Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 44 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November 1312) Nr. 44 Ueber die Auffassung des Judentums bei Hermann Cohen. Von Dr. R. Seligmann. Aus dem Gebiete der sogenannten Geisteswissenfchasten gchört es leider z!u den ziemlich häufigen Gcscheimmgen, daß namhafte Forscher, die den Anspruch auf hohe Originalität erheben und auch den Eindruck einer solchen, auf den ersten Blick, Hervorrufen, bei näherem Zusehen und tieferem Eindringen in das Wesen des Gjedankenganges sich als bloße Nachahmer erweisen, die angeeignete Ideen vielleicht geschickter als andere auszubeuten oder in einer gefälligeren Form darzubieten verstehen. Nur selten und vereinzelt nehmen sich, die Fälle aus, wo der subjektive Eindruck dem objektiven Ideengehalt wirklich entspricht. Bei Herm. Cohen begegnen wir nun einem sonderlicherweis« ganz umgekehrten Falle: wir sehen eine durch und dupch originelle und' schaffende. Persönlichkeit, die sich bloß für einen Epigonen ausgibt, für Einen also, der in den Fußtapfen Anderer wandelt. Wiewohl cs wahr ist, daß Hermann Cohen den Ursprung seines G!edankenganges aus Kant herleitet, so verrät doch die weitere Entwicklung desselben einen eigenartigen und schöpferischen Geist, der sich! an Kant anlehnt, um ihn desto sicherer zu überschreiten. Unter den leitenden Persönlichkeiten der geistigen Kultur der Gegenwart werden wir wühl hie und da Männern begegnen, die vielleicht mit glücklsthjerem Griff gearbeitet, vielleicht etwas tiefer in der menschlichen Natur gegraben, vielleicht subtilere und feinsinnigere Einsichten in dies und jenes zu Tage gefördert haben; vergebens aber suchien wir nqch einer derartig imposanten und wuchtigen Gestalt, wie Hermann Cohen eine ist, öon_ dieser harmonische Geschlossenheit des' sittlichen Charakters, dieser wahrhaft heroischen Ausdauer im Verfolgen seinergeistigen Zwecke, dieser intensiven Konzentriertheit aller seelischen Energien auf den einen idealen Punkt, dieser ehernen Konsequenz in den Anschauungen, hie in gewisser Beziehung an Spinoza, gemahnt, — kurz, wir. finden in der ganzen philosophisch^ .Literatur der Gegenwart in Deutschland , keinen einzigen Denker, der in diesem Maße Persönlichkeit wäre. - Dieser Denker nun hat uns eine Konzeption des Judentums gegeben, die mit seinen sonstigen philosophischen Anschauungen sich, im vollen Einklänge befindet, ja, die sich aus diesen seinen Anschauungen organisch und naturgemäß heraus entwickelt. Eine Konsequenz dieser Art ist zugleich ein Vorzug und ein Mangel. Ein Vorzug, insofern man es mit einer'Auffassung zu tun hat, die einem schöpferischen Geiste entsprossen; ein Mangel, insofern alle solchfi einseitig orientierten Auffassungen die Gefahr mit sich bringen, von dem wiMichen Sachverhalt erheblich abzuweichen. Hier stellen wir uns nun die Ausgabe, die Cohen'sche Konzeption des Judentums aus ihre Richtigkeit zu prüfen. Weil aber, wie gesagt, diese Konzeption aus den allgemeinen philosophischen Anschauungen unseres Denkers unmittelbar hervorgeht, so ist es unumgang- W notwendig, auf dieselben zurüchugreifen. Wir wollen nun versuchen, jenen kardinalen Disferenzpunkt, der die Cohn'schen Gedankenwege von denjenigen Kants ein für alle Mal scheidet, ip aller Kürze hervorzuheben. Bei aller Produktivität, die Kant dem menschlichen Geiste .zuzuerkennen bereit ist, nimmt er doch