Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 10. Nr. 38 Ach ja, Rudi merkt, daß die Sünde etwas Angsteinjagendes, Beschämendes ist. — Wie nun die Betenden um ihn einstimmig klagend, flehend, die rührende, alte Weise des „Oschamnu! Bogadnu!" anheben, schießen Rudi die Hellen Tränen aus den Augen; und der Unbekannte in ihm sagt ihm sehr ernste, strenge Dinge, die den Knaben immer heftiger weinen machen, bis das ganze runde Kindergcsicht des kleinen Sünders in heißem Wasser gebadet ist. Was verspricht er nicht alles seinem Gott! Er wird seine Heftigkeit und Wildheit oblegen und nie wieder abschreibcn, auch gewiß nicht wieder seine Geschwister ärgern, vorausgesetzt, daß man ihn nicht reizt . . . o, Rudi wird sich ernstlich ändern und bessern, wenn ihm der liebe Gott nur auch verzeihen wollte, daß er heute, gerade heute, den Tobi geschlagen. In der allgemeinen Bewdgung von Andacht und frommer Hingebung achtet niemand des weinenden Kindes. Da richtet sich drüben der Großvater auf, sein Blick bemerkt Rudi, er stößt seinen Sohn an, bald darauf winkt der alte Herr lebhaft seinen Enkel zu sich herüber. „Fehlt Dir etwas, Rudi?" „Rein, nein!" „Rudi," mahnt der Vater, „möchtest Dn nicht nach Hause gehen?" „O, bitte, laß mich bei Dir ..." Da es sich nur noch um eine Viertelstunde handelt, gestattet man ihm, zn bleiben, trotz der Enge und Menschenfiille,' rückt der Großvater zur Seite, daß Rudi bei ihm stehen und in seinen Siddur schauen kann. Andächtig wie die Großen betet dds Kind die Owinn Malkenn mit . . . Hernach, beim „Schma" überläuft ein Zittern seinen zarten Körper. Karl hat chm einmal erzählt, das sind Hie heiligen Worte, welche man sagt, wenn ein Jude stirbt. . Darauf ein Schosarstoß — aus ist's. Die Menge strömt ans dem Tempel. Hebers Jahr wieder, so Gott will! Zn gesund und in Freuden! Der Vater schreitet mft Karl voraus, Rudi stiefelt an des Großvaters Hand, ein bischen langsam, aber der alte Herr geht ja auch nicht so schnell. Einige Male schaut er den Enkel besorgt von der Sefte an. Zu Haus empfängt sie alle heller Lichterschein, die Tafel ist greift, die Mutter naht mit Gruß und Kuß. Nur fiir ihren Jüngsten hat sie einen strengen Blick. „Was bientet das, Rudi? Die Mädchen sagen, Du wärest den ganzen Tag nicht heimgekommen?" Rudi wird auf einmal ganz schwach, zunr Umsinken elend. Dem Großvater steigt eine Ahnung auf: „Junge," ruft er, „Du hast doch nicht etwa?" Und demütig, ganz verschämt, antwortet er: „Seid nicht böse, ich habe gefastet." Der Väter weiß nicht, ob er lachen oder schelten soll, die Mutter stürzt nach einem Glase Wein; aber der alte Mann nimmt den tapfcrn Knirps in seine Arme, und leise sagt er ihm ins Ohr: „Mein geliebter Junge! Deine Enkel sollen Dir einmal das Gleiche erzählen!" Brief ans Palästina. Die Kurse verliefen höchst nrteressant und wurden von den Hörern fleißig besucht. Den wich? tigsten Tell derselben bildeten die Lektionen des Herrn Ahronsohn. Derselbe ist weithin bekannt durch seine unvergleichliche Tätigkeit zur agrikulturellen Förderung Palästinas, zu welchem Zwecke er auch unter Beihilfe palästinafreundlich, gesinnter Männer zwei agrikulturelle Versuchsstationen in Utlith (bei Sichron Jakob) und Cheder a schuf. Überhaupt ist Herr Ahronsohn eine der erfreulichsten Erscheinungen unseres neuen Lebens in Palästina. Als Kind kam er mit seinem Vater aus Rumänien nach hier und wurde im Schoße der zaubervollen Natur Erez-Uraels erzogen. Dann eignete er sich im Ausland reiche Kenntnisse in der Botanik, Agrikultur .und' Gwlogic an und kehrte nach der Heimat zurück, um sein erworbenes Wissen für das Wohl des Heimatlandes zu verwenden. Mit beispielloser Liebe ist er an das Land mrserer Zukunft geknüpft, und dessen Studium hat er sein Leben und, seine unerschöpfliche Energie gewidmet. Er soll das ganze Lcmd zn Fuß durchwandert und jedes Gräslein, jeb^ Sternchen Mdiert haben. Daher wird er als einer der besten und zuverlässigsten Kenner der Flora Palästinas auch in der außerjüdischssn Welt angesehen. Als Beispiel für den wissenschaftlichen Ruf jAhronsohns diene die Tatsache: Auf einer Forschungsreise jn Kalifchnien, das bekanntlich, unter