Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Seite 3 zum ordentlichen Professor, bewies' dessen wissenschaftliche' Unfähigkeit und erreichte dessen Degradierung zum Privatdozent. Jetzt ist Schumuleanu endlich von der Leitung des chemischen Institutes aus dem gleichen Grunde entfernt worden. — Die gefahrdrohenden Fortschritte des Antisemitismus — und zwar des öffentlichen —, haben eine Anzahl unserer jüdischen Notabeln veranlaßt, sich nach Selbsthilfe umzusehen, und so ist — dank der regen Tätigkeit, welche der Rechtsanwalt Dr. Stern und Rabbiner Dr. Beck-Bukarest entfaltet haben — her „Verband ansässiger Juden" zu Stande gekommen. Der Verband will die Interessen der einheimischen, in Rumänien geborenen Juden vor der Regierung vertreten. Die Lösung der jüdischen Frage soll auf erlaubtem Wege erstrebt werden, sie soll nur im Lande und durch, das Land geschehen mit Ausschließung jeder ausländischen Politik. Ferner hat sich der Verband zuiN Ziele gemacht, den rumänischen Bürgern zu beweisen, daß wir keine Fremden hier sind, wie wir genannt und betrachtet werden. Und um beide Völker zu brüderlichen Beziehungen zu bringen, hat der Verband' u. a. auch den kulturellen Weg gewählt, indem er einen Verlag gründete. Broschüren und Flugblätter werden unter den Rumänen verteilt, damit das Volk uns und unseren Wert kennen lernt. Der Verband strebt also dahin, Juden und Rumänen zu verbrüdern, zu assimilieren, was zu unserem Bedauern ohnehin schön genug geschieht. Doch, verlangen die Rumänen von uns dieses Opfer nicht, sie wollen uns überhaupt nicht haben. Andererseits aber verursacht dieser Punkt des Programmes des V. d. a. I., daß die Religiösen und Nationalen unserer Brüder sich von ihm fern halten. Ferner stoßt die Propaganda des Verbandes in der Provinz auf ein anderes Hindernis, aus die Apathie der Juden in Rumänien. Die Mehrzahl unserer Brüder hat hier einen schweren LobejuK kam'pf zu führen, der täglich schwerer wird durch die bedrückenden Gesetze, sodäß sie fast keinen Sinn mehr für höhere Bestrebungen besitzt. Der Verband hat Ortsgruppen in den meisten Provinzstädten gegründet. Trotz den Hindernissen, mit denen er zu kämpfen gehabt hat, kann der V. d. a. I. eine ziemliche Tätigkeit aufweisen. Die Vorstandsmitglieder haben keine Gelegenheit unausgenutzt gelassen, dem Minister und' sogar dem König Memoranden vorzulegen; sie haben wiederholt der Regierung den scharfen Unterschied klar gemacht zwischen wirklichen Fremden und Juden, — und oft haben sie Erfolg gehabt und drohende Gesetze vom Haupte unserer Brüder abgewälzt. Nur die letzten Verwendungen gelegentlich der Gesetze der Zünfte und der Reisepässe, worüber ich im vorigen Brief berichtet habe, haben kein befriedigendes Resultat ergehen. Ebenso hat her Kriegsminister die Bitte des Verbandes für die jüdischen Mediziner abgelehnt, die dahin ging, man möchte ihnen eine Verschiebung von: Militärdienste bis zum 27. Altersjahre gewähren, damit sie ihr Studium beenden können, wie es die rumänischen Mediziner haben. ' J. „Vornehmer" Antisemitismus. Der Herausgeber des Kunstwart, Dr. Ferdinand Avcnarius, ersucht uns um Abdruck der folgenden Zeilen: Unter der Ueberschrift „Vornehmer Antisemitismus" ist im „Berliner Tageblatt" ein Aussatz erschienen. Es heißt darin u. et.: „Der Kunstwart hält sich viel zu gut auf seinen vornehmen Charakter und behauptet, in der