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Neue jüdische Presse · 1912-10-18 · Heft 41 (18.10.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 41 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ereae L. bioit Hem er selbst gugi&t, daß er es verstehen könne, Venn man Line ZÄe von ihm verstehen.wird; Mer diese UnAarheit liege nun einmal im Wesen dK Pwblems. Es folgt ein schöner Artikel hon S. Schiller Wer das „Wesen des Judentums", auf den einzugehen Wer hier zu weit führen würde. Ludwig Stein Veweist sodann,.daß wir noch Juden sein dürfen und können, weil — nun weil Nr jüdifö^ .Monotheismus noch nicht überwunden fei. Ludwig Geiger konstatiert, daß die Assimilation nicht erst durch Taufe und Mischehe erfolge, sondern bereits da sei, worüber er ganz glücklich ist; er definiert in tiefsinniger Weise das Wesen he§ Judentums aß Wahrheit und predigt ein wenig Union. Und die Serie schließt mit einigen kurzen Worten Max Nor da ns, der sein altes Wort wiederholt: -Das Judentum wird zionistisch sein oder wird nicht sein. * Ueberblickt man die ganze Serie und fragt sich nach dem hervorstechenden Zug all dieser Auffätze, so wird man eins leicht erkennen: was all diese Auffätze fast ausnahmslos beherrscht, ist ein extremer Rationalismus. Rationalistisch ist schon die ganze Fragestellung: die Zukunst des Judentums. Schon darin äußert sich die unheilvollste Konsequenz dieser rationalistischen Betrachtungsweise: diese Bevorzugung des Judentums vor den Juden, diese Höherstellung des Abstrakten Wer das Konkrete. Wir alle gedärken noch des Buches Von Sombart mit dem ähnlich lautenden Titel. Am Unterschiede dieser zwei Titel kann man die ganze Differenz Von gesundem europäischem Denken und ungesundem Mischem Denken, wie es uns das Ghetto anerzogen hat, wahrneh- 1 men. Der europäische! Dercker, wenn er über unsere Zukunft sinnt, denkt zuerst an das Konkrete!, an das jüdische Volk, und schreibt ein.Buch : Die Zukunft der Juden. Der Heatid aber denkt zuerst an das Abstrakte, Geistige, uitb' veranlaßt eine Rundfrage über die Zukunft des Judentums. . Und derselbe ungesunde Rationalismus, der sich schon in der Fragestellung kundtut, zeigt sich auch in fast allen Antworten. Was ist Judentum? 'fragt jeder und' gibt zur Antwort: die Idee oder jene Idee, Mer immer eine Idee, und' niemand fällt es ein, zu sagen: Judentum ist mehr als nur logische Idee, JudeUyeit ist auchj Intuitives, Gefühlsmäßiges. Judentum ist Mit einem Worte die angeborene Veranlagung der Juden. Wovon hängt die Zukunft des Judentums ab? fragt sich jeder und antwortet: Bon dieser geistigen Entwicklung oder von jener. Das Judentum ist ewig, weil es Idee ist, sagt Frischmann; das Judentum hat noch der Well etwas zu sagen, darum wird cs bestehen bleiben, sagt Bar-Tobias. Das Judentum ist Ethik, ist Sittlichkeit, darum wird' es forkbesteh'en, sagt Sokolow; der jüdische Monotheismus hat sich, »och nicht überlebt, darum wird das Judentum nicht untergchen, sagt Ludwig Stein; und niemand kommt auf die Idee, zu sagen: Das Judentum wird solange bestehen, aß es Juden gibt. Wollen wir das Judentum erhalten, so müssen wir die Juden erhallen. Das Judentum, wird Men in all diesen Betrachtungen vom fiidffchen Volk fast losgelöst, es ethält eine gesonderte Existenz, die von derjenigen des jüdischen Volles fast