Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 41 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BonBen-Koheleth. lieber die „Zukunft des Judentums". Üeberblickt man. die heutige jüdisch« Presse im allgemeinen, die hebräische im besonderen, so wird man finden, daß es ihr vor allem an einem mangelt: an ernsten wissenschaftlich, gehaltenen Zeitschriften, die, parteilos und objektiv, Raum und Möglichkeit bieten würden, die Probleme des Judentums vorurteilslos zu behandeln. und in denen jeder, der da etwas zu sagen hat, zu Worte kommen könnte, unbeschadet darum, ob seine Gedanken dieser oder jener Partei nicht sonderlich munden werden. Von unseren jüdischen Zeitschriften steht heute fast ausnahmslos eine jede auf einem bestimmten Parteiboden und kann daher schon darum keine Tribüne für alle sein; und die sogenannten „unparteiischen" Zeitungen wollen es bekanntlich mit allen gut halten und kommen so noch weniger in Betracht. Besonders empfindlich ist dieser Mangel in der hebräischen Literatur; denn die jüdische Presse deutscher Sprache hat ja schließlich alles in allem nur temporelle Bedeutung, und so macht sich das ausschließlich« Vorherrschen aktueller Probleme in ihren Spalten nicht so bemerkbar; die hebräische Literatur jedoch, die doch die bleibende jüdische Kultur der Zukunft zu schaffen berufen ist, müßte m solchen objektiven Organen reicher sein; der eine I„Haschiloach" kann doch schließlich! nicht ausreichen. Der Wunsch, ein solches Organ zu schaffen, war >s wohl gewesen, der vor zwei Jahren den Verlag „Sinai" in Berlin veranlaßt hat, den „Heatid" pi begründen, eine Zeitschrift „zur Erörterung der Angelegenheiten des Judentums und der Juden". [Sie ersten drei Bände sind bereits seit längerer Zeit erschienen und bieten viel Wertvolles und.Gelegenes neben manchem Anfechtbaren. Mer man mag ja an vielem des dort Gesagten viel auszusetzen haben, eins wird man nicht verkennen können: den Ernst und das ehrliche Wollen der einzelnen Mitarbeiter in der Behandlung ihrer Probleme und das Bestreben der Redaktion, möglichst objektiv und vorurteilslos zju. sein. Nunmehr ist der vierte Band*) erschienen, und dieser bringt uns eine besondere Gabe: eineSammlung von Aufs ätzen von bedeutenden jüd. Denkern über das Wesen und vor allem die Zukunft des Judentums. Diese Sammlung soll nicht das sein, was man sonst eine Enquete nennt. Dazü fehlt ihr das Aeußerliche, Oberflächliche, Sensationelle, das der Enquere anhaftet, in der es ja vor allem auf den Namen und den Ruhm der einzelnen Autoren ankommt und nicht auf ihr inneres Verhältnis zu den ihnen gestellten Fragen. Darauf aber kommt es hier an. Jeder einzelne, der in dieser Sammlung vertreten ist, hat ein inneres, seelisches Verhältnis zur Frage nach der Zukunft des Judentums; die Ideen, die er da entwickelt, sind ihm heiligstes Gut. Darum haben sie Me große Bedeutung und ihren Wert. Sie bieten ein Spiegelbild von den Hoffnungen und. Wünschen, don den Ideen und Standpunkten, mit denen sich das heutige Judentum zu der wichtigsten aller jüdischen Fragen der Gegenwart stellt: zur Frage nach!der Zukunft des Judentums. *) Heatid, Berlin. 