Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 30 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692768-2692798--07103-2702158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
<§e& 4 Aamlftrrter ZjMikWs Nr 30. läßt sich in anderen Grenzstädten konstatieren, und man sollte daher nenigstens die Bibliotheken, in denen Schätze des jüdischen Schrifttums begraben sind, zu retten suchen. Amerika. BnenoS-Aires. Uever den Stand des hiesigen Judentums läßt sich nichts Gutes Berichten. Die hiesigen westeuropäischen Juden bleibe» all' ihren Interessen nach Westeuropäer; wenn sic z. B. für ein Krankenhaus einen Beitrag leisten, so ist cs das deutsche, französische rc. Krankenhaus; wenn sie ihre Kinder in die Schule schicken, so ist es die deutsche, französische rc. Schule; irgend ein Interesse für die Errichtung jüdischer Institutionen ist dadurch nicht vorhanden. Ihnen genügt ihr Tempel, den sie zur Jahrzeit und zum Jomkippur einmal aussuchen, als einzige Beziehung zum Judentum. Die hiesigen osteuropäischen Juden wiederum sind zu schwach, um aus eigener Kraft etwas unternehmen zu können. Eine Aenderung dieser traurigen Verhältnisse dürste für absehbare Zeit nicht zu erwarten sein. Der Europäer verwächst hier nicht niit dem Lande; die eigentliche argentinische Bevölkerung steht in ihrer Kultur weit unter ihm, und so fehlt jeder Anreiz, Kulturgüter — und darunter jüdische — zu schaffen. Personalien tt. Kleine Mitteilungen. verli« Dr.FerdinandStraßmann,Geheimer Sanitätsrat u. Stadtrat, und Dr. Blumenthal, Geheimer Sanitätsrat und Repräsentant der jüdischen Gemeinde, feierten dieser Tage ihr 50jähriges Doktor-Jubiläum. — Geh. Medizinalrat Prof. Dr. August v. Wassermann wird voraussichtlich Direktor der „Kaiser Wilhelm- Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften" werden. Mönche«. Hier, wo sie seit vier Jahren bei ihrem Schwiegersohn Baron Gumppenberg wohnt, feierte Frau Ottilie Bondy geb. Jeitelcs, die bekannte Wiener Frauenvorkämpferin, ihren 80. Geburtstag. .^Ottilie Bondy hock 1875 den Wiener Hausfrancnverein mitbegründet und ihm später 30 Jahre borgestanden. Außerdem sind in Wien u. a. mit ihrem Namen aufs engste verknüpft: der Verein Charitas, der Schulverein für Beamtentöchtcr und das israclit. Mädchenwaisenhaus. Auch als begabte Schriftstellerin und Rednerin hat sie vieles geleistet. Stattsart. Tierarzt M a x W o l f ist als stellvertretenter Schlachthausdirektor nach Konstanz berufen worden. Stuttgart. Oberkirchenvorsteher Moritz Goldschm id ist auf sein Ansuchen von seinem Amt enthoben und ihm Lei diesem Anlässe das Ritterkreuz t Klasse des Friedrichsordens verliehen worden. — Das „Regierungsblatt für das Königreich Württemberg" publiziert in Nr. 18 das neue Israelitenges-etz, datiert vom 8. Juli 1912. Es tritt, wie bekannt, mit dem 1. Oktober in Kraft. Breslau. Der 17jährige Unterprimaner Manfred Rawicz ertrank beim Baden in der Oder. — Stadtverordneter Fritz Ehrlich trat vom Judentum zum Christentum über., Lifsewo (Westpr.). Hier wurde Mühlenbesitzer Hermann Lewiu zum Gemeindeschösfen gewählt. . Saargemüuö. Letzten Samstag wurde das 50jährige Bestehen unserer Synagoge mit einem Festgottesdienst begangen. Mülhausen t. Elf. Letzten SawLtag wurde der neue Betsaal der hiesigen orthodoxen Gemeinde nach, einer kurzen Ansprache seitens des Konsistorialmitgliedes Meyer seiner Bestimmung übergeben. Der Betsaal befindet sich im Hinterhause der Metzgerei Bloch (Gerberstraße). 