Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38. im Lande unserer normalen Entwicklung, im Lärche unserer Hoffnungen und unserer Zukunft letten., Möge auch der allgemeine Wunsch in Erfüllung gehen, das; die „Schsure Kaiz, l'Morim" eine dauernde Institution werden. J—r. S—o.; Die Ausschaltung der Juden aus.der Duma. Ans Petersburg wird uns vom 21. September geschrieben: . Kein Volksstamm Rußlands bedarf so sehr im russischen Parlament einer quantitativ und qualitativ würdigen Vertretung, wie die so brutal unterdrückten und gehetzten Juden. Denn kein Thema beschäftigt so oft und ereifert so stark die Duma wie das Judenproblem, das gerade bei den nnerwartesten Gelegenheiten zur Sprache kommt und die wildesten Instinkte heraufbeschwört. Schon zur Abwehr der inaßlosen Beschimpfungen und Verleumdungen müßten die russischen Juden eine ihrer Zahl und ihrer Bedeutung entsprechende Gruppe in der Duma besitzen. Wie schlimm war es aber darmn in der dritten jDnma bestellt bNdwie schlimm scheint es in der kommenden werden zu sollen! Als Stolypin durch die willkürliche Einführung des neuen Wahlnwdus im Juni 1907 die russische Verfassung zertrümmerte, war es fein größtes Bestreben, sämtliche Fremdvölker, die Rußland bewohnen, in ihren politischen Rechten soweit als möglich einzuschränken. Er raubte den Polen über die Hälfte ihrer Mandate, gc suchte die Muselmänner im Innern des Reiches zu beschränken und ließ allen Völkern des Kaukasus und Mittelasiens nur einen Teil ihrer Vertretung. Um die Juden als solche brauchte er sichj nicht speziell zu.kiint-. mern, da sie einerseits infolge ihrer Zerstreuung, andererseits infolge der von ihm inaugurierten Benachteiligung der Städte ohnehin ins .Hintertreffen gerückt waren. Gleichwohl schuf er für alle Fälle das System der nationalen Kurien, deren Anwendung von den Gouverneuren „nach Bedarf" gehandhabt werden sollte. Kein Wunder, daß die jüdische Vertretung in der dritten Duma, welche aus zwei Abgeordneten bestand, eine sehr klägliche Rolle spielte. Selbst wenn die Dumatribüne zu reiner Pogrompropaganda mißbraucht wurde, hatten die über 5 Millionen Seelen zählenden russischen Juden kaum einen würdigen Vertreter aus ihrer eigenen Mitte. Bei den diesmaligen Wahlen zur Duma schienen die Chancen der Juden Rußlands wesentlich besser zu sein. Noch vor kurzem glaubten sie, daß sie etwa 8—10 Abgeordnete, also die Hälfte der ihnen prozentualiter Ankommenden Zahl, stellen würden. Da cröffncte die Regierung eine spezielle Kampagne zur Abwendung dieser Gefahr. Zunächst kommentierte sie das Wahlrecht der Inden in solcher Weise, daß Zehntausende von ihnen ihres Wahlrechtes verlustig gingen. Der größte Teil der außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnenden Juden wurde politisch rechtlos: die Massen der jüdischen Handwerker, die Kaufleute erster Gilde nsw. verloren dort als „temporäre" Insassen, und mochten sie daselbst zeitweise seßhaft sein, ihr Wahlrecht. Allein in Kiew blieben so von über 5000 wahlberechtigten Juden nur einige hundert in den Listen, und in geringerem Maße wiederholte sich dasselbe Bild in Petersburg, Riga, Smolensk, Charkow, Woronesch, Saratow, Rostow usw. Der Zweck dieser Maßnahme war ein doppelter: Schwächung der oppositionellen Elemente und Schwächung des jüdischen Einflusses innerhalb der Opposition. Die Degradierung .der Juden außerhalb des Ansiedlungsral)ons machte sie auch in dem von ihnen dichter bewohnten Tcrritorialghetto minderwertiger. Damit war es aber nicht