1912. Vierter Band. 240 S. Preis * Jk Verlag „Sinai" (S. Hurwitz, Berlin IV., Kurfürstendllmm 56). In diesem Sinne muß man diese Artikel 'lesen; in diesem Sinne habe ich sie gelesen, ein- und zweimal. Und ich muß gestehen: ach war nicht nur enttäuscht) ich war deprimiert, ich war teilweise entsetzt. Bei solchen Dingen, die unser Innerstes berühren, kommt es ja nicht so sehr auf den Inhalt, wie auf den Ton an, nicht so sehr auf die logischen Ideen, wie auf die Stimmung. Und wenn ich nun von all diesen Aufsätzen die zähle, die wenigstens einigermaßen jene Stimmung atmen, ohne die eine gesunde Zukunft unmögsich ist, die Stimmung frohester Zuversicht, heißesten Sehnens, stolzester Entschlossenheit und mutigster Kampfeslust, dann erhalte, ich vielleicht drei, vier, bestenfalls fünf Aufsätze, die übrigen aber sind im Tone entweder einer völligen Verzweiflung oder aber eines greisenhaften, kraftlosen Stolzes auf die Leistungen der Vergangenheit und einer unmotivierten Zuversicht aus die Ewigkeit des Judentums geschrieben. Die Sammlung eröffnet Berdytschewski, jener tiefe Denker und zarte Dichter, dessen seltene Natur, diedurch und durch Reinheit und Keuschheit, Aufrichtigkeit und Wahrheit ist, noch' lange nicht genügend geschätzt und verehrt wird. Er hofft nichts mehr, lieberall sieht er nur Fäulnis, Lüge, konventionelle Phrase; nirgends Mut und Wahrheit; unsere alte große Welt ist untergegangen und innerhalb der modernen Kultur nicht wieder zu errichten. Man merkt es seinen Worten an, wie jedes einzelne ihn schmerzt und quält, wie er hoffen und glauben möchte, aber er kann nicht- Mit seinem Standpunkt läßt sich nicht streiten; er 'ist G!efühlssach«. Man mag ihn ablehnen und muß ihn ablehnen, mag in jhm sogar eine Gefahr erblicken; jenen Respekt jedoch, den man vor allem Wahren, tief Seelischen empfindet, wird man vor ihm haben müssen. Es ist der Standpunkt eines Outsiders, der als .einzelne Individualität interessant und verehrungswürdig ist, als Typus jedoch von der unsäglichsten Gefahr wäre. Es folgt: Ben Jehudah mit seiner bekannten Ablehnung des religiösen Judentums und seiner Zuversicht aus eine Zukunft des Judentums in Palästina; Martin Bub er mit seiner Anschauung, daß eine neue jüdische Kultur nur durch eine Erneuerung unseres religiösen Lebens geschaffen werden könne; Nathan Birnbaum (MatthiasAcher) mit einer meist in leeren Redensarten sich ergehenden Abhandlung, in der er erklärt, daß alle Verfolgungen und Leiden dem Bestände des Judentums nicht gefährlich werden können, weil, nun weil er trotz .alledem an seine Zusimst glaubt, und wenn Matthias Acher nur glaubt — so muß die Schlußfolgerung sein —, ist das Judentum schon gerettet; als Zugabe dient eine seiner bekannten Verdäm- ' mungen der jüdffchen Intelligenz und.eine seiner noch - bekannteren Verherrlichungen des Jargon. Auf diesen konfusen Erguß eines unklaren Idealisten folgt eine durch ihre Klarheit gewinnende Mhandlung von Bar-Tobias (Dr. Fränkel), in der er zeigt, daß das Judentum durch keine der drei großen Weltanschauungen, die ihm entsprungen sind: Christentum, Spinozismus und Marxismus abgelöst werden könne, vielmehr noch selbst der Welt viel Neues zu sagen habe und daher um seinen Bestand'kämpfen müsse. Sein Bestand sei jedoch nur gesichert durch eine Konzentration in Palästina. Dubnow, der bekannte jüdische Denker, glaubt das Gesetz der Erhaltung Israels im Mtonomismus zu erblicken, das heißt in der geistigen Selbständigkeit des jüdischen Volkes innerhalb ftemder Kulturen, und so fordert er denn auch für die