Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 43 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November 1912) Nr. 43 Wir und der Liberalismus.*) Eine der wichtigsten inneren Konsequenzen, die die in vieler Hinsicht revolutionär wirkende nationale Idee durch ' ihr Erwachen für die deutsche Judenheit nachi sich ziehen nmß, besteht in einer Revision unserer Stellungnahme zu den politischen Parteien Deutschlands. Wie auf fast allen Gebieten des jüdischen Lebens wird auch hier die jüdisch-nationale Idee noch manch scheinbar für alle Zeiten feststehende Axiome und Selbstverständlichkeiten unlstoßen. Denn seit 100 Jahren, seitdem wir überhaupt Anteil nehmen am politischen Leben Deutschlands, ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, daß wir liberal sein müssen. Der Glaube an die unbedingte Notwendigkeit unserer Zugehörigkeit zur liberalen Partei hat zwei Kategorien von inneren Ursachen und Entstehungsgründen. Die wichtigste Kategorie von Ursachen war theoretischer, prinzipieller, begrifflicher Natur. Der kosmopolitische, weltbürgerliche Einschlag in der Weltanschauung des Liberalismus, der ja früher noch viel stärker war als heute, mußte gerade diese Partei dem assimilatorisch gesinnten, begeisterten Anhänger kosmopolitischer Tendenzen, wie es fast jeder Jude nach der Emanzipationszeit war, sympatischi machen. Dazu kam als mehr unbewußtes Motiv die Empfindung der inneren Verwandschaft niit der Demokratie, deren ganze Tendenz ja auf Gleichheit, Nivellierung, ans Aufhebung der Gegensätze und Beseitigung der Differenzen innerhalb der Menschheit ging. Der Jude, dessen heißestes Streben nach der Assimilation, nach der Angliedörung ging, konnte ja gar nicht anders, als der Partei angehören, deren höchstes Ideal die Gleichheit war. Neben all diesen theoretischen Ursachen jedoch!, die die ausschlaggebenden waren, kamen noch gewichtige praktische Momente: die liberale Partei war ja die einzige, die mit der Forderung der Gleichberechtigung der Juden vollen.Ernst machte. Von diesen zwei Motivenreihen, die bis heute die deutsche Judenheit fast ausschließlich! dem Lager des Liberalismus züsührt — wenn sie gar nicht noch weiter links, bei der Sozialdemokratie, steht — hat sich die eine, die wichtigste, die theoretische, radikal geändert; geändert durch die Wirkung der jüdisch-nationalen Idee. Der nationale Jude hat nicht mehr jene unbewußte innere Sympathie für die kosmopolitisch angehauchte, ans Gleichheit und Nivellierung ausgehende Demokratie. Im Gegenteil. Es gibt gewichtige Motive, die in der Theorie — wir reden zunächst nur von der Theorie — eher zu. den Parteien hinzichen, die die Anerkennung und Pflege der nationalen Eigenarten zu ihrem Programm machen. Der nationale Jude, der seine gngestammten Eigenarten und nationalen Sitten nicht aufgeben, sondern pfiegen will, besitzt auch zudem einen viel zu starken Sinn für das Althergebrachte, für das Traditionelle, atz daß er sich so ohne weiteres den Liberalen in die __ *) Wir erhalten diesen Artikel von sehr geschätzter Seite. Der Schreiber rollt ein sehr ernstes und schwerwiegendes Problem auf. Die Blenderung .unseres bisherigen Verhältnisses zu dem politischen Liberalismus ist jedoch nicht so einfach; schon deswegen nicht, weil der Geist des Judentums durch und durch demokratisch ist. Eine uns entsprechende Partei wäre wohl ungefähr eine national-soziale. - D. Redakt. Arme werfen sollte, für die doch immerhin die Tradition nur etwas Nebensächliches ist. Und zu diesen nationalen Gesichtspunkten kommt noch der religiöse hinzu. Ebensowenig wie der Liberalismus Respekt und Sinn für unsere nationalen Eigenarten besitzt, fehlt ihm auch das Verständnis für unsere religiösen ^Eigentümlichkeiten und Sonderheiten. Und in der Tat, wo es galt, für die Erhaltung jüdischer religiöser Gebote einzutreten, haben sich die rechtsstehenden Parteien als viel energischer und zuverlässiger erwiesen als die Liberalen. Der Hinwetz auf das klassische Beispiel der Schechitah genügt ja. Und wenn trotz alledem bis zuni heutigen Tage auch der nationale Jude am Liberalismus festgehalten hat, so waren nur die Erwägungen praktischer Natur maßgebend. Tenn bis heute ist die liberale Partei noch die einzige, die in der Frage der Gleichberechtigung uns einigermaßen zufriedenstellen kann; wir sagen einigermaßen, weil die Energie in der Forderung und Erzwingung der Gleichberechtigung auch bei den Liberalen noch sehr viel zu wünschen übrig läßt. Mit einigen kurzen Reden im Parlament läßt sich die Gleichberechtigung nicht durchsetzen. Und mehr als einige kurze Reden Haben ja auch die Liberalen nicht fertiggebracht. Aber immerhin war dies doch mehr als das, was vlc anderen Parteien fiir uns taten. Und wenn auch die praktische Arbeit zur Durchsetzung der Gleiche berechtigung seitens der Liberalen noch ungenügend ist, irr ihrem Programme wenigstens treten sie unbedingt für uns ein. Und aus diesen Gründen erschien es erlaubt und