eine von diesem Miste ganz unabhängige Quelle der Sinnlichkeit an, nqch der sich die erkennende Fähigkeit^ in ihrem Funktionieren richten muß. Woher diese Quelle kommen mag, darüber vermag uns der Mist keine Auskunft zu geben. Wir wissen nur. Laß sie nun einmal da ist, wir finden es vor, es ist uns von außen her gegeben. Dieses Vorgefundene, dieses Gegebene nun sucht Hermann Cohen in Frage zu stellen, indem er von dem Problem des Erkennens ausgeht, und man muß es gestehen, er geht mit großem G?eschick und großer Sachlichkeit zu Werke. Daß etwas existieren mag, worüber der menschilichje Geist keine Auskunft geben kann, dies soll gar nicht in Abrede gestellt werden. Mer kann denn ein solches Gegebene und Vorgefundene zum Gegenstände des Erkennens werden, oder mit anderen Worten: Kann ßh denn überhaupt von einem Gegebenen, Vorgefundenen reden, sobald ich, es erkannt habe, sobald es in den Prozeß meines Denkens eingegangen ist? Ist es denn nicht wider- . sprechend zu sagen, daß irgend ein Inhalt meinem erkennenden Geiste von außen her gegeben sei, wahrend es doch, klar ist, daß durch eben diese Tatsache, daß er einem Geiste gcgenübersteht, er doch verinnerlicht und vergeistigt worden ist? Man hat nur den Begriff des Erkennens deutlich zu präzisieren, und der in Frage stehende Widerspruch, wird klar vor Augen treten. Irgend ein Ding erkennen, bedeutet nichts anderes, als dieses Ding aus der dumpfen Sphäre der Unmittelbarkeit und Vereinzelung, in die es versunken ist, herauszurücken, um es in einen unendlichen Bewegungsprozeß, in ein System von unendlichen Beziehungen, hineinzutragen. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: die Psychologen sprechen von unmittelbar uns gegebenen Empfindungen, von ursprünglichen, elementaren Gefühlen der Lust und Unlust u. dgl. m. Daß, Lust- und Unlustgefühle ursprüngliche Gegebenheiten der Seele darstellen, braucht keineswegs geleugnet zu weroen. Aber was fange ich! mit ihnen an? Sobald ich mein Gefühl erkennen wäll, muß ich doch zu allererst dieses Gefühl seiner Unmittelbarkeit entkleiden, sonst bleibe ich! darin stecken, ohne ein eigentliches Wissen davon zu haben. Ich denke beispielsweise mein Gefühl als eine subjektive Reaktion auf einen äußeren Reiz. Wer ist eine „Reaktion" mein Gefühl? Mein Gefühl gehört mir, und dies zwar ausschließlich, sodaß kein anderer daran teilnimmt, und geht über weinen individuellen Bannkreis nicht hinaus. Eine „Reaktion" dagegen kommt, erstens, allen möglichen Individuen zu, die nur fühlen, und zweitens, was wichtiger ist, eine Reaktion tritt notwendigerweise in eine Beziehung zu einem äußeren Reiz, dieser Reiz tritt wiederum in eine notwendige Beziehung zu irgend einem materiellen Anstoß, der den Reiz verursachte, dieser materielle Anstoß löst sich in ein System, von. Bewegungen auf, die mit anderen unauflöslich, verknüpft sind, — kurzum, mein nrsprünglichjes Gefühl verwickelt sich in einen; unendlichen Knäuel von Bewegungen, sobald es zu einem Momente des Denkens geworden ist. Dies scheint uns die psychologische Wurzel der ganzen .Cohn'schen Systematik zu sein, und .wiewohl es Cohen nirgends klar und unzweideutig ausspricht, scheinen uns doch Reflexionen dieser Art seinem ganzen Gedankenbau zu Grunde zu liegen. Und nun sind wir auch in Ür Lage, den wesentlichen Unterschied in der philosophischen -Problemstellung bei Kant und bei Cohen zu markieren. Kant: brauchbare Erkenntnis muß eine organisch« Synthese von einer formenden Tätigkeit des menschlichen Geistes und einem ihm von außen her gelieferten Inhalte darstellen. Cohen: Jede Er- . kenntnis hat nur mit solchen Inhalten zu tun, die von dem Menschlichen Geiste selber produziert werden. > Ein Gegenstand des Erkennens kann schon aus dem Grunde nW dem Geiste von außen her gegeben sein, daß der erkannt« Inhalt zugleich mit dem Momente seines Eintretens in den Erkenntnisprozeß durchgreifende Umwandlungen seines Wesens erfährt. besteht folgende Alternative: entweder bleibe ich im Unmittelbaren und Vereinzelten stecken, dann . erkenne ich überhaupt nicht, oder auch ich erkenne, und dann hübe ich es nicht mit einem Gegebenen, - - sondern lediglich mit einem Momente des Denkens zu tun. Zu einem Momente des Denkens werden < heißt aber nichts anderes, als in ein wohlgeordne- -4 tes System von Zusammenhängen eintreten, ein 1 System, das sich! fortwährend entwickelt und ver- 1 vollkommnet. und immer neue Inhalte aus seinem; Inneren erzeugt. < 1 Daraus ergibt sich eine wichtige Konsequenz:; Das Sinnlich-Greifbare, das Unmittäbare spieltbei - Kant eine entscheidende Rolle; es ist der Prüfi stein aller brauchbaren Erkenntnisse. Freilich kann v es auch Erkenntnisse geben, deren Objekte sinnlich? nicht verifizierbar sind. Solche Erkenntnisse sind : nach Kants eigenem Wisspruche leer zu nennen. J Bei Cohen wird alles SinnlichGegchene, Unmittelbare überhäufst nicht in Betracht gezogen. Es | mag existieren, sein Dasein fristen. Für die CoHew» | schje Konzeption fällt es einfach aus. Von diesem Standpunkte des Erkennens behau- » delt Cohen auch die Ethik. Alle die unmittelbaren - Gefühle der Sympathie, des Wohlwollens, der ele- - mentaren Gerechtigkeit, die wir von jeher unter den r Begriff des Ethischer zusammenzusassen gewohnt ' sind, seien an und für ssthj recht schön und gut, bleiben immer aber zufällig und vergänglich und gehen über die Sphäre der Vereinzelung, der Jndeviduation nicht hinaus. Soll dagegen einer Willensäußerung allgemeine Bedeutung zuerkannt wer- - den, so muß sie sich als Mied eines festen Gefüges - erweisen, sie muß in das unverrückbare System von. - Willensbeziehungen eintreten können, das durcheinjS oberste Idee -zusammengehalten wird. Ein sohcheS System stellt die Gemeinschaft dar. Mithin ist. eure Willenstendenz-nur dann ethisch zu nennen, wenn sie eine feste Stelle in dieser Gemeinschaft einnehp men kann. , (SMutz folgtJ Alleinherrschaft der Religio«.*) Ein Schlußwort zur Polemik mit Dr. I. Breuer. Win Najchum Goldmann. Eigentlich ist für mich der Fall erledigt. Denn eine Fortsetzung der Polemik mit Dr. Breuer wäre . nnftrqchtbar und nutzlos. Eine Debatte kann nur unter einer Bedingung wertvoll und ersprießlich sein: wenn die beiden Gegner wenigstens die gefühlsmäßige Grundlage gemeinsam firafen, auf der sie sich in ihren logischen Argumentätronen verständigen könnten. Diese gefühlsmäßige Basis kann in allen Fragen des modernen Jähentums für mich nur eine sein: Liebe zum jüdr- *) Wir halten es vom Standpunkt der journalistischen Gerechtigkeit für geboten, wie auch im Interesse der Sachegelegen, Herrn Nachnm Goldman n in unseren Spalten die Möglichkeit zu einem Schlutzartikel in seiner Polemik mit Dr. I. Breuer zu bieten, obwohl diese, selbst nicht' in unserem Organe zum AüstvlL gelanK ist: ' , D. Redakt dt