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Neue jüdische Presse · 1912-08-30 · Heft 34 (30.8.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 34 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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^pa™'.-iUlr ■" , .. . ■ —-< Erscheint wöchentlich am Freitag. . . Btnssvtns pr« Ilirrlrtjahr: In Frankfurt a. M. Mt. I.— frei ms Haus. Bei der Post abomriert 90 Pfg.» frei inS - Haus -4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zuseiwüng durch i Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mt. 1.5V, -für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Ml. 2.— Eistzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. rr Cangeftr. 7 Fernsprecher Amt I. 10507. Jnsertiouspreis für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg.. für die Retlamezeile Mt. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz-und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme beider Exped. und incuAnnoncen-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M unter Nr. 4864. 10. Jahrgang. Freitag, de« 17. LUul 5672 (3V. August 1912) Kr. 34. Intellektualismus und Harmonie. EineKritikdes Achab-HaäMisMus. Bon Ben-Koheläth. - Achad-Haam ist wieder einmal aktuell. Er Hat nach dem Zionistenkongreß eine Reise nach Palästina unternommen und ü&tt seine Betrachtungen einen längeren Ähuffatz veröffentlicht, in dem. er den Nachweis dringen wollte, daß die Entwicklung der Kolonisation und' des jüd. Lebens in Palästina ^durchaus den Anschauungen entspreche, die er seit, zwei Jahrzehnten vertritt. Darob ist wiü>er eine Polemik entbrannt, sowohl in der zionistischen Presse deutscher wie hebräischer Sprache. Welches -sind nun die Anschauungen Wch ad- H a a M s? Man faßt sie gewöhnlich unter dem einen Namen bieg „Merkos ruchni" (geistigen Zentrums) zusammen. Die ökonomische Lösung der Judenfrage hält Achad-HaaM in Palästina für unmöglich. Zudem, meint. er,, sei die wirtschaftliche, m ia t e r i e k l e JudenfvNge nicht die brennendste Seite des Problems!;, vor allem! gelte es, die geistige Judenfrage zju lösest; nicht die Judenfrage, sondern die Judentumsfrage Müsse uns in erster Linie, beschäftigen. Die JudentuMsfräge könne cch'er und nur sie allein kann-77 nur in Palästina gelöst werden. : Dieser Ächad-Haamische Standpunkt ist ja alt mnd bekannt, und es wäre nicht nötig, nochmals i puf ihn einzugehen, wenn er nicht gerade in - letzter Zeit an Anhängern gewonnen hätte, und wenn ferner unter der ganzen Frage nicht noch lein weitaus größeres und bedeutsameres Problem verborgen wäre, das an die letzten Fragen der jüdischen Renaissance rüh^t und von entscheidender Bedeutung für unsere ganze nationale Zukunft ist: Die praktische Widerlegung des Achad- Haamffchen Standpunktes voM ökonomischen und soziologischen Standpunkt aus ist 'schon oft in erschöpfender. Weise gegeben worden, —. zuletzt von Dr. I. Klausner in seinem Artikel: Hamann weumoh (Masse und Nation) —. Der aller Erfahrung und allen soziologischen Gesetzen hohnsprechend'e Gedanke, ein geistiges Kulturzentrum' in einem. Lande für ein Volk gründen zu Wollen, dem die ökonomische, politische Basis fehlt, leuchtet in seiner Unmöglichkeit jedem ein, der für tzie realen Fragen des Lebens nur irgend welches Verständnis besitzt. Man braucht wirklich kein Anhänger der Materialistischen Geschichtsauffassung Kr sein, uM zu wissen, daß alle geistige Kultur eines Volkes haltlos, wurzellos ist, wenn ihr die wirtschaftliche Unterlage fehlt, daß es für die Dauer unmöglich ist, ein Land geistig beherrschen zu Wollen, das Man