Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kedaktion und Grpeditüm: Frankfurt «. M. rr Langeftr. 7. > Fernsprecher Amt I. 10507. » m < HeransgeSev: Saly chets.? ■ ■■ k . 1 Jnfrrlionsprris für die fünfgespaltene Petitzeile25 Pfg., für die Reklamezcile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate- « Heirat s-Armoncen IS Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne 1 jeden Rabatt. Platz, und Datum-Borfchrist ohne Verbindlichkeit.! - Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen»Bureans> Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4884. 11 — — - - Erscheint wöchentlich am Freitag, ifomgsprris pr» Zkirrlrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— - frei uch Haus. Bei-der Post abonniert Sü Pfa^, frei irck tauS 4 Pfg, pro Monat mehr — Bei Zuserunmg durch treifbanÜ für. Deutschland'und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, ' für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel- Nummern kosten 10 Pfg. » " - .! Wir können nunmehr zu Len anderen Ländern übergehen; doch bevor wir Deutschland verlassen, Vollen wir von dem erfreulichen Ergebnisse der letzten Tagung des Gemeindebundes,, die durch ein Kompromiß zwischen den divergierenden Anschauungen den Frieden innerhalb dieses. Bundes herbeiführte, Notiz nehmen. Wir registrieren dieses Geschehen nicht als ein bloßes Ereignis, sondern weil sowohl der zähe Kampf der Parteien um die neue Verfassung des Gemeindebnndes, sowie das Zustandekommen des Kompromisses symptomatisch ist für das zunehmende Interesse der deutschen, Judenheit an rein jüdischen Angelegenheiten. Dieses erfreuliche Faktum hätten wir noch mit vielen anderen Tatsachen belegen können, allein es genügtem Hinweis auf den Ton der jüd. Presse Deutsch lands> um sich! von der Richtigkeit unserer Behauptung zu überzeugen. Soweit das Judentum in Deutschland! Und das jüdische Zentrum, Rußland, wie ist es mit diesem bestellt? Auch in Rußland ist eine ausgesprochene Tendenz zum Judentum wahrzunehmen, die Massentaufen der letzten Jahre haben in diesem Jahre eine gewisse Abnahme erfahren, die jüdische Oeffentlichkeit, die sich' anfangs zu dieser Epidemie gleichgültig verhalten hat, fängt an, dich zu beunruhigen und sucht ihre Verdammung Iber Täuflinge zum Ausdruck zu bringen. Es ist lalfo zu hoffen, daß nach und nach die Taufepidemie, Ivenn sie auch wegen der verzweifelten Lage nicht ganz Ims der Welt wegzubringen sein wird, so doch ein- I zedämMt werden ftrirfr. I Die russische Judenheit weiß, daßder jüdi- Ijhe Organismus, dank den Ereignissender letzten IFahre, .nicht Mehr ganz intakt ist; spürt Man aber I rechtzeitig die Krankheit, dann ist meistens eine I Heilung Mögliche Sogar die Orthodoxie, die in I ihrer Untätigkeit sonst alles denk Himmel überlassen und daher nichts von der Aenderung der Zeiten! wissen wollte, sogar diese Meisterin der Verharrung, im Nichtstun Hat, die Zeichen der Zeit erkennend, sich! zu regen begonnen.. Und siehe! Auch der Chassidismus mit seinen Minderrabbis, die vom Wunder leben- und all das, was von den Mis- | magdim kommt, von vornherein verketzern, auch sie > sind nicht' Mehr in ihrem Besitz sicher/ und blei-! schwere Sorgen bedrücken auch ihre Herzen, sodaß sie nach Mittel und Wegen suchenum die schiefe Lage des Judentums zu bessern; an chrer Not klammern sie sich an die „Agudoh", und gar vieles erwarten sie von dieser Organisation. .Von sonstigen diesjährigen Ereignissen des Judentums in Rußland ist nicht viel zu berichten!; die jüdische Literatur hat wenig Werke von Bedeutung auf den jüdischen Markt' gebrach, der größte