genug. Die Gouverneure haben dort, wo eine „jüdische Gefahr" droht, zum Mittel der nationalen Kurien gegriffen und sich nicht gescheut, in Städten mit einer jüdischen DrciviertelMajorität, wie Bobruffk, Berditschew u. a. dieses System zur Anwendung zu bringen. Am schlimmsten verfuhr man jedoch in Wilna. Ohne Durchführung der nationalen Kurien würden -das Juden aus dem Gouvernement Wilna zwei Atzgeord- ,nete stellen können, da laut denr Wahlreglement aus der städtischen .Bevölkerung dieser Provinz zwei Abgeordnete gewählt werden müssen; da aber hier sämtliche Wckhlmänner aus den Städten Juden waren, so' würde vier WahlmännerversamMlung Franksurkr FsraelitischeZ FamÜrenNaÜ. nolens vvlevs zwei von ihnen in die Duma entsenden müssen; da hat nun der Gouverneur esdnrche gesetzt, daß die Stadt Wilna selbst in zwei Kurien, in eine jüdische und eine polnische, eingeteilt wird, sodaß damit die Chancen der Juden in der Provinz Wilna minimale geworden sind. Im Gouverireinent Kotvno hingegen, wo die Juden dank ihrem Bündnis mit den Littanern einen Abgeordneten dnrchbringen können, hat der Gouverneur den jüdischen Kandidaten, den bekannten Rechtsanwalt Grusenberg, ohne jeden Rech.tsgrund in den Listen gestrichen. In anderen Orten lassen die Gouverneure die Inden cs wissen, daß sie eine allzu eifrige Beteiligung an den Wahlen sehr bedauern Würben. Was die Juden, die noch die Pogrome von 1905—1906 und die dainalige Rolle der Behörden noch lebhaft in Erinnerung haben, wohl zu deuten wissen. lind ergänzt werden diese Andeutungen durch. Drohungen der Judenhetzer. In Odessa z. B. könnten die Juden bei einiger Anstrengung beide Abgeordnete ans ihrer Mitte wählen, aber sie wagten es gar nicht in der Pogrommetropole und begnügen sich, freiwillig mit cinenr Mandat. Freiwillig verzichten sie auch in Warschau auf die Aufstellung eines jüdischen Kandidaten, obwohl sie hier über die Majorität verfügen.' Denn schon der Gedanke an diese Möglichkeit ruft seitens der polnischen Antisemiten die wütendsten Drohungen hervor. So tvird Warschau neben cinenr polnischen Abgeordneten arrch einen von der belanglosen russischcir Kurie stellen, während die 300,000 Juden arrch hier leer ausgehen werden. Man kann .darum schon jetzt Voraussagen, daß die Juden Rrrßlands wiederum nur eine sehr schwache Vertretung in der Duma haben werden, die weder die Entrechtung der Juden bekänrpfen, noch ihre so oft verletzte Würde zu ioahren imstande sein dürfte. Rrrss. Korresp. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Geheimrat Dr. H. Brock erhielt anläßlich seines 80. Geburtstages den Kronenorden 3. Klasse. — Inspektor H. Zuckerinann - Hamburg wurde zuni Verwaltungsdirektor unseres neuen jüd. Krankenhauses gewählt. Berlin. Oskar Mannheimer, Mitinhaber der bekannten Konfektionsfirnia V. Mannheimer, verunglückte auf der Jagd. Während der Fahrt entlud sich ein Gewehr und. traf ihn in den Kopf. Mainz. Nachdem die neue Synagoge in Benutzung genommen ist, soll die alte Synagoge in ein Muse n m f ü r jüdische K u n st nmgewandelt werden. Stnttgart. Rechtsanwalt Dr. Hugo Erlanger, Obmann des Bürgerausschnsscs, erhielt das Ritterkreuz l. Kl. des Friedrichs ordens. Göppingen. Im Alter von 37 Jahren verschied die Gattin Rabbiners Dr. Tänzer, eine Frau von vornehmer Gesinnung. Sie war eine Tochter des Oberrabbiners Markus Händler s. A. in Totis (Ungarn) und Schirester Rabbiners Dr. Simon Hevesi-Bndapcst. (6.) Schwerfen; Hier verschied das Mitglied des Repräsentanten-Kollegiums der jüdischen