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Neue jüdische Presse · 1912-08-23 · Heft 33 (23.8.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 33 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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t b t < r it 11 it 3' r & it it e r it e u u e c i den wehrlosen Juden, — und so istine Lage -der Juden Galiziens gegenwärtig eine solche geworden, daß sie. eine Katastrophe genantit tyerdxn muß. „Sie werden jetzt, vom letzten ihrer Gebiete, dem k a u f«-- m' ä n n i sH e n, s y st eNrü t i s.H v e r t r k eV en. Man spricht -und spricht mit Recht derzeit von einem, wirtschaftlichen Pogrom in'Galizien und in der Bukowina. Bor einigen Monaten sind^Tausende voii galizischen Schänkern durch! die Straßen Wiens gezogen, um die Hülfe des Kaisers und des Parlaments gegen ihre Mässenkündigung anzurufen. Jetzt häufen sich die Fälle geschäftlicher Zusammenbrüche jüdischer Kausleute in einer erschreckenden und unerhörten Mt." Das polnische Volk wird nämlich unter der Führung der höchsten Landesbehörden und der Geistlichkeit wirtschaftlich organisiert. Int letzten Dorf wird der Jude boykottiert, indem man ihm einen polnischen Konkurrenten gegenüberstellt. Aber damit noch nicht genug! — Eines blieb auch da den Juden!: sie konnten unter einander wirtschaften und sich, dem Export zuwenden. Jetzt ist auch dies erschwert worden, indem die Oesterreich i s ch - U n g a r i sch e Bank die Einschränkung der Kredite für Galizien verfügte. Und „ohne Kredit können die kleinen Unternehmer nicht leben, und so fallen sie denn auch« reihen-, weise. Einer zieht den andern nach sich und das Elend wächst denn auch! wie eine Lawine.^ „Was wird die Folge sein?" fragt das Wiener Blatt. iEs antwortet : „Dass Gespenst des Hungertyphus zieht herauf, Mer was noch ärger ist, das des sittlichen und moralischen Verfalls. Der Mädchenhandel wird in Blüte'stehen, unter dem eisernen '■ Druck der Not muß die Kriminalität wachsen, die Hungerndest Kinder werken vernachlässigt und reif für die ärgsten Verführungen, die Erwachsenen werden jeden Halt verlieren." Und die Hülfe? „Die galizischen Juden müssen Arbeit und Erwerb finden. Sie müssen das bißchen Geld .wieder haben, um ihren Bienenfleiß betätigen zu können, umihren Kindern das Brot des Fleißes und des Körpers zu geben, .um' das böse Werk ihrer Feinde zuschänden zu machen. Wirtschaftliche Organisation und U n t e r st ü tz u n;jg ist das Schlagwort ihrer Existenz!" Zum Schluß wendet sich Bloch's Wochenschrift an die OrgaUisahwn der galizischen Juden der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, diese Hülfe zu leisten. Diese ist in Wirklichkeit auch? die Nächst- Verpflichtete und wohl imstande, die nötige Hülse zu ermöglichen. r r P :t it r r e i > it it u l it r Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin Der Htlfsverein der. Deutschen Juden bat durch! seine Konstantinopler Vertreter den durch' die Erdbebenkatastrophe am Bosporus geschädigten Juden seine Hilfe angedeihe» lassen. Unter dem Erdbeben hat nämlich auch die jüdische Bevölkerung, der betroffenen Städte außerordentlich gelitten. In der Stadt Tschörlu brannte infolge des. Erdbebens ein großer Teil des jüdischen Viertels nieder. 