Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 41 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 41 , feit der der Kolonisationsidee ergebenen Kreise, sowie der Ratschläge hervorragender jüdischer Juristen gelang es nach inehrmonatlichen Bemühungen, eine vorbildliche Organisationsform zu finden und-die B.-E.-G. „Kadimah" zu legalisiere». Die neue Boden-Erwerbs-Genossenschast soll mit der „Orient Colonising Company, Ltd." in einein engen Kooperations-Verhältnis verbleiben. Die Vorzüge der neuen Organisationsform bestehen darin, dag an Stelle loser Gruppen ein kommerzielles Institut tritt, das von den Behörden anerkannt und kontrolliert wird und dessen Mitglieder bindende finanzielle Verpflichtungen übernehmen. ' Da die Anteile ratenweise eingezahlt werden, können auch Minderbemittelte Boden erwerben. Gemeinsam mit der Boden- Erwerbs-Gesellschaft zu Bialhstok hat die A. I. K.-O. die Vorbereitungen zur Bildung einer K>r.louic in der Nähe einer Stadt auf den: jüdischen Ansiedlungsgebiet so weit gefördert, daß die Uebertragung des Bodens dem Abschlüsse nahe ist und die Uebersiedlnng der ersten Partie der Kolonisten bevorsteht. Die Mehrzahl der zur Besiedlung des Terrains ausersehenen Familien haben sich bereits in Rußland mit der Landwirtschaft befaßt. Auch an einer zweiten Kolonie, welche gleichzeitig auf der Sinaihalbinsel vorbereitet wird, wird die A. I. K.-O. beteiligt sein. Aus den vom Schatzmeister der A I. K.-O., Bankier Alois A. F. Marcus vorgelegten Rechnungsberichten ging hervor, daß die. Ausgaben der A. I. K.-O. im Jahre 1911 JL 16 335.39 betrugen, denen Einnahmen in gleicher Höhe gegenüberstehen. Die Bcrwaltungsspesen der „Orient Colonising Company, Ltd." sowie die Kosten der Vorbereitung des neuen Finanzinstituts sind in dieser Summe nicht mit einbegriffen. . Aus den Wahlen gingen die bisherigen Mitglieder des Vorstandes und des Zentralrates hervor, überdies ist Bernard Lilienfeld in den Vorstand gewählt. In den Aufsichtsrat der „Orient Colonising Company, Ltd." wurde Georg L a ch m a n n ncugewählt. Zu der Mtgliederversammlung waren von den auswärtigen Vorstandsmitgliedern Dr: Abraham Hirsch-Hälberstadt und Kommerzienrat George 'latj.Königsberg' eilt» getroffen. Mannheim, 10. Olt. In einer gestern bier unter Vorsitz des Herrn Hermann L ö b Stern abgehaltenen Versamnilung des Badischen Landcs-Komitees der Alliance Jsraelrte Universelle, zu der eine große Anzahl Komiteies teils persönlich, teils durch andere Komitees vertreten waren, wurde mit Einniütigkeit beschlossen, den status quo ante 1905, d. h. vor Gründung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, wiederherzustellen und ausschließlich und direkt mit dem Centralkomitee in Paris zu verkehren. Das bayerisch-pfälzische Komitee hat sich dcni vorgestrigen Beschluß des Badischen Landes-Komitees angeschlossen, sich vom Berliner Landes-Komitee losgcsagt und die Beiträge nach Paris abgeführt. Posen. Die 6234 Mitglieder zählende Vereinigung für das liberale Judeutum 'in Deutschland hielt hier letzten Sonntag ihre Generalversammlung ab. 131 Delegierte waren erschienen. Den Vorsitz führte Justizrat Breslauer-Berlin. — Rabb. Dr. Selig mann - Frankfurt hielt das Geueralrcferat über die von 65 deutschen Rabbinern Unterzeichneten „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum." . Es seien von den liberalen Rabbinern nur Richtlinien aufgestellt worden, um damit auszudrücken, daß diese nicht der vollendetste Ausdruck des liberalen Judentums sein sollen, sondern künftiger Verbesserungen bedürftig seien, da grade das Werden zum Weseii des Liberalismus gehört. ' Wir haben uns — führte der Referent des weiteren aus — unsere Religion nicht selbst geschaffen, sondern sind in sie hineingewachsen. Aber es' tritt der Moment