Judenfrage einen ganz „objektiven Standpunkt zu besitzen", aber dieser, tageblattdeutsch zu reden, von ihm „besessene Standpunkt" hindert ihn nicht, notorische Antisemiten tu seiner Zeitschrift schreiben zu lassen. In einem Artikel hat der agrar-antisemitische Schriftsteller Ph. Staufs den Abgeordneten Gothein und den von diesem geleiteten Verein zur Abwehr des Antisemitismus in höchst persönlicher und von gröblichen Unterstellungen wimmelnder Weise angegriffen. Avvnarius hatte den Artikel ohne irgendwelche Einschränkungen ausgenommen mtd lehnte später sogar eine Richtigstellung des Abgeordneten Gothein aus nichtigem.Grunde ab." Diese Darstellung ist teils unwahr, teils unwahrhaftig. Avntkkwcker DraEWrI FmMeMLtk. . Unwahr ist, daß ich eine Rich-tigstellung des Abgeordneten Gothein abgelehnt hätte. Ich! habe mich vielmehr schon in einem ersten und nochmals in cineM zweiten Briefe bereit erklärt, sie zu veröffentlichen, unter der einzigen Bedingung, daß die persönlichen Beleidigungen gegen den antisemitischen. Debatteredner weggelassen würden. Unwahrhaftig ist sie, insofern das „Berl. Tageblatt" Tatsachen verschweigt, die den Sachverhalt in eilt ganz anderes Licht stellen. Das B. D. verschweigt, daß die Aenßerungen des Antisemiten in einer Sprechsaalaussprache über das Judentum stattfanden, die den ausgesprochenen Zweck hatte, Juden und Nichtjuden durch offene Darlegung ihres Denkens und durch die gegenseitige Besprechung ihrer Beschwerden einander besser kennen zu lernen. Dieser Zweck wäre verfehlt gewesen, wenn nicht wenigstens ein Antisemit auch seine Meinung von den Dingen dargelegt hätte. Das B. T. verschiveigt zweitens, daß diese Debatte von einem Juden cingeleitet, daß sie in weit übertoiegender Zahl von Juden geführt und daß sie von dem einleitenden Juden mit einenr Schlußwort beendet wurde. Diesem jüdischen Herrn ist auch der Beitrag des Antisemiten vor dem Druck vorgelegt worden und er hat khn in seinem Schlußwort berücksichtigt. Das B. T. verschweigt drittens, daß die Redaktion des Kunstwart noch ausdrücklich erklärt hatte, was sich bei Sprechsaalbeiträgen ja eigentlich Von selbst versteht: daß sie sich mit keinein der Redner identifiziere. Das B. T. verschweigt viertens, daß die Redaktion 'durch Mich in einenr eigenen, langen Anfsatz ihreit, vom Antisemitismus weit abliegendeu Standpunkt gezeichnet hat. Da dieser Aufsatz der Leitanfsatz desselben Heftes war, so ist es wohl nur dem B. T. gelungen, ihn zu übersehen. Herr Dr. Moritz Goldstein, auf dessen Kunsttvartaufsatz „Jüdischer Parnaß" hin die Aussprache mit Juden bei uns einsetzte, schrieb mir über ihre Durchführung: „Es drängt mich. Ihnen ^meinen Dank und, weint Sie da.s einem viel Jüngeren gestatten wollen, meine Anerkennung auszusprechen für Ihre ausführliche, tiefdringende, ruhige, höchst gerechte und durchaus offene Behandlung des schwierigen Problems. Mit diesem, Ihrem Vorläufig abschließenden Aufsatze ist die ganze Serie der Erörteirungen, >oie ich glaube, wirklich zu einem bedeutenden Dokumeitt geworden, das feine Wirkung Üben Muß, und ich bin überzeugt, daß die künftigen Debatten durch den Ton Ihrer Ausführungen ein für alle Male auf ein würdiges Niveau gehoben worden sind. Daß sich das „Berliner Tageblatt" bemüht, mich als Antisemiten zu diskreditieren, überrascht mich nach, meinen verschiedenen Kritiken 'seiner Redaktion und