150 Häuser wurden ein Raub der Flammen, und mehr als 800 Personen sind völlig obdachlos. Der Schaden, den die jüdische Bevölkerung in dieser Stadt allein erlitt, beträgt über - lVa Millionen Mark. Berlin. Das Warenhaus A. Wertheim hat aus Jerusalem wieder eine große Sendung von Bezalel-Erzengnissen erhalten. Es befinden 'sich unter Diesen Erzeugnissen jüdischen Kunstsinns und jüdischen Fleißes Kupfer- und Silberfiligranarbeiten, Elfenbeinschnitzereien und Schmuckgegenstände für Synagogen. Breme«. Gelegentlich meines diesjährigen Aufenthaltes ans Norderney habe ich mich zu wiederholten Malen von der vorzüglichen Einrichtung des Erholungsheims der. Zions löge Hannover überzeugen können. Wohl jeder Kurgast kennt den großen, herrlichen Neubau in der besten Lage des -Ortes. Seine innere Einrichtung entspricht dem äußeren Anblick. Prachtvolle, lichte Schlafräunie bieten den vom Spielen -und Tollen ermüdeten Kindern willkommene Ruhestätten. In einem großen, schönen Speisesaal stärken . sie sich, und ein' großer Spielplatz und weite, offene Liegehallen tragen den, Charakter des Hauses als Erholungsheim und Kurhaus Rechnung. Man sieht den- Kindern, Knaben und Mädchen, die ans allen. Teilen Deutschlands hier zusainmenwmmen, an, baß nichts unterlassen wurde, ihnen den Aufenthalt angenehm und nutzbringend zu gestalten. Besondere Erwähnung verdient die umsichtige und gewissenhafte Leitung der beiden hannoverschen Damen, Frl. Frankenberg und Frl. Frensdorf, die es mit bewunderungswürdigem Talent verstehen, ganz allein pme ^)|VUUUI|U^9 JQjUUVHlUWiBU. so große Menge der verschiedensten Temperamente im fatmt zu halten und sich doch die Zuneigung und lebe all der ungleich' gearteten Kinder zu erwerben und zu erhalten. Als deus ex machina aber muß hier auch Herr Rudolf Herzberg-Hannover genannt werden, der in selbstloseruneigennütziger Weise als Vorstand, des Komitees der Loge seine Kräfte und seine Zeit zur Verfügung stellt. Ist er auch nicht selbst auf Zwrderney anlveseud, so lebt doch sein Name in der Dankbarkeit der vielen Kinder, die in ihm denjenigen erblicken, der ihnen die Pforten dieses Paradieses erschlossen, da alle Aufnahmeanträge durchseine Hände gehen. Mer wie es nun einmal kein Ding in der Welk gibt, das ganz vollkommen wäre, «in Mangel haftet auch dem Erholungsheim an. Es fehlt ein Gegenstand, der speziell für Kinder nicht leicht entbehrlich und der geeignet ist, einmal über die Leere verregneter Ferientage hinwegzuhelfen. Ich ineine ein Klavier. Vielleicht, findet sich bis zur nächsten Kursaison ein Menschenfreund, der dem Hanse ein solches Instrument zum Geschenk macht. Der größten Dankbarkeit der Kinder dürste pr gewiß sein. Lehrer Adolf Rothschild. Breslau. Dank energischer Werbearbeit gestaltete sich die in Bad Reinerz abgehältene .Propaganda-Versammlung der. Agudaß Jisroel zu einer imposanten Kundgebung. U e b e r 300 Personen waren der Einladung gefolgt, und viele nmßten aus Mangel an Platz umkehren. Den Vorsitz führte Leopold Silberberg. Rach dessen Begrüßung nahm Wilhelm Freyhan das Wort, um die Grundgedanken der Agudah zu entwickeln. Es ntüsse endlich die Thora als einigendes Band aller Gesetzestreuen erkannt werden. Die Gesetzestreuen aller Länder Hilden keine Minorität, sondern leben nur nicht in enger Fühlung. Diese werde die Agudah wieder Herstellen. Dieser Organisation anzugehören, tverde bald eine Ehrensache sein, da sie alle Aussichten habe, die jüdische Bewegung cat exochen zu werden. Die Ausführungen fanden lebhaften Beifall, dem Dr. Silberberg -Berlin, im Namen der Versammlung Worte verlieh. Nunmehr ergriff Leopold Perlmutter-Frankfurt a. M., der Referent des Abends, zu dein Thema „Gegenwartsprobleme des thoratrenen Judentums" das Wort. Oft von stürmischem Beifalle unterbrochen, führte der Redner nach einer kurzen hebräischen Einleitung aus, daß es vor Beginn des 19. Jahrhunderts kein eigentliches Problem des thoratreuen Judentums gegeben habe. Erst nachdem die Revolution die Judenfrage zur öffentlichen Diskussion stellte und die Emanzipation verlangte und durchführte, gibt es infolge des Zusammenstoßes der europäischen mit. der jüdischen Kultur auch eine jüdisch Frage. Jede Lösung derselben außerhalb der Thora müsse zur Auflösung des Judentums führen. An Hand des Programms der Agudah zeigt der Redner, wie