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Neue jüdische Presse · 1912-10-25 · Heft 42 (25.10.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 42 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Leite 4 Frankfurter Israelitisches Famklienblatk. Nr. 42 leuÜTefon. Ei * lor de» Toren Prags. Historische Erzählung von A. E. Brachvogel. (Fortsetzung.) Odowalsky war nicht der Mann, die Gunst irgend jemauds zu erbetteln, aber er ging auch niemand aus dem Wege. Ohne den gekränkten Unschuldigen oder Verbissenen zu spielen, leichtlebig wie ein Glückssoldat, lachte er jedermann ins Gesicht, zuckte über alle Vorgänge in ' seinem Vaterlande die Achseln, und seine Behauptung: „Geht mir doch mit Eurem Lumpenkriege! Wenn der Friedländer noch lebte, so hätten wir schon zehn Jahre Fcieden!" wiederholte, er so oft und gegeir alle Welt, Laß die Leute, je unabsehbarer sich dieses Raufen von Land zu Land hinzog, selbst nach und nach der Meinung zuneigten, der kassierte Rittmeister könnte wohl recht haben, und daß es besser gewesen sein würde, wenn jene Bluttat zu Cger nie verübt worden wäre. Man ur- . teilte endlich über Odowalsch milder, und wenn er auch nicht in die hochadligen Kreise wieder ausgenommen umrde, so hielt doch mancher tschechische und deutsche - Edelmann zu ihm, war doch der Rittmeister ein guter Kmnpan, und sein Wein ging glatt über die Zunge. Am Abend dies Tages, an welchem die Prager Juden ihren patriotischen Entschluß gefaßt hatten, saßen im Wohngemach besagten Wohnhauses zwei Männer im Gespräch einander gegenüber an einem Tische Ein Blick durch den Raum genügte, zu wissen, daß man sich bei einem Soldaten und Landwirt befinde. Eine volle Reitermontur, Zäume, Sättel -und Decken hingen an den Wänden, Stich- und Schußwaffen, Kugelbeutel und Patronenriemen, Feldranzen und Hafersack. In den Winkeln lehnten Spaten, Hacken und allerlei Gartengerät, und von Mobiliar war, außer etlichen Schemeln, Stühlen und der umlaufenden Bank des großen Ofens nur noch ein schwarzer, wurmstichiger Schirank bemerkbar. - Bei' dem trüben Schein dre zwei Talglichter eines messingnen Armleuchters gewahrte man auf dem Tisch ein paar Würfel, ein Kartenspiel, holländische Tabakspfeifen und Beutel, ein paar gefüllte Gläser und zwei angcbrochene Weinflaschen, während" drei andere entleert aM Boden.standen. Diese Dinge bewiesen genügend, welcher Unterhaltung die Herren gefrönt hatten. - Die rote Nase, die Schlitzaugen und das gedunsene, lachende Gesicht des einen ist uns bekannt. Es gehört dem Baron Hartick, Befehlshaber der böhmischen Reiterei, -an, einer Truppe, die auf diesem. Terrain völlig unnütz war und in Prag nur zu Fuß Dienste leistete, aber je nach Bedarf in die Umgegend der Hauptstadt Detachements entsandte, teils um die kaiserliche Autorität im Lande aufiechtzuerhältcn, teils um' etwaige Nachrichten vom Feinde einzuziehen. Odowalsky war eine ganz andere Persönlichkeit. Sehnig, -hager und lang, wie sein Meister, der tote Friedländer, braun wie eine Wallnuß, trug er kurzes, struppiges, pechschwarzes Haar, das igelhaft um seinen Kopf herumstand. Die tiefliegenden Augen, die scharf gebogene Nase, der schwarze Schnurr- und Zwickelbart mit -schmalen, lachenden Lippen, die beständig sein weißesstarkes Gebiß