3a«er (Schles.j. Bei dem 8 Millionen-Konkurs des Bankhauses Thomas u. Knapp hat die Kultusbeamten- Witwe F e i b e 1 fast ihr ganzes Vermögen — 17 000 JL — cingeüüßt und das angesehene Gemeindcmitglied L e i p - zig er so viel verloren, daß cs Konkurs anmelden mußte. Wie«. Der Einjährig-Freiwillige Korporal Dr. Ernst Bajah beim Pionierbataillon in Klosterneuburg erhielt für Rettung unter eigener Lebensgefahr das silberne Perd ien stkreuz. Prag «Böhmen). Der Ländesausschuß des Königreichs Böhmen sucht mehrere Sekundär- Lrzte bei den Landesanstalten für Geisteskranke; Bedingung: Taufschein. Budapest Baronin B6la Hatvany hat zum Andenken an ihren Kater Ritter v. Taußig ein Kindcrspital in Sawar erbauen lassen, das Sonntag eingcweiht wurde. Der Feier wohnten die Vertreter der Behörden, zahlreiche Notabllitäten und ein großes Publikum bei. Die Einweihung vollzog Bischof Graf Mikes, worauf Obergespan Stephan Bäkässy die Verdienste der Stifterin würdigte. Zu dieser Nachricht bemerkt die Wiener „Jüd. Ztg.": - „Für Geld, welches der Vater verdient hat, als er dem Zaren Geld für Judenhetzen lieh, kauft sie sich einen Bischof und Weihrauchparadcn und was sonst ,wch dazu gehört! Aber am Grabe Taußigs schluchzte der Wiener Oberrabbi und pries ihn als wahrhaft jüdischen .Vater und Erzieher seiner Kinder. Na, wenn alle'Juden ihre Kinder so erziehen, dann wird sich Herr Dr. G ü d e - mann bald um eine Stelle als Kaplan oder Kirchendiener umsehen müssen, sonst verliert er auf seine alten Tage das Brot." Krakau iGalizicn). Der Gemeinderat hat einer Straße den Namen Rabbiner Meisels-Gasse gegeben. St. ölalle« (Schweiz). I. Wohlgenaunt, Vorstandsmitglied der Israel. Gemeinde, ist zum Bczirksrichter der StadtgewäM Mrde». Der Bürgermeister als Rabbi. Bon S. Luß-Mannheim. (Fortsetzung.) „Und wieso erinnert daran das' Widdcrhorn?" „Weil Abraham seinen Sohn opfern wollte und dann einen Widder als Ersatz, opferte." „So," sagte der Bürgermeister nachdenklich, „dann habt Ihr Juden also auch Heilige, an die Ihr Euch um Fürbitte wendet, wie wir es auch tun." . „Rede doch keinen Stuß, Bürgermeister," rief Machoel ärgerlich, „wir beten doch nicht zu Abraham, Isaak und Jakob, daß sie für uns bitten sollen! Wir keuneu keine Helligen und keine Fürbittende! Bei uns muß jeder alles mit sich selber und seinem Herrgott ausmachcn, Scchus Owaus sind doch keine Heiligen." „Was haben Sie da für ein Wort gesagt?" „Ach, Unsinn, Bürgermeister, da ist mir nur so im Eifer ein hebräischer Ausdruck hcrausgefahrcn." „Na, ich kenne doch auch alle die hebräischen Ausdrücke, die man so hier im Leben braucht. Für Narrheit sage ich auch Stuß, einen Tappes heiße ich einen SchlemU, so gut wie Sie, und einen Dieb heiße ich einen Gaunef. Wir Bauern brauchen ja alle möglichen Ausdrücke, wir nennen ein Pferd, das bissig ist oder schlägt oder ein Durchbrenner' ist, einen Massik, und sagen, wenn uns einer in Verlegenheit bringen will: Mach nur kein Zorcs; aber was Sie da gesagt haben, das kenne ich nicht. Schreiben Sie mir das auf." „Meinettvegcn," lachte der alte Machoel, und schrieb auf ein Stück Papier „Sechus Owaus". Als der Bürgermeister . nach mehrfacher Wiederholung