ein, da sich das Ich, das Subjekt, losringt von der absoluten Tyrannei der Geschichte, — und die Religion ist durch Ueberlieferung, durch Geschichte entstanden. Während sich die Orthodoxie unter Preisgebung ihres subjektiven religiösen Verlangens der absoluten Autorität der Vergangenheit beugt, erkennt der Liberalismus dem Subjekttvismus der Zeit, auch des Einzelnen die Berechtigung innerhalb der Religion zu, er unterscheidet das Wesen von der Erscheinung. Es gilt heute einen Ausgleich zu schaffen zwischen Leben und Lehre, zwischen dem Leben der Mitglieder und der Lehre, die die Rabbiner vertreten. Wenn dieser Ausgleich zwischen den Möglichkeiten des Lebens und denen der Religion erzielt wird, dann wird die Religion eine Welt der segensreichen Fruchtbarkeit sein. — Das Spezialreferat hatte Rabb. Dr. B o g e l st e i u - Königsberg übernommen. Seine Ausführungen gipfelten iu folgenden Gedanken: Durch die Anwendung des Prinzips der Entlvickluug aus das Judentum, werde das Wesen, der Bestand und der Zusammenhang der jüdischen Religion mit der Vergangenheit nicht verändert, auch wenn sie äußerlich Veränderungen erleidet. Es gili nicht, eine neue Religion zu schassen; nicht einmal neue religiöse Erscheinungen sollen geschaffen werden! Das Judentum ist eine geschichtliche Religion und verlangt als solche eine geschichtliche Betrachtung, es fußt auf der Bibel, die ihm Gottes Wort, der Ausdruck der religiösen Offenbarung ist. Doch die gewaltigen Umwälzungen mif allen Gebieten mußten den Liberalismus zum Kampfe gegen manche Ausdrucksformen des religiösen Lebens treiben. Die Festigung und Vertretung religiös-liberaler Anschauungen ist die wichtigste Aufgabe für den.Bestand des Judentums. — Frankfurter Israelitisches FauMenblaÜ. Rabb. Dr. Freudenthal--Nürnberg gab weitere Erläuterungen der Richtlinien, und es wurde sodann in die Debatte eingetreten. Rabb. Dr. C o b l e n z - Bielefeld gab der Meinung Ausdruck, die Richtlinien könnten leicht als Gewissenszwang empfunden werden. — Rabb. Dr. Norden-Elberfeld äußerte die gleichen Bedenken. — Infolgedessen brachte Justizrat Dr. Blau- Frankfurt die folgende Resolution ein: „1. Die Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland begrüßt die auf Grund der Vorarbeiten der 15er Kommission von den liberalen Rabbinern aufgestellten Richtlinien als bedeutsame Tat und hervorragenden Fortschritt auf dem Gebiete des religiösen Liberalismus in Lehre und Leben. 2. Die Vereinigung erachtet die Richtlinien als geeignete Grundlage ihrer Arbeit in der Richtung liberaler Weiterentwicklung und wird hiernach ihre Tätigkeit kraftvoll entfalten. 3. Getreu den Grundsätzen des Liberalismus unterläßt die Vereinigung im Sinne der heute erstatteten Referate die Stellungnahme zu den das religiöse Leben des einzelnen betreffenden Forderungen der Richtlinien der gewissenhaften Ueberzeugung der Mitglieder." Diese Resolution wurde mit allen gegen zwei Stimmen angenommen. Der Generalversammlung schloß sich eine öffentliche Versammlung an. (I-.1 Posen. Der Zuschneider Wolf H-cht stand, da er beim Standesamt anläßlich der Geburt seines Kindes seinen Vornamen mit Wilhelm und den Vornamen seiner Frau Dorchen nnt Dorothea angegeben hatte, wegen intellektueller Urkundenfälschung vor Gericht. Nach Anhörung des Sachverständigen Rabb. Prof. Dr. Bloch kam das Gericht zu einer Freisprechung. Am 11. Oktober konnte die jüdische Gemeinde O st r o w o einen traurigen . 