Zukunft nicht Rückkehr nach Palästina, sondern geistige und kulturelle Autonomie der Juden in den Ländern, in denen sie wohnen. Horodetzky glaubt eine Veräußerlichung der jüdffchen Religion im Goluth konstatieren zu können und fordert daher eine Wiederherstellung des prophetischssn Judentums durch eine innere seelische Reformation, die aber nur in Palästina möglich sei. Sokolow meint, die Existenz des jüdischen Volkes in der Vergangenheit sei wunderbarer als die in der Zukunft. Die äußeren wie die inneren Gefahren seien heute geringer als früher. Das Judentum habe sich nicht überlebt. Es kann und muß erhalten bleiben, man brauche nur daran zn arbeiten. Was ich da bisher kurz wiedergegeben habe, sind alles Aufsätze, die, man mag an ihnen aussetzen, was man will — ich werde meine Kritik am Schluß geben —, doch wenigstens sich Kopfzerbrechen machen um die Zukunft des Judentums, wenigstens die Gefahren, die es bedrohen, erkannt haben und auf Mittel sinnen, diese zu beseitigen. Doch nun folgt eine Trilogie, die sich nicht einmal Sorgen macht, für die alles so wunderbar einfach und selbstverständlich ist, daß man nicht weih, was man lieber tun soll: lachen über ihre Naivität oder empört sein über ihre Leichtfertigkeit. Ich erwähne den Aussatz von Dr. O. Thon, der ganz hen Geist der zionistffchen Zukunftshoffnung atmet, vorweg, um diese drei sich ungeMrt folgen zu lassen. Den Reigen eröffnet David Frischmann, der geistsprühende, witzige Feuilletonist. Die Gefahren für den Bestand des Judentums sind nicht groß, erklärt er. Denn di^e Gefahren bedroh«! nur die einzelnen Juden. Das Judentum selbst aber ist eine Idee, und jede Idee ist ewig. Darum: was scheren uns Pogrome und Assimilation, Taufe und Mischehe, höchstens wird es weniger Juden geben; das Judentum selbst aber ist ja eine Idee, und jede Idee ist ewig. Diese zwar mit viel schriststellerffchem Talent, aber ohne eine Spur logischen Beweffes dargelegte originelle Lösung des Problems der Zukunft des Judentums begründet nun David Neumark, der Geschichtsschreiber der jüdischen Religionsphilosophie, näher. Das Judentum besteht nach ihm aus vier Hauptdogmen, und als solches fti es ewig. Bevor es schon Juden gab, gab es ein Judentum, ja, bevor diese unsere Welt noch existierte, gab es schon ein vorweltliches Judentum, und er, David Neümark, wisse ganz bestimnit, daß, wenn unsere Welt schon längst untergegangen sein wird, das Judentum noch weiter bestehen werde; mit einem Worte: das Judentum ist ewig, wozu also das Sinnen und Sorgen? Und nun kommt der dritte im Bunde, Dr. A. Kaminka, und faßt diesen Güdankengang zu einem System zusammen. Die Grundlage des Judentums, erklärt er, sei die Zerstreuung der Juden, und die Garantie für den Bestand des Judentums biete nicht die Existenz der Juden, sondern die Tatsache, daß das Judentum in, Bälde allen Nationen bekannt sein werde. Sv ist es ja auch — fügt er in tieffinnigem Vergleiche hinzu — mit der Mathematik, deren Existenz ja auch nicht von der Existenz der Mathematiker abhängig sei. Selbst wenn der letzte Mathematiker gestorben sein wird, wird noch die Mathematik existieren, also wenn es auch keinen Juden mehr geben wird, wird.noch das Judentum fortbestehen. Auf diesen haarsträubenden, doch in präziser Klarheit dargelegten Standpunkt folgt ein inhaltsreicher, aber konfuser Artikel von Dr. Koralnik,