zeigten, verrieten einen Menschen, der wohl alles belacht unv verspottet, aber mit allen Hunden gehetzt ist, und der sich daher daran gewöhnt hat, sich über nichts zu erregen, sich von nichts aus seinen Geleisen bringen zu lassen. „Das ist ja verflucht lustig!" sagte er spöttisch. „Also die Juden drüben ziehen auch ins Gefecht? O, erzählt doch. Euch hört niemand! — Woher kam den beschnittenen Schuften denn der plötzliche Mut, und wie konnten Graf Colloredo, Kinsky, Czernin und die Bürgermeister dies dulden, daß dies Pack seine stinkenden Löcher verlassen und sich! unter die Christenmenschen mischen durste?" . „Es ist lächerlich und unbegreiflich!" rief Hartick. „Nur um Las Judcngewimmer und Gezeter beim ersten . Kartaunenschuß zu hören, wünschte ich, die Schweden kämen wirflich." „Wer führt denn die Mauscheln aber an, Baron?" „Der alte. Rabbi Spira selber und sein Sohn, der Viehhändler." „So, so? Und wie stMen sie es demr an, den Colloredd zu bestimmen, daß er oen Unsinn zuließ?" „Wie es gekommen ist, weiß ich nur durch ein Gerücht, das herüberkam, ich glaube aber, daß die Flöhe daran schuld sind, die Markus dem Statthalter wegen der Schweden ins Ohr gesetzt hat." „So, so, also — Nachrichten hat er ihm von ihnen gebracht? Woher, Las wißt Ihr wohl nicht?" „O ja, denn ich war dabei, als oer baumlange Jude ankam. Ihr werdet gehört haben, . Odowalsky, daß gestern morgen auf dem Altstädter Rathause eine allgemeine Kriegsberatung abgchalten worden ist. .Den Statthalter und seinen Bruder begleiteten Kinsky und Czernin, der Gallas, Morzin und ich hinüber, der übrige Adel vom Hradschin und der Kleinseite aber fand sich schon ani frühen Morgen ein. Als wir über die steinerne Brücke zum Altstädter Turm wollten, war der Markus hinter uns und wollte mit hinein. Er gab an, Vieh eingckauft zu haben, für das er einen Passierschein wünschte." „So, so. Und wo hatte er das denn noch her?" „Colloredo fiagtc ihn ans, und der Jude gab an, daß die Schweden schon in Buchau ständen, er habe sic gesehen, daß sie die direkte Straße auf Prag rückten und es bestimmt von der Kleinseite angreifcn würden, weil sie dann die Flüsse nicht zu passieren brauchten, zumal alle Brücken abzcworsen seien." „Was der Judenkcrl nicht alles wissen will, hahaha!" Damit warf Odowalsh) einen hastigen Blick in die dunfle Ecke des Zimmers in der Nähe seines Schrankes. „War das ei» Geräusch?" fuhr Hartick auf . und richtete argwöhnisch und in einer Anwandlung von Schrecken den Blick auf jene Stelle. „Möglich, daß es ein paar Mäuse gewesen sind. Sic sind so häufig jetzt in den Felder», daß ihrer etliche immer hereinkommen. Doch trinkt, tapferer Baron! Eure Gesundheit! Also daß die Schweden kämen und zwar von der Kleinscite, das machte der Narr bcu Colloredo glauben?" „Erst nicht; wir lachten ihn aus. Aber er versicherte nicht, bloß, daß er es bestimmt wisse, er zeigte sich nicht bloß der Gegend sehr kundig; er sagte auch, er habe zwei Jahre unter dem Wrangel gedient, er kenne die schwedische Art uns Kriegführung. Das verschaffte ihm bei dem Statthalter mehr Glauben. Ueberdem hatte er achthundert Stück Vieh zusammengebracht, die er zur Proviantierung eintreibcn wollte." „Ihr spaßt, Hartick. Wo sollte er es aufgetcicben ‘ haben? Wo hätte er's gelassen?" „Nun, er