v w tu ta al hi ke li F 3 d: bi b; di tu ui B al B ai ei A 3 ir in b ei de bi sa in rc g' B N < »,> st B C S B de he Ci al U ly de de

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