Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 34 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 34 Bumffttrfa? UvMilWeS AoMeMZA. Seme» (Wests.!. Nachtrag zum Bericht über die Synagogen-Einweihung: Nachdem die Festklänge verrauscht und der Alltag wieder an uns heran getreten, wandern unsere Gedanken in stillen Stunden noch einmal zurück zu der Stätte, die wir verlassen. Unvergessen werden uns die Begründer des alten Betraumes bleiben, deren Andenken Lehrer Bär in begeisterten Worten ehrte. Der Redner wußte die weihevolle Stimmung, in der sich die Gemeinde befand, in dem reichen Gedankengang seines Vortrages auf großer Höhe zu halten. Mit reicher rekhorischer Begabung ausgestattet, führte er verschiedene Midrasch-Erzählungen an. Men Zuhörern wird das Gleichnis unvergeßlich bleiben: „Wenn Freunde scheiden, geloben sie sich einige Treue. Diese Treue, das Unterpfand unserer Religion, möge die Grundfeste des neuen Gotteshauses bilden." E. L. München. Das «erwattungsgericht"har in einer Steuersache Israelit. Kultusgemeinde Lo hr kontra Isaak Blumenthal dessen Beschwerde kostenfältig verloorfen und zwar mit folgender Begründung: „Es ist davon auszugehen, daß den israelitischen Knltnsgemeinden zur Deckung ihrer Kultusbedürfnisse Finanzgewalt und Selbstbeftzeuerüngsrecht auf Grund eines schon vor dem Judenedikt bestandenen, in ihren Statuten formell zum Ausdruck kommenden Gewohnheitsrechtes zusteht. Insbesondere ist die Erhebung von Aufnahme- und Eintrittsgebühren staUhaft, wie auch die Zulässigkeit der Erhebung von S y nag o genplatz gebühren anerkannt ist. Das Besteuerungsrecht der israelitischen Kultusgemeinden erstreckt sich! nur auf ihre Angehörigen; die Zugehörigkeit zur Kultusgemeindc aber wird gemäß § 24 des Judenedikts und Zisfer 2 der Normativbekanntmachüng vom 29.- Junt 1863 stets durch den Wohnort bestimmt (S. Sammlung d. Entsch. d. BGH. Wind 27 S. 114). Daß Lohr vom Juli 1909 bis Juli 1911 sein Wohnortwar, kann Blumenthal nicht bestreiten. Die isr. Kultusgemeinde Lohr hat nun am 17. September 1905, also vor dem Zugang des Beschwerdeführers u. a. beschlossen, daß bom genannten Tage an „die Aufnahmegebühren eines neu zngehenden Mitgliedes 1O0 Mark betragen, außerdem hat derselbe noch für einen Frauen- oder Männerplatz je 100 Mark zu zahlen." Ein Grund, diesen statutarischen Beschluß als formell Ungültig anzusehen, besteht nicht. . . Daß Blumenthal, der in Lohr ein Geschäft betrieb und mit Gewerbv- sowie mit Kapitalrentensteuer veranlagt war, sich in wirtschaftlicher Selbständigkeit aufgehalten hat, kann nicht zweifelhaft erscheinen." Oesterreich-Ungar«. Wien. Jeder Tag bringt neue Beweise für den Antisemitismus der Behörden. Die leitenden Regierungskreise gehen mit „gutein" Beispiel voran. Sv ist am 17. August, einen Tag vor dem Geburtstagsfeste des Kaisers, ein Erlaß des Kriegsmiuisters veröffentlicht worden, daß nur solche Einjahrig-Freiwillige zu Reserveoffizieren ernannt werden sollen, - die'—. mit besondererBedachtnahme aufdas Milien, dem sie angehören, erwarten lassen, daß die Berufsoffiziere mit ihnen auch im nichtaktiven Verhältnis Verkehr pflegen. Oder einige andere Vorkommnisse der letzten Zeit: Die kaiserl. königl. Fachschule für Wirkerei in Schönlinde sucht einen Assistenten, die Stadt Schluckenau einen Tierarzt, —> und beide fordern den Taufschein als erste Bedingung. Budapests Die Gegnerschaft der offiziellen ungarischen Trennungsorthodoxie gegen die „Agudaß Jisroel"-Organisation erfährt in der „Ungar!. Jüd. Ztg." eine „ eigenartige