GeschäftssAhrung nicht. Der Kunstwort hat aber durch fein ganzes erstes .Vierteljahrhundert stets auch jüdische Mitarbeiter gehabt, hat sie heute und wird sie behalten. Wie ich das Problem sehe, habe ich gelegentlich der „Aussprache mit Juden" in meinem Blatt so fixiert: „Die Arbeit von Juden und Nichtjuden derart zu organisieren, daß beide ihre, der menschlichen Gemeinschaft nützlichen Vorzüge höchstmöglich entwickeln können, während sie sich gegenseitig mindestmöglich hemmen." Wichtiger als die Theorie erscheint mir das Oeffnen von Sprechplätzen, wie das der Kunstwart für sein Teil versucht hat, solchen,. die ermöglichen, offen, sachlich und ruhig att weit hörbarer Stelle auch mit dem Gegner zu sprechen. Daß wir ttns zu einer Aussprache in Sachlichkeit und mit Achtung vor abweichenden Meinungen bei der gegenwärtigen Gereiztheit und lleberempfindlichkeit aus beiden Seitetr erst erziehen müssen, habe ich gleichfalls als meine Meinung dort ausgesprochen. Fcrd. Avenarius. Aus öfter Weü. Deutsches Reich. Berlin. Das, deutsche Büro der Alliance Jsraelite Universelle versendet eitt Expose betreff, die Stellungnahme des Zentral-Komitees zu einer ne u e n d e u t s ch e n So »der -Organisation. Das Wesentlichste dieses Exposes ist der Beschluß des 'Zentralkomitees vom 4. «ept.,.von der Annahme der Statuten einer neuen Organisation in Deutschland, die den Namen „Deutsches Komitee der A. I. II." führen sollte, Abstand zu nehmen. i Die Gründe für diesen Beschluß werden am Schlüsse des Exposes wie folgt zusammengefaßt: 1. Nach der Ansicht des Zentralkomitees widerspricht es den Statuten sowie überhaupt dem Gedeihen der Alliance, wenn in irgend einem Lande eine selbständige Organisation ins Leben gerufen wird, an deren Spitze ein Ausschuß steht, der den Anschein eines Zentralkomitees 'hat, und der sich nolens volens veranlaßt sehen wird, die Rolle eines Zentralkomitees zu übernehmen. 2. Das Zentralkomitee spricht ausdrücklich jeder Organisation das Recht ab, über irgend einen Teil der Beträge selbständig zu verfügen und ist allein befugt, über die Verwendung der Alliaiicegelder zu entscheiden. Ueberdies genießen die deutschen Mitglieder gegenüber den Mitgliedern anderer Länder den Vorzug, die Monatsschrift „Ost und West" unentgeltlich zu erhalten. _ 3. Die Interpretation des Art. 18 der «tatulen, tote sie nunmehr gegeben wird, erklärt das Zentralkomitee als völlig irrig mtd zwar sowohl aitf Grund der bet Beratung der Statuten obwaltenden Motive, als auf Gruitb der Observanz. Dieser Artikel, der folgenden Wortlaut hat: . „Die Bezirks- und Lokalkomitees handeln in Fragen, "" die sich lediglich aus ihren Ort und Bezirk beziehen, selbständig, aber unter eigener Verantwortlichkeit" bedeutet, daß im Notfall, nämlich, wenn z. B. ein Jude resp. eine Gruppe Juden willkürlich oder ungerecht behandelt werden, das zuständige Lokal- oder Bezirkskomitee befugt ist, die nötigen, sofort einznleitenden Schritte zu unternehmen. 