Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 43 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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€eite 2. Nr. 43 Liten der deutschen Judenheit Unterzeichneten Aufruf zu erlassen und' die jüdischen Wähler dringend zur Wahlenthaltung auMfordern. Ein solcher Aufruf Hätte gewiß seine Wirkung getan. Und wenn wir nur diesmal energisch ausgetreten wären und der liberalen Partei gezeigt hätten, daß unser Judentum uns höher steht als der Liberalismus, wir dürfen sicher sein, er Hätte ein zweites Mal mehr Rücksicht auf uns genommen. So haben wir uns nur blamiert. Wir Haben wieder einmal gezeigt, daß wir im letzten Moment noch immer versagen. ——n. Aus deu Ereignissen des Tages. Unsere Gleichberechtigung. — Zum Fall Cassirer. — Die Annalen der systematischen Zurücksetzung der Juden durch die Preußische Regierung sind wieder um ein folgenschweres, bedeutsames Ereignis reicher geworden, und die deutsche Judenheit steht wieder einmal Nor einem Faktum unzweideutiger antisemitischer Gesinnung der obersten Behörden. Der Kill gewinnt noch darum an Bedeutung, weil cs sich hier nicht nur um ein jüdisches, sondern auch ein allgemein wissenschaftliches, allgemein philosophisches und damit allgemein kulturelles -Interesse haniÄt: der Fall betrifft die Nachsolgeschaft Hermann Cohens an der Marburgor Universität. Hermann Cohen zählte zu doir wenigen jüd. ordentlichen Professoren aus jener guten alten Zeit, ba die deutschen Juden noch nicht so stark unter der antisemitischen Zurücksetzung zu leiden hatten. Nun, da er weggeht, scheint sich die Regierung zu beeilen, auch diesen Stuhl mit einem Nichtjuden zu besetzen, und hat so einen Straßburger Privatdozenten als Nachfolger Cohens berufen. Nun ließe sich, wemr es sich um den gewöhnlichen Fall des Abganges eines Professors handelte, nichts logisch Begründetes gegen diese Berufung sagen. Die Regierung muß ja keinen Juden berufen. Schenrbar also liegt hier gar keine Zurücksetzung vor. In Wahrheit aber ist esanders. Denn hier handeü cs sich um etwas ganz Besonderes : Hermann Cohen ist kein gewöhnlicher Philosoph ieprosessor, sondern Begrünter einer ganzen Schule, der in der modernen Philosophie rasch berühmt gewordenen „Marbürger Schule". Diese „Marburger Schule" zu erhaltm, ist eine Pflicht, die für eine verständnisvoll«! BeWrde ganz selbstverständlich sein sollte, und es ist auch garnicht daran Ui zweifeln, daß die preußische Regierung diese Pflicht erfüllt hätte, wenn sie nur einen geeigneten Kandidaten gefunden hätte. Nun gibt es zwar auch einen .geeigneten Kandidaten, ja, er ist eigentlich der einzige Kandidat: Ernst Cassirer, der verständnisvolle und bedeutende Schüler Cohens. Da aber kommt der.Hakcn: Ernst Cassirer ist Jude. Also was schert uns „Marbürger Schuld und das Interesse der Philosophie, der Mann ist Jude, cs nützt alles nichts, der Miami wird übergangen. Hier liegt der Fall so klar lote selten sonst. Daß hier ein ivichtigcs philosophisches, kulturelles Interesse geschädigt wird, ist llar, und Paul Natorp hat es rwchmals öffentlich erklärt; daß Ernst Cassirer der befähigte Mann wäre, die „Marbürger Schule" fortznsetzen, wird niernand, der die Werke dieses Denkers kennt, bestreiten, und Paul Natorp hat ihn auch öffentlich als den einzigen geeigneten Kandidaten bezeichnet; wenn er also trotz alledem nicht berufen wird, so ist es llar, daß dies seines Judentums wegen geschieht, und Paul Natorp hat dies auch öffentliche angedcUtct. An der Zuverlässigkeit und Aufrichtigkeit aber eines Mannes von dem Range Paul Natorps als Atcnsch wie als Philosoph kann wahrlich kein Zweifel gehegt werden. Die preußische Regierung wird sich auch nicht aus das scheinbar schlagende Argument berufen können, die Fakultät habe die Berufung eures Psychologen, — der berufene Privatdozent ist cs — gewünscht, und sie habe nur den Wünsch, der Fakultät erfüllen wollen. Einmal weist Paul Natorp nach, daß die Fakultät ihr Votum nicht so aufgefaßt wissen wollte, daß Ernst Cassirer nicht