jüdische Verlag, „Tuschijah", der sich! mit noch Keinen jüd'. Verlagen unter dem Namen „Zentral" veri einigt; hat, hat dieses Jahr wenig. Mues herausgegeben; auch die Bücher der „Bibliotekoh gedau- Iloh" sind nicht ganz erschienen. Wie wir hören, »gedenkt der rührige Verlag im' kommenden Jahr meine alte Tätigkeit mit intensiver Kraft wieder aufzunehmen. Der Grund hierfür ist in der Verschlechterung der Materiellen Lage der jüdischen Mittelschicht, aus der sich die Käufer für hebräische Werke vornehmlich rekrutieren, zu suchen. - Im VerMtgenen Jahre sind - diele bedeutende Männer, wie M an d'elstaMM; Mprgolis u. d'. m., der russischen Judenheit durch den Tod entrissen worden. Zum Schluß wollen wir noch eines.Ereignisses -gedenken, das viel böses Blut gewacht hat pnd )n der Tat einen Fleck in der Geschichte der russischen Judenheit bilden wird: die Koalition der Chassidim mit den polnischen Assimilanten anläßlich, der Warschau er Gemein dein ah len. Was aber am bemerkenswertesten und bedeutsamsten an der ganzen Affäre war, ist nicht so sehr die schmachvolle Haltung der -alten Chassidim; wie die erfreuliche Stellungnahme der jungen Generation, die kraftvoll und empört gegen diesen! Verrat protestiert hat und die Hoffnung rechtfertigt, daß solches in Zukunft nicht mehr geschehen dürste. Sehen wir von Rußland nach dem benachbarten Oesterreich hinüber, so hat das letzte Jahr im inneren geistigen Leben der österreichischen Juden nichts wesentlich Neues gebracht. Der starke politische nationale Kampf, in dem sich die galizifche Judenheit seit Jahren befindet, dauert in unverminderter Heftigkät fort und die günstigen Folgen, die er hat, die zunehmend^ Nationalisierung der jüdischen Massen, machen sichj immer - stärker bemerkbar. Doch greift diese Nationalisierung nicht nur in der Breite üm. sich, sondern auch nach der Tiefe zu, und' das Interesse für die hebräische Sprache unp Literatur wächst sichtbar. Der imposant verlaufene Hebräertag in Lemberg hat dieser Strömung einen sichtbaren Ausdruck gegeben. Auch in Ungarn ist so ziemlich alles beim alten. Ueber die Heldentaten der ungarischen Orthodoxie brauchen wir jetzt kein Wort mehr, -zu verlieren; unendlich wichtiger und erfreulicher als alle Scharfmacherei en und Jntriguen dieser Herren von der „orthodoxen Konfession" sind die überall mit Jubel aufgenommenen Bestrebungell, eine Einigung der ungarischen Judenheit herbeizuführen, die, wenn noch zunächst am Widerstand der Orthodoxie gescheitert, mit der Zeit doch stärk an Boden gewinnen und die Tren- - nungsleute darin in eine solche Minorität bringen werden, daß sie entweder werden mitgehen müssen, oder über man über sie zur Tagesordnung wird vergehen können. Den Balkan überfliegen wir rasch-, erwähnen die erfteulichxn Fortschritte der jüd.-nationa- - len Bewegung, in Bulgarien, registrieren .die! unerquicklichen Streitigkeiten zwischen Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis und denbulgarffchxn Zionisten,! die nicht gerade für Dr. Ehrenpreis sprechen, und gelangen zur Türkei. Das wichtigste Ereignis iM inneren Leben der türkischen Judenhe it war wohl der heftige Konflikt zwischen HaiM-Nahum und der leitenden Behörde der türk. Judenheit:« dem Medschliß dschismani, ein Konflikt, der seine letzten Ursache in der nationalen Gesinnung dieser Behörde hatte. Der Konflikt ist bekanntlich gütlich beigelegt worden, indem der alte Medschliß zurücktrak und ein neuer gewählt wurde, der aus Vertretern beider Richtungen besteht und den Vertrag mit der Aschkenasimgemeinde, der bekanntlich das Streitobjekt bildete, guthieß. So ist alles