Begründung. Das Blatt schreibt: „Wir haben es schon vor dem Kattowitzer Kongresse vorausgesagt, daß die ungarische Orthodoxie durch die Organisation in die kläglichste Lage geraten werde. Der „ungarische Standpunkt" verträgt keine Kritik. Soweit die Sphäre des gesetzlich konzessionierten Terrorismus des Trios „Frankl-Großberg- Hartstein" reicht, läßt man wohl oder übel die Fränkische Definition eines Orthodoxen über sich ergehen. Aber jenseits der Karpathen hat dieser Spuk keine Macht mehr. Zieht man den Schleier öijtt dem geheimnisvollen „ungarischen Standpunkt", .so steht man verblüfft vor dem seltensten Glaubensbekenntnis: Orthodox ist, wer die persönlichen Ziele der Kanzleiclique fördert, selbst wenn Fr sich einen Teufel um Wäbbat und Kafchxut schert; nicht orthodox ist derjenige Strenggläubige, der mit .seiner ehrlichen Religiösität hie Kreise der Herren stört. . ' . i Das scheint leider zu stimmen. Die offizielle ungarische Orthodoxie hat sich so sehr daran gewöhnt, es in ihren eigenen Reihen drunter und drübergehen zu lassen und ihre jüdische Tätigkeit hauptsächlich in der Kritik der andern zu betätigen, daß sie sich jetzt mit Recht fürchtet, durch die Agudaß Jisvoel in ihren bisherigen Prinzipien aufs empfindlichste gestört zu werden. R«tzla«L. Petersburg. Der Rat der Industriellen hat kW mit dem Odessaer Börsen-Kvmitee in dem Protest gegen die Massenausweifungen von Juden aus dem Gouvernement Cherson vereinigt und beschlossen, sich an den Ministerpräsidenten mit einer Eingabe zu wänden, in der darauf hingewiesen wird/ daß die Ausweisung von Juden, die sich vor dem August 1907 in Dörfern niedergelassen haben, dem feinerzeitigen Erlaß des Ministeriums' des Innern entgegenhandelt. . Bulgarien. Sofia. Der Zar empfing die Deputation der bulgarischen Juden in einer halbstündigen Audienz. Die Deputation überreichte eine Thorarolle mit ihren S ilber gerä ten als Jubilänmsgeschenk, und Grotzrabbiner Dr. Ehrenpreis hielt als Führer der Deputation eine Ansprache. Der Zar dankte mit großer Wärme für die Glückwünsche und „für das herrliche symbolische Geschenk", das er mit besonderem Vergnügen entgegennehme. Er sagte n. a.: „Ich bitte Sie, Großrabbiner, seien Sie hei Ihren Glaubensgenossen der Dolmetsch meiner besonderer Erkenntlichkeit für diese zarte Aufmerksam-, feit, die mich tief rührt, und meiner stets' unwandelbaren aufrichtigen Sympathien für meine jüdischen Untertanen. Ich habe schon pst Gelegenheit gehabt. Ihnen zu sagen, wie sehr sch das jüdische Volk hochschätze, und daß ich stets in meinen jüdischen Bürgern ein Element der Ordnung und des Fortschritts im Lande sehe. Sagen Sie Ihren jüdischen Mtbürgern, daß sie allerzett auf mein Wohlwollen rechnen dürfen." " Amerika. Chicago. Anläßlich seines 59. Geburtstages spendete der bekannte Philanthrop. Julius Rosenwald 687 500 Dollar für Gemeinzwecke und zwar je 250000 Dollar für die Bereinigten Jüd. Wohltätigkeitsgesellschasten und für die Universität in Chicago, 50000 Dollar für das Chicagoer Hebräische Institut zum Ban eines Gymnasiums, 25000 Dollar für das Marks Näthan-Heim für jüdische Waisen nsw. usw. PerMatte« tu Kleine Mitteilungen. Berlin. Zur Einweihung der Synagoge Fasanenstraße hatten sich eingesunden: Generaladjntant Generaloberst v. Kessel als Vertreter des Kaisers, Unterstaatssekrctär H o l tz, Ministerialdirektor v. C h a p - puls, Unterstaatssekretär Dr. Richter, Oberst von Brauchitsch, Oberbürgermeister Wermut h, Oberpräsident v. Conrad, Polizeipräsideist v. I a g o w usw. Die Festpredigt hielt Rabbiner Dr. Hochseld. "Berlin. Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Adolf P i n n e r, der bekannte Chemiker und Pharmakologe, feiert am 31. August seinen 70. Geburtstag. Stuttgart. Konsul Max Strauß ist zum Handelsrichter ernannt worden. —; In Buttenhausen feierte das Moses L'evi'sche Ehepaar die goldene Hochzeit. (L.) Pose«. Im 71. Lebensjahre verschied Louis Jacobus, langjähriges Vorstandsmitglied des Vereins „Anschei Chessed". — In Grätz starb die Witwe K a tz im Alter von mehr als 100 Jahren. bl. Setuyausen. Herrn Emanuel Somborn, der seit 30 Jahren in seltener Pflichttreue in hiesiger Kultusgemeinde das Amt des Synagogendieners ausübt, wurde durch den Landrat in Gegenwart der Synagogenältesten und des Kreisvorstehers das ihm von Sr. Majestät verliehene Allgemeine Ehrenzeichen in Silber überreicht. Walldürn. In unserer Synagoge fand letzten Samstag znmerstenMaleseitJahrzehnten wieder einmal an einem Samstag Gottesdienst statt und zwar aus Anlaß der Barmizwoh des Sohnes des Herrn Isaak Riselsheimer. Da hier nur drei jüdische amilien wohnen, ist sonst an ein Minjan nicht zu denken, ehrer Schereschewsky -Hainstadt leitete in feierlicher Weise den Gottesdienst. Hannover. Im 72. Lebensjahr verschied Frau Martha Hirsch, die verdienstvolle Vorsitzende des Isr. Frauenvereins. Prag. Anläßlich des ersten Jahrzeitstages des Börsenpräsidenten I. Kallberg spendeten Lessen Hinterbliebenen dem Israelit. Spitalbanverein 5000 Kronen. Krakau (Galizien). Die hier vor einiger Zeit gegründete Wach- und Schließgesellschaft stellt prinzipiell keineJuden an,—> ober die Abonnements hat sie sich meistens bei Juden geholt. Hoffentlich bekommt sie von ihren jüdischen Abonnenten die richtige Antwort. Pretztnrg. In Marienbad verschied im 62. Lebensjahre David Naß, Vorstandsmitglied der hiesigen orrthodoxen Gemeinde und in Budapest im 91. Lebensjahre der HonvedOberarzt a. D. Dr. Alois Klinger. der vier Jahrzehnte im Komitate. Bekes als praktischer Arzt wirkte. SlaSgov» (England). Hier verschied Benjamin Wvhkgemuth, eine Zierde des orthodoxen Judentums. Er wurde in Memelals Sohn des bekannten Rabbiners Jesajah Wohlgemuth geboren. Ragy-Tapotcsany (Ungarn). Es hat der allweisen Borschnng gefallen, Frau Sarah Bernfeld geb. Frei, Mutter von sechs jungen Kindern, in der Blüte ihres Lebens vom Erdenschänplatz in «in besseres Jenseits abzurusen. Die Verblichene, eine Enkelin des Chassam Sofer, war eine Esches-Chajil in des Wortes höchster Bedeutung. Ihre Klugheit, ihre wahre, tiefe und echte -Frömmigkeit machte ihr Haus zu äinent Tempel der Gottesfurcht und Gottesverehrung. S. Schlesinger. Lodz (Rußland). Im Alter von 43Jahren verschied der hervorragende Maler Iako b Katzen ell enb o g en. Winipeg (Kanada). Rechtsanwalt E. Lewtnsohn ist zum Generalprokuror ernannt worden. Ente 3. Vor Le« Tore« Prags. Historische Erzählung von A. E. Brachvogel.*) ' Es ist gegen 10 Uhr morgens, und eine Gruppe vornehmer Herren schreitet eben von der Kleinseitd über die Brücke her dem Altstädter Turme zu. Sie sind ihrem Range und ihrer Stellung nach, sämtlich kriegsmäßig bewaffnet, wie es die trostlose Zeit erfordert, und ihr Gespräch ist keines von den annehmlichsten. Allen vorauf schreitet derdreiundsechzigjätzrige General Graf Rudolf Colloredo, Stadthalter von Böhmen, Gouverneur von Prag und Kaiserlicher Ober- - bnrggraf auf dem Hradschin. Für sein Mer noch frisch 1 und rüstig genug, trug er den vollständige» Küraß der j schweren Reiter und den Helm, sodaß sein Oberkörper völlig in Eisen