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Neue jüdische Presse · 1912-08-23 · Heft 33 (23.8.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 33 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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«Lite 2. FowHM» FstvMWS FflmWevbWt. streiten Wnnmr, He Jlchenstage schon dadurch Eein ihrer Lösung «nen Schritt näher gekracht zu haben, daß sie dieselbe erkannt und vor das Licht der Oeffentlichkeit gebracht hat. Ein negativer, aber dann nicht minder schlagender Beweis für die Bedeutung, die diesem,Aufrollen der Judenstage allein schon zukommt, ist die ^Tatsache, daß über nichts vielleicht die Gegner der Bewegung so empört sind, wie gerade über diese öffentliche Behandlung des Heiklen Problems. Aberdie Empörung Hilst nichts. Wenn auch der Einfluß, den die bereits getauften oder noch vor der Taufe stehenden jüdischen Schriftsteller Deutschlands auf die allgemeine, vor allein aus die politische Tagespresse haben, so groß ist, daß.von einem großen Teil derselben die Erörterung jüdischer Probleme ausgeschlossen ist, so macht -die nichtjüdischx Oeffentlichkeit diese feige Rühr-uichtan-Pvlitjk nicht mit, und so ist es gekommen, daß Organe christlicher Schriftsteller viel eher als Tribüne für jüdische Probleme benutzt werden können als diejenigen, in deren RedaKionsräume Juden herrschen. Bor einiger Zeit nun hat ein sehr angesehenes, vornehm redigiertes, in Form und Inhalt originelles deutsches Organ, der „Kunstwart", das Judenproblem aufgeworfen, und die Resultate, zu denen er gelangt, sind so interesffant, daß das Ganze der Beachtung der jüdischen Oeffentlichkeit wohl wert ist- Im „Kunstwart" hat ein jüdischer Schriftsteller, Moritz Gold st ein, einen längeren Auffaß „Die Juden und der deutsche Parnaß" veröffentlicht/in dem!er in sehr feiner und treffender Weise die Stellung der Juden in der deutschen Literatur charakterisiert und dabei zu dein Fazit gelangt: „Wir Inden verwalten den geistigen Besitzstand eines. Volkes, dem wir nicht an gehören." Dje Redaktion des „Kunshttart" hat im Anschluß an den Artikel eine Diskussion eröffnet, die aber nicht viel Beachtenswertes brachte und zwar darum nicht, weil der nationale Ständpunst von Goldstein bereits in mustergiltiger Form dargelegt worden war, und von den Vertretern der Verschleierungspolitik, der Assimilation, sich bezeichnenderweise niemand zu Worte meldete, sodaß nur einige unbedeutende Autoren zu Worte kamen, deren Ausführungen keinen großen Wert beanspruchen können. Der Clou des Glanzen, das, was der ganzen Diskussion erst ihre eigentliche Bedeutung gibt, kam erst ganz zuletzt; im letzten Heft nämlich ergriff der als äußerst feinsinniger, geistvoller und vornehmer Kritiker weithin geschätzte Herausgeber der „Kunstwort" Ferdinand Avenarius selbst das Wort, um seine Stellung darzulegen. Da Avenarius zweifelsohne zu den geistigen Führern des heutigen Deutschland zahlt, da er zudem als Vertreter einer die nationalen Werte ganz besonders stärk betonenden Richtung in Kunst und Literatur bekannt ist, verdient sein Artikel gewiß von uns beachtet zu werden. Daß die Behauptung Gvldsteins den Tatsachen entspricht, gibt Avenarius zu. Doch darf cs die Juden nicht wundernehmen — fährt er fort!— wenn die Deutschen es nicht länger so lassen wollen. „W es uns anderen zu verdenken", sagt er, „wenn wir hier von der Verwaltung unseres geistigen 'Besitzstandes durch jüdischen Geist ein Eindringen stenäen und also für unsere Kulturpflege unechten Volksfühlens befürchten? Denn wenn sich auch die jüdische Knlturpflege so durchaus gibt, als wäre sie dje allgemeine deutsche aller fortschrittlich Gesinnten, so finden wir ' dagegen einen großen Teil ihrer Urteile, ihrer Bestrebungen uns fremd, wir finden sie sehr oft wurzellocker, nouveautö- . süchtig, ohne Sinn für Werte, die uns wesentlicher sind als die Lieblingswerte dieser anderen Kultur- Verwalter — und sehen nun doch s i e aus unsere Kunst, auf unser Volk an tausend Enden wirken." Dies sich) die Tatsachen, die Avenarius feftstellt. Und die Aufgabe, Las Mittel, sie zu ändern? Sie kann nicht die sein, die die Antisemiten proklamieren. Für chn besieht die notwendige Ausgabe darin: Lie Arbeit von Juden und Nichtjuden zu organisieren, daß beide