Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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keite 2. I 1 Nr- 38. sofern sie wirklich,« denrokratische Verbände sind und nicht vom Willen einiger Notabeln dirigiert werden. Was diese antokratisch-verwalteten großen jüdischen Organisationen betrifft, so ist die Alliance schon besprochen worden. Hier sei nur erwähnt, daß cs in letzter Zeit den Anschein Hat, als ob die Alliance sich aus dein Orient zurückziehen will, eine Absicht, die wir nur begrüßen können, in chrem Interesse wie in dem der orientalischen Anden. Die Pariser Herren werden sich dadurch die Scherereien und Kritteleien allzu neugieriger'jüdischer Journalisten ersparen, und die orientalischen Juden werden der durch die Alliance importierten Pariser Kultur der „Ecole Normale" los sein. In Marokko, wohin sich, die Alliance zurückziehen will, wird sie der französischen Regierung mehr nützen und dein jüdischen Volke weniger schpden und sich so um beide verdient machen. Die Jca nun — die Jca gibt nach wie vor jährlich ihre 8 Millionen Mark aus, sucht krampfhaft mach, Gelegenheiten, diese gut zu verwerten/ da sie ja die beste Gelegenheit, die Arbeit in Palästina, prinzipiell nicht benützen will; wie sie sagt, aus Rücksichtnahme auf die türkische Regierung. Es wird interessant sein, wie die Jca in Zukunft, da die türkische Regierung allem Anschein nach, ihre Stellung zum Zionismus revidieren will,' sich verhalten wird. Umso erfteulicher ^arbeiten die zwei großen demokratisch geleiteten jüdischen Organisationen: der „Hilfsvere in" verfolgt konsequent die Bahnen, die er seit seiner Gründung eingeschtagen, und sein Erfolg wird immer größer. Sollte die Alliance den Orient verlaffen und der Hilfsverein chren Platz einnehmen, so wird ihre Bedeutung noch, höher, und die unvergänglichen Verdienste seines edlen, von Liebe zum Judentum erfüllten Leiters, Dr. Pa-ul Nathan, noch größer werden. Und der Zionismus — über ihn haben wir noch vor kurzem, anläßlich der Jahreskonferenz, so eingehend berichtet, daß wir es uns jetzt ersparen können, ihn näh«: zu betracht«!. Er, der das letzte Wort der jüdischen Eigenart bildet, zeigt den einzigen Weg zur jüdischen Zukunft. Jede neue Position, die .er erringt, bedeutet darum einen neuen Stein unseres Zukunstsgebäudes. Und er erringt täglich.neuc Positionen. Taktisch, real und noch mehr ideell in seiner moralischen Wirkung, besonders bei der Jugend. Mag die äußere Lage der Judcnheit auch noch so traurig sein und vorläufig keine Anzeichen der Besserung aufweisen, die innere zeigt eine starke Tendenz zur Besserung. Und das gibt uns die Kraft, zu hoffen und zu glauben. Was uns Juden seit jeher erhielt, war nickst äußere Macht, sondern innere Stärke. Drum darf uns die Betrachtung des Jahres 5672 alles in allem zufriedeir und froh stimmen. Wir dürfen am Ende unserer Betrachtung ruhig und überzeugt sagen: Trotz alledem wird's besser! Alle Betrachtung des Vergangenen hat den letzten Zweck, für das Erwirken des Zukünftigen neu zu stärken. Die Revue des vergangenen Jahres soll uns neuen Mut und neue Kraft geben für die Arbeit inr neuen Fahr. Dies ist die Aufgabe aller rückwärtsschauenden Betrachtung, dies ist auch, die eigentliche Aufgabe dieser unserer Jahresrevuc. Ans de» Ereignissen des Tages. Zum Suttausfeste. SuNaus! Hütten — Acht Tage sollt ihr in Hütten wohnen! in schwankenden, fundamentlosen Hütten, die jeder Sturm hintvegfcgen kann, lind fest Jahrhundert«! feiert unser Volk dieses Fest, wohnt acht Tage lang in Hütten und vergißt ob der Freude, dieses eigenartige Fest zu feiern, die Unbill der Witterung, der es sich aussctzt, die Unbequemlichkeit dieses Hüttendaseins. Es muß ein tiefer Sinn in diesem Feste, in diesem Hüttcnwohncn, liegen, wenn die Thora es den! Juden so sehr ans Herz legt, wenn das jüdische Volk es mit solcher Freude, ja,Begeisterung feiert. Sukkaus scheint auf den erst«! Blick hin ein historisches Fest zu sein, ein nur historisches. Und in der Tat,.der Ursprung des Festes, ist ein historischer. Es soll zur ewigen Erinnerung an jene große, mühevolle Wüstenwanderung dienen, die unser Volk hat durchwachen müssen, bevor