40jährigen Gedenktag begehen. Danials erloschen am Kolnidrei-Abend infolge zu geringen Gasdruckes die Lichter in der Synagoge, es entstand in der Frauenabteilnng eine Panik, und die schreckliche Folge waren 19 Tote. Kattowitz. Durch die Zeitungen gehen Notizen, nach welchen die jüdischen ausländischen Bergarbeiter von der preußischen Regierung äusgewiesen worden sind. Diese Notiz ist unrichtig. Türkei. Konstantinopel. Die Entführung eines jüd. Mädchens durch französische Klosterschwestern hat in der hiesigen Judenheit große Aufregung hervorgerufen. Die Entführung geschah in dem vornehmen Stadtviertel Heidar-Pascha. Die Schwestern wollten noch fünf weitere jüdische Mädchen dem gleichen Schicksal zuführen; doch gelang es, dieses Vorhaben noch zu verhindern. Alle Bemühungen, das Mädchen wieder heranszubekomnien, sind bisher vergeblich gewesen. Infolge des Vorfalls bildete sich ein jüdisches Komitee zur Boykottierung der Schwestern-Schulen im Stadtviertel Heidar-Pascha. Gleichzeitig mit den jüdischen habe» auch die mohammedanischen Eltern ihre Kinder aus den Schwestern-Schulen herausgenommen. Wie stark die jüdische Bevölkerung von dem Fall aufgerüttelt worden ist, beweist die Tatsache, daß in der Synagoge von Heidar- Pascha beim Aufrufen zur Thora ca. 10 000 Fr. für die jüdische Gemeindeschule gespendet worden sind, damit diese ansgebant werde. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Der Präsident der Berliner Handelskammer, der fast 90 jährige Geheime Kommerzienrat Wilhelm Herz, konnte mit seiner Gemahlin, einer geborenen Marckwald, am 10. Oktober das Fest der diamantenen Hochzeit feiern. Aus der Ehe des Geheimrats Herz sind 6 Kinder, 2 Töchter und 4 Söhne, hervorgegangen, von denen 5 verheiratet sind und ihre Eltern mit 8 Enkelkindern und 2 Urenkeln beschenkt haben. Ein noch unverheirateter Sohn lebt als Maler in Paris, der jüngste Sohn ist in der Industrie in London tätig. Die beiden anderen Söhne sind Sozii der Firma S. Herz in Berlin. Eine der Töchter ist in Brüssel mit dem Direktor der dortigen Union des Tramways verheiratet, und die 2. Tochter ist die Gemahlin des Chefs der Berliner Bankfirma E. I. Meyer, Geheimrats Ernst B. Meyer. Berlin, Am 15. ds. Mts. wurde die jüdische Toynbeehalle der Berliner Logen 11. O. B. B. (Gypsstr. 12a) wieder eröffnet. Kommerzienrat Josef Schloßmann erhielt den Charakter als GeheimerKommerzienrat. Hamburg. Dr. N. M. Nathan. Generalsekretär der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, ist in sein Amt als Syndikus der hiesigen Deutsch- Israelit. Gemeinde eingeführt worden. Bremen. Dr. Jochelmann, Vizepräsident der Jto und Leiter deren Auswanderungsabteilung in Rußland, ist von hier aus nach Amerika gefahren, um dort Emigrations- und Kolonisationsfragcn zu studieren. Seidelberg, 14. Oktober. Gestern wurde Fabrikant A. SamuelWolf in den Synagogen rat gewählt. Der Gewählte gehört der konservativen Richtung an. Bromverg. Justizrat B ä r w a l d ist für den verstorbenen Peltasohn in den preußischen Landtag gewählt worden, Stratzburg i. 8ls. Gerichtsvollzieher Kahn wurde mit dem Berdienstkreuz in Gold ausgezeichnet, Seile 3 (si ) Pose». In Stenschewo verschied — 98 Jahre alt — Frau Panline Warschauer, in Miloslaw — 88 Jahre alt — der Rentier Hermann Kaphan und in Bromberg — 90 Jahre alt — der Rentier S. Pulver macher. Aussig (Oesterri Kommerzienrat Eduard I. Weinm a n n hat anläßlich seines 60. Geburtstages 300 OÜO Kronen für gemeinnützige, Zwecke gespendet, darunter 50000 Kr. der israelit. Kultusgemeinde. Prag. Der im 79. Lebensjahr verstorbene Dr. med. Salomon Bondy hat sein Vermögen im- Betrage von einer Million Kronen der israelitischen Knltusgemeinde für wohltätige Zwecke vermacht. Czeruowitz Nachfolger des Sadagorer Nebbe ist dessen 16 jähriger Sohn Motte! Friedmann geworden. Czernowitz (Bukowina). Leo Birinski der Autor der überall mit Erfolg aufgcführtcn jkomödie „Narrentanz", heißt mit richtigem Namen Leo Gottesmann. Er wurde in Storozynetz geboren, besuchte die Mittelschule und trat dann in den Buchhandel ein. Aus der zionistischen Bewegung. München. Am 29. September