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Neue jüdische Presse · 1912-08-30 · Heft 34 (30.8.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 34 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Leite 2. nung. Sie fft unser Schutz und unsere Rettung. Gelingt es uns, sie Hu gesunden Juden zu gestalten, dann haben 'wir Hoffnung auf eine jüdische Zukunft. Sollte es) wie ZPhjad-Haam meint, unmöglich sein, jüdische Bauern zu schaffen, dann, ja dann — sagt Klausner mit Recht — werden wir nichts erreichen. Der Glaube, daß es gehen wird) ist unser teuerstes Gut. Er gibt uirs die Hoffnung, daß unser Volk endlich einmal gesunde» und auf den Trünftnern einer Kultur einseitigsten Fntellektualichnus sich eine neue Kultur innerster seelischer Harmonie bauen wird.*) Ätts Le« Ereigniffett des Tages. Die ruffischen Juden und die Dumawahleu. Die russische Jüdenheit befindet sich! momentan in einer Periode höchster politischer Spannung und fiÄerhasten Effers: die Wahlen zur Duma rücken immer näher und näher. Das Interesse Ler ruffischen Juden an den DuMawählen erstreckt sich nach zwei Seiten hin: einmal, wie wird' das allgemeine BW der neuen Duma werden, und sodann — und dies ist die wichtigere Fratze —, wieviel AbAordnete werÄen die Juden als ihre Vertreter entsenden können. MS die eine Seite 8er Sache anbetrifst, so tzckben wir bereits unsere Ansicht dahin ausgesprochen, daß die neue DumL in ch'rer politischen Signatur nicht viel Äon der alten differieren wird. Dies Hat man auch Ln Rußland bereits erkannt, und sÄ rstÄlS Jntereffe für Hese Seite der Frage stur gering. Um so stärker und leidenschaftlicher ist Aas Interesse für die jüdischen Abgeordneten, die gewählt werde» können. Bekanntlich war die Vertretung der jüdffchen Interessen in der letzten Duma recht unbefriedigend-. Kn ganzen saßen nur zwei jüdische Abgeordnete in der DünM, von denen $er eine — FriedMann— fast ganz' verschwand und der iandere — MsselowitW — trotz seines guten Willens und redlichen Mftrs doch! nicht in der Lage war, die jüdffchen Interessen stets wirksam vertreten zu können. Daß er praktisch nichts erreicht hat, daraus ihm einen Vorwurf machen zu wollen, wäre ungerecht und töricht. Mn eine praktische, positive Judenpolitik in Ser Duma ist nicht zu denken, selbst wenn statt zwei etwa 10 judffche Abgeordnete in ihr säßen. Die Aufgabe, die gegenwärtig die jüdischen DuMaNbtzeordneten haben, ffij Mchr ideeller, moralffcher Natur: die DuMatribüne ist heute der einzige Platz, von dem die russffche Jüdenheit ihre Klagen und Leiden laut in die Well hinausrufen darf, wo sie sicher ist, daß ihre Stimme in ganz Rußland' vernommen Der geschätzte Verfasser zweiteilt das Judentum in ein blutrotes, warmes, lebensüberschäumendes und in ein blutleeres, fleischloses, kaltes, lebensfeindlichcs. Dies erstere ist das Prophetenjudentum, das letztere — das Ghettojudentum. Diese Ansicht vertreten die meisten jüdischen Schriftsteller der Gegenwart, allein wir vermögen nicht diese Anschauung zu teilen, weil sie den geschichtlichen Tatsachen widerspricht. Weder ist das prophetische Judentum lebensüberschaumend, noch ist das Ghettojudentnm lebensfeindlich. Fast sämtliche Propheten treten gegen das üppige Leben der Reichen auf, und fast alle Propheten führten ein Leben, das