Gemeinde Samuel Kempner. ,w Stratzburg. Im 7v.Lebensjahr verschied hier Frau Witwe Marie B a st geb. Michel. Bier Jahre lang hat sie das Bett nicht verlassen .können, vier Jahre * lang gelitten, — doch nie hat sie auch nur eine Silbe des Murrens gegen die himmlische Schickung ans ihren Lippen entschlüpfen lassen. Gottergeben hat sie ihr Leid mit Geduld getragen. Und wie ihre srommen Schwestern, die Frau Witwe Sara Durlach, die Ihr erst vor zwei Monaten im Tode vorausgegangen, die Frau Witwe Baruch Levy, die ihr vor 21 Jahren, und endlich die Frau Witwe Samuel Levy, die Mutter des Herrn David Levy, Präsidenten der Israelitischen Religions-Gesellschaft, die vor 13 Jahren das Zeitliche gesegnet, ist auch sie, also alle vier Schwestern, am heiligen Sabbat von dieser Welt abberufen worden! Mit Recht hat an der Bahre der frommen Dulderin Rabbiner Bnttenwieser gesagt: Wer die S'chija hat am heiligen Sabbat von dieser Welt abberusen zu werden, für den ist es ein gutes Zeichen/ baß 'ihm die himmlische Glückseligkeit beschieden sei. Denn am heiligen Tage der Ruhe zur ewigen Ruhe' abberufen zu werden, ist eine „S'chija!" — Es geziemt sich, der Nachwelt zu verkünden, aus welchem Hanse diese vier frommen Mütter stammten. Ihr Vater, der in Wolfisheim wohnte, gab nicht bloß sein Haus, Hof und Garten unentgeltlich her zum Bau der Synagoge, sondern erbaute diese auch aus eigenen Mitteln und schenkte sie der Gemeinde. Aus solchem Hause zu kommen, ist ein Segen schon an sich, und das Wort „Weheje, Broche" hat'sich an der ganzen Familie bewährt! Grutzenheiw t Elsatz. Hopienhändler Salomon Heimen ding er) seit 25 Jahren Vorsteher der jüd. Gemeinde und Beigeordneter der politischen Gemeinde, ist im Alter von 65 Jahren verschieden. Fürth. Der durch sein taimudisches Wissen und seine Frömmigkeit sowie, durch sein Bemühen, jüdisches Wissen zu verbreiten, in der ganzen Gemeinde angesehene Herr Meier Weistkops, feierte Erew Jomkippur seinen 80. Geburtstag. ' - &ette 11. Amtsrichter Schwab in Nürnberg ist zum Staatsa n w a l t in Zweibrücken befördert lvorden. Dessau. Des 100. Geburtstages Moritz Cohns, des Hofbankiers Kaiser Wilhelms, gedachte in der letzten G e m e i n d e r a t s s i tz n n g Oberbürgermeister Dr. Ebeling. Dessau habe, so sagte er, allen Grund, sich _ dankbar des Mannes zn erinnern, den die Bürgerschaft für würdig hielt, zum Ehrenbürger zu ernennen. Das Denkmal Kaiser Wilhelms I. auf dem Kaiserplatz, die zur Erinnerung an seine Mutter im Jahre 1892 gegründete Stiftung, sowie die Segnungen (l0 Millionen- Stiftungh die durch Vermittlung .seiner hochgesinnten Tochter der Einwohnerschaft von Dessau und der Bevölkerung von Anhalt geworden seien, sicherten ihm für alle Zeiten ein treues Gedenken. Einrihtnngcn wie di- Schwimmhalle, das Armenstift, die Lesehalle und die Volksbibliothek, die großen Zuwendungen für das Schulwesen, sowie die reiche Zahl der Präbendcu an alte Bürger, die ans der Millioiienstistung errichtet worden seien und unterhalten würden, seien von großem Segen. New-Nork. In Socorto (Ncw-Mexiko) ist der vielfache Millionär Salomon L n n a ans tragische Weise ums Leben g c k o m m e n. Luna inspizierte zu Pferde seine ausgedehnten Ländereien, aus denen sich Hnnderttansende Stück Vieh befanden. Bor einem großen Kessel, der zum Teil in die Erde auf freiem Felde eingelassen war und zur Verarbeitung von Hanrinelstücken zu Konservenfleisch diente, scheute plötzlich das Pserd Lunas und bäumte sich hoch auf. Der Millionär verlor die