steckte. Die rote, gestickte Feldbinde und : die weißen und roten Federn kündeten sowohl seinen ' '-i Rang wie die kaiserliche Kriegspartei an, deren Haupt 4 in Böhmen er war, verhinderte ihn auch bereits sein 1 Alter, noch Truppen im offenen Felde zu führen. -vj Neben ihm schreiten Graf Wratislaw, Kommandant j der Kleinseite, ein Nachkomme der Piasten, und Clam Martinitz, Bruder des bekannten kaiserlichen Ratsherrn, ) der mit Slavata aus den Fenstern gestürzt worden war. j Beide kaiserliche Offiziere tragen als Infanteristen nur! Brust- und Rückercharnisch; statt der Eisenhaube aber : den Federhut. Diesen folgten an Joseph von Colloredos, i des Malthesers, Sette Reichsgraf Czernin von Chui^- j nitz und Janko Kinsky von Wichinitz. Czernin ist Gene- J ral und in den Fünfzigern. Er kommandiert die Be- } satzung der Altstadt. Kinsky, der andere, ein eben soer- 1 lauchter Böhme, ist der besondere. Liebling und Ber- - trauensmann der Altstädter Bürgerschaft. Der. letzte ist \ Baron Hartick, Befehlshaber der böhmischen Reiterei j auf der Kleinseite. Seine Schnürenweste, die weite, lange .; Hose in _bejt roten' Stiefeln, der ttunrme Säbel und! flatternde Mantel, endlich der Kalpak, dessen langer,! roter Zipfel ihm über dem Rücken hängt, kündigen ihn I als hen Chef jener leichten slavischen Rettertruppen 1 an, welche bereits unter Karl V. in der Schlacht bei Mühlberg hervorragend beteiligt gewesen wären. 1 Das Gespräch dieser Herren dreht sich im lang-; samen Dahingehen um das Thema: „Die Schweden 1 kommen!" und um die Frage, wann und von welcher Sette sie kommen könnten, woher die Nachricht einlief und ob sie verbürgt sei. ,1 Ein Mann folgt dieser Gruppe in geringer Ent- > fernung, der trotz seiner außerordentlichen Erscheinung i kein Krieger ist. Bon breitschultrigem, außergewöhn- 1 lichem Gliederban und das hochgerötete, nicht unedle, ' jedoch scharfgeschnittene Gesicht voll strotzender Mannesjugend. Aber sein Haupt ist gebeugt, seine Haftung gekrümmt, wie in sich eingesunken; seine Kleidungs sicht ' sehr schmutzig und abgeriffen aus. Er trägt einen {feinen! Ledcrranzen auf dem Rücken und in seiner Rechten einen starken Knüppel, dessen oberes Ende knorrig, dick und unregelmäßig wie eine Keule gestaltet ist. Hätte er auch nicht die fatale Plattmütze von schreiendem Gelb auf dem Kopfe gehabt, das Kennzeichen seiner verachteten Raffe, das schwarze, krause Haar, der - lange Bart und die scharf gekrümmte Nase hätten ver- . raten, daß er Jude ist. Auf seinem Antlitz lagen Scheu und tiefe Schwermut. Er beschleunigte sofort seine Schritte, als die Edelleute vor dem Altstädter Turm anlangten, wie wenn ihm an ihrer Nähe liege. Während Graf Colloredo an der Turmpforte rasselte, bemerkte Hartick den Juden., „Was willst Du, Kerl?" rief er mit allen Zeichen'' des Widerwillens. „Dränge Dich nicht so an uns, schmutziger Hund!" „Euer Gnaden wollt ich bloß gehorsamst bitten," sagte jener gebeugt, „mir zu erlauben, daß ich auch hinein in die Altstadt gehen darf. Mitt allein machen sie's . Tor doch nicht auf ..... Ich bin ein Metz- ' Händler und komme von 8er Reise zurück." „Wie heißt Du?" ftagte Czernin, sich wendend: -1 „Marcus, gnädiger Herr. Ich bin des Rabbi Spirn ] Sohn von der Alt-Neu-Schule." | „Ach, des gelehrten Simon?" rief Kinsky mitgnä--^ digerem Lächeln. „So stammst Du von dem leidlichsten 4 Manne cch, den Deine verdammte Brut auMweisenhal.1 Ich kann, glaube ich, für ihn stehen, General," wendetet *) Nach des Verfassers Erzählung „Simon Spiral und sein Sohn," j , © leutllefon. ©