völlig unab- Wngig ist. Und seltsam: So sehr sonst Nationalisten wie Bar-Tobias und Sowlow von einem Wann wie Ludwig Stein sich unterscheiden, in dieser rationalistischen Betrachjdmgsweise finden sie sich. Und dies deutet auf die große Gefahr dieses Rationalismus hin. Dieser Rationalismus, der der geistige Vater des westeuropäischen Assimilationsjudentums ist, führt, konsequent zu Ende geführt, zur Entnationalisierung des Judentums. UW nicht nur geigt uns diese Sammlung das Produkt dieser rationalistischen Auffassungsart in Ludwig Stein, sie zeigt uns auch die allmähliche Entwicklung zur Assimilation in Neumark und Dr. Kaminka. Kaum ist das Judentum in der Tat nur Idee, eine selbstständige, für sich existierende Idee, Ne ebenso durch sich selbst besteht wie mathematische Lehrsätze, was kommt es da schließlich auf die l^istenz der Juden aß Nation im eigenen Lande an? Kaum hängt die Existenz des Judentums' nicht von der des Mischen Volkes M, mrd kaum ruht has Schwergewicht in der Betrachtungsweffe Men auf dieses Judentum, wMche andere Bedeutung kann da das jüdische Volk gfcwdföxfer JfraEKstheS ggtmtßtenMatf. noch haben, als einzig Träger, Propagator des Judentums, sein? Und damit sind wir bei der Mission und damit bei der ideellen Fundierung des Affimilationsjudentums angelangt. Und so gibt uns das Ganze eine sehr wichtige Lehre: Diese rationalistische Betrachf tungsweise ist der natürliche Nährboden des entnativnalifierten Judentums, ist der Tvtfeind der jüdisch-nationalen Idee. Darum beruht auch die .größte historische Bedeutung Theodor Herzls, des Ueberwinders des Affimilationsjudentums, in nichts anderem als in der revolutionären Neusundieruug des jüdischen Denkens, indem er lehrte, vor dem Wstrakten das. Konkrete, vor dem Judentum den Juden zu betrachten, und der ein für alle Mal erklärte: Ohne ein jüdisches Volk keine jüdische Kultur, ohne Judenland kein Judentum. Und wenn man darum die größten Mängel dieser Aufsätze in einem Worte zusammenfassen will, so muß man sagen: Sie sind so geschrieben, als ob Herzl noch nicht gelebt hätte. Acht Jahre sind bereits nach, Herzls Tode dahin, und sie scheinen noch überhaupt nicht W wissen, daß Herzl gelebt hat. Dies ist eine wichtige Erkenntnis. Sie zeigt, daß noch sehr viel zu tun ist, bis Herzl wirklich zu unserem Gemeingut geworden sein wird. Große Männer erschöpft man eben nicht so rasch. All die einzelnen Ideen Herzls hMen wir wohl begriffen; die größte Idee seines LM'ens, die UMerwindung unseres extrenien Rationalismus, haben wir noch nicht erfaßt. Und je mehr man das erkennt, umso zwingender wird die Notwendigkeit, sich an Herzl zu klammern. Er ist der einzige, der uns den Weg führen kann zur Zukunft des jüdischen Volkes und dämit zur Zukunft des Judentums. <l«s de« Ereignissen des TageS. W« neues Stadium im Kampf innerhalb der Alliance. Zwei Jahre find nun bereits dahin, seitdem, veranlaßt durch die bekannte Reinach-Asfäre, der innere Zwist in der Alliance ausgebrochen ist, an dessen anfänglicher Entwicklung wir den lebhaftesten Anteil genommen haben. In letzter Zeit jedoch haben wir die Entwicklung der Zwistes nur mit geringerem Interesse verfolgt, weil der Streit nach der Abschaffung der Wahlen sich in kleinliche Zwistigkeiten zu verlieren schien und besonders die Uneinigkeiten und Spaltungen innerhalb