behauptete es, und daß er's im Walde versteckt hätte nebst seinen Leuten. Gelogen haben kann er nicht, da ihn heute, wie die Rede geht, der Statthalter zum Hauptmann der reisigen Juden gemacht hat." „Vielleicht, haha, macht Colloredo den Markus Spira noch zum Feldobcrsten und Gouverneur, der tschechische Adel und andere Christenmenschjen aber werden tanze» nach eines Juden Pfiff! Es muß traurig weit mit kaiserlicher Kriegsführung und mit Prags Hilfsmitteln gekommen sein, daß man zu solchen Hilfsmitteln greift. — Es ist alles eitel Narrheit, sage ich Euch! Der Friede ist nachgerade vor der Tür, Freund wie Feind sind eben lahm. — Machte der Königsmark, was ja möglich ist, eine Bewegung bis Buchau, so tut er es jedenfalls nur, um eine Vereinigung mit Pfalzgraf Karl Gustav zu belvirken und dadurch sowohl Deckung nach Böhmen, Bayern wie nach, Sachjan zu gewinnen. Was hülfe es ihm, an Prag Geld und Leute zu setzen, da er cs im Frieden doch wieder hcrausgeben muß?" „Natürlich! — Gesetzt aber auch, der Schwede hätte seine Absichten auf Prag und gegen die Kleinseite, wie Markus es behauptet, —' so hätte das doch keinen Sinn. Will er sich am hradschin zwecklos die Zähne ausbeißen?! So närrisch-ist Königsmarck nicht! Höchstens würde er Wrangels Beispiel folgen und von Osten Her der Alt- und Neustadt einen Besuch abstatten, wo die Ebene und die flacheren Werke eine bessere Beschießung zukasscn." Damit erhob sich Hartick gähnend in halbtrunkencr Lethargie. ,Mutc Nacht denn, Rittmeister. Morgen müßt Ihr mir Gcgenpart im Landsknecht bieten, damit ich sehe, ob nur die Karten wieder einbringcn, was die Würfel mich gekostet haben! Wann denkt Ihr, daß Eure Melneker Auslese cintreffen wird?" „Vielleicht in acht oder zehn Tagen. Mein Wort darauf, wir trinken im Melneker den baldigen Friedensschluß, darauf wette ich. hundert Dukaten!" „Gut, ich halte sie! Falls die Schiveden Euch den Wein vorher absangen, so sollen beim Frieden mich Eure Goldfüchse für den Verlust trösten!" Sie besiegelten durch Handschlag lachend die Wette, und Odowalsky begleitete Baron Hartick bis an die Schwelle des Hauses. Er überzeugte sich erst, daß sein etwas schwergeladcner Mast glücklich das Ende der Rebenanpflanzung, den anstoßenden Graben und Verhau erreicht hatte und hinter ihm die kleine Fallbrücke aufgezogen wurde, welche das Grundstück mit der Kleinseite verband. Hastig kehrte er dann zurück, verschloß inwendig sorgfältig das Haus und die Wohnstube ebenso, ergriff den brennenden Leuchter, schritt zu der Zimmerccke beim Schrank und öffnete daselbst eine Falltür, die in den Keller führte. Kaunr fiel der Schein der Kerzen in die finstere Oeffnung, als sich aus dieser eine Mannesgestalt erhob, oer eine zweite folgte. Beide Ankömmlinge sahen überaus bcttelhaft aus, waren aber kraftvolle Leute, die sich straff hielten. Die Miene Odowalskys war sehr ernst geworden, als er den Leuchter wieder auf den Tisch setzte. „Sie haben gehört, was Hartick sagte. Oberst," wendete er sich in einer fremden Mundart zu dem ersten, der am Tische auf des Barons Stuhl Platz nahm. ),Genug, um zu wissen, daß mir so gut wie verraten sind!" sagte jener scharf. „Der verfluchte Jude!" rief Odowalsky. „Ich werde mir den zweifachen Spion merke», und wenn wir nach Prag kommen, will ich Riemen aus denl Fell des Markus Spira schneiden! — Wie meint Ihr, daß die Sache aufzufassen und >vas zu tun ist, um dcmwch unsere Absicht mit Glück ins Werk zu setzen?" „Ich möchte nur wissen, Ivic er zu dem Vieh kam und wo er es gelassen haben kann?" warf der andere Fremde ein. „Schlauheit und Mut," entgegnete Odowalsky, „sind dem Juden eben nicht abzusprechen. Er hatte auch noch Helfershelfer bei sich, mit; denen er nach dem ersten Kriegsgeschrci im Frühjahr aus Prag schlich, von Ort zu Ort zog und den geängstigten Bauern ihr Vieh abschacherte. Seine Spießgesellen haben nmtmaßlich gesorgt, daß ihre vierbeinige Ware bald in Sicherheit kam; sie kann schon in Prag sein." (Fortsetzung folgt.) 9mBPikaniscbBF!ts-o Pincenez Grosse Aaswahl in amerik. und deutscher Optik. J. W. Albert, Ecke Nene lainzerstr. n. ffaissfrauenstr. II. Schlafzimmer-Einrichtungen Bettenfabrikation, Bett-Wäsche. Georg Amendt, Naclif. ßleidenstrasse 10.I Kunst und Literatur. Geschichte der Gründung der Israelit. Religio n s g es clls cha f t zu Straß bürg 'i. E. -iN Seite». Inhalt: Die Entstehung des Ez-Chajiin-Vercins. — Die Konstituierung der Israelit. Rcligionsgesellschast. —'Die Friedhofsfrage. — Die Weiterentwicklung dcr Israelit. Rcligionsgesellschast. __ Auch die Israelit. Religionsgesellschaft zu «trus? burg ist nur durch die Intoleranz und das autokratische, hochmütige Gehabe dcr Gemcindegewaltigen eutstandc». Man lese nur in Sachen der Friedhofsfrage den folge»- den Passus in einem Schreiben des Konsistoriums — de dato 30. April 186!) — an den Polizeipräsidenten: „Schließlich, beehren wir uns, Ew. Hochwohlgeboren gehorsamst anzustellen, daß, nachdem einige nnbefuglc Glaubensgenossen der hohen Kais. Regierung twrspiegeln. eine Differenz des Glaubens wäre vorhanden, und die gesetzlich eingeführte Autorität eines durch alle, Israeliten -gewählten Konsistoriums verkennen und der sogenannte Rabbiner Büttenwieser sich seiner Hochwürdc, Herrn Oberrabbiner nie vorgestellt, hätte Ew. Hochwohl geboren in Ansehung unserer Würde uns nicht zumute» können, eine gemeinsame Besprechung zu pflegen." Dü Lektüre dieses Büchleins sei daher vor allen Dinge» unseren.Gemcindeführern anempfohlen. Man ist ja heute viel konzilianter -geworden, hoch kann man aus dem Fehlern, die gemacht worden sind, noch manches lerne» Gesetz betreffend die israelit. Religionsgemeinschaft und Ki rchen v er s assnn g der israelit. Religionsgemeinschaft in Württemberg. Verlag der Hofbuchdruckerei Carl ßkii* ninger in Stuttgart. Preis 60 Pfg. und 5 Pfg. Porto. Das seit 1828 bestehende Jsraelitengesetz hat wegen der eigenartig geordneten Verhältnisse der israelit. Religionsgemeinschaft, die in Württemberg wie die evangelische und katholische Kirche einheitlich organisiert ist, von jeherein hervorragendes Interesse beansprucht. Die erste und. zweite von den bürgerlichen Verhältnissen und dem Schulwesen der Israeliten handelnde Abteilung die scs Gesetzes ist infolge der staatsbürgerlichen Gleich stellung der Israeliten mit den übrigen Staatsangehörige! längst aufgehoben, dagegen war die dritte Slbteilnndas Kirchcnwese» der Israeliten betreffend, noch '> Geltung geblieben. Diese als veraltet, und. in ei"

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