Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Nr. 38 0 Kr Me lugend. 0 Rudis Bersöhmmgstag. Humoreske von Clemens Berg. (Fortsetzung.)^ „Ach! Von all dem Zeug bekommt man nur Zahnweh! Und die Pesferkuchcn sind gewiß steinält und noch vom vorigen Jahre . . . Wer weiß: die meisten dieser Dinge sind vielleicht nur Atrappen." Dennoch geht Rudi sehr schnell weiter — er dekretiert cs sich selbst für sündhaft, vor den Läden der Lebensmittelhändler wieder stehen zu bleiben. Rudi ist im ersten Jahr Lateiner — er hat schon gelernt, daß vittus die Tugend heißt, die Kraft zu widerstehen. Der Tag hat seinen Höhepunkt erreicht, die große Uhr ain Rathaus zeigt zwei. Tsching-tsching-bzum-bum-dzinn-dzinn-trara! Vor fcfem Palais des Kommandierenden ist Konzert. Sonst kennt Rudi kein lieberes Vergnügen, als der Militärmusik zu lauschen; aber die lustigen Klänge passen heut schlecht zu seiner Stimmung, er fühlt, daß er in die zusammengewürfelte, bummelnde Menge an diesem Tage nicht gehört. Er wird nach Hause gehen, ein gutes Buch lesen .... „Rudi! Ruuudi!" Ueber die ganze Breite der Straße schallt cs, das Rollen der Wägen, die Klingel der Elektrischen übertönend. Run kommt es angesetzt, gestürmt, gesprungen, in der lebensgefährlichsten Weise an Droschken und Pferden vorbei, sodaß ihm ein erzürnter Kutscher mit der . Peitsche ein paar um die Ohren knallt! Schadet nichts, er hat Rudi erreicht. ... Sein Busenfreund, der Tobi . . . Nicht Achilles und Patroklus, nicht Pyladcs und Orest niochten einander zärtlicher lieben, — nur werden sie sich wohl, weniger häufig geprügelt haben . . . Ja, der Tobi, richtiger Tobias Zieroke . . . Tobis Mutter war Rudis Amme. Zierokes hätten eine Schankwirtschaft neben Rudis Elternhause, sie sind ordentlichegutmütige Leute, zumal. die Frau, welche ihrer früheren Madame eine aufrichtige Verehrung bewahrt hat. Für Rudi hegt sie die übertriebene Affenliebe aller Ammen, sie kann es nicht lassen, ihn zeitweilig gründlich abzuküssen, was den Undankbaren schon stark genirt. Die Heiden Milchbrüder stecken jede freie Minute beieinander. Diese Zusammenkünfte finden meist auf der Straße statt, Rudi verträgt den Dunst und die dicke Lust der Kutscherkneipe nicht, und Tobi. ist es bei Rudis Eltern „zu fein", — er muß die Stiefel abkratzen, um nicht die Teppiche zu beschmutzen, und Ball spielen kann man auch nicht in den Zimmern, lvo man alle Nase lang riskiert, etwas umzuwersen oder zuzerbrechen. '"Trotzdem verbindet beide die innigste Kameradschaft. Jedes Spielzeug benützt man gemeinsam, jedes Stück Blockzucker, jeder Apfel wird geteilt. Nur essen, eine richtige Mahlzeit einnehmen, darf Rudi bei Zierokes nie: sein Vater hat es' ihm streng verboten. Uebrigens ist Tobis Mutter in diesem Punkte gut orientiert. Tobi hat einen blonden Dickkopf, bläue, sehr Helle Augen, die eine ungewöhnliche Intelligenz verraten. Tobi beginnt das Gespräch ohne Gruß. Jungens unter sich machen 'keine Zeremonien. „Gehste in die Religion?" „Nein, ist ja heute frei." „Frei?! Habt Ihr Feiertag?" „Na, ob! Versöhnungstag!" „Ach so! Lange Nacht!" „Gehste nu in'n Tempel?" Tobi, lauert auf die Einladung, mitzukommen. In die Kirche, bringt man Tobi nur durch Versprechungen und Drohungen; aber in den Tempel läuft er mit Vergnügen mit, es ist doch-mal' etwas anderes'. „Nein," sagt Rudi, „in'n Tempel darf ich nicht vor vier -Uhr." ,;W'as machen wir'n bis dahin?". ,/jJch>" antwortet Rudi mit Geste und Betonung, etwa wie Lohcngrin, wenn er von der Sendung Lurch den Gral erzählt, — „ich —faste!" Tobi -reißt die großen, Hellen Fenster in seinem Gesicht auf '— West — weit. # - a- # cvr fr fff r „Was wachste?" Rudi steht wie ein römischer Imperator: „Ich faste!" Er spricht es stolz, voll Größe. Tobi schüttelt den Kopf. „Mach