nichts vom Lebensüberschaumenden verrät. Die Lebensweise des Propheten Elia ist zur Genüge bekannt und ebenso des I e r e m j a. Und das Ghettojudentum, war dieses so lebensfeindlich und blutleer? Durchaus nicht, auch in den engen, finstern Mauern des Ghetto pulsierte das Lebenauch dort gab es, der damaligen Zeit entsprechend, Lebensfreuden, nur waren sie still, rein und keusch, der Lage und der Torah entsprechen. Doch hierin unterscheidet sich das Ghettojudentum vom prophetischen Judentum in keiner Weise, für das Reine, Sittliche und Keusche treten die Propheten gleich den Rabbinen des Ghetto ein, das „kedauschim thiju" (Heilig sollt Ihr sein) fordern erstere wie letztere. Ueberhaupt, wie konnten und dursten hie Rabbinen des Ghetto, die Nachfolger der Peruschim, gegen die Lebensfreuden austreten, wußten sie denn nicht, daß die Torah eine Torah des Lebens (,-toras chajim") ist? Gewiß ist es richttg, daß die Rabbinen den Schwerpunkt auf das Jenseits gelegt haben, allein dies taten, wenn auch in kleinerem Maße, die Tanaim, und sogar Ezechiel und Daniel betonen den Himmel. Der Mann nnt den schwachen Beinen ist kein Produtt des Ghettojudentums, sondern der Ghettomauern, ist es doch eine feststehende Tatsache, daß dieser Menschenschlag meist in den Ländern des Druckes, in Rußland und Rumänien, «rnzutrefsen ist, nicht aber in den Ländern der Freiheit, auch nicht unter der dortigen^esetzestrenen Jüdenheit. Auch die Propheten waren Männer des Geistes, und für ein,Mamlech'es kauhanim wegeuj ko d au s ch" traten alle Träger des Judentums von Moses bis Rabbi Chajim SoloweitzÄ ein, und doch war niemand von ihnen den reinen sittlichen Lebensfreuden abgeneigt. Die Redaktion. Mmckfürker ArMstWÄMmMenblittt. wird. Was die Vertreter des jüdffchen Volkes im der russischen Duma! zu vertreten und' zu verteidigen haben, ist in weit höherem Maße die nationale Volksehre als die.materiellen, praktischen Interessen. Dieser Gedanke ist es) d'er die russische Jüdenheit jetzt antreM, eine möglichst grosse Zahl eigener Vertreter enffenden zu können. In Warschau, Lodz, Wilna, Odessa haben die Juden die absolute Mehrheit, und noch in manch! anderen Kreisen könnte es .ihnen bei energischer, einheitlicher Arbeit gelingen, jüdifchp Kandidaten durchzubringen. Doch daran fehlt es gerade. Die alte jüdische Krankheit, die innere Uneinigkeit, droht auch wiL'er einmal alle Hoffnungen.zunichte zu machen. Von einer einheillichen jüdischen Leitung der Wahlkampagne ist nirgends! die Rede; jeder von den ' Führern handelt und 'treibt' Politik auf eigene Faust, und die Wähler selbst befinden sich völlig im unklaren. Das größte Jntereffe beansprucht die Wähl in Odessa. Dort, wo ein jüdischer Kandidat mit Leichtigkeit duvch'zubringen wäre, standen sich anfangs zwei Opponenten gegenüber: Sliosberg, der Füh>rer der jüdffchen Demokraten (unter der Führung Minawers), der seine Kandidatur in der ersten Kurie aufgestellt Halle, und der bekannte, hochbegabte Zionist Schavotinsky, der in der zweiten Kurie kandidiert. Wochenlang hat der Strell darüber getobt, in welcher Kurie der jüdische Kandidat aufgestellt werden sollte. Ns endlich die nationale Richtung siegte, indem von den Vertretern aller Richtungen der Odessaer' Jüdenheit einstimmig beschlossen wurde, den Wischen Verlleter