Steigbügel und wurde ans dem Sattel unmittelbar in den mit kochenden Fteischstücken gefüllten Kessel geschlendert. Bon seinen sofort zu' Hilfe eilenden Leuten, die auf dem Felde beschäftigt waren, konnte er nur als Leiche ans dem Kessel herausgezogen werden. New-Nork. Ralph Straßburger ist zum Ge sandtschaftssekretär in Bukarest ernannt worden. Die Regierung sendet deshalb immer Juden nach Rumänien, da dort die Jndenfrage noch immer nicht erledigt ist und Rumänien daher ein starkes Auswanderkontingent nach hier stellt. Interessant ist, daß Rumänien seit 1902, seit jener scharfen Note unserer Regierung in Angelegenheit der rumänischen Juden, hier keinen diplomatischen Vertreter hat. Warschau. Anläßlich des 10jährigen Todestages Antokolskis würdigt dje „Hazifirah" Antokolski.als Juden. Der große Künstler, dessen Atelier von den höchsten Persönlichkeiten besucht wurde, arbeitete nie am Samstag und an den jüdischen Feiertagen. Seinem Freunde.Gurewitz schrieb er darüber wie folgt: „Du brauchst Dich hierüber nicht zn wundern. Ich weiß, ich Lin ein sündhafter Mensch. Aber den heiligen Sabbat entweihe ich nicht. Zeit meines Lebens war ich gewohnt, diesen wunderbaren Tag der Ruhe und des einsamen Gedenkens zn hüten und zu achten." Antokolski kam einmal von Petersburg nach Wilna in der Uniform der Kunstakademiker. Die gelben Knöpfe der Uniform trugen die Anfangsbuchstaben Antokolskis Namens in hebräischer Schrift. Ein Freund bemerkte dies und machte ihm deshalb Vorwürfe. Antokolski er-- widerte erregt: „Es ist für mich Sine Ehre, Jude zn sein! Jeder soll wissen, daß ich Jude bin!" Lveffa- Der Beamte Barbaschew wurde wegen Unterzeichnung der Erklärung gegen die Ritualmordbeschuldigung des Amtes enthoben. Es liegen noch mehrere derartige Maßregelungen vor. Terespol. Wählend des Jomkippur-Gottesdienstes entstand infolge einer aus einer n ms all enden Petroleumlampe heransschlagenden Flamme in der überfüllten Frauenabteilnng eine Panik. Vier Frauen wurden erdrückt und 23 verletzt, von diesen drei lebensgefährlich. Mit der vorliegende« Rümmer schließt das dritte Vierteljahr. Wir bitten die Postabonnente» am sofortige Errreuernug ihres Abonnements. Wir bitten unsere Leser um Berbreitaug unserer Zeitung in ihrem Bekanntenkreise. Aus der Lehrerwett. Bayreuth. Rabbiner Dr. Salomon. bisher in Lauenburg i. Pomm., ist in sein hiesiges Amt feierlichst eingesührt worden. Schmieheim (Badens. Dem Lehramtspraktikanten Leopold Weil ist die Leitung der Bürgerschule in Kündern übertragen worden. Höchberg (Bayern). Die Israelitische Präparanden sch ule (Lazarus Ottensoser-Süftung) zählte am Schluß ihres abgelaufcnen Schuljahres 39 Schüler. Die Hauptposten ihrer Einnahmen und Ausgaben im Jahre. 1911 waren folgende: 7091 Mk. Zinsen von Aktivkapitalien, 6433 Mk. Spenden, 8392 Mk. Legate in den Einnahmen; 1011 Mk. Vermögensverwaltung, 18.751 Mk. Erhaltung der Schule, 800 Mk. Pensionen, 1500 Mk. Zuschuß zur Penfionskaffe in den Ausgaben. Sie verfügt über ein Vermögen von 210869 M. und 20963 Mk. in der Penfionskaffe. Die Anstalt verlangt weiter, kräftigste Unterstützung» damit kein Defizit entstehe. In bezug hierauf schreibt der Jahresbericht: .Die Zahl der früheren Schüler unserer Anstalt bemißt sich nach Hunderten. Der weitaus größte Teil derselben wurde aus " Anstaltsmitteln reichlich unterstützt Biele von ihnen befinden sich z. Zt. in angesehenen und einträglichen Stellungen. Dies verdanken sie in erster Linie unserer Anstalt. Aber vergessen ist alles diesl Unberück-