faktisch, ökonomisch nicht beherrscht, haß ein geistiges Kulturzentrum in Palästina stets in der Luft schweben würde, wenn es nicht auf einem jüdischen Bevölkerungszentrum bä- .siert. — Um eine Kultur zu schaffen, die in der Luft schwebt, brauchten wir aber wahrlich nicht nach Palästina zu gehen. In der Luft schweben! Hier liegt der eigentliche Hund begraben. Hier rühren wir an das weit allgemeinere, umfassendere untz tiefere Problem, das dem ganzen Achad-HaUMismus zugrunde liegt und ihm seine eigentliche Bedeutung und Gefahr verleiht. Der Achad-HaamisMus als GeVankenkoMplex, als Inhalt ist von geringer Gefahr; der Wchad--H aanrisMus als Methode, als Standpunkt, als Prinzip, als Art und Weise, die Welt int allgenteinen, die jüdische im besonderen, als Veranlagung zu betrachten, ist von einer Gefahr, die uns zugrunde richten kann. Was bedeutet , nun 8er Achad-Haamismus als Prinzip, als Veranlagung? Er bedeutet die Fortsetzung des jüdischen Intellektualismus des Ghettos. Es gibt keine Wesensveranlagnng des heutigen Juden, die allgemeiner anerkannt, einstimmiger zugegeben wäre, wie . diese.. Welches Bild sich auch ein' jeder, vom.Wesen des Juden Macht, dieser Zug eines einseitigen Intellektualismus fehlt nirgends. Wan streitet, ob er angeboren oder anerworben ist, und uns Juden der Renaissance ist es innerster Glaube, heiligste Ueberzeugung, an die rdir uns klanftnern, daß er nur. anerworben ist; daß er aber da ist, das hat noch niemand bestritten. Was dieser AAsenszjug aber bedeutet, darüber sind 'wir Juden uns meist im unklaren. Weil uns diese Jntellektualitak so eingewurzelt ist, sind wir unfähig, sie objekttv eiNzUschätzen und zu beurteilen. Zuweilen erblicken wir in ihr noch einen Vorzug und ahnen nicht, daß kein Feind der Welt uns mehr schaden kann, uns mehr geschadet hat wie' dieser Zug unserer Natur. Denn was wir diesem einseitigen Intellektualismus verdanken, ist nichts Mehr mt& nichts weniger als die Unfähigkeit, alles Konkrete, Anschauliche in diesem Leben zu schätzen und zu genießen. Indem , er uns schier unbegrenzte Fähigkeit zum Abstrakten verleiht, raubt er uns allen Sinn für das Warme, Faktische, Plastische im Leben. Er führt uns hoch, in die lustigsten Höhen reinster Abstraktion; läßt uns'aber vergessen, daß es' wohl schön, und heilsam ist, in diese Sphären wphl hier und bk Mstecher zu unternehmen, daß äs jedoch eine Gefahr ist, Hort für tzie Dauer zu leben. Der Mensch ist für die Erde geschaffen, auf der Erde, im Konkreten, ruht für ihn alle Möglichkeit zum Glück, zur Lust, zur Freude. Wer wußte diese Wahrhell so gut wie das alle, währe, blutrote Judentum? Wer hat sie so vergessen wie das fleischlose, knochendürre, gerippenartige, kalte, aschfichle Ghettojudentum? Zum Leben ist Wärme nöttg! Droben in den kalten Höhen unserer intellellualistisch-abstrall'en Well sind uns die meisten Organe verkümmert, erfroren,- sind wir zu Krüppeln geworden. Ihr kennt den Typus der Goluthjud'en? Den kleinen Wann mit dem unproportionalen, übergroßen Kopf, mit der Riesenstirne und ihren tiefen Furchen, mit dem Kopf, der auf einem kleinen, schmalen, fleischlosen Körper sitzt, mit enger Brust und schwachen Beinen. Dies ist nicht nur das Bild des Ghettojuden, sondern auch des Ghettojudentums. Sv sind wir geworden, wir, die Enkel der lebensüberschänmenden, Muskelstarken, leidenschaftsgewaltigen Propheten, hie von Abstrallion nichts wußten, bei denen jedes Wort Farbe und Ton hat, die größten aller Wortplastiker der Geschichte, die Denker mit der konkretesten Denkart! Und anstatt unsere Degeneration zu erkennen, anstatt auf Wittel