kein'n Unsinn. ' Und ich gtaub's auch nicht!" „Was?", schreit Rudi empört, „kein' Kakao Hab ich heut früh getrunken, kein Zehnebrot, kein Mittags essen, ohne Vespermilch bin ich auch, — und nun wirst Du mir sagen, Du glaubst's nicht?" „Ui Jegerl," ruft Tobi erschrocken, „wo kann das einer aushalten! Für was tuste denn das?" „Man muß heute fasten," erklärt Rudi, „wegen Vergebung seiner Sünden." „Wenn's schon einmal sein muß," hebt Tobi an, „so ein strenges Gebot, das gilt doch gewiß nur für die Großen." „Ra, ich bin wohl ein Wickelkind?" braust Rudi auf. „Und ich seh' gar nicht ein, warum ich nicht auch fasten soll für meine Sünden, so gut wie die anderen auch." „Deine Sünden!" Tobi mißt seinen Intimus ziemlich verächtlich von der Seite. „Du hast doch noch gar keine! Oder glaubste wirklich, daß der liebe Gott ans die paar Dummheiten sieht, die so'n ruppiger Junge macht, wie Du?" Da Rudi nichts Gescheites zu anttvorten weiß, wird er grob. „Selber einer! Selber ruppiger Junge." In der Tonart gefällt Rudi sein Freund, so will er ihn haben, — und die beleidigende Antwort einfach ignorierend, fährt er gemütlich fort: „Sieh mal, es mag ja verdammt schwer sein, das' Fasten, aber Du tust's doch bloß aus Großtuerei." Das saß. Wie Rudi aufblickt, ist sein braunes Jungengesicht puterrot. „Das ist doch ganz egal, aus welchem Grunde man's tut. Wenn einer gestohlen hat, nur weil seine Kinder hungrig sind, dann kriegt er auch Zuchthaus." „Ach wo," sagt Tobi, „dann kriegt er mildernde Umstände, das weiß ich aus der Gerichtszeitung. Und nun, siehste, weil wir gerade bald zu Hause sind, — wenn Du jetzt mit mir runter kommst, und 'n paar tüchtige Stullen aufpäppelst, dann kriegste mildernde Umstände. — Du siehst ja schon ganz grün aus vor Hunger!" „Ich bin nicht ein bischen hungrig," prahlt Rudi, „nicht so viel. Mein Großvater sagt, wer sich etwas versagen kann und entbehren lernt, und' so . . ., der triumphiert'über oie Sünde." „Was heißt das, „triumphieren"? „Na, so, einen Trumpf auffetzen," erklärt Rudi etwas unsicher, „und mein Großvater ist riesig klug» der liest noch ganz andere Blätter, als die faule Gerichtszeitung." Da Tobi nicht auch mit der Klugheit eines Großvaters aufwarten kann, schweigt er eine Weile still. Dann packt er Rudi beim Arm und will ihn die Kellerstufen hinunterziehen. „Laß mich, ich will nicht!" schreit Rudi. „Na, dann laß bleiben!" Tobi schießt die Treppe hinab, und Rudi geht allein weiter, unschlüssig, wohin er sich wenden solle. Doch kaum hat er zwanzig Schritt zurückgelegt, so hört er einen wahren Feuerlärm hinter sich. „Du! Duuu! halt, Haft!" Mit drei Sätzen hat ihn Tobi eingeholt, in jeder Hand eine Riesenstulle, das Gesicht glühend vor Eifer und Wichtigkeit: „Meine Mutter läßt Dir sagen: Gleich sollst Du essen, gleich, sonst sagt .fie's Deiner Mutter! Haste nu gehört?" „Mag sie es sagen." „Sei kein Frosch, Rudi! Sich mal, eine ist Butter und eine ist. Kreide, von unserem Pflaumenmus, von dem Du immer so gerne magst!" Da alles gütliche Zureden nichts fruchtet, versucht Tobi mit Gewalt, dem jungen Asketen das Brot in den Mund zu schieben. Rudi holt aus undl gibt seinem Retter eine Ohrfeige ... „Na wart!" Tobi legt die verschmähten Schnitten auf einen Türvorsprung, leckt blitzschnell seine von Butter und Psiaumenmus triefenden Finger ab, dann faßt er den widerspenstigen Freund bei den Ohren, beutelt ihn, schüttelt ihn und verhaut ihn tüchtig. UllllllfUIIUuuuUJüi Armer Rudi! Du bist nicht der erste, der für sein Judentum Prügel erhäft. Mer ein Hungriger ist gefährlicher wie ein Satter. — Während Tobi seine Hiebe und Püffe mit einer gewissen, derben Gemütlichkeit austeilt, stößt, schlägt Rudi um sich, wie ein Wilder und bringt den viel kräftigeren Gegner, der das Siegen gewöhnt