berufen werden sollte; vielmehr habe sie rmr jjjtcu Wunsch zum Ausdruck bringen wollen, daß endlich auch ein Psychologe an die Btarburger Universität käme, nick» dies hätte ja durch Fassung einer besonderen psychologischen Professur bcwirll werden können. kvankfurter UrsMtWeS WmMMbAS. Ferner aber, seit wann nimmt die preußische Regierung so unbedingte Rücksicht auf die Wünsche der Fakultäten? Wie sie cs in dieser Beziehung wirklich hält, hat ja der Fall Bernhard deutlich, genug gezeigt. Nein, alle Verschleierungen können hier nicht den wahren Tatbestand verhüllen. Und Tatsache bleibt.es, daß hier eine. Pflicht der Pietät gegen einen Mann von der Bedeutung Cohens, eine Wicht der Erhaltung einer originellen philosophischen Schule, eine hohe kulturelle Pflicht verletzt worden ist- und alles nur aus dem einen Grunde: Ein Jude soll nicht Professor werden. Die deutsche Judenheit aber und' yiit ihr alle gerecht Gesinnten werden diesen Fall der preußischen Regierung als einen neuen schweren Makel anrechnen müssen. Brief aus Palästina. Das Deutsch-Jüdische Waisenhaus, das über ein Vicrteljahrhundert in der heil. Stadt bestanden, siedelte nach Petach^Tikwah über. Wer das Elend unserer Stadt kennt, wer die Armut mit eigenen Äugen geschaut, wird begreifen, wie leid uns die Verlegung gerade dieses Instituts tut. Während 28 Jahre hat. die Anstalt arme Waisen großgezvgen, die in streng religiöser, dessenungeachtet aber auch nationaler Weise erzogen wurden. Der Direktor zeigte den Kindern, daß man hebräisch reden und dennoch ein guter Jchudi sein könne. Während .das Reglement der Anstalt es bisher vorschrieb, die .Zöglinge zu Handwerkern heranzubilden, sollen die Schüler fortan den Boden zu bearbeiten lernen. Dadurch gewinnen wir auch in unseren Kolonisationsbestrebungen an neuen Kräften. Es ist daher von Herzen, zu.-wünschen, daß' diese vorzügliche Anstalt auch ferner gute Freunde gewinne. Wir selbst, die wir sie nur ungern haben ziehen lassen, wünschen ihr viel Glück ans „eigener Schälle". Frau Dr. Ä. Ruppin, Begründerin der Musikschulen Jaffa-Jerusalem, erlag dieser Tage einer gefährlichen Krankheit. Diese traurige Nachjricht erfüllte alle mit tiefer Trauer. Denn kaum hatten wir einen Edelstein in unserer Mitte, als er uns auch genommen wurde. Mit bewunderungswürdiger Tatkraft rief die Erblichene die Musikschulen ins Leben. Nicht minder eifrig unterstützte sie die Spitzenklöppölei. Auch an der Gründung der sich so trefflich, bewährenden Jerusalemer Volksküche arbeitete Frau Dr. Ruppin unermüdlich. Sie gehörte zu den weniger:, die ohne Lärm wirklich viel ins Leben riefen. In Jaffa und in Jerusalem fanden zahlreiche Hospedin: statt. Die in Jaffa seit Monaten wütende Maltafieber-Epidemie ist endlich, im Erlöschen begriffen. Die Krankheit äußerte sich in hochgradigem Fickb'er, Gliederschmerzen und' Erstarren der Augen. Sie konnte in zehn Tagen vergehen. Manche Fälle hingegen belehrten, daß das Fieber auch neunzig Tage anhaltcn kann. Es ist nur zu wünschen, daß dieses böse Fieber bald ganz erlischt, da sein Auftreten oft eine ganze Familie zu gleicher Zeit auf's Krankenlager niederwirft. In Jaffa ist dieser Tage das vom Odessaer Palästinakomitee begründete jüdische Letzrerinnenseminar, das den Namen des verstorbenen hebräischen Schriftstellers E. L. Leivinsky trägt, eröffliet worden. Dr. N. Tu ross hat die Direktion übernommen. Ben H o a m i t t i. Die Jemeutten-Frage. Die'„Nordd. Allg. Ztg." bringt in Nr. 245 folgenden Bericht aus Haifa: „Der Fricdensschluß zwischen der Türkei und dem langjährigen Rebellen Im an Iah ja — das sogenannte Jemenabkommen — hat eine interessante und für Palästina - sehr bedeutsame Folge: die Juden des Jemen wandern massenhaft nach Palästina aus. Während der Kämpfe zwischen dem Jman und den Türken haben die Juden des Jemen stets treu zur türkischen Regierung gehalten. Deshalb haben sie jetzt, wo der Jman durch das Abkommen selbständiger Fürst geworden ist, seitens des I m a n s I a hj a s unter den schrecklichsten Verfolgungen zu leiden, sodaß