der deutschen Alliancemitglieder kein bedeutsames Resultat erwarten ließen. Wenn wir es nun jetzt jMoch für geboten halten, wieder einmal auf die Angelegenheit zurückzukomincn, so geschieht es, weil die Sache .in ein neues Stadium getreten zu sein scheint. Bekanntlich war es bereits vor einigen Monaten gelungen, zwffchen den ' zwei gegnerischen Richtungen innerhalb der deutschen Mliancemllglieder eine Einigung anzubahnen und eine aus Vertretern beider Gruppen gebildete Friedenskom- .Mission einzusetzen. Dieselbe hat nun in häufigen und langen Sitzungen ein neues Statut für eine in Deutschland an Stelle der D. K. G. zu bildende Landesorganisation der Alliance ausgearbeitet und es durch ihren Vorsitzende, Landtagsabgeordneten* Wolfs-Lissa, dem Zentralkomitee in Paris übersandt. Dieses jMoch, nicht gewillt, von seinen autokrativen und rücksichtslosen Allüren irgendwie abzugehen, fand es für geraten, nicht einmal in eine nähere Beratung der Friedensvorschläge einzugehen, sondern sie ohne weiteres Mzulehnen. Diese brüske Zurückweisung hat nun ein Gutes bewirkt: sie hat der Uneinigkeit .innerhalb der deutschen Mitglieder ein Ende gemacht. Das Frankfurter Lokalkomitee, das bisher nicht auf der Seite der Berliner stand, richtete ein energisches Schreiben an das Zentralkomitee, worin es' ihm dringend riet, die FriMensvo rschlä g e zu chheptieren, andernfalls es sich von ihm lossagen werde. Dies ist nun geschehen, ^und so HMen wir das seltene und erfreuliche Bild, wie endlich einmal enden deutsche nAlliancekr ei senEinmütigkeit herrscht gegenüber den Anmaßungen der Pariser. In Berlin hat auch vorige Woche — wie wir bereits berichtet haben — eine Generalversammlung der Berliner Alliancemitglieder stattgefunden, die vvn bedeutenden Nr. 41 äl -!.S Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Sonntag und Montag fanden hin Sitzungen des provisorischen Komitees der Agudaß Jisroel statt. Die Verhandlungen waren nicht öffentlich. Wie wir hören, wurden die Beschlüsse einstimmig gefaßt. . Berlin. Am io. Onover fand hier die jährliche Mitgliederversammlung der „A. & K.-O." statt. Ihr war am 30. September die Generalver s a m m l u n g der Aktionäre des Finanzinstitutes der A, I. K.-O^, der „Orient Colonising Company, Ltd.", vorangegangen. In beiden Versammlungen führte Konnnerzienrat und Handelsrichter G e r s o n aimon den Vorsitz, während Dr. Alfred Nossig den Jahresbericht erstattete. Wie aus den Berichten hervorgeht, hat die A. I. K.-O. im letzten Jahr ihr Aktienkapital und ihre Mit gliederbeiträge beinahe verdoppelt. Ihre Propaganda tätigkeit, die früher Deutschland und England getoi&mcij war, erstreckte sich in diesem Jahr auf zwei - weitere Länder, Oesterreich und Rußland. In Oesterreich bildete Wien naturgemäß den Ausgangspunkt. Dank der! Unterstützung der führenden Persönlichkeiten der Repräsentanz der Knltusgemeinde, des „Jüdische» Kolonisationsvereins" sowie der U. O. B. B.-Logen vermochten die Vertreter der A. I. K.-O. bei planmäßiger Arbeit die jüdischen Finanzkreise Wiens für das jüdische Kolonisationswerk lebhafter zu interessiere», als dies je früher gelungen war. Unter dem Vorsitze des k. k. Hoflieferanten Heinrich Mendl bildete sich ein vorbereitendes Komi tee, welches für ein neues, von der A. I. K.