es das Frankfurter FsraelitffcheI FamWeEakk. Ziel seiner Sehnsucht, sein Land, erreicht hat. Aber selbst in dieser historischen Bedeutung greift das Sukkausfest weit über die Erinnerung anjene einmalige Wanderung, an jenes einmalige, lange Hüttenwohnen hinaus und erhebt sich zu einem Symbol der ganzen jüd. Geschichte. Wir sind das Volk der Hütten, unsere Geschichte ist eine solche des Hüttenwohnens. Seht sie an, diese schwankende, haltlose Hütte, ohne eine feste Basis und ohne ein sicheres Dach, jedem Eindringling offen preisgegeben, ünd fragt euch, selbst: Kann es ein treffenderes, schöneres Symbol für unser nationales Schicksal geben, als sie? Das Symbol unseres nationalen Daseins, das ist Sukkaus in seiner historischen Bedeutung. Wer das Historische ist nicht das Höchste. Höher als das Historische, festlich Bedingte steht das Ewige, Absolute, höher als das spezifisch, Nationale das allgemein Menschliche. Und wie alle großen Feste hat .sich, auch Sukkaus von der Bedeutung eines rein historischen Festes zu derjenigen eines allgemein menschlichen entwickelt, und ist nicht nur zum Symbol unserer nationalen Historie, sondern auch znm konkreten Ansdruck einer tiefen philosophisch-religiösen Idee geworden. Das Symbol unseres nationalen Daseins ist Sukkaus als historffches Fest. Das Syntbol des menschlichen Daseins ist Sukkaus als allgemein pHilosophischercligiöses Fest. Das Schwankende unserer nationalen Existenz führt uns Sukkaus in seiner einen Bedeutung vor Angen. Das Schwankende, Unsichere, Haltlose des menschlich«! Daseins überhaupt, daran gemahnt uns Sukkaus in seiner anderen, tieferen Bedeutung. Und die Idee, die es da symbolisiert, 'ist eine fundamentale Idee des Judentums, ist letzten Endes die Voraussetzung aller jüd. Weltanschauung, insbesondere aller idealistischen Weltanschauung überhaupt. Das materielle, konkrete, physische Leben ist haltlos, wurzellos, wenn ihm nicht eine geistige Ursache vorausgesetzt wird. Das physische Leben Hut seine letzte Ursache, seinen letzten Grund' in etwas Geistigem. Dies ist das große Fundament eines jeglichen Idealismus, ist die große Lehre des Judentums. Das Leben an sich., wie es sich täglich, vor uns abspielt, ist nur ein Hüttcnwohnen, unsicher, .schwankend. Erst wenn ihm sein geistiger Grund gegeben wird, dem es entspringt, wird cs zum sicheren, fest fundierten Gebäude. Diese Einsicht, wie leicht sind wir im Gewirr des Alltags in Gefahr, sie zu vergessen. Darum konimt das Sukkausfest, reißt uns für eine Woche aus unseren scheinbar so sicheren, festen Wohnung«: hinaus und läßt uns in der schwankenden Hütte wohnen, und gibt so dieser großen theoretischen Lehre ihr konkretes Symbol. Und noch eins sagt es uns damit zugleich: Wer denr einzeln«! Menschen Kraft und Stärke gibt, sind nicht äußere Fakten, reale Tatsache», synderu der innere Glaube, die seelisch,« Ueberzeugung. Verfüge über Millionen, über Heere, über alle Machtmittel der Erde und habe innerlich keinen Glauben, kein Vertrauen, und du bist ein schwaches Geschöpf. Demgegenüber sei arm, einsam, elendverachtet, verfolgt, und glaube felsenfest an dich, und an die Welt, und du bist ein Riese, ein unbesiegbarer Held. Diese große Lehre, für die cs ja keine glänzendere Bestätigung gibt als unsere Geschichte, spricht Sukkaus .laut vernehinlich aus. So gesehen, erwächst sich Sukkaus zu einem Feste von ttefer metaphysischer Bedeutung, das, wie alle jüdischen Feste, wenn man sic nur richtig erfaßt, uns die großen Grundideen des Judentums nach arrßen sichtbar symbolisiert. Darum auch, reiht sich Sukkaus an Jaum- KrPPur. Nach, dem Tag reuevoller Buße, da man, am Kriteriuin des Ethischen gemessen, die Schwäche des Menschen erkannt hat, konrmt Sukkaus und zeigt uns dieselbe Einsicht in erweitertem Umfang, als für das Leben überhaupt gültig. Zugleich, aber mit der Nichtigkeit alles Aeußeren verkündet cs die Größe alles Innerlichen. Alles Aeußerc schwankt und ist unsicher; der innere Glaube, das Seelische im Menschen, ist ewig und macht ihn zum Herrscher der Welt. So tönt Sukkaus letzten Endes doch, inr großen Akkord des ganzen Judentums aus; int Akkord von dem Triumph des