ihre Lebensbedingungen geradezu unerträglich geworden sind. Die Juden haben zwar zu allen Zeiten viel von Seiten der mohammedanischen Bevölkerung erdulden müssen, aber ihre jetzige Lage soll besonders im Nordjemen unhaltbarer denn j^sein. Gegenwärtig wird von dm dortigen Juden eine außerordentliche Steuer von 1000 Reals (1400 Frs.l pro Jahr erhoben. Hiermit nicht genug, forderte der Jman Jahja inSanaa von den Juden die Steuern von 40 Jahren, das heißt für all die Zeit, in der dort die Türkei herrschte,. was er damit begründete, daß das Land nun ihm gehöre. Da die Juden nicht zahlen konnten, es handelte sich um etwa 140,000 Frs., drangen die Leute des Jman Jahja 'in die Judenviertel von Sanaa ein, verhafteten alle angesehenen Männer und warfen sie ins Gefängnis, wobei sie ihnen mit Lauernder Haft drohten, falls sie die Steuer für 40 Jahre nicht entrichten würden. Erst auf Einsprache des Generals Jzzet Pascha ließ Jman Jahja die Gefangenen frei, die grausamen Verfolgungen wurden jedoch immer heftiger fortgesetzt. Um die Lage richtig zu erfassen, muß man sich daran erinnern, Laß die Juden, wie bereits gesagt, während der ganzen Zeit, in der die türkische Regierung im Nordjemen dominierte, und insbesondere während des langjährigen Geplänkels mit dem Jman Jahja treu zur türkischen Regierung hielten. Dabei hat aber die Regierung für die Juden im Jemen blutwenig getan, das Schlimmste für die Juden war es aber, daß man bei dem Friedensschluß mit dem Jman ihrer nicht gedachte. Um diesen Zuständen äbzuhelfen, ist in hiesigen jüdischen Kreisen der Gedanke aufgetaucht, die jemenitischen Juden nach Palästina zu verpfanzen, und so sind bereits etw a 1300 Familien aus dem Nordjemen hier' eingewandert. Wenn auch Palästina noch lange nicht jene hohe Stufe der Entwicklung in Landwirtschäft und Industrie, derer: es fähig ist, erreicht hat, so kann das Land nach und nach immerhin auch wirtschaftlich als Zufluchtsstätte für die 10,000 bis 12,000 Seelen aus dem Nordjemen, .die am meisten verfolgt werden, dienen. In den hiesigen jüdischen Kolonien in der Stadit wie aus dem Lande finden große Sammlungen und Wohltätigkeitsveranstaltungcn zum Bester: der bedrängte jemenitischer: Juden statt. Es sind bereits ansehnliche Beträge gestiftet worden. Die Juden Palästinas betrachten ihr Hilfswerk in erster Linie als nationale Sache. Däber haben sie es nicht leicht, denn ihre Hilfeleistung ist für sie ntit_ enormer: Kosten verbunden, wenn man bedenkt, daß nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung vom Nordjemen sich zur Auswanderung nach Palästina anschickt. Jeder Jude! verkauft dort sein Hab und Gut, so gut es gehen mag. In Fällen, in denen die Nichtjuden ihnen nichts abkaufen wollen, lassen sie ihre Habseligkeiten zurück und kommen vollständig verarmt hier an. Eine ganze Reihe rein jüdischer Ortschaften im Jemen soll bereits völlig Verlässen sein. Die schwierigste Frage bei dieser Masseneinwanderung ist für die hiesigen Juden die der Unterbringung; in den jüdischen Kolonien macht sich ein furchtbarer WShillings mangcl*) fühlbar. Aus diesen: Grunde soll sich der „Jüdische Nationalsond's" entschlossen haben, zum Bau von Jemenitenwohnungen einen größeren Betrag beizusteuern, auch in Holland will inan, wie in hiesigen jüdischer: Kreisen verlautet, zu diesem Zwecke eine größere Aktion unternehmen. Gelingt cs, die einwanderndei: Juden des Jemens, deren Umgangssprache das Hebräische ist, in der richtigen Weise hier anzusiedeln, so würde es für diese eine Erlösung aus schlimmster Not bedeuten, zugleich für die jüdische Kolonisation in Palästina aber von allergrößtem Nutzen sein. Die Lösung der Jemenfrage würde somit sehr viel zur Stärkunn des Iudentnms in Palästina beitragen." Aus aller Mett. »-«qcher Reich. Berlin. Das deutsche Landeskomitee der Allge»iei »cii Israelitischen- Alliance hat in seiner Tagung am 23;, den Anträgen der General- *) Die Geschäftsstelle des Frankfurter Israelit. Familicnblattes nimmt 'Spenden für die Errichtung von Jeminiten-Häusern entgegen.; .