aus der zweiten Kurie zu enffenden. Damit ist die Kandidatur Stursbergs von selbst hinfällig geworden. Doch da llat plötzlich! ein neuer Kandidat ans den Schauplatz, ein Verlleter der Assimilation, der der Zionist Sch'abotinsky mißliebig ist. Doch ist zu hoffen, daß auch! diese Kandidatur zurückgezogen wird und es gelingt, Scha- Votinsky als Abgeordneten zu enffenden, wodurch die russische Jüdenheit einen energischen, zielbewußten Verlleter erhallen wird, der ihre Sache nnt höchstem rhetorffchjem Geschick und innerster Begeisterung zu verlleten imstande ist. Die Aussichten der Jude» in den anderen Städten, besonders in Pvlen und Litauen, sind — wie gesagt — infolge der inneren Differenzen gering und unllar. Doch Machen sich' gerade in den letzten Tagen laute Stimmen hörbar, die den inneren Zwistigkeiten ein Ende machen und eine geeinte'Aktion sichern wollen. Sollten diese Bemühungen von Erfolg gekrönt sein, so wäre es sehr Möglich, daß die russischje Jüdenheit diesmal vier, fünf und noch mehr Abgeordnete entsendet und so wenigstens sicher ist, daß ihre Ehre nW von jedem Hooligän in der Dum'ä schutzlos mit Füßen getreten wird, daß vielmehr tatkräftige Schützer und Verteidiger stets auf dem Pasten stehen. Und dieses Bewußffein, wenigstens Nach außen ihre Ehre wirksam schützen zu Wunen, würde für die ruffische Jüdenheit in ihrer furchtbaren Lage wenigstens einen ideellen Trost bedeuten. Brief a«s Palästina. Vor zwei Wochen wurde in Rischlon-Lezion des Nachjts ein jüdischer Wächter ermordet. Der Mörder hatte es wahrscheinlich auf dasgute Gewehr des Wächters abgesehen und sich! -hinterrücks herangefMhhjen, ehe er zum tötlichen Stoß ausholte. Da nun die' lokale Behörde nicht energisch genug Kur Ergreifung! des Mörders schritt, wandten sichdie Kolonisten durch! Vermittlung des Herrn MntßH'i an den neuen Gouverneur von Jerusalem, Muchidr Bey. Dieser fuhr sofort in Begleitung .des Jerusalemer Stadtpräsiblllten und Äs Herr» Wnt'ebi in die jüdffchen Kolonien, dämft seine erste öffentliche Amtshandlung vornchMend. Er besuchte R echqboth, Rischon-Lezivn und Pethach- Tikwah. Er nahm die Kolonien eingehend in Augenschein. Seine Eindrücke wären die glänzendsten, wie er es immer wieder aussprach. Nach Beendung seiner Inspektion berief Much idi Bey die Gemeinderäte der jüdischen Kolonien nach dem Beth-Am (Volkshaus) in Rischon-Lezjion. In einer, langen, herzlichen Rede sagte er, daß die Türken den Juden sehr wohlgesinnt sind, . ' Nr. 34 denn die Juden nützen dem Lande und veranlassen keinerlei fremde Einmischungen und diplomatische Schwierigkeiten. Muchmit der zionistischen Bewegung sympathisiere die Regierung; hoben doch auch die Juden das Recht, ihre nationalen Eigenschaften zu entwickeln. Die Politik des „Türkisieren" habe bankrottiert. Er als 'Albanese sage den Juden, sie mögen ihre Interessen energisch verteidigen. Muchidi Bey setzte' sodann auseinander, welche Maßnahmen die Kolonien zur Verstärkung ihrer Sicherheit ergreifen sollten. Er riet, bei der Regierung um das Recht nach'zusuchen, sich als Münizipalität zu organisieren.' Dadurch würden sie das: Recht bekommen, eigene jüdische Gendarmen und''Stadtärzte, die den Behörden gegenüber offizielle Eigenschaft haben, anzustellen. Außerdem mögen sie "um die Erlaubnis zur Errichtung eines Telephonnetzes Wischen den Kolonien ansujchjen, damit ftn' Mtfalle die 'Wächterder einen Kolonie leichj nach, der anderen Kolonie berufen werden können. Muchidi Bey 'hat zwei volle Tage in den Kolonien zugebracht und bei der Fährt von Rischvn- Lezion nach Peth,ach--Tikw!