tjjie Vorzüge höchstmöglich entwickeln Annen, während sie sichgegensätig hemmen. Jeder Koll seine angeborene Eigenart pflegen, fordert % „Wir achten den Zionismus > durchaus, siUd Abm fern davoch den JÜdeiy die Gr - Volkstum pflyzen wollen, deshalb ihr Wohhrecht in Deutschland oder ihre Zugehörigkeit zum deutschen ' Volke, im politischen Begriff abzustreiten. Die BereicheruMen der PWmÄkültür Älrch jüdßTes Wesen 'Minen nur umso besser wirken, je rassiger, je urtümlicher sie sind Urw> gerade die Juden, die selbst ihre 'Bolksverschiedenheit von Len Nichtjuden so energisch betonen, werden umso mehr begreifen, daß wir keine Verschleierung, daß wir im Gegenteil einen betonenden Ausdruck dieser Raffeverschiedenheit auch bei all jenen jüdiMen Betätigungen wünschen, bei denen völkische Imponderabilien sind. Es ist ja häufig gerade das Gesuchte, Halbe, das Nichtgewagte, das Versteckte, das „DeutWlnde", was uns im jüdischen Schrifttum so abstößt. Die aus den Tiefen des Judentums erwachsene und allein ans Judentum sich wendende neue Semitcnkultur, deren Anfänge ja -da sind, wird auch, uns mit der Zeit willkommene Werte offenbaren. Ihre Produktion dürste viel wertvoller werden als das meiste der gegenwärtigen pseudogermanischen, die ja gar nicht aus tiefen ' Wurzeln treM. Darum immer wieder: Nu r ke i n>: Berschleier singen! Wir mögen an die Judenfrage herankomMvn, von welcher Seite wir wollen, was wir immer wieder als die unerläßliche- Vorbedingung einer irgendwie dauerhafteir Verständigung mit dem Judentum treffen, das ist die Herstellung klarer Zustände. Der Kampf gegen Las Verschleiern auf beiden Seiten ist.es, zu dem sich nach unserer Meinung die Weitsichtigen unter den Führern hüben und drüben zu allererst vereinigen sollten." „Eine sachliche Erörterung" — damit schließt Avenarius — „die das Entnebeln und Entwirren ruhig, besonnen, unseindschaftlich womöglich freundschaftlich versuchte, jenes Entnebeln und Entwirren, das seinerseits erst darüber aufklären würde, wie denn hinter den rosigsten oder dunkelgrauen Schleiern die Dinge eigentlich stehen. Tann erst könnten die Fragen : „Was' ist weiter zu tun?" und „Läßt sich ein Dauerstieden erreichen oder nicht?" einigermaßen unakädemisch Lrankommen. Daß die anderen Deutschen ihren Geistesb'esitz immer weiter von einer so kleinen Minderheit verwalten ließen, das' mutet Men doch wohl auch kern Jude zu. Andererseits aber denken wir Nichtjuden durchaus nicht daran, aus hem Wege zum fteien Europäertum, der sich .Mit gutem'Deutschtum sehr wähl verträgt, die jüdische Mitarbeit äbzuweisen. Wir wollen uns Mer. so gern, und' sie könnten sich, unserer freuen. Wir wollen uns auch gegenseitig änregen, nur: wir 'wollen einander nicht fälschen." So spricht Avenarius, einer der vornehmsten, ausgeprägtesten, feinsinnigsten Persönlichkeiteil des geistigen Leben Deutschlands. Die wenigen Sätze, die wir angeführt haben, enthalten schon allein so viel Wahres und Feines, daß ein Kommentar unnötig ist. Es ist Wiederum nichts Neues, was wir da hören. Aber es hat darum doch Wert, weil es zeigt, daß die wirklich aufrichtigen und vorurteilslosen nichtjüdischen Denker zu eben denselben Resultaten gelangen, die die nationalen Juden schon seit JMen predigen. Und unsere Vogelstraußpolitiker, unsere Verschleierer, unsere Asssimilanten? Was werden sie nun tun? Was, sie tun werden, wissen wir im voraus. Entweder sie werden das Ganze totschwergen oder aber, wenn man sie zwingen wird, Stellung zu nehmen, werden sie eine pathetische Miene auffetzen und in heiliger Entrüstung deklamieren: „Avenarius ist ein Antisemit." Dann werden sie glauben, ihr Judentum wieder einmal gerettet zu haben und danach wieder sortfahren, zu „deutschcln". Wer solange in der Verschleierung gelebt hat, kann eben die Klarheit nicht vertragen. Uns aber und all denen, die die Klarheit lieben, sei es noch! einmal zugerusen: Nur eines nicht: Wir wollen einander nicht fälschen! - 2. Eine gefährliche Krankheit. Wenn eine ganze Masse von Menschen darben und hungern, so ist es nicht schwer, ihre Leiden zu erkennen. Wenn ober ein einzelner innerlich verzweifelt und an der Verzweiflung verblutet, dann gehört schon Feingefühl und tiefer Psychologischer Blick dazu, dessen Tragik wahrzunehmen. Dies ist der Grund, w'esWM