Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 33 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692768-2692801--07135-2702193- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
♦ 1> * Erscheint wöchentlich am Freitag. Drmgsprris proPirrtrijahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1 — frei ins HauS. Bei der Post abonniert SO Pfg., frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.5V, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel » Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und ErpedMon: Frankfurt a. M. rr Cangeftr. 7 Fernsprecher Amt I. 10507. Jnsrrtümspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinferate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 10« Jahrgang. Freitag, den 10. Ellul 5672 (23. August 1012) Rr. 33. Eigenart. Aus dem ersten Blatte der Bibel leuchtet's immerwieder Hervor jenes nachdenkliche Wort: Eigenart. Jedes der Millionen nnd Millionen organischer und anorganischer Gebilde unserer Welt nach seiner Art .—(und erst die Summe aller dieser Gebilde in der jedem einzelnen eigenen Art die Vollendung unserer Welt. Vollkommen diese Welt, die Gott für uns Menschen geschaffen; Vervollkommnung das von dem Schöpfer gewollte Ziel. Zeines jeden Menschienlebens. Damit aber dieses Ziel trotz aller Entartungskurven das Ziel der MenschMt bleibe, tritt unser Volk, das Volk Israel, auf die Arena der Geschichte. Das ist unsere vielgeschmähte Auserwältijeit. . * Wahrung der Art in. Natur und Völkerleben ist darum heiligstes Gesetz unserem Volke. In der Natur. „Besäe Deinen Weinberg nicht - mit verschiedenen Arten, pflüge nicht mit Ochs und .Esel zusammen; bekleide Dich nicht mit einer Vermischung von Wolle und..Flachs." Und im Verkehr mit anderen Völkern. „Vermische Dich nicht mit ihnen." Und wie unseres Volkes Tradition, so auch sein Zukunftsideal. „Alle Völker werden zu Dir, Gott, wandern und Dir dienen. Wolf und Lamm friedlich nebeneinander; die Völker, jedes in seiner Art, friedliche nebeneinander", also schauen in ferner Zukunft Israels Seher das goldene Zeitalter. Die geeinte Menschheit heißt Gerechtigkeit und Liebe und Achtung der Eigenarten der anderen auch im Bölkerleben; die eine Menschheit aber hieße Aufhären der Eigenarten, — und dieses Ziel hätte dem Geiste des Judentums widersprochen. Mso des Judentums Lehre. Aber der Erfahrung Wahrheitserhärtung,? — Nun, wenn ein Mensch je sein Leben zu einem wertvollen gestaltete, so geschah es nur,, weil er seine Eigenart erkannte und zur Entwicklung, brachte. Und wenn ein Volk je nach Durchsetzung seiner Eigenart rang, dann entstand eine der großen Zeiten, von denen die Bücher der Geschichte für I ewig erzählen. Dann erwachte der .Mensch zum. Bewußtsein seiner Mast und gab, jeder nach seiner Art, sein Bestes, dann blühten Kunst und Literatur. Eigenart ist das Leben, Gleichheit ist der Tod. * Wieder einmal ringt unser jüdisches Volk zwischen Leben und Tod. Ein Tohuwabohu herrscht unter ihni, denn zu weit auseinander gehen die Wege, auf denen Rettung gesucht wird. Und gar viele suchen nach dem erlösenden Worte, ‘ das nach dem richtigen Wege weist! Wenn es nur Orthodoxie und Neologie in der Judenheit gäbe! Aber unendlich differenziert ist wieder die Orthodoxie bei all ihrer Einheit. Ein chassidischer Rebbe Rußlands und. sein Kollege in Malizien, ein chassidischer Rebbe und ein misnagdischer Rabbi in Rußland oder Galizien, — welch unterschiedliche Sehweise und Auffassung-bereits in dem