mit vieler Mühe den Kehllaut des „chfherausgebracht hatte, sagte er: „Das will idj; mir merken, das ist mir was neues und gefällt mir." „Na ja, Bürgermeister," sagte der alle Machoel lachend, „wenn Du bei der nächsten Bürgermeisterwahl nicht wieder gewähü wirst, kannst. Du ja' Rabbiner in unserer Gemeinde werden." Der alte Machoel lachte über seinen neuesten Witz, ohne zu ahnen, daß der Bürgermeister einst, bei den Familienangehörigen seines Lehrmeisters zuerst diese Rabbincrbefähigung betätigen sollte. * Gleich nach den Festtagen starb Machoels Frau Teitzchen nach kurzem Leiden, und' der.treue Machoel folgte ihr bald nach. Das Haus und Geschäft übernahm sein Schwiegersohn Alfted Goldbaum, der die Jüngste geheiratet hatte, und dem es, wie die Leute sagten, nicht besonders gut ging. Mfted Goldbaum kam aus, einer norddeutschen Großstadt' in das kleine süddeutsche Städtchen und mochte Las Geschäft nicht so einfach führen, wie cs der alte Machoel sechzig Jahre lang 'mit kleinem Erfolg, aber. doch, mit Erfolg, getan hatte. Er wollte cs auf einen der Neuzett entsprechenden höheren Stand haben, und aus' .dem Haus wollte er eine ganz andere Rentabilität herauswirtschasten, als der hinter den Fortschritten der Zeit zurückgebliebene Verstorbene, — so rühmte sich wenigstens Herr Mfted Goldbanm. An der Straßenfront stand, etwa 10 Meter vom Hause entfernt, eine gebauteSukkoh, jn der Las ganze Jahr über allerlei Geräte untergebracht' waten, die man in der Hoftaite für Haus und Gartzen brauchte. Wie schmuck sah es darin aus, wenn der alte Machoel sie für das Laubhüttenfest hergerichtet, das Zinkdach aufgezogen hatte, . und Wände und Decke mit allerlei Zierraten und buntem Papier geschmückt waren. Das war immer Machoels Stolz gewesen, daß er eine gebaute Sukkoh hatte mtt einem kleinen Ofen darin, sodaß cs auch/ bei kaltem, unfreundlichen Wetter in seiner Sukkoh traut und gemütlich war. Diese Sukkoh, dieser Stolz der Familie, wurde zuerst dem Finanzgenie des Herrn Alfred Goldbanm geopfert, trotz der Bitten und Tränen seiner Frau, die ihn anflehte, das Erbe der Väter heilig zu halten, nicht das zu zerstören, worauf ihr guter, in die Ewigkeit gegangener Vater besonders stolz gewesen. war. „Was brauche ich das ganze Jahr das Häuschen leer stehen zu lassen, um acht Tage eine schöne Sukkoh zu haben?" sagte er. „Mein Schwiegervater war ein braver Mann, aber er hat es' nicht verstanden, seine Besitzung rentabel zu machey. Ich lasse ein festes Dach dgrauf machen, breche die Wand' nach der Straße heraus, bringe eine Tür und eine große Erkerscheibe an, dann ist es ein sehr schöner Laden. Es kostet mich, vielleicht 300 Mark, und soviel nehme ich jedes Jahr an Miete ein. Ich, habe also im ersten Jahre schon die Kosten heraus, und das Hans bringt dann jedes Jahr 300 Mark mehr ein. Man muß nur klug und praktisch sein!" Das schöne Erbstück aus Großvaters und Urgroßvaters Zeiten wurde der - praktischen Klugheit geopfert. Der kluge und praktische Herr Goldbanm hatte schon vor dem- Umbau sich einen Mieter verschafft, der den kleinen Laden auf fünf Jahre für: 300 Mark im Jahre fest gemietet hatte, wie Goldbanm überall hcrumprahlte. Die Leute schüttelten zwar den Kopf über.Goldbaums Spekulation. Sic konnten sich nicht denken, daß in dem kleinen Städtchen, wo man solch hohe Mietpreise