gleichen klimatischen Verhältnissen wie unser Land sich befindet, erhielt er von der kalifornischen Regierung das Angebot eines Lehrstuhls für Botanik und Agrikultur, lehnte es aber entschieden ab, da er seinen Lebenszweck in der Ergründung und kulturwirtschaftlichen Förderung Ercz-Jsraels gefundenhat. Herr Ahronsohn selbst äußerte sich auf dein Abschiedsbankett, das zu seinen Ehren veranstaltet wurde, über sein Streben und seine Tätigkeit folgendermaßen: „Bei meinen Bemühungen, gewisse Persönlichkeiten für unsere Ziele in Palästina zu gewinnen, begründete ich meine Absichten auf folgenden Gedanken: Wir Juden haben Jahrhunderte hindurch vom Wissensquell der ftemden Nationen geschöpft, wir haben ständig von der Frucht fremder Arbeit genossen; wir konnten aber dm Fremden keine Gegengabe därbieten. Daher wurden wir auf dem wissenschaftlichen Gebiet, gerade so wie auf denr sozial-politischen, als ewige Empfänger, Schnorrer, Parasiten betrachtet und behandelt. Um aber Würde und Respekt zu erringen, müssen wir zu den anderen sagen können: Bisher haben wir von euch empfangen, jetzt können wir euch von unserem geben; kommt, genießt von der Frucht unserer Arbeit. Und nun — führte Herr Ahronsohn aus — dürfen wir sagen, wir haben ht gewisser Hinsicht unser Ziel erreicht: bei einer künftigen allgemeinen wissmschaftlichen Untersuchung botanischer und agrikultureller Natur werden die Resultate unserer Forschung, wird unsere reiche Kollektion nicht umgangmäverden könnest; und Harm werden wir ihnen .sagen: Dck habt ihr di-e Resultate jüdischer Arbeit, jüdischer Forschung, jüdischer Wissenschaft.' Die Vorlesungen Ahronsohns boten den Hörern eine Fülle von Kenntnissen und Anregungen, und einen geistigen Genuß zugleich. Es ist wahrlich eine überaus erhebende Erscheinung, einen jüdischen Professor über eine Abteilung der Naturwissenschaft in hebräischer Sprache dozieren zn hören. Durch seine Lektionen lernten wir den floristischen Reichtum unseres Landes kennen, sie belehrten uns, was wir bei rationellen Arbeitsmethoden der ergiebigen Erde abgewinnen können. Auch die übrigen Lektoren boten Neues und Interessantes, ein jeder in seinem Fach. Alle Lektionen aber zusammen zeugten von der Lebendigkeit und Lebensfähigkeit der hebräischen Sprache. Borträge über Physik, Hygiene, Turnen, Musik, Zeichnen usw. — alles, alles in einem reinen, klangvollen Hebräisch! Freilich, für den Palästinenser ist es nicht mehr neu, ist cs bereits zur Alltäglichkeit geworden. Warmes Interesse wurde - besonders der Vorlesung des Herrn Dr. Hillel Joffe über Hygiene zuteil. Dieser bekannte, menschenfreundliche Arzt hat sich durch seine Jahrzehnte andauernde Erforschung der lokalen Krankheiten und durch seinen unermüdlichen und erfolgreichen Kampf gegen dieselben die tiefste Anerkennung und wärmste Liebe aller, die seine Arbeit kennen, erworben. Dr. Joffe ist einer der edelgesinnten Pioniere, die für die ^Gesundung Palästinas ihr ganzes Können und Wollen einsetzten. Die Vorlesungen wurden durch manchen Ausflug in die Umgebung — teils wissenschaftlichen Charakters, teils zum Vergnügen und zur Zerstreuung — abgewechselt. Auch, in dieser Beziehung war die Wahl „S i ch r o n Ja k o v s" als Versammlungsort glücklich getroffen. Es gM kauin eine Kolonie in Palästina, welche sich in einer solchen wunderbar schönen Lage befindet, wie Sichron Jakob, das Lieblingskind des Barons. Auf einem Berge zwischen der schlanken. Reche der Ausläufer des Karmels ist „Sichron" gelagert. Sic wird von einer Kette anmutiger Hügel und Gebirge umgeben; zu ihren Füßen schlängeln sich bald breit verlaufend, bald schmal gekrümmte Täler, die hier und da vom Grün der Weinstöckc überdeckt, mitunter von weißgelbem Meersand oder von großen Kalksteinblöcken erfüllt sind. Nach dem Westen hin eröffnet sich der Ausblick auf die Saron-Ebene mit ihren fruchttragenden Feldern nick gelben Sandhügeln und auf das dahinter gelegene tiefblaue, immer blaue .Mittelmeer. Mus anSere» zwei Hügeln in istr unmittelbarsten Nähe von Sichron befinde» sich deren Töchterkolonien, die kleinen, lieblichen „Schfejrr" und „Am el S'amal" (Bat Schelemo), die gleichsam mit