ist, in die größte Bedrängnis, bis zum Glück die derbknochige Gestalt Frau Zierokes auf dem Kampfplatz austaucht. „Jungens! Schämt Ihr Euch nicht? Auseinander, nischtnützc Lümmels! Wer hat wieder angefangen, ihr Racker? Herr Du meines, Rudi, was ist in Dich gefahren?" Vor lleberraschung über die ihr völlig neue Schneidigkeit ihres Milchsohnes, stemmt sie die Hände in die Seiten, tatenlos der Katzbalgerei zuschauend, ohne ihren eigenen Sprößling zu befreien. „Rudi! Rudi! Du bist doch sonst nicht so!" Da, ganz plötzlich, läßt der sonderbare Glaubensheld von dem unter ihm liegenden Feinde ab und eift blitzschnell davon, verfolgt von Tobis Blicken, in denen, stärker als der Zorn, sich Staunen und Hochachtung offenbaren. Schnurstracks rennt Rudi zum Tempel. V glückt ihm, sich unbemerkt einznschleichen, und er hört die Nachmittagspredigt mit an, natürlich ohne ein Wort davon zu verstehen. Er ttöstet sich darüber mit dem Verdienste da zu sein. Nun hat er unter den Andächtigen auch seinen Vater und seinen Großvater entdeckt, beide ganz weiß eingehüllt in ihre Gebetmäntel, auf den Häuptern weißseidene Mützen, die Gesichter ernst und feierlich, besecft von dem großen Zuge des Leidens, der den betenden Juden so eigen ist. Gerade den Großvater kann Rudi recht gut sehen, beim Anblick dieses ihm so verkanten, ehrwürdigen Antlitzes wird es Rudi sehr traurig zu Mut, er weiß nicht, warum, er hat das Gefühl eines unendlichen Mitleidens, und das Bild des betenden Greises prägt sich fest in sein Herz, für alle Zeit. Dann singen sie einen Psalm Davids, das gefällt Rudi, er singt tapfer mit, so weit ihm der Text geläufig ist. Wenn er sich hinüber zum Großvater schlängelte, könnte er in dessen Gebetbuch einschauen, Großvater sagt alles aus dem Kopf . . . Merkwürdig, die vielen Menschen, die hier stehen, um ihre Sünden abzubeten. Fast ist es Rudi leid, Laß er nicht auch schon welche hctt. Den paar Lumpereien in der Schule kann man unmöglich die Ehre antun, sie als Sünden zu bezeichnen.. Der Lehrer merkt es ja gar nicht, ob einer wirklich Zahnweh hatte, oder ob man nur aus Faulheit die Exempel nicht gerechnet hat. Und daß Rudi beim Diktat vom Nachbar mat „schuckt", — recht ist's freilich nicht! — Spaß! Das machen alle! Bleiben noch einige Rüpeleien zu Hause, ungezogene Antworten an Geschwister und Bedienstete. — Rudi denkt nach, was hätte er sich wohl noch vorzu-- werfen? Einmal hat er Jeanette eine alle Kratzbürste ins Bett gelegt, — ein andermal Karl eine lang gesparte Tafel Lindtschokolade heimlich aufgegefsen, — Schandtaten, die unverzüglich an seinen Backen und Ohren geahndet wurden. Schließlich, das bischen Naschen und Schwindeln, lauter Dummheiten, wegen welcher, w>ie Tobi sägt, es dem lieben Gott gar nicht lohnt, auf einen ruppigen Jungen zu achten. Tobi! In Erinnerung an seinen Freund wird' es Rudi heiß. Er sieht seine erstaunten Augen, alS er auf den Gutmütigen einschlug, die gerötete Wange, Tobi's Zusammenbeißen der Zähne; denn er hat sehr heftig zugeschlagen, es tat gewiß sehr weh . . . Aber Tobi trug Schuld. Warum wollte er ihn zum Essen verleiten? Und Rudi beginnt, sich innerlich zu verteidigen gegen einen Unbekannten, der ihn anklagt, der -chm zürnst, erst heimlich leise, dann drängeiwer: „Schäm Dich! Du hast Deinen Nächsten geschlagen!" „Aber," entschuldigt sich Rudi, „er wollte mir das Brot in den Mund schieben, das ist Sünde :t . „Warum hast Du vor chm geprahlt. Laß Du nicht essen willst?" fragt der Unbekannte. „Weißt Dn nicht, daß Dein Freund Dich nicht verstehen kann? Dn mußtest chn freundlich und geduldig belehren —oder schweigen. Mer schlagen — schlagen — heute am heiligen Tage, da die Deinen alle in Reue und Buße Gott um Vergebung flehen, — das ist Sünde, Rndß merkst Du es wohl" _ 7250