dieser Geist die einzelnen in Aussicht genommenen Arbeiten durchziehe und demonstriert an einer Schilderung -der gegenwärtigen Judenlagc die Notwendigkeit der Agudah. Der Aufforderung, beizutreten, entsprachen sofort über 100 Anwesende, Kurgäste, hauptsächlich aus Warschau, Lodz. Lemberg und Krakau. Gemen i. Wests. Ein kleines, aber würdiges Gotteshaus. ist es, das die Israel. Gemeinde am 18. Aug. seiner Bestimmung übergab. Durch die grenzenlose Opserwilligkeit der Gemeindemitglieder und die Unterstützung auswärtiger Glaubensbrüder wurde der Baufonds aufgebracht. Aus bescheidenen Mitteln errichtet, ist es 'dennoch eine Stätte, die jeden Besucher zur Andacht stimmt, und so war es Wohl auch allen, die aus Näh und Fern herbei gekommen waren, um der Synagvgen-Einweihung beizuwohnen. Rabb. Dr, -Wolf-Köln, der die Weiherede hielt, verstand es, durch seine wohldurchdachten Worte der heiligen Handlung das richtige Gepräge zu geben, und die schwungvollen Reden bei dem nachfolgenden Festbankett gaben ein glänzendes Zeugnis von dem gegenseitig guten Einvernehmen aller Konfessionen, deren Vertreter bei der Feier erschienen waren. Ms Ehrengäste fehlten auch nicht der in allen Kreise» hochgeschätzte Graf von Landsberg sowie Landrat Graf von S.pee. Nur der rastlosen Tätigkeit des Gemeinde-Borstandes Oscar L ö w e n st e i n ist das Zustandekommen des Baues zu danken. Er hat sich mit diesem Liebeswerk ein ewiges Denkmal jn den Herzen aller Gemeinde- Angehörigen gesetzt. E. L. . Stratzburg. Im avgelaufenen Sommersemester entfaltete die Vereinigung Jüdischer Akademikereine erfolgreiche Tätigkeit. Sie gestaltete ihr Programm in der klaren Erkenntnis, daß wahrhaft jüdische Ueberzeugnng und jüdische Tat nur erblühen können aus jüdischem Wissen, aus einer tiefgehenden Kenntnis der Quellen des Judentums'. Jn erster Linie sei ihre wissenschaftliche Tätig-- keit hervorgehoben. Um jedem Mitglied Gelegenheit zu geben, sich im Erforschen des jüdischen Schrifttums fort» zubilden, wurden folgende Kurse eingerichtet: 1. Für Anfänger: Unterweisung bezw. Einführung in Pentateuch und Mischnah seitens älterer Bundesbrüder. 2. Für Vorgeschrittene: ein 3—4 ständiger Talmud- Schiur: Traktat Gittin. 3. Unter Leitung Sr. Ehrw. Herrn Rabb. I. Buttenwieser: Traktat Baba Mezia. 4. Für alle Mitglieder: Chümisch mit Kommentaren. Hierzu übernahm es jedes einzelne Mitglied, sich mit dem Inhalt eines Kommentars besonders vertraut zu machen, sodaß der gemeinsame Schiur in sehr ausgiebiger , und ' anregender Diskussion ein allseitiges, gründliches Verständnis der betr. Thorastellen verschiffte. ■ Außer diesen dem direkten Eindringen in die jüdisch enQnellen gewidmeten Kursen wurden fast allwöchentlich wissenschaftliche Vorträge gehalten, die teils rein jüdische Fragen, teils solch Probleme behandelten, die den modernen jüdisch Akademiker beschäftigen. Folgende Borträge wurden gehalten: Die Tradition des jüdischn Gesetzes (in 2 Teilen): 1. „Die Ivesentlichn Merkmale der jüdischn Tradition." 2. „Historischer Ueberblick über die mündlich Ueberlieserung Äs jüdischn Gesetzes bis zu seiner endgültigen Auszeichnung im Talmud." — Jüd. Gegenwartsfragen: Diskussionsabend im Anschluß an ein.Preßreferat. —: ,P-as bedeutet das Omerzählen für "unsre Zeit." —> ,I8ie urteilt der Talmud und die nachtalmudisch Literatur über unser Verhältnis zu den Nichtjuden." — „Die Entwicklung zum Monotheismus in der Antike." — Ferner ein Zyklus von Referaten und Diskussionen über „Deszendenztheorie": 1. „Konstanztheorie, Lamarckismus, Darwinismus." 