zur Heilung zu sinnen, prangen wir noch mit unserem extremen Intellektualismus, bilden wir uns ein, dadurch mlen anderen voran zu sein und wissen gar nicht in unserem Wahnwitz, daß das Kriterium für die Kultur eines Menschen und eines Volkes nicht logischer, sondern künstlerischer Natur ist, daß Kultur nichteinseitige Ausbildung des Geistes, sondern harmonische Ausgleichung der Seele ist. Der Sinn für die innere Harmonie ist uns verloren gegangen; ihn wieder zu gewinnen, ist die größte Unfgcche der jüdischen Zukunft. Wenn darum ein Achad-Haam kommt und uns seine Idee vom „geistigen ZentrNmj" als Weg zu unserer Regeneration predigt, so sagen wir: Das ist nicht der Weg zur jüdischen Renaissance, sondern ist die Fortsetzung des jüdischen Goluth! Denn die jüdische Renaissance wird nicht in erster Linse für unseren Kopf, sondern für unsere Beine sorgen. Laßt uns erstanfhören, Akrobatik zu treiben, laßt uns wieder festen Boden gewinnen und die Fähüfleit wieder erwerben, fest und glücklich auf deM Boden zu stehen, dann sind wir sicher, daß die jüdische Renaissance kommen wird. Denken Dunen wir üBergettujj. Was wir nicht können, ist: lachen, spielen, fest schreiten, schauen vor allem; das Müssen wir lernen. Zu all dem aber müssen wir ein Land, einen Boden, einen eigenen Flecken Erde haben. Ein Land für uns Juden fordern wir; ein Zentrum für unseren Geistf-ord e r t Achad-Haam. IM UnterWede der Forderungen ruht der Gegensatz von jüdischem Goluth und jüdischer Renaissance, ruht der Gegensatz von Achad-Haam und Theodor Herz^. Jawohl, Theodor Herzl! Heute erkennen wir es mähr denn je! Er hat uns den Weg gewiesen. lWll seine einzelnen Ideen waren fälsch; im einzelnen .hat Whad-HäaM viel richtigere Ansichten wie er vertreten. Im ganzen stähl er so himmelweit über' Achad-Haam. wie das Judentum der Zukunft über dem Judentum der Gegenwart. Ächad-HaaM grübelte jahrelang' über, die Judenfrage und ersann als letzte Lösung die Mißgeburt: ein „geistigäs Zentrum" für das Judentum. Herzl erkannte in einem Augenblicke die JuLenfrage, und sofort stand ihm tzie Lösung fest: ein konkretes Zentrum für das Judenvolk. Achad-Haam kam eben vom Ghetto und Herzl vpn der Assimilation. Es klingt paradox, über es ist so: In der Verschiedenheit ihres Ausgangspunktes wurzelt die Ursache ihres Gegensatzes. Achad-Haam kam uw- Mittelbar von der intellektualistischenj Well des GHet? tos zur Lösung der Judenfragö; und was' er gäb, war die Fortsetzung des Goluth. Herzl kam von der fremden, gesunden, lebenswarmen, blutvollen Kultur Europas 'zur Judenfrage; und wks er gab, war die Verneinung des Goluth. Darum hat uns Herzl einen festen Weg vorg^eichnet: Der Weg vom Goluth nach Zion wird über Westeuropa führen. Es ist ein unerhörter Wahnwitz, wenn wir in chauvinistischer Einbildung glauben, die anderen westeuropäischen Nationen entbehren zu können. Ohne sie können wir nicht gesunden. Erst müssen wir bei ihnen lernen^ was es heißt, harmonffche, gesunde, kräftige Menschen zu sein, bevor'wir daran gehen, ganze, harmonische, gesunde Juden zu werden. Darum sind wir noch gar nicht reif, hie neue alte jüdffche Kultur zu schaffen. Erst müssen wir einen neuen Schlag von Juden haben, ausgewachsen in normalen Verhältnissen, drüben in Palästina, bevor wir daran denken Kirnen, unsere neue, harmonffche Kultur aufzübauen. Was wie jetzt kulturell leisten, ist nur Borbereitungsarbeit, vor allem nur Mittel zum nächsten Zweck: neuej, gesunde Juden zu eiziehen. Dort die aufwachsende Judenhell Palästinas, auf ihr rußt all unsere Hoff-

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