nicht.gewohnt war, sich ein Mieter gefunden haben sollte. Aber. Herr Goldbanm ließ sich nicht in die Karten sehen. Mle neugierigen Fragen, >vcr wohl der Mieter sei, lehnte er mit seinem diplomatischen, überlcgcn-klngen Lächeln ab. „Es wird sich schon zeigen," sagte er geheimnisvoll, „wer der Mieter ist." Goldbanm hätte ja an: liebsten mtt dem Namen des Mieters, geprotzt, aber er hatte sich' zum Schweigen verpflichtet. Der Mieter wollte durch die Geheimhaltung Neugierde erregen, das wäre die beste Reklame, hatte er beim Mieten zu Goldbaum gesagt. Er hatte aber möglicherweise noch andere trifttge Gründe. Die Verblüffung gelang vollkommen. Jeder sprach von dem neuen Laden und dem geheimilisdolten Mieter. Bei der Eröffnung zeigte cd sich, daß derMetzgcrbursche Philipp Christmann der Mieter war, der darin eine Verkaufsstelle für Schweinefleisch, Schweincwurst und Schinken eröffnetc. War es nun, daß die Schweincmetzgerei mtt der früheren Bestimmung als Sukkoh nicht recht harmonierte, oder war es, daß Herr Philipp Christmann, der in der Stadt als Habenichts und Tunichtgut berüchtigt war, keine Gunst in den Augen des Publikums .fand, kurz, das Geschäft ging nicht, — und nach drei Monaten, als die erste Miete fällig war, erschien der Mieter loeder zur Bezahlung der Miete, noch machte er überhaupt den Laden auf; er . war einfach mit dem Erlös der letzten Wochen durchgebrannt und hatte weder das Vieh bezahlt, noch gehörte ihm die Einrichtung des Ladens. Mfted Goldbaum lief auf das. Bürgermeisteramt und verlangte, daß sein Mieter steckbrieflich. verfolgt werde. „Dazu ist vorerst gar keine Veranlassung," antwortete der Bürgermeister, „aber wenn Sie die Kosten vorlegen, könne» Sie den Konkurs über Las Christmannschc Vermögen verhängen lassen. Raten kann ich Ihnen allerdings nicht dazu', denn dev. Christmann besitzt gar nichts und hat auch kein Vermögen zu erwarten. Sic hätten sich vorher über Ihren Mieter bei ortskundigen Leuten erkundigen sollen, da Sie hier doch, ganz fremd sind!" „Das sind meine Sachen, Herr Bürgermeister," erwiderte Herr Goldbanm patzig. „Gewiß, Herr Goldbaum, das sind Ihre Sachen, und ich will Ihnen auch nicht' hineinreden. Mer soviel' möchte ich doch sagen: wegen des' Phllipp Christmann hätten Sie Ihre Religion glicht zu verkaufen brauchen." „Wie meinen Sie das?" „Nun, Sie haben doch, um Len Christmann als Mieter zu bekommen, Ihre Laubhütte zerstört, die seit undenklichen Zeiten dem braven alten Machoel und wohl auch seinen Vorfahren schon als Laubhütte gedient hat. Ach, ich, habe als Feiner Junge, weil ich der Sohn des Bürgermeisters war, jedes Jahr den ersten Mend zum Herrn Machoel in die beleuchtete Laubhütte kommen dürfen, und. dann bekam ich immer ein Stück Berches, — das hat mir in. der Laubhütte besser geschmeckt als die Kuchen des ganzen Jahres! .Sie hätten eine Sache,-die solange zu Ihren religiösen Gebräuchen gedient hat, nicht gerade an einen Schweinemetzger vermieten sollen, das war eine Profanation, eine Herabwürdigung, ein Spott." „Das sind meine Sachen!" schrie Goldbaum vol- .ler Wut. „Gewiß, Herr Goldbaum, das sind Ihre Sachen. Aber ich habe den alten Herrn Machoel so geachtet, daß ich; mir erlaubt Labe, Ihnen das zu sagen. Ach, Herr- Goldbaum, wenn Sie nur immer so fleißig Md sparsam Ind, wie der war, und so. ehrlich,