2. „Neuere Theorien, Mutationstheorie usw." 3. Unsre Stellung zu diesen Problemen." Auch' die Pflege der'Geselligkeit wurde »ich vernachlässigt. Gemeinsame Ausflüge, gemütlich und heitere Zusammenliinfte, Ruderpartien usw. knüpften um die Bundesbrüder ein dauerndes, enges Freundschastsband, dessen ideeller Wert für die Festigung des jüdischn Charakters nicht zu unterschätzen ist. Möge auch in Zukunft die B. I. A. sich des Verständnisses und wärmsten Interesses immer weiterer Kreise erfreuen in ihren Bestrebungen, eine Stätte zu sein für die Erhaltung der Tauroh unter den Akademikern. Die Ferienadresse ist: Straßburg, Dr. Sams. Meyer, Studentenplatz 6. Oesterreich-Ungarn. Essek. Im Jahre 1897 leitete Dr. Hugo Spitzer eine Aktion zur Abschaffung des Judeneides ein. Trotzdem seine an den Landtag gerichtete Petition von allen jüdischn Knltusgemeinden unterstützt und auch vom Landtage der Regierung zur Würdigung abgetreten wurde, wollte die Sach nicht vorwärts kommen. Die Landesregierung arbeitete zwar wiederholt Entwürfe aus, allein der stete Regierungs- und Systemwechsel brachte es mit sich, daß keiner dieser Entwürfe Gesetz wurde, ja nicht einmal zur verfassungsmäßigen Behandlung vor den Landtag kam. Nun hat der königliche Kommissär in Kroatien-Slavonien, Exzellenz von Cnvaj, eine Landes-Gesetzgebungs-Kommission eingesetzt, welcher her kroatisch-slavonische Judenvorsteher Dr. Hugo Spitzer, 4lbgeordneter Dr. Ludwig Schwarz (Agram) und Bankdirektor Oskar Weißmayer (Essek) als Mitglieder angehören, und eine der ersten Arbeiten dieser Kommission war bic; Schaffung eines Gesetzes zur Abschaffung des Judeneides. Der von der Kommission entsendete Ausschuß, dessen Präsident Mgeordneter Domherr Dr. Radicevic und Vizepräsident Kultusvorsteher Dr. Spitzer ist, hat in seiner am 30. Juli äbgehaltenen Sitzung die Regierungsvorlage in Verhandlung, gezogen und mit einigen Mänderungen angenommen, so daß bei dem demnächstigen Zusammentritt des Landtags das Gesetz, mit welchm der Judeneid in Kroatien-Slavonien abgeschasst wird, endlich zur Tat werden wird. Krakau. Anläßlich des Esperanto-Kongresses wurde im hiesigen Tempel ein Gottesdienst mit Esperanto-Predigtl abgehalten. Tausend Menschn waren anwesend) unter ihnen der Führer Zamenhvf, der auch Jude ist. Die Predigt hielt Rektor S apha-Annaberg. Großbritannien. London. Der Durchfall deS liberale» Kandidaten in Manchester hat unserer liberalen Regierung die Lehre gegeben» die Juden nutzt als quantits n'egligeable zu betrachten und die Folge war, daß sie die Natnralisationsbedingnngen erleichterte. Die Sympathie, die sie sich damit in jüdischen Kreisen erwirbt, wird ihr bei zukünftigen Wahlen zugutekommen. Rußland. Kiew. Nachdem Krassowski. der Hauptenthüller, seine Feststellungen in dem konservativ-antisemitischem Kiewljanin veröffentlicht hatte, erwartete man von Tag zu Tag die Freilassung von Beilis. Statt dessen, geriet er in eine noch traurigere Situation, und die größte Strenge kanr gegen ihn zur Anwendung. Mit der Wiederaufnahme der Voruntersuchung gilt Beilis offiziell nicht mehr als Angeklagter, sondern nur als Verdächtiger; deshalb wurden ihm gemäß der geltenden Gerichtsordnung die Verteidiger entzogen, und niemand, darf so zu ihm. So schmachtet Beilis, ein simpler, aber unschuldiger Mensch schon ein Jahr im Gefängnis. In den letzten Tagen war eigentlich kein Zweifel mehr, daß er die Freiheit wiedererlangen würde. Ein Zeuge nach dem anderen bestätigte die Angaben von Krassowski und Brasul-Bruschkowski. Das viertägige Verhör des Deteltivbcamten Wygranoff, der alle Einzelheiten der Hauptenthüller nicht nur bekräftigte, sondern wesentlich ergänzte, machte das Bild der verbrecherischen Vorgänge noch deutlicher, aber der Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten, Maschkewitsch, scheint sich — in Rücksicht auf das allmächtige Gesindel des „Schwarzen Hundert" -— noch immer nicht zu einem entscheidenden Schritt entschließen zu können. .!

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