inneren, seelischen, geistigen Menschen. Brief aus Rumänien. In letzterer Zeit haben, zwei Führer der rumänischen Antisemiten, die Fässycr Universitätsprofcssoren Cuza und Schi umule an ü, eine schmähliche Niederlage erlitten, die den! ganzen Lande zeigte, daß sie sowohl untauglich für ihr Fach als auch von niedrig«ir Charakter sind. . Ein rumänischer Rechtsanwalt veröffentlichte im vorigen Winter eine Broschüre, in der er nachwies, daß das Hauptwerk des Professors der Nationalökonomie Cuza, „Die Bevölkerung", ein literarisches und wissenschaftliches Plagiat nach ausländischen Autoren sei, — und dieses Werk hatte seinem Verfasser einen Preis der Akademie und den Prosessorrang eingetragen. Zunächst "hüllte sich Cuza in Stillschweigen, als jedoch der Skandal sich, über das ganze Land verbreitete, sah er sich genötigt, den Verfasser, der, wie er kühn behauptete, „von der jüd. Gemeinde, Kahal genannt, bestochen wurde, um den, großen Nationalkämpfer zu vernichten", vor Gericht zu fordern. Die Geschworen«! sprachen aber den Angeklagten, nachdem er für seine Behauptungen den Wahrheitsbeweis erbracht hatte, frei. Trotzdem dieser Mensch nun öffentlich, mit dem Stempel der Schpnde gebrandmarkt worden war, hörten seine Jünger nicht ans, ihn zu verherrlichen; ja, sie erklären ihn für einen Märtyrer des Kahals und der den Juden verkauften Richter! Selbst die Regierung unterstützt ihn, denn seine antisemitische Propaganda in der Judenstädt Jassy ist ihr sehr genehm. Nun zu dem Fall Schnmüleanu. Schmnnlcanu war während elf Jahren Vorsteher des' chemischen Institutes irr Jassy und ließ sich> in dieser ganzen Zeit gar vielerlei zu Schulden kommen; weil aber die meist«! Klagen gegen ihn von Juden gerichtet ivaren, beachtete sie die Regierung nicht. Als aber im letzten Jahre die Beschwerden gegen seine ungesetzliche Verfahren sehr heftig wurden und dazu noch von einem Kollegen, dem Professor, der Chemie Riegler, unterstützt wurden, sah sich endlich das Ministerium genötigt, einen Inspektor zu entsenden. Dieser fand große Unregelmäßigkeiten vor und machte einen Bericht, auf den hin der Minister Schumuleann wegen w i s s e n s ch a f t l r ch e r Unfähigkeit und schlechter Verwaltung des Amtes entsetzte. Der erste Grund mag besonders hervorgehoben werden, denn er war der Regierung schon längst bekannt und hat den Jassyer Juden manche traurige Geschichte verursacht. Bis zum Jahre 1908 pflegte Prof. Schumuleann bei den jüdischen Weinsch,entern Jassys Probeflaschen zur Untersuchung zu entnehmen. Stets behauptete er, darin schädliche Stoffe gefunden zu haben,, und die Folge war, daß er das betreffende Faß. Wein auf dje Straße goß, „damit die Pferde ihre Hufe in jüdischem Wein benetzen", wie er sich zynisch! ausdrrickte. Sehr oft goß er ein ganz anderes Faß Wein aus als das, von dem er die Probe genommen hatte, und mit Hilfe von Polizcikommissären tyrannisierte er die armen Weinschenker, die sich dem unmenschlichen Verfahren cntgegenMlten. Bemerkt sei noch, daß er nicht berechtigt war, den Wein auszuschütten. Dies währte so lange, bis endlich. Hundert der Geschädigten an den Minister des Innern eine Eingabe richteten und sich über die Schikanen des Professors beklagten, indem sie hinzufügten, sein Verfahren sei ein antisemitisches. Davon erfuhr Schumuleann, der das als eine „Verleumdung durch die Presse" betrachtete und die Weinschenker vor Gericht zitierte. Er verlangte als. „Reparation d'honnenr" 30,000 Frs. Zunt Prozeß wurde d«ir alte und berühmte Professor der Chemie Riegler als Expert berufen, und er bewies den Geschworenem, daß die Analysen der Weine, wie sie Schumuleann ausgeführt hätte, falsch seien und demzufolge die Resultate wissenschaftlich unrichtig. Wer Schumuleann hatte auf seiner Seite die Antisemiten Jorga und Cuza, und es galt, hundert Juden. zu entehren und zu erdrücken; Professor Riegler wurde außer acht gelassen, die Angeklagten verurteilt, und der siegreiche Chemiker . erhielt seine. gewünschten 30,000 Frs. Biele der Verurteilten aber gingen infolge des Prozesses Materiell und moralffch zu Grunde. Im vorigen Jahre erhob Professor Riegler seine Stimme gegen die Ernennung Schumuleanüs