ihrer Mutter an Naturschönheit• und Anmut wetteifern, lind in diesen prachtvollen Tälern wandcrten wir, und auf diese schlanken Berge kletterten wir, um in Begleitung des großartigen Palästina- Kenners das eigentümliche Wachstum unseres Landes, um die Gesteinsmassen aus der Tertiär- und Qnartärzeit kennen zu lernen. Der Anblick jüdischer Felder und Fruchtgärten erquickte das Herz. Die lehrreichsten und interessantesten.Ausflüge waren wohl die nach „Athlit" und „Chedera", wo Herr Ahronsohn seine Versuchsstationen,errichtet hat. Die Versuchsstation in Athlit legt davon Zeugnis ab, was durch Energie und genügende Mittel im Lande unserer Väter zu erreichen ist. Ter Ort, der vor wenigen Jahren von einem großen, Fieberbazillen verbreitenden Sumpf bedeckt war, ist jetzt in gesunden und das Auge ergötzenden Ackerbau- und Plantationsboden verwandelt worden, der nach den rationellsten Methoden und mit den modernsten Arbeitsgeräten bestellt wird. Der Anblick dieser sorgfältig kultivierten Strecken, der geraden Wege und Stege, der häufigen lebendigen Spuren europäischer Kultur unter den .brennenden Strahlen der Sonne Asiens macht den überwältigendsten Eindruck. Diejenigen, die diesen Ort vor zwei Jahren sahen, glauben jetzt einfach ihren Augen nicht. Und all dieses ist das Wert eines einzelnen Menschen, der freilich mit einer unvergleichlichen Willensstärke und einer mächtigen Liebe zn unserem Lande begabt ist. Herr Ahronsohn verspricht sich sehr viel von seinen Versuchsstationen für die agrikulturelle Erschließung und 'Kultivierung Palästinas und ist im Begriffe, neue Stationen an anderen Punkten unseres Landes anzulegen, damit seine Versuche reicher und genauer tperden, — natürlich, wenn er genügende Mittel dazu bekommt. Hochinteressant war auch unser Ausflug nach „Chedera", drei bis vier Stinrden von Sichron gelegen. An der Grenze der Kolonie empfingen uns die jüdischen Wächter mit Revolverschüssen und Reitphantasien. Jn ihrer Kleidung und Reitgeivandheit sind sie von den Söhnen des „glücklichen Arabiens" kaum zn unterscheiden und erinnern uns an ein Stück Geschichte aus unserer fernen Vergangenheit. So mußten die alten jüdischen Helden ausgesehen haben. Ein warmer Strom ergießt sich ins Herz bei diesem Anblick, und ..fröhliche Träume über ein zukünftiges freies, stolzes Geschlecht beleben unsere Phantasie. Chedera macht durch ihren reichen Baumwuchs und ihre zerstreut gebauten Häuser den Eindruck einer echten Kolonie. Sehr erfreuend ist die Tatsache, daß diese Lodenreichste alle unserer Kolonien in Palästina nach schweren Leiden und Kämpfen sowohl gegen die benachbarten Araber als auch gegen das gefährliche Malariasieber, welche ihre Entwicklung stark hinderten, seit einigen Jahren einen guten Aufschwung genominen hat und nun einer glänzenden Zukunft entgegensieht. Die Lehrerkurse brachten frisches Lebe;» in den kleinen, stillen Platz und seine Umgebung. Sichron Jakob und ihre nahegelegenen jüdischen Ortschaften lebten auf während dieses Monats. Das.junge Element, zu dem ja die meisten Hörer zählten, machte sich durch, das chm eigene frohe Wesen überall bemerkbar. Die hiesige Jugend zeigte anhaltendes Interesse für die Vorlesungen und besuchte sie, soweit die von der Arbeit freie Zeit ihr dies erlaubte; mancher kam sogar von den benachbarten Kolonien, um den „Schöurim" beiznwohnen. Besonders zogen die Musik- und Turnstunden die Bevölkerung an. Es wurden auch zwei Gesang-Deklamationsabende veranstaltet, die wic gewöhnlich mit dem palästinensischen „Rikftid" (Tanz) endeten. Jn einem Seitenzimmer des großen, geräumigen Bcth-haam, wo die Lektionen stattfanden, schmückten die Wände die Zeichenarbeitcn der Schüler und Schülerinnen der „Gymnasin ibrith" in Jaffa. Sämtliche Arbeiten — von der einfachen oder verzierten und verschnörkelten Mogen-David- oder Menora-Zcichnung bis zum komplizierten und fein ausgeführten Landschaftsbild oder Porträt — tragen den Stempel des Volkes und Landes. Manche Arbeit läßt den angehenden Künstler vvran'sähnen. Die junge Lehrerorganisation darf mit Recht stolz auf ihr neu geleistetes Werk schcmeir. Die „Schöurim" zeigten uns wietstx xinmal, daß wir