wieder geeint und, wie es scheint, ist Haim Nahum gesonnen, die Lehren aus diesem Fall zu zieh'en und in Zukunft maßvoller und versöhnlicher zu werden. Er wird wohl eingesehen haben, daß die nationale Bewegung außerhalb der türkischen Judenheit nicht aufzuhalten ist und -als kluger Mann, der vor nichts größeren Respekt hat, als vor den realen Tatsachen und Machtfaktoren des Lebens, wird er sich wohl rechtzeitig zur neuen Strömung hinüberbalancieren. In Palästina entwickelt sich das jüdische Leben auch immer besser. Die Auswüchse einer irreligiösen Halbbildung beginnen sich zu legen», und das literarische Leben — Presse und Verlag — ist in günstiger Entwicklung begriffen. In dieser kurzen Revue läßt sich naturgemäß Palästina, in dem jedes kleinste Ereignis von der größten Bedeutung für unsere Zukunft ist, nicht so würdigen, wie es verdiente; wir müssen uns hier mit der Konstatierung der günstigen Entwickümg allein begnügen lieber Italien, dessen Judentum immer noch tot ist, über Frankreich, das seine schönste jüdische Frucht in Sal. Rein «ich gezeitigt hat, führt uns unser Weg nach« England. Das englische Judentum, durch den Tods des Oberrabbiners Adler seines Führers-beraubt, befindet sich noch immer in derselbeikheillofen Verwirrung, in 8er es! der Verblichene zurückgelaffen hat. Ein Qberrabbiner hat noch immer nicht gefunden werden können, der sowohl den Forderungen der jüdischen Gemeinden wie denen des englffchenPeers,Lord Rothschild, entspräche, und währenddem ist die ganze Institution, des Oberrabbinats in Gefahr geraten, aller Bedeutung entkleidet zu werden. Die Swaythling'sche Gemeinde hat den tüchtigen Dr. Jung zum Rabbiner gewählt, und es ist wahrscheinlich, daß die Eastendjuden Londons viel eher geneigt sein werden, diesen als ihre rrbbinische Autorität anzuerkennen, als einen Gentleman nach Gäschmack des Lord Rothschildder wohl eine gute englische Anssprache, aber dafür umso weniger jüdisches Wissen haben wird. Hoffen wir, daß die verworrene Lage endlich bald ein Ende nehmen und Lord Rothschilds einsehen wird, daß ein Oberrabbiner in erster Reihe jüdischer Rabbiner und nicht englffcher Gentleman sein muß. Und nun noch ein Sprung über den Ozean und ein Blick über Amerika. Die Meinung, die wir immer vertreten haben, in der sich alle Kenner und Besucher Amerikas einigen, daß dort drüben mit der Zeit ein großes und lebhaft pulsierendes jüd. Judentum erstehen wird, wird von Jahr zu Jahr mehr bestätigt. Die Assimilation, die sich in den ersten Jahren der Masseneinwanderung so stark bemerkbar machte, geht zurück, und lebhaftestes jüdisches Interesse erwacht .überall. Woran es noch fehlt, sind die Männer, di« Leit und Fähigkeit genug besitzen, dieses Interesse nun organisatorisch auszunutzen. Was in dieser Beziehung eine energische Persönlichkeit leisten kann, zeigt Dr. Magnes, der verdienstvolle und tatkräftige Leiter der jüd. Kehillah in New-Pork, und wenn eigens dazu bestellte Männer in noch größerer Anzcchl gefunden werden sollten, so ist noch viel, viel von Amerika zu erwarten. Nirgend vielleicht ist das Feld zur Arbeit so günstig wie dort, und gerade in letzter Zeit - hat auch die organisatorische Arbeit einzusetzen begonnen. Nehmen wir das Ganze zusammen und umfassen wir mit einem Blick das ganze innere jüd. Leben des vergangenen Jahres, so werden wir hier eine deutlich sichtbare Aufwärtsbewegung, eine Tendenz nach oben wahrnehmen können. Und was die einzelnen Länder zeigen, beweisen auch die großen jüd. Organisationen,, 10. Jahrgang. Mittwoch, Heu 14 Tischri 5673 (25 September 1812) «r. 38. Das Jahr 5672 (Schluß)