äh auch das jüdische Stadtviertel Tel-Mviw und das hebräische Gymnasium in Jaffa besucht. Das Auftreten des Gouverneurs hat bei der jüdischen Bevölkerung einen glänzenden Eindruck gemacht und veranlaßt, däß. zähjlreichle noch nicht naturalisierte Juden um ihre Naturalisation eingekomMen sind. — In Bassora (Mesopotamien) erschien jüngst ein Jude, der behauptete, einem jüdischen Nomaden stamm anzugehören. Es gibt!m der arabischen Wüste jüdische NoMadeNstäMm'e; doch bekennen sie sich 'instilge des Fanatismus der Beduinen nicht offen als Juden. Einige Mekkapilger, die von mir befragt wurden, gaben mir folgende Nachrichten: Auf dem' Wege von Bässora nach Mekka befindet sich! ein Jud'enstantzn, der fünf Silberstücke von jedem vorbeigehenden Pilger erhebt. Ws ich 'sie fragte, woran sie erkennen, daß dies! Juden gewesen sind, antlwprteten sie, daß dieser StcrMM äM SäMstäg nicht arbeite;. wenn Pilger an diesem Tage vorbeikommen, gchen Weiber, ihnen däs Geld äWinehMen. Es existiert außerdem ein arMscher Bollsstamm „Benr-Säkh'ar" (Söhne Jffsachärs), dessen Religion sich von der Moslemitischjen unterscheidet und d'er jüdischen Religion ähinlich ist. Sie essen kein Kamelfleisch und llinken auch nicht die Milch dieses Tieres. Diese Kleinigkeit ist sehr wichtig, doch konnte ich nicht erfahren, ob sie den Sabbat feiern Und hebräisch reden. — Die von dem New Äjorker Philanthropen bei Gelegenheit seines Hierseins gegründete jüdische Volksküche erweist sich gerade diesen Sommer als sehr wohltätig, und es ist nur zu bedauern, daß nur 300 und nicht dreimal 300 Mittagefsen täglich verteilt werden können. Der Krieg mit Italien hat im Erwerbsleben sehr lähmend gewirkt. Hierzu koMMt noch: da jetzt auch! die Nicht-Mohamedäner dienen Müssen, so ist eine Anzahl jüdischer Militärpflichtiger ausgewandert und Hat Frau. und Kinder hier gelassen. Aus aller Mett. Lettisches Reich. Leipzig. Der Vorstand der hiesigen Leder-Meßbörse hat sich das unglaubliche Stücklein geleistet, die Michaelibörse auf Erew Roschhäschono zu legen, trotzdem die meisten Meßbesucher Juden sind. Rellamation hat nichts genützt, wie nachfolgender Bescheid zeigt: „Die von Ihnen angeregte Frage bezüglich der Verlegung der bevorstehenden Leipziger Michaelismesse in Rücksicht auf das jüdisch? Neujahrsfest ist bereits vor längerer Zeit verhandelt worden, und man ist zu dem Enffchluß gebammen, die Ledermeßbörse diesmal ausnahmsweise zeittger, und zwar von 2 bis 4 Uhr, stattsinden zu lassen, Mittwoch, 11. September." Gern hätte man den Meßtag verlegt, doch! ergab sich dies als untunlich infolge der zwischen den Frankfurter und Leipziger Stadtverwaltungen seiner Zett fest- Zelegten Vereinbarungen. Die Frankfurter Messe ist am 9. nick» 10. September, und nun hätte man entweder 8 Tage zeMger oder 14 Tage sMer Pen Leipziger Ledermeßtag ansetzen müssen; beide Termine erachtete man als ungeeignet. . Kommerzienrat Süßmann. 1. Vorsitzender der Leder-Meßbörse zu Leipzig.

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