geboten, über all die prinzipiellen Momente sowohl logischer wie seelischer Natur, die uns von den Liberalen trennen, hinwegzusehen und trotz alledem weiterhin arr seiner Fahne festzuhalten. Die Erringung unserer politischen Gleichberechtigung — dachten wir — wird uns mehr nützen, atz uns die Nichtachtung unserer nationalen Forderungen schaden kann. So dachten wir bis jetzt. Aber jetzt ist der Moment gekommen, wo tvir uns ernstlich .fragen müssen, ob diese Begründung unserer Zugehörigkeit zum Liberalismus noch ständhält; ob sie sich noch rechtfertigen läßt vor dem Forum unserer nationalen Würde und unserer jüdischen Interessen. Tenn soeben ist ein Fall eingetreten, der diese absolute Verständnislosigkeit des Liberalismus selbst für..unsere minimalsten jüdischen Forderungen in solch' krasser Form offenbart, daß die praktische Revision unserer Stellung zum Liberalismus geboten ist. Wir meinen natürlich den Fall M u g d a n. In Berlin haben die Liberalen den Täufling Mugdan atz Vertreter aufgestellt; und dies noch — und hier wird die Verständnislosigkeit fiir jüdische Interessen geradezu zur Arroganz uns gegenüber — in einem Wahlkreis, in dem die jüdischen Wähler die Entscheidung in ihrer Hand haben. Und die Liberalen können diesmal nicht die Ausrede gebrauchen, sie hätten bei der Aufstellung der Kandidatur garnicht an die Taufe Mugdans gedacht. Denn hier hat der Vorstand des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vorher Schritte bei dem liberalen Wahlvorstand, unternommen, um die Kandidatur zu verhindern. Es hat nichts genützt. Ter liberale Vorstand stellte sich auf den Standpunkt, für den Liberalismus sei die religiöse Zugehörigkeit eines Kandidaten gleichgültig; Religion ist ja Privatfache; warum sollen also die Liberalen nicht einen sonst gewiß sehr tüchtigen Politiker zum Kandidaten aufstellen, weil er zufällig aus dem jüdischen Glauben zum christlichen übergetreten ist? Dieser Fall und diese Begründung der liberalen Herren haben noch ein besonderes Interesse. Sie bedeuten eine unvergleichliche Jro--. nie und so einen unvergeßlichen Schlag für unsere Assimilation. Denn stellen wir uns einmal auf den Boden der liberalen Weltanschauung und auf denjenigen unserer Assimilationsjuden, die für die liberale Partei ja bisher die Judenheit repräsentieren, und' wir werden zugestehen müssen, an diesem Gedankengang des liberalen Wahlvorstandes ist nichts Merkwürdiges, ja nichts Unbegründete s. Seit 100 Jahren wird unsere Assimilation nicht müde, allen politischen Parteien und besonders den Liberalen immer wieder einzureden, sie seien nichts als eine Konfession. Die Konfession aber ist für den Liberalismus Privatsache und muß es sein. Welchen Grund also hätte der Liberalismus, einen .Täufling nicht als Kandidaten aufzustellen? Ja, täte er es nicht, er würde sich schwer an den heiligsten liberalen Prinzipien versündigen. So kommt es, daß der liberale Wahlvorstand garnicht die Ausiegung der Vorstandsmitglieder des Zentralvereins begriff. Er konnte es eben nicht verstehen, was wir wohl wissen, daß diese H erren vom Zentralverein unbewußt ja immer noch national empfinden, daß durch das Erwachen des jüdischen Selbstbewußtseins sie dieses unbewußte nationale Empfinden nunmehr auch offener zuni Ausdruck bringen. So bedeutet der Fall Mugdan eine feine Ironie; eine Ironie auf die Unwahrheit der Assimilation, wie sie nicht beißender und tiefer sein kann. Wir aber müssen endlich dieser Unwahrheit ein Ende machen. Wir müssen den politischen Parteien mt5 vor allem dem Liberalismus klar machen, daß nur nicht nur religiöse, sondern auch nationale Eigenart besitzen. Und müssen ihm dann klipp und klar die Forderung stellen: Entweder er erkennt unsere nationale Eigenart an und nimmt demzufolge auf unsere nationalen und religiösen Sonderforderungen vollsteRücksicht, oderwirsrnd gezwungen, ihm den Rücken zu kehren. Denn schließlich, dies wird uns dach auch heute der Zentralverein zugeben: Unsere jüdische Würde und unsere Lebensinteressen atz Juden stehen uns hoher selbst als die schnellere Durchsetzung unserer politischen.Gleichberechtigung, die ja heutenur eine Frage der Zeit ist. Und keine Rücksicht darauf darf jemals uns zu der unerhörten Sekbstbeschmutzung veranlassen, die wir begehen würden, wenn wir einem Täufling unsere Stimme geben wollten. Inzwischen ist bereits die Entscheidung gefallen. Mugdan ist gewählt, lieber die Wahl selbst wird noch zu sprechen sein; vor allem ist es wichtig, zu ermitteln, in welchem Grade sich die jüd. Wähler beteiligt haben. Dies eine kann aber bereits jetzt gesagt werden: Ter Vorstand des Zentrakvereins hat nicht seine Pflicht so erfüllt, wie er, der doch die zentrale jüd. Körperschaft im Kampfe gegen Abfall und Taufe sein will, es hätte tun müssen. Die schwachen Schritte, die er zur Verhinderung der Kandidatur unternommen hat, genügten nicht. Was vor allem er hätte tun sollen, das war, einen von allen bedeutenden Persönlich-