-O. voi bereitetes Institut eine erfolgreiche Subskription eröffnet die dann auch in Lemberg fortgesetzt wurde. Ebenj! sind in Prag die Vorbereitungen für eine Subskriptio getroffen worden. Die österreichische Propaganda ruh' hauptsächlich in Händen des Herrn Ern st Löwe über In den öffentlichen Versammlungen, welche in Wie Prag und Lemberg veranstaltet wurden, fanden die Bq strebungen der A. I. K.-O. die wärmste Aufnahme sei! tens der maßgebenden Kreise der jüdischen Gemeinden! Bon besonderer Bedeutung für die weitere Entwicklunz und die praktische 'Tätigkeit der A. I. K.-O. waren &it Ergebnisse ihrer Bemühungen in Rußland. Auf Grund vorangegangener Besprechungen mit hervorragenden Vertretern der jüdischen Finanzkreise Rußlands begaben sich im März 1912 Dr. Isidor Ginsberg, Komm.-Rat Gerson Simon und Dr. Alfred Nossig nach Petersburg, wo zur Unterstützung der Zwecke der A. I. K.-O. zwei Komitees ins Leben gerufen wurden Während eine Gruppe von Finanziers für das neue! Institut unter gewissen Bedingungen eine namhafte Beteiligung znsagte, eröfsnete ein anderer Kreis Zeichnungen für die Orient Colonising Company, Ltd." sowie {üj den Betriebs- und Kolonisationsfonds der A. I. K-O wo Andere Ziele verfolgte die A. I. K.-O. in Moskau! hauptsächlich der Generalsekretär Dr. S. R a w t‘l kowitsch tätig war Hier wurde die Gründung einerl Boden-Erwerbs-Genossenschaft auf einer! neuen, festen Basis angestrebt. Dank der eifrigen Tätig' Persönlichkeitenderjüdischen Gemeinde besucht wa und einstimmig eine gegen Paris gerichtete Resolution annahm. Natürlich gibt es auch! jetzt noch einige Outsiders, die durch Dick und Dünn mit Paris gehen, aber diese vereinzelten Parteigänge, des Zentralkomitees kommen rkicht mehr in Be tracht. Nachdem einmal Frankfurt sich mit Berlii geeinigt hat, hat man das Recht, von der Ein mütigkeit der deutschen .Alliancemitglieder im Kamps gegen Paris zu sprechen. Es ist nun anzunehmen, daß die Pariser jetzt doch nachgMen werden.- Solange die deutschen Mit- " glieder unter sich uneinig waren, konnte Paris triumphierend den lächelnden Dritten spielen. Jetzt, da selbst seine hervorragendsten Anhänger es verlassen haben, wird ihm wohl nichts übrig bleiben, als die Friedensvorschläge ~ zu akzeptieren. Sicher ist es natürlich njcht. Denkbar wäre es schon, daß die Pariser auf ihrem Standpunkt verharren und in ihrer rücksichtslosen Behandlungsweise fortfahren. In diesem Falle jedoch sind die Führer der deutschen Mitglieder entschlossen, gegen Paris eine deutsche Landesorganisation zu gründen und im Sinne und Geiste der Alliance .gegen den Willen eines Zentralkomitees, das nichts mehr v!on diesem Geiste an sich hat, selbständig weiterzuarbeiten. Welches auch der Ausgang sei, die erfreuliche Tatsache der erfolgten Einigung innerhalb der deutschen Alliancemitgliedeir ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen, und diese Tatsache wiegt mehr als alle Beschlüsse Nr Pariser. Hoffen wir nur, daß das Frankfurter Lokalkomitee seinen Standpunkt mit Energie weiter vertritt und sich, so sein Verdienst, daß es sich durch die Absage an Paris erworben hat, noch mehre. Denn blecken die deutschen Mit glieder geschlossen und geben nicht nach, so ist ih endgültiger Sieg — mag Paris was' auch immer bc schließen — sicher. h 1!!- g 9 ti , d I'i « U ti

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