4. Ebensowenig kann sich das Zentralkomitee mit der allgeforderten Gründung eines in Berlin zu errichtenden Büros, welche Benennung es auch führen mag, einverstanden erklären, das als Zentralstelle für die Beiträge fungiere und an das die Bezirks- und Lokalkomitees verpflichtet werden sollen, ihre Eingänge gelangen zu lassen. Die Bezirks- und Lokalkomitees sind Organe, denen es absolut freistehen muß, mit dem Zentralkomitee direkt zu verkehren und dein Zentralkomitee die von^ihnen einkassierten Gelder ohne jede Bermittlung zu überienden. Hebers die Gefahr einer solchen Vermittlung hat uns nunmehr die Erfahrung belehrt. Berlin '"uS dem Verlauf der letzten Repräsentantensitzung der jüd. Gemeinde sei hier folgendes berichtet: Nach dem Bericht der Stiftungskoinmission verwaltete diese inl letzten Berichtsjahre 41 Stiftungen und beaufsichtigte 14 Stiftuirgen mit einem Mesamtkapitäk von 3150 000 Jk 418 Juden erzielten 80 959 Jk und 34 Christen 5105 Jk Der Rechnungsabschluß der Friedhofskoinmiss i o n stellt fest, daß sich die Einnahmen der Friedhofshauptkasse aus 881458 Jk und die Ausgaben auf 725109 Mark beliefen. Der Ueberschuß ist der Gärtnerei zu verdanken. Die Ar in e n ko m m iss i o n verausgabte 226 891 Jk Von den 2807 unterstützten Personen waren 558 Ausländer. Außerdem erhielten 815 Personen aus der Tageskasse Unterstützungen. Im Dienste der Arnienkommission sind 87 Herren, 12 Damen und 10 Beamte tätig gewesen. Es wurde die Anstellung eines Schulinspektors beschlossen. Grundgehalt 7000 Jk. Höchstgehalt 12000 Jk Der Versammlung lag ein Brief vor, der es als Mißstand bezeichnet, daß in der neuen Synagoge Fasanenstraße kein Fahrstuhl zur ersten Etage vorhanden sei; die Frauen seien atemlos nach oben gekommen. Berlin. Der Ausschuß des Deutsch-Jkraelit. Genreindebniides hat nunmehr die infolge des Rücktritts Professors Dr. Martin Philippson notwendig gewordene Neuwahl vorgenommen. Professor S. K a l i s ch e r von der Technischen Hochschule in Charlottenburg, langjähriges liberales Mitglied der Repräsentantenversammlung der Berliner jüd. Gemeinde, wurde zum geschäftsführe ii den Vorsitzenden gewählt. Stellvertretender Vorsitzender ist jetzt an der Stelle Direktors Minden Professor S o b e r n h e i ni, Schwiegersohn des Herrn Philipp S ch i f f - Frankfurt. (L.) Pose». Am 1. Oktober rücken die neuen Rekruten ein. Da ist cs denn angebracht, daraus hinzuweise», daß nach dem kriegsniinisteriellcn Erlasse vom 12. Juli 1832 den jüdischen Mannschaften das Recht zusteht, für ihre Beköstigung selbst zu sorgen. Im Lager und im Kriege soll diese Rücksicht nicht stattsinden; hier muß es ihnen überlassen bleiben, ob sie die gelieferten Speisen genießen wollen oder nicht. Diese Bestimmung ist bis zum heutigen Tage noch in Kraft. Es wäre wünschenswert, wenn Gemeindebehörden,. Rabbiner und Lehrer, die zum Militär tauglich befundenen jüdischen jungen Leute mit obigen Bestimmungen bekannt machen würden. Innerhalb unserer jüdischen Gemeinde besteht seit vielen Jahrzehnten ein Verein für rituelle Beköstigung, der unter Leitung unseres Oberrabbiners Dr. W. Feilchenfcld sowie der Vorstände dieses Vereins A s ch h e i m und W o l t h e i m nsw. steht. Aufgabe der anderen jüdischen Gemeinden unserer Provinz wäre es, nach dem Umfange ihres Etats' den genannten Verein mit einer kaufenden Subvention zu unterstützen. Oesterreich-Ungar». Pozsoutl (Preßburg). In der „Ungarl. Jüd. Ztg." lesen wir: „Eine sonderbare Auffassung von jüdischen Religions- Pflichten hat die vom religionsgesetzlichen Standpunkt aus unsinnige Gewohnheit erzeugt, daß die jüdischen Kaufleute, selbst wenn dem Roschhaschana Sabbat folgte, gewissenhaft nach den drei Sternen forschten, um.Freitag abends aufsperren zu können. In Pozsony ist erfreulicher Weise diesem Abusus ein