gleichen Kulturmilieu! Wo ist da also das allen gleiche Ziel? Man sagt: die Thora. Jawohl. Und -doch zersetzt sich die Orthodoxie, bröckelt ab und bröckelt ab. Warum?; Deshalb, weil das Streben nach 'jüdischer Eigenart in ihr geschwächt ist, weil der Einfluß des sie umgebenden nichtjüdischen Milieus auch in ihren Reihen wirkt. > 4 Nicht das mehr oder weniger in der traditio-, Nellen religiösen Auffassung ist darum das Entscheidende bei all seiner Bedeutung, vielmehr die bewußte Erhaltung der jüdischen Eigenart gibt den Ausschlag für. die Zukunft. Doch wie ist der Einfluß des umgebenden nichtjüdischen Milieus zu schwächen und wie ein bewußtes Streben nach jüdischer Eigenart zu erringen? Die einfachste Lösung wäre der Zionistnus. Da aber der -größte Teil der Orthioddxie sich dem Z,ionisnrus nicht angeschlossen hat, so muß jene Orthodoxie eine andere Lösung der Frage suchen. Ein Zusammenschluß, der gesamten Orthodoxie könnte diese Lösung der Frage bringen. Denn wenn die Orthodoxie'einen Gesamtverband bild-et,. dann werden dessen Kongresse die gleiche einigende Kraft ausüben wie die Zionistenkongresse, und damit würde das Interesse für untergeordnete Parteiungsfragen schwinden und so auf die gesamt-jüdischen Interessen hingelenkt werden. Wider die jüdische Landflucht. Bon Lehrer Adolf Rothschild, Achim/Bremen. Tageszeitungen und politische Journale aller Richtungen beschäftigen sich schon seit Jahren mjt der Frage der Entvölkerung des stachen Landes durch Abwanderung seiner Bewohner in die Großstädte. Memand verschließt sich heute mehr der Gefahr, die hierin für die Volksgesundheit liegt, und Berufene und Nichtberufene doktern seit langem an der Heilung. Neu dagegen nnd noch lange nicht genug gewürdigt ist die Erkenntnis der Gefahr, die für den Weiterbestand des Judentums und seiner Traditionen darin liegt, daß auch die Juden — und nicht zuletzt — mit in diese Abwanderung hineingezogen worden sind. Die Tatsache an sich ist nicht zu leugnen und leicht zu erklären. Der jüdische Bewohner des Dorfes oder der Kleinstadt betreibt in neun von zehn Fällen ein Handelsgeschäft. In der immer mehr zusammenschmelzenden Bevölkerung verliert er Kunden, während die immer anschwellende Großstadt sich draußen neue Absatzgebiete, auch wieder auf seine Kosten, erschließt. Bersandgeschäfte, die ohne Ausnahme alle Gegenstände des täglichen Bedarfs führen,' senden ihre Kataloge und ihre Reisenden von Haus zu Haus, und wer, vielleicht aus Prinzip, von ihnen nicht kauft, schließt sich einer der großen landwirtschaftlichen Produktiv- und Konsumgenossenschaften an, durch die in beiden Richtungen der Zwischenhandel ausgeschlosssen wird. So bleibt in vielen Fällen dem jüdischen Handelstreibenden nichts anderes übrig, als, wenn auch oft schweren Herzens, dem Zug der Zeit zu folgen und mit seiner Familie in die Großstadt zu übersiedeln. Die Großstadt ist wohl die Trägerin aller möglichen Kulturen und Ueberkulturen, für Religiösität im Sinne alter jüdischer Innigkeit und Hingebung ist sie keineswegs der geeignete Boden. Die Erfahrung hat gelehrt, daß ihr Einfluß, ihre Lebensbedingungen auch die besten Vorsätze der Einwandernden zunichte machen. Eine der äußeren Beurkundungen der Religion nach der anderen muß aufgegeben werden, und ohne sie verliert der Glaube allmählich Kraft und Einfluß. Der nächste Schritt, den oft schon die folgende Generation tut, ist die Taufe. Wie ist es «her mit den Zurückbleibenden bestellt? Blühende Gemeinden