trat der Gesamtvorstand des zioni st is che n Gruppenverband sBay er ns in Regensburg, in Anwesenheit von Regensburger Gesinnungsgenossen, zu einer Sitzung zusammen. In eingehender Besprechung wurde ein weiterer Ausbau der Organisation behandelt. An Stelle des von Nürnberg verzogenen bisherigen Vorsitzenden, Rechtsanwalts Dr. Münz, wurde Rechts am- Walt Max Stern in Nürnberg gewählt. Einer Angregung aus der Versammlung entsprechend wird eine Sammlung für Jemenitenhäuser iu die Wege geleitet. Der bayr. Gruppenverband 'soll int nächsten Januar in Nürnberg tagen. Ans der Lehrerwelt. Berlin. Die Wahl des Oberlehrers Prof. Dr. Robert Burg (Friedenau) au der Auguste-Viktoria-Schule in Charlottenburg zum Direktor des in der Entwicklung begriffenen Iv. städtischen Lyzeums in Charlottenburg wurde bestätigt. Heinebach. Nach 40jähriger Dienstzeit, dieer bis auf wenige Wochen in unserer Gemeinde verbracht hat, ist Lehrer Aron Speier in den Ruhestand getreten. Aus diesem Anlaß wurde ihm eine Abschiedsfeier veranstaltet, bei welcher Landrat v. Aschvss aus Melsungen den H ohen zolle rnschen Hausorden überreichte. Kreisschulinsvektor Schmitt- Spangenberg, Orts-' schulinspektor Pfarrer R e inh a rd t-Heinebach und Gemeindeältester B. K a tz sprachen dem' Lehrerveteran, iu herzlichen Worten ihren Dank für die stets bewiesene Pflichterfüllung aus. Kirchhaiu. Aus Anlaß seines UebertrittS in den Ruhestand wurde Lehrer V. Bachenheimer der Adler der Inhaber des König!. Hanso r d e n s von H o h e n z o l l e r n verliehen und von Landrat v. Gilsa feierlichst überreicht. Die Gemeinde ließ durch Gemeindcältesten D. Strauß eine goldene Uhr mit Kette übergeben und veranstaltete eine Abschiedsseier. Merzhansen. Lehrer M. R a p p dahicr wmde von der Gemeinde K i r ch h a i n gewählt und von der Regierung bestätigt- Herr R.» der hier 21 Jahre gewirtt hat, erfreute sich nicht allein bei den Gliedern seiner Gemeinde» sondern auch bei der übrigen Bevölkerung großer Beliebtheit, weshalb sein scheiden allgemein bedauert wird.' Quedlinburg. Lebrer I Goldschmidt beging am 6. Oktober unter Beteiligung der gesamten Gemeinde sein 25jähriges Llmtsjubiläum. Lijsa t» Posen. Die Nachricht, daß Rabb. Dr. Baßfreund-Pinne und Rabb. Dr. Weyl-Czarnikau zu Probepredigten nach hier berufen seien, ist eine irrtümliche. Beide Herren reflektieren infolge ihres orthodoxen Standpunktes nicht auf das hiesige Rabbinat. Aus Leu Bereiue». Breslau. JüdischesBolksheimlTohnbee-Halle> Reuschestraße 5l, Niepoldshof. Am 6. .Oktober wurde das jüdische Volksheim von neuem in feierlicher Weise eröffnet. Rabbiner Prof. Dr. G u t t m a n n sprach von den Forderungen des Lebens und deren Beziehung zur Religion. Sich des Lebens freue» im Angesicht Gottes sei jüdische Auffassung im Gegensatz -zu andern Bekennt» nissen, die das,..Leben lsienicdon als ein Jammertal bezeichnen. Die Unterhaltung und Belehrung, die von der Toynbeehalle ausgeht, wirke veredelnd und ersitt-- lichend. Mit Dankesworten an die Vorstandsmitglieder für deren Opferwilligkeit und Arbettsfreudigkest schloß Redner seine mit Begeisterung aufgenommene Ansprache. Oberkantor C e r i n i erfreute die Zuhörerschaft durch mehrere Liedervorträge, die in bekannter Meisterschaft vorgetragen ivurden und das Auditorium zu stürmischem Applaus hinrifsen. Dr. 3 ch lest» g e r wies sodann auf die neuen Aufgaben hin, die sich das Bolksheim gestellt hat nnd die zunächst bestehen in der Einrichtung von Frauen - abenden, welche am Montag und Donnerstag mit den Leseabcndcn zusammenfallcm, an denen Frauen und Mädchen in für sie reservierten Räumen unter fachkundiger Leitung sich zu angemessener Beschäftigung und Erholung zusammenfinden werden. Ferner werde eine Rechts- und Wohlsahrtsauskmists stelle eingerichtet, sn der