wegn Man .das Wort „die Judenfrage" erwähut, scht jeder n u r <m die ökonomische Seite, dir meisten'vor allem' an diese, und Nur ganz wenige an dje geistige. Moralische, an die psychologische Seite des Problems denkem Und dbch ist diese, gewiß nicht minder bedeutsam als'die crstere, ja M MenMch Lenen Las zu trefft Liegende das wMigste, das intimste Seelische, )as wahrhaft Ewige bedeutet, die weitaus bedeutsamere Seite: Wie bedeutsam. Merkt der große Hause erst dann, wenn äußere Vorfälle auf diese innere Seite der Frage Hinweisen. Auch in letzter Zeit haben ztvei äußere Vorfälle der gleichen Art uns die ganze furchtbare Größe der seelischen Judrnfrage wieder vor Augen geführt: zwei junge, hoffnungsvolle, h e b r ä i s.ch e Schriftsteller ,h a b e n a ns B e r zwei f l u n g Selbst m ord begangen. Was die beiden an sich, waren, welche Bedeutung jedem von ihnen literarisch, zukommt, ist nicht das. was uns setzt hierangeht. Was weitaus, wich-, tiger, weil -allgemeiner, weil tiefer, weil typischer, das ist die Tatsache ihres Selbstmordes, ist vor allem der Grund; der sie dazu trieb. Es gibt Menschen, die aus materieller Not aus dem- Leben scheiden. Der jüdische.Selbstmörder gehört nicht zu diesen. Wenn ein Jude freiwillig aus dem Leben scheidet, so geschieht es fast stets aus einem anderen Grunde: aus einem Verzweifeln am Werte des Daseins, am! Zweck und Mun des Lebens. Niemand lebt so sehr sür Zwecke wie der Jude, niemand fragt so oft und so intensiv nach dem Sinn des Daseins, wie der Jude. Leben, um zü leben, ist nicht seine Art. Zweifelt er am Zweck des Lebens, so hat er seinen Halt verloren. Drum wird ein Jude viel eher sich Scheinzwecke schassen, Surrogate akzeptieren, als zu erklären: Ich lebe ohne Zweck Ist er aber zu wahr für Surrogate, nun/so verliert er. alle Kraft Mm Leben und wählt den Tod. Das' ist hie Ursache, die diese beiden begabten Menschen irt heu Tod trieb. Zu stark, um an Surrogaten Genüge zu finden, zu schwach, um an den jüdischen Gott und an die jüdische Zukunft zu glauben, verzweifelten sie am Leben und starben. Diese Schwäche,, diese Unfähigkeit zum Glauben, diese Verzweiflung ist eine Krankheit, die sich unter den Besten der Fugend unseres Volkes breit zu machen beginnt und uns viel gefährlicher werden kann, als so und so viele antisemitische Erlasse von Regierungen und Mini-/ stern. Nichts tut uns modernen Inden mehr not» als Kraft zur Begeisterung, zum Glauben, zum Vertrauen. Wir werden ,zu nüchtern, zu realistisch, zu skeptisch. Uns geht jene Wärme verloren, die nur der Glaube, die -Hoffnung gibt, und ohne die die menschliche Seele erfriert. Je feiner die Seele, umso größer muß die Wärme sein, die sie umgibt. Je tiefer ein Mensch, umso größer sein Bedürfnis nach! Idealen. Darum! Machen sich! die unsichtbaren Konsequenzen dieses Unglaubens an unseren geistig Höchststehlenden zuerst bemerkbar. Der Selbstmord dieser: beiden Literaten ist eine Mahnung an unsere Jugend, sich zumlGlauben an Las nationale Ideal, das' ihrem! Leben Sinn und! Wert gibt, durchzuringen, eine Mahnung an die Führer, der Jugend bei diesem Ringen .die hilsteiche, leitende Hand zu reichen. Wichtiger als alle Millionen ist uns unser Idealismus. Fehlen uns die Millionen, so darben wir; aber 'wir leben. Geht unser Glaube, unser Idealismus verloren, so sind wir ganz verloren. Das ist es, was' das tragische Schicksal dieser zwei jungen Talente uns ein,dringlich lchrt. Die wirtschaftliche Katastrophe der galizischeu Jndenheit. Es muß sehr schlimw um die galizische Jud'euheit stehen, wenn selbst die sonst so ruhige Bloch'sche Wochenschrift ihre Rühe verloren hat und Sturm läutet. Das Organ des Wiener Kultusvorstandes findet die schäMen Worte gegen die polnischen Machthaber, die Schfachzizen und ihr Gefolge, die in Rußland und in Preußen „in flannüenistn Tiraden Gerechtigkeit verlangen", dagegen in Galizien, wo sie die Herrscher sind, die. Juden „systematisch berauben, durchl die wirtschaftlichen Gesetze in steter Abhängigkeit halten und jeden Versuch zu einer Organisation durch die stärksten Gewaltmittel brechen." In ihrem Kämpfe gHen die Ruthenen kühlen die pvlnisMn.Machthaber jetzt Mehr denn je ihr Mütchen an dem 'dritten Volksstam'M des Landes,

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