sind in wenigen Jahrzehnten auf ein paar Familien zusammengeschmolzen, die unter sich kein jüdisches Gemeinwesen bilden können. Ihre Schulen gehen ein aus Mangel an Schülern, ihre Bethäuser werden geschlossen, weil kein Minjan mehr aufzutreiben.ist. und auch hier müssen Generationen aufwachsen, gottsern, weil Gott nicht mehr durch die allen, geheiligten Bräuche zu ihnen spricht. So ist der Niedergang als eine Folge der Landflucht erwiesen. Nun die Mittel zu ihrer Bekämpfung. Man hat damit in der Großstadt anfangen wollen. Aber es ist schwer, gegen den Strom zu schwimmen, schwer gegen den Sturm zu bauen, der dort alles Alte, Traditionelle, Geheiligte niederzureißen droht. Wo bleibt dem Großstadtjuden in die Angespanntheit und Härte seines Existenzkampfes Zeit, sich wieder zu vertiefen, wieder zurückzukehren? Das ärztliche Zauberwort heißt „Prophylaxis", Vorbeugung. Der Strom der Abwanderung muß 'gedämmt, zurückgehalten werden. Wenn die alten Bedingungen der Lebenserhaltung auf dem Lande nicht mehr bestehen, müssen neue geschaffen werden. Ein Handelsmann auf dem Lande ist ein Unding. Das Land gehört dem Bauern und dem Handwerker. Diesen Berufen muß der Jude, der ihnen nicht fremd, nur entftemdet, ist, zugeführt werden. Da? hingehende Bestrebungen sind schon am Werk. Die Simonstiftung in Hannover bildet auf ihren Lehrgütern junge Juden zu diesen Berufen heran. Ihre Erfolge liegen vor und beweisen die Möglichkeit des hier Vorgeschlagenen. Aber in den meisten Fällen sind es junge Großstädter und noch dazu nicht von den intelligentesten, die in?lhlem und Steinhorst ausgebildet werden. Mag unter ihnen auch brauchbares Material sein, die geborenen Ackerleute und Handwerker sind es nicht. Sie haben schon zum Teil von dem Leben der Großstadt getastet, und manchen von ihnen zieht cs wieder dahin zurück und somit auch wieder von seinem neuen Berufe fort. Die Notwendigkeit erheischt es, den Landjuden , seiner Scholle zu erhalten und ihm die Möglichkeit zu geben, sich in einem der genannten oder ähn-. liehen Berufe zu erhalten. Hier setzt mein positiver Vorschlag ein. Ein Verband, besser eine Aktiengesellschaft, ist zu bebegründen, die vorläufig in allen Keilten Plätzen mit bestehender, wenn auch gefährdeter Gemeinde landwirtschaftliche, handwerksmäßige oder industrielle Unternehmungen ins Leben ruft. Diese Betriebe unterstehen dauernd dem Aufsichtsrat, bezw. der Oberleitung der Gesellschaft. Ihre Leiter wären deren Beamte, die es jedoch selbstverständlich in der Hand hätten, sich mit ihrer Hilfe selbständig zu machen. Dabei würde es sich um kein Wohltätigkeitsunternehmen, sondern um ein Erwerbsinstitut handeln, da das beigesteuerte Kapftal bald eine ausreichende Verzinsung und Amortrsierung erfahren würde. Die ersten Schritte zur Konstituierung der Gesellschaft sind unternommen. Ihre Gründung steht für den Winter d. I. bevor. Aktionär kann ein jeder werden und so mit der Anlage seines Geldes eine Tat vollbringen, deren Segen sich noch in unseren Tagen fühlbar machen wird. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Offene Worte. Es gibt diele Probleme, sowohl im abstrakten Gebiet des theoretischen Wissens wie auch im konkreten des praktischen Lebens, die schon zum Teil gelöst sind, wenn sie nur erkannt und ausgesprochene - werden. Auch die Judenfrage zählt zu dieser Kategorie, und die moderne jüdisch-nationale Bewegung mag praktisch, positiv, was auch innner erzielen, das große Verdienst wird ihr niemand