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Neue jüdische Presse · 1912-10-18 · Heft 41 (18.10.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 41 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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kette 4 an jedem Dienstag jeder Besuitzer der, Toynbec-Hallc nnentgEüH von sachverständiger Seite jede gewünschte, Auskunft erhält. IßiitlMm. EH «!or dev Toren Prags. Historische Erzählung von A. E. Brachvogel. (Fortsetzung.) Der Beschluß, der Juden und ihr kampfbereites Erscheinen hatten in der Alt- und Neustadt ebenso großes Aufsehen erregt als die hohe Kontribution, welche sie sich selbst auferlegt hattm, damit es an Schutz und Verteidigung nirgends gebreche. Zum ersten Male in der «eueren Geschichte vielleicht fiel für die Tage der Not und des Kummers die Schranke zwischen Juden und Christen, denn die werktätige Hilfe der elfteren war für die Bürgerschaft der Doppelstadt von außerordentlichem Belange, zumal Czernin wie Colloredo nicht nur in Markus einen furchtlosen Mann vor sich sahen, sondern auch, daß er im Kriegsgewerbe viel bewanderter sei, als sie gedacht hatten; nahm er doch sofort die Bewaffnung und Einteilung seiner Glaubensgenossen in Rotten und Fähnlein ganz kriegsmäßig vor. Es ist bekannt, daß m schwierigen Zeiten den Mut und die Zuversicht nichts mehr belebt, als ivenn man diejenigen ein Beispiel von Aufopferung geben sicht, welche bisher für feige und verächtlich 'gegolten hatten. So wirkte denn der Geist, welcher die Juden Prags entflammte, auf ihre christlichen Mitbürger wesentlich zurück und erweckte Ln ihnen den Stolz, diesen nichts nachzugeben. Auf die Kleinsefte und den Hradschin jenseits der Dtoldau, wohin wir uns nun begeben, war die Kunde der außerordentlichen Vorgänge dieses Tages bereits gedrungen, hatte aber die Wftkung lange nicht gchabt. wie in Mt- und Neustadt. Abgesehen davon, daß der bloße Bericht einer Tatsache in der Entfernung so überzeugend und lebendig nie wirft wie das unmittelbare Erleben der Tatsache selbst, so macht dasselbe Er-' eignis auf verschiedene Personen meist wesentlich anderen Eindruck. Hradschin und Kleinsefte waren, wie wir wissen, überwiegend adlige Stadtteile, und das. dazwischen lebende bürgerliche Element war nur die Klientel, welche von dem Mel lebte und für dessen Bedürfnisse da war. Noch heute, in unserem industriellen Jahrhundert, ist dieser Charafterzug nicht völlig verwischt. In Aft- und Neustadt aber war der Sitz von Handel, Gewerbe und ösfenttichem Leben. Als eine schlechtere Menschengattung angesehen, verachtet und bemißtraut waren natürlich die Juden überall, sie waren nachgerade dieser sozialen Mißstellung gewohnt geworden, aber in Ast- und Neustadt wurde diese ihre Stellung doch um vieles milder aufgefaßt. Erstlich stand ihnen das christliche Bürgertum näher, berührte sich täglich mit ihnen; der Jude wurde allerorten gebraucht, wo es Handel und Wandel, Zufuhr und Absatzquellen galt. Die christliche Theorie des Abscheus und der Verachtung machte sich in der Praxis also milder. Dazu kam, daß im vorhergehenden Jahre Alt- und Neustadt auf gräßliche Weise von den Schweden gelitten hatten, die Erinnerung ihrer unmenschlichen Grausamkellen noch in jedermanns Gedächtnis lebten, von denen die Juden nur durch ein großes Geldopfer befreit geblieben waren, das direkt in des christlich-schwedischen Geirerals Wrangels Tasche gefallen war, der nebenbei in üen Juden eben nur Juden, in oer christlichen Bürgerschaft Prags aber Katholiken und kaiserliche Untertanen sah, die zu schädigen ja zum polittschcn Programm gehörte. Bei der neu drohenden Gefahr mußte der ftciwillige Entschluß der Juden zu Opfern aller Art also höchste Freude und ein sympathisches Gefühl ehrlicher Gemeinsamkeit der Interessen zuwege bringen, und der dort wohnenoc Adel,' die Universität/ selbst die Sttstc und Klöster mußten eine Uneigennützigkeit gern sehen, welche jedenfalls die - Widerstandskraft beider zusammenhängender Städte erheblich erhöhte. Auf dem Hradschin unü der Kleinsefte jedoch crwecstc der Reckenmut der Juden einfach Gelächter oder Achselzucken. Dem bigott-stolzen Edelmann, ob Tschechen oder Deutschen, war der Jude nur ein Hund, den man tteten, ein Heide, den man verachten mußte, und den man Böhmens. Luft nur atmen ließ, well er eben als „Rcichskammerknccht" hohe Steuern zahlte und sein Beutel wie Witz gelegentlich hohen Herren zu Diensten standen. Letzteres notgedrungene Verhältnis schon war ein Schimpf, oer möglichst vermieden oder sehr verborgen wurde, zunml de« Prager Juden verboten war, außerhalb ihres Frankfurter NvaeliWhes FamNienblatk.;• Ghetto sich mausig. zu mache», man sie also in ihrem Bezirk aufsuchcn mußtewenn man ihrer bedurfte. Der Heldenmut so elender Menschen weckte ebensosehr den hochadligen Spott wie die — vermeintliche Feigheit der Alt- und Neustadt, die solche Kämpfer nicht verschmäht hatten. Man nahm auf Hradschin und Kleinseite das etwaige Anrückc» der Schweden Überbein viel Mhler, ungläubiger auf. Einmal, weil man deren Wut in ' vorigem Jahre weit weniger verspürt hatte als die beklagenswerte rechte Moldauscite, andcrnteils des großen natürlichen Schutzes wegen, dessen man sich erfreute. Unbezwingliche Festungswerke schlossen die Kleinseite zwischen Moldauufer und Hradschin völlig ein, und .es ließ sich wirklich nicht absehen, wie gerade ans dieser Sefte ein Angriff glücken könne. . Abgesehen von diesen alten Fortifikationen waren die Paläste der Großen aber wahre Burgen; jeder der edlen Herren hätte Mannschaften und Geschütze — seine Feldschlangen, Wall- und Donnerbüchsen —, mit denen er sein Haus verteidigen konnte, und diese Adelssitze, terrassenartig übereinander bis zu der befestigten Königsburg ansteigend. bildeten heute eine Reihe Werke, welche einander in der Verteidigung unterstützen konnten. Alles wirftc hier zusammen, es schwer glaublich, zu machen, daß die Schweden, falls sic auf Prag wirklich Absichten hatten, gerade dem westlichen Ufer der Moldau zuerst ihre Auflvartung machen würden. Markus Spira, als er, von seiner Bcrufsreise zurückkehrend- Graf Colloredo, den Statthalter, mit seinen adligen Genossen am Altstädtcr Brückcntor traf, hatte Andeutungen über Kundschafter und Verräter gemacht und War gegen den Vater wie Schämech mit der Eröffnung hervorgetreten, nur unter der Bedingung dävongekommen zu sein, daß er zweien schwedischen Kundschaftern in die Kleinstadt hinein und zu einen! Manne den Weg zeige, der' mit dem Feind in Verbindung stehe. Weitere Mitteilungen hatte Markus selbst diesen beiden ihm ' so nahestehenden Personen nicht gemacht, obwohl cs seine Pflicht eigentlich gewesen wäre, dem Statthalter von allem, was geschehen war, genaueste Anzeige zu machen, um das Unheil zu verhindern. Weshalb Markus schwieg, lag auf.der Hand. Er hatte sich, obwohl notgedrungen, an einer Verräterci Beteiligt und sie somit möglich gemacht, hatte zivei Schweden in die Stadt und zu dem Manne gebracht, welcher augenscheinlich der Veranstalter des feindlichen Anschlags .zu sein schien. Gestand er das dem Statthalter, so hing er unzweifelhaft als Verräter, und seine Familie und die Judengemeindc kamen um so mehr in Verdacht der Verbindung mit dem Feinde, als das Ghetto voriges Jahr von Plünderung verschont geblieben war, wenn auch gegen schweres Geld. Da der Mann aber, zu welchem Markus die beiden Schweden, hatte führen müssen, gar ein Herr von teschcchischcm Adel war, so hätte man dem Worte eines „schmutzigen Juden" ’ nicht geglaubt, Markus wäre obcncin noch als Verlcunider eines Mannes' von Geburt mit schweren Strafen belegt worden. Seinen Warnungen ernstlich zu glauben, waren die kaiserlichen Offiziere nicht geneigt, denn daß ein Jude in kriegerischen Dingen Urteil haben könne, siel ihnen nicht ein. Nur Colloredo, Zzernin und Kinsky waren geneigter, der Ansicht Markus' zu huldigen, und zwar weniger, weil sie auf seine Versicherungen etwas gaben, als deshalb, well es in der Natur der Sache lag daß, wenn die Schweden in Buchau, also ziemlich tief in dem Landstriche standen, dessen Grenzen die Eger, Elbe und Beraunka bildeten, sic zu einem Ueberfall Prag links den kürzesten Weg wählen würden, wo kein hemmendes Objekt zwischen ihnen und der Stadt lag. Daß er den Plan der Schweden verschweigen solle, bedrückte Markus' redliches Gewissen sehr, und dies, verbunden mit dem Bewußtsein, seine Liebe von Esther mit Haß, Hohn und Widerwillen vergolten zu e sehen, hatten den ersten Anstoß zu seinem Entschlüsse gegeben, sich den Verteidigern der Stadt zuzugesellen und seine Brüder für gleiches Tun zu begeistern. Der schroffe, zerklüftete, in mehrfachen Terrassen sich nach der Kleinseite abscnkende Bergrücken des Hradschin ruht auf einer gewellten, damals noch stark bewaldeten Hochebene, die seinen» Sockel bildet und nördlich bei den sogenannten Kaiscrmühlcn, östlich zu. dem Dorfe Bubna und südlich der Judenstadt gerade gegenüber nach der Moldau ziemlich steil abfällt. Diese Hochebene bildet gewissermaßen eine gebirgige Landzunge, um die der Fluß, von Süden kommend, in einem östlich-nordwestlichen Haken hcr»»i- ' ' Nr. 41 fließt. Der südliche Rand dieser Hochebene war überall von Wald eingenommen. Hier, hart am Flusse, befand sich eine kleine, einsame Kapelle. Westlich derselben, unterhalb der vorspringenden östlichen Endbastio» des Hradschin und unweit des leichten Pfahlwerks und, Grabens lag ein Weingarten, der dieses ganze Stttck Berglehne bis zu der Höhe des Plateaus cinnahmin ihm aber ein klei- ' nes ländliches, etwas desolates Gehöft, das ein höchst anspruchsloses Wohnhaus umschloß. Auf den Absätzen und Geländen des Rebenhügels wären hier und" da noch einige Häuschen verstreut, llcine Baracken von Fachwerk, mit Stroh gedeckt, die den Winzern und ihren Familien zum Obdach und zur Bewachung der Anpflanzungen dienten. Dieselben waren nicht gering und ihre günstige Lage nach Südosten, durch die bewaldete Höhe vor Nord- und Westwinden geschützt, machte es sehr glaublich, daß hier eine gute Rebe erzielt würde. Dies Besitztum gehörte dem ehemaligen kaiserlichen Rittmeister Odowalsky, unverheiratet und etwa achtundvierzig Jahre alt, einem Charafter, wie ihn nur jene schrcckensvollcn Zeiten zu erzeugen vermochten. Odowälsky war einer der Lieblinge und Vertranten Wallcnsteins gewesen, welcher, wie viele seinxr Art, sein Glück an den Stern des großen Friedländers geknüpft hatte. Wie der Leumund sagte, hatte er nicht bloß zu denen gehört, die in die ttefcn, ehrgeizigen Pläne des Generalissimus eingetvcihl gewesen waren, er sollte auch eine der Personen gewesen sein, welche vor . der Katastrophe zu Eger in Wallensteins Aufträge.mit den Schweden paftiert hatten. Obwohl die Verschwörung entdeckt und durch Ermordung des Friedländers unmöglich, seinen Mitverschworenen aber der Prozeß gemacht worden war, so konnte man doch Odowalsky nichts beweisen, als daß er seinem General tteuer gedient hatte wie seinem Kaiser. Er ward kassiert und unfähig erklärt, seiner zweifelhaften Gesinnung wegen im kaiserlichen Heere zu dienen. Er hatte sich hierauf nach Prag, seiner Geburtsstadt, zurückgezogen, besagte Besitzung gekauft und war ein Weinbauer geworden. Seine Stellung in der Gesellschaft berechtigte ihn zwar, mit dem Adel umzugehen, aber einerseits duldeten seine beschränkten Bermögensverhältnisse es nicht, auf gleich großen» Fuße wie jene zu leben, anderseits zog sich der größte Teil der Aristokratie von ihm als einem anrüchigen Menschen zurück. Der Adel von der kaiserlichen Partei, weil er ihn eben wirklich dessen schuldig hielt, was man von ihm argwöhnte, die Anhänger und Verwandten der herzoglich Wallensteinschcn Familie aber, um durch den Umgang mit ihm nicht noch größerem Verdachte zu unterliegen, als ohnehin geschah. (Fortsetzung folgt.) Gustav Schwarz 14 Cutleutstrasse 14 nächst dem Schauspielhaus. Kein Laden. Tel. 13479. [ Schlafzimmer-Hinrichtungen |Betten!abrikation, Bett-Wäsche. Georg Aniendt. Xaclif. Bleidenstrasse 10. Kunst und Literatur. Eine bemerkenswerte Statistik. .Die Prager „Selbstwchr" bringt die Schilderung eines Besuchs bei dem berühmten jüdischen Humoristen Schalem Aleichem, und in dieser Schilderung lesen wir folgendes: „Als ich ihm, der personifizierten Bejahung lebenskräftigen Judentums, von den Prognosen erzähle, die man unserer Zukunft stellt, spottet er über alles Assimilationsgefasel und gibt mir eine authentische Statistik der Auflagen jüdischer Bücher und .Zeitungen in Rußland und Amerika, nennt mir Zahlen, die gelegentlich an geeignetem Orte zu verwenden fein werden und die den verbissensten Assimilationstheoretiker zum Nachdenken und zur — Verzweiflung bringen müssen. Von Schalom Aleichem allein sind erschienen, bis 1912 fünfzehn Bände Gesammelte Werke, 100 kleine Erzählungen, 1912 weitere 3 große Bände «Wb ungefähr 30 kleinere. Wollt Ihr die Auflage wissen? 50 000 Exemplare der Gesammelten Werke, 200 000 der. kleinen Erzählungen. Wollt Ihr cs noch deutlicher und präziser? Ich habe die detaillierten Verlegerlisten mit eigenen Augen lesen dürfen und fand das uns selber fast unglaublich Düiikendc. Vom l. Juli 1912 bis I. September 1912 sind Neuauflagen gedruckt worden: 42 kleine Erzählungen in 87 000 Exemplaren nnd 10 große Bände in 13 000, also 100000 Exemplare in zwei Monaten